Filmkritik: „The Nightingale – Schrei nach Rache“ (2018)

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THE NIGHTINGALE – SCHREI NACH RACHE

(THE NIGHTINGALE)

Story

 
 
 
Jennifer Kent präsentiert eine verstörende Rachegeschichte im dunkelsten Kapitel der australischen Geschichte

 
 
 


 
 
 

THE NIGHTINGALE – Kritik

 
 
Da ist er also, so fühlt es sich also an, ich hatte es schon fast vergessen. Von den allzu abtrünnigen, widerwärtigen, Gewalt- und Erniedrigungspassagen durchexerzierenden Auswürfen transgressiver bis hin zu ziellos schockender, niederträchtiger Filmkunst habe ich bisher mein ganzes Leben lang wohlweislich Abstand gehalten. Denn so interessant und spannend Pseudosnuff und Torture Porn, Babygematsche im Amateursplatter und unerträglich explizite Demütigung halbnackter Opfer sein kann, so wenig Unterhaltungs- oder Mehrwert hab ich in solchen Filmen meistens gesehen, zumal ich – und das dürfte der eigentliche Grund sein – auch einfach keine Lust habe, völlig abzustumpfen, nicht mehr geschockt werden zu können, bis dahin aber umso traumatisierender verstört zu werden. Abstecher in den extremeren Horrorbereich sind dabei natürlich trotzdem dann und wann im Programm, teils absolut berechnet und erwartet wie bei Brian Paulins Undergroundsplatter „Fetus“, der aber eben so trashig und billig und schlecht gespielt und inszeniert ist, dass man vieles kaum noch ernst nehmen kann, oder auch unerwartet und nachhaltig packend wie bei dem spanischen Weihnachtskurzfilm „Merry Little Christmas“ geschehen, der häusliche Gewalt, Inzest und Traumata mit einer manifestierten Alptraumfigur gemixt hat, um in Rekordzeit das Nervenkostüm des Zuschauers zu zerfetzen. Auch der französische „Inside“ hat mich bei der ersten Sichtung, damals noch als Jugendlicher, böse erwischt und fast katatonisch werden lassen, doch hier waren es dann Unlogik und -realismus, die das Gezeigte im Nachinein rationalisieren konnten. Als jüngste Beispiele meiner drastischeren Seherfahrungen seien Douglas Buck‘ exzellentes Episodendrama „Family Portraits: A Trilogy of America“ sowie Satos legendärer „Splatter: Naked Blood“ genannt, beide zweifelsohne auch mit Verstörungspotential gesegnet, nicht nur selbstzweckhaft und trotzdem drastisch bis zum Anschlag.
 
 
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Doch was all diese Filme teilen, all diese Titel die mir nahe gegangen sind auf einer viszeralen, physisch spürbaren, unangenehmen Ebene mit ihren teils allzu realistischen Szenarien, das ist, dass wir es hier stets noch mit „fairen“ Umständen oder zumindest zahlenmäßig ausgewogenen Konfrontationen zu tun haben, eine einelne Person verletzt eine andere, oder sich jemand selber, oder es ist der Protagonist, der mehreren anderen, gar Unschuldigen, Leid widerfahren lässt. Doch es ist keine Gruppe, keine sadistische Mentalität organisierter Gewalt oder Folter, keine Ohnmacht gegenüber Zuständen, denen man kampflos ausgeliefert ist, weil ein einzelnes Messer oder eine glückliche Sekunde nicht reichen würde, um zu entkommen. Grenzt man die Auswahl effektiv verstörender Filme, die ich gesehen habe, auf diese Weise weiter ein, so gelangt man schnell zu einem sehr kleinen Pool: Den sehenswerten Indiehorror „REEL“ hab ich aufgrund genau der Thematik z.B. überlegt abzubrechen, „Eden Lake“ sitzt auch wie ein Stein im Magen, am Ärgsten hat mich aber tatsächlich der deutsche Film „Das Experiment“ erwischt, der auf allzu realistische und ungeschönte Weise von einer eskalierenden Spirale aus Gewalt, Erniedrigung und Sadismus erzählt.
 
 
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Was man bei keinem dieser Filme, die ich allesamt zu unterschiedlichen Graden empfehle, findet, das ist ein historisches Setting, das seltenst im Film behandelt oder erzählt wurde, und zwar das des „Black Wars“, dem erbarmungslosen Genozid an den australischen Ureinwohnern und das grausame Leben in den Strafkolonien der Briten im 19. Jahrhrundert, denn genau so eine war ganz Tasmanien, „Van Diemen’s Land“, damals noch. Eine Zeit, in der von den Briten gefangen genommene, weiße Männer bereits leiden mussten und unfair behandelt und ausgebeutet wurden, ja, aber erst recht eine, in der von Gleichberechtigung, Frauenrechten oder Black lives matter-Bewegungen noch dekadenlang nichts gehört wurde. Und mit diesem Setting, das auf dem Papier also schon eine absolut toxische und lebensfeindliche Umgebung ist, im Hinterkopf, erzählt Jennifer Kent eine tief mit seinem historischen Setting verwobene Geschichte, die von schreiender Ungerechtigkeit und dem Drang nach Rache, aber auch Humanismus in den schwersten Zeiten der Menschheit und kultureller Identität erzählt.
 
 
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137 Minuten lang eine solche erdrückend hoffnungslose Geschichte erzählt zu bekommen, das könnte wahlweise ermüdend oder einfach nur durchgängig unerträglich sein, doch die atemberaubende Cinematographie, die die makellosen und oscarwürdigen Kostüme der Generäle und Offiziere ebenso bildgewaltig einfängt wie die unbändige Natur Tasmaniens, die kerzenbeleuchteten, kargen Innenräume verarmter Sträflinge oder die gefährlichen Steilpässe und sich durch sie windenen Vollblüter ebenso wie sich einbrennende Nahaufnahmen in Angst erstarrter Gesichter, hat es mir keine Sekunde lang erlaubt, wegzuschauen. Und das darf man auch nicht und das sollte man auch nicht, denn alles was hier ungeschönt gezeigt wird, wurde präzise recherchiert, mit viel Aufwand übersetzt und so gottverdammt intensiv und perfekt gespielt, dass ich aus der Gänsehaut teils nicht mehr heraus kam, den Tränen nahe war. Eine gute halbe Stunde lang ist „The Nightingale“ zwar bereits hochästhetisch und erinnert an Eggers Werke, erzählt sich aber gleichzeitig so unfassbar grausam, unerbitterlich, bösartig und echt, dass einem wirklich schlecht werden kann.
 
 
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Doch genau wie die Cinematographie nun das volle Potential des Settingwechsels nutzt, Waldatem verbreitet und den Morgentau spürlich schmecken können lässt, speist die Narrative des Films auf vorallem emotionaler Ebene von dem schrecklichen Einstieg, den wir zusammen erleben mussten, und mahnt durch pointierte, kurz gehaltene Träume immer wieder die schiere Brutalität an, mit der alles begann. Und das soll keinesfalls heißen, dass der Film das Tempo nach dem Einstieg runter nehmen oder sich entspannen würde, ganz im Gegenteil – „The Nightingale“ bleibt durch das perfekte technische Niveau, die authentische Mehrsprachigkeit, die oscarreifen Performances, allen voran von Aisling Franciosi und Sam Claflin als gebrochen-nuancierte, kalte, zielstrebrige aber im Endeffekt völlig überforderte Protagonistin, bzw. extrem hassenswerten und wiederwärtigen Antagonisten und die ultimative Synchronisierung mit unserer Heldin zu jeder Sekunde sehenswert, spannend, atmosphärisch, ästhetisch und emotional packend wie selten ein Film.
 
 
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Lange Zeit war ich völlig hin und weg davon, wie dieses Meisterwerk die mit besten Einstellungen der letzten Jahre mit einer Welt paart, die nur auf Sadismus und Machtspielen, Befehlen und Erniedrigung, Folter und Vergewaltigung aufgebaut scheint, wie der Konflikt zwischen „Will ich unbedingt nochmal sehen!“ und „Will ich nie wieder sehen!“ sich immer wieder in den Vordergrund drängt und wie ich am laufenden Band an Filme erinnert werden, die ich alle für Meisterwerke halte – doch dann, leider kamen kleine Stolpersteine im Pacing des dritten Akts. Das Ende ist zwar beiweitem nicht beliebig, aber mir war es nicht pointiert oder perfekt genug gewählt, auch hätte „The Nightingale“ mit ziemlich genau 10 Minuten weniger zum Ende hin auskommen können, ohne etwas von seiner Wucht oder Brillianz zu verlieren. Aber das soll diese einmalige Seherfahrung trotzdem kein bisschen abwerten. Wer mitreißende Genrefilme schätzt, Thriller oder Rachefilme, historische Dramen oder feministisches Kino, wer Robert Eggers und A24-Fan ist, wer keine Angst vor erbarmungslosen Filmen hat, wer geschichtliches Interesse hat oder auch nur kulturelles, wer Kostüme designen oder Fotos machen und sich mit Framing auseinandersetzen will, wer filmische Überlebenskämpfe mag oder auch „nur“ elaborierte Rape & Revenge-Filme, dem sei dieser Film explizit ans Herz gelegt. Egal aus welchem Blickwinkel, kalt dürfte „The Nightingale“ niemanden lassen, der das Handy weglegt und sich 2 Stunden auf diese Reise einlässt. Ich habe nach langer Zeit nicht einmal pausiert, nicht einen Schluck getrunken, nicht einen Blick auf die Timeline geworfen und keinen hämischen Kommentar zu irgendwas gehabt – „The Nightingale“ war fast zu jeder Sekunde eine lohnenswerte Seherfahrung, und das erste Mal in einer langen Zeit, dass ich a) fast eine 10/10 vergeben hätte und b) von einem Film so derart verstört wurde, dass ich in dem Moment geschwitzt, mich elendig schlecht gefühlt habe und mein Herzschlag rapide hochgeschellt ist. Wichtiges, nahezu transgressives, fantastisch inszeniertes, makellos gespieltes, unbarmherziges, ehrliches Kino.
 
 


 
 
 

THE NIGHTINGALE – Fazit

 
 
 
9 Punkte Final
 
 
Wahnsinnsfilm. Schauspiel und Drehbuch auf höchstem Niveau, Kameraeinstellungen und Kulissen zum Verlieben, eine unbändige Wildnis mit perfekten Kostümen, ein period piece mit Bildern zum Niederknien, perfekt geframed im 1.37:1-Format. Und das alles dann effektivst kontrastiert mit einer erbarmungslosen, selten so intensiv inszenierten Vergewaltigung, mit konstanten Befehlen und Machtspielen, Erniedrigungen und sadistischem Rassismus, der ungeschönt gezeigt wird. Kein perfekter Film, mit dem dritten Akt und Ende hatte ich ein paar Probleme, aber wenn ich je große Werbephrasen dreschen konnte, dann hier: Eine Meisterwerk, das an „The Revenant“ erinnert, Rassismus und Sklaverei noch ungeschönter und ehrlicher angeht als „Django Unchained“, Trauma und Auswegslosigkeit so intensiv inszeniert wie „I Spit on Your Grave“ und ästhetisch an ein experimentelleres „The Witch“ erinnert. Ganz starke 9/10
 
 


 
 
 

THE NIGHTINGALE – Zensur

 
 
 
Die Veröffentlichung von „The Nightingale“ hat von der FSK in der ungeschnittenen Fassung die Einstufung „keine Jugendfreigabe“ erhalten. Die Freigabe ist berechtigt, denn neben einer Vergewaltigung gibt es auch diverse Morde zu sehen, die es in sich haben.
 
 
 


 
 
 

THE NIGHTINGALE – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: The Nightingale; Australien | Kanada | USA 2018

Genre: Thriller, Abenteuer, Drama

Ton: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Englisch DTS-HD MA 5.1

Untertitel: Deutsch

Bild: 1.37:1 (1080p) | @23,976 Hz

Laufzeit: ca. 136 Min.

FSK: Keine Jugendfreigabe (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: Mediabook | KeepCase mit Wechselcover

Extras: Trailer, Making of, The Nightingale in Context | zusätzlich im Mediabook: Film auf DVD + Booklet

Release-Termin: Mediabook + KeepCase: 25.06.2020

 

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THE NIGHTINGALE – Trailer

 
 


 
 
 

Alexander Brunkhorst

(Rechte für Grafiken liegen bei Koch Films)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
The Revenant – Der Rückkehrer (2015)
 
I Spit on Your Grave (2010)
 
The Witch (2015)
 
Van Diemen’s Land (2009)
 

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