Filmkritik: „Girl Lost: A Hollywood Story“ (2020)

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GIRL LOST: A HOLLYWOOD STORY

Story

 
 
 
Eine junge Ausreißerin und eine Sexarbeiterin gelangen durch falsche Versprechen in die Fänge der dunklen Schattenseiten von Los Angeles.

 
 
 


 
 
 

GIRL LOST – Kritik

 
 
Robin Bain ist eine amerikanische Filmschaffende, die nach Jahren als Schauspielerin in kleineren Rollen und der Fernseharbeit sowie einem Playboyshooting anfang der 2000er auch zu größeren Produktionen gefunden hat, so vertonte sie u.a. mehrere Charaktere für zwei Episoden von adultswims „Robot Chicken“ – und drehte bereits 2016 ihr Langfilmdebüt als Regisseurin, einen Film namens „Girl Lost“. Besagter Film bemühte sich dabei bereits um ein realistisches, schonungsloses Abbild der Zwangsprostitution in den dunklen Abgründen Los Angeles‘ und konnte immerhin durchschnittliche Rezensionen einheimsen, sehr ähnlich sieht es nun, 6 Jahre sowie einen augenscheinlich furchtbaren Dämonen-Horror mit Danny Trejo später, erneut aus. Denn auch „Girl Lost: A Hollywood Story“ handelt von einer jungen Frau die in einer Mischung aus Naivität, Auswegslosigkeit und fehlgeleiteter Leichtgläubigkeit in eine furchtbare Situation gerät, die mit dem angestrebten Glamour-Showbiz so gar nichts zu tun hat.
 
 

„I’m a very bad girl. I have naughty thoughts. I wanna be punished. I fantasize about being gangraped. It totally turns me on.“

 
 
Das pinke, moderne Menü mit rockiger Musik leitet kurz ein, danach gibt es direkt diesen Monolog zu verarbeiten, gesprochen von Hauptdarstellerin Moxie Owens, die gerade für ein Spielfilmdebüt eine überzeugende Darstellung der verunsicherten jungen Frau gibt. Allzu unbekannt ist der Rest des Casts übrigens überraschenderweise nicht, da man hier – neben Erotikdarstellerinnen wie Brooke Haven oder Michelle Maylene – Schauspieler:innen wie Dominique Swain (Face/Off, Lolita, The Black Room, Stiletto), Christina Veronica (Road House, Malignant) oder Jonathan Nation (The Asylum-Produktionen, The Sixth Sense) in Nebenrollen besetzt hat, was szenenweise auch für funktionierende Dialoge oder ordentliches Schauspiel sorgt.
 
 
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Zu einem fetten Trapbeat wird unsere Hauptprotagonistin „Hope“ vorgestellt, die frustriert mit ihrer aggressiven Stiefmutter und ihrem trinkenden Vater lebt, doch Gott sei Dank hat Paige, ihre ehemalige Babysitterin, ihr ein Ticket nach L.A. gebucht. Paige wird dabei von Cody Renee Cameron gespielt, die man z.B. aus „The Neon Demon“ kennen könnte und lässt von Anfang an eine gewisse Kälte und Abgeklärtheit durchschimmern, die Böses erahnen lässt. Hope hingegen rennt in der Hoffnung auf ein besseres Leben durch die Nacht, die Titlecard erscheint. Percussionmusik eines Straßenkünstlers und hübsche Impressionen vom Hollywood Boulevard, dann wird der zweite Handlungsstrang von „Girl Lost“ eingefädelt. Eine junge Mutter wird von ihrem Job als Stripperin gefeuert und gibt ihre Tochter „Angel“ regelmäßig bei ihrer spanischen, älteren Nachbarin Lupe ab, um in der Zeit mit Prostitution Geld zu verdienen – denn die Miete ist überfällig und der Vermieter braucht den vollen Betrag bis morgen.
 
 

„Are you outta your mind? You’re like the hottest, sexiest bitch I know!“

 
 
So ansprechend gefilmt, sozialrealistisch, unbarmherzig und zumindest durchschnittlich gespielt diese ersten 9 Minuten Einstieg in den Film auch waren, sobald Paige und „Destiny“, gespielt von Brooke Haven, für mehrere Dialoge am Stück den Mund aufmachen, leidet der Genuss doch leider deutlich. Line delivery auf dem Level eines Pornos, entenähnliche Betonung und mehr Fokus auf der Zurechtrückung der Brüste, denn auf dem Inhalt der Szene. Die Mutter twerkt derweil zu lauter Trapmusik für ihre Tochter (?), bevor ein Kunde erscheint und sie ihren Nachwuchs im Nebenraum verstecken muss. Unsere andere Protagonistin läuft in der Tat lost durch Hollywood, doch da taucht auch schon Paige auf, die Abwärtsspirale in Gang zu setzen.
 
 

„We wanna keep you as young looking as long as possible!“

 
 
Obwohl das Setting nun das selbe ist wie zuvor in der miesen Dialogszene und obwohl auch jetzt „Destiny“ wieder dabei ist, ist die ganze Dynamik durch die sehr bodenständige, ängstliche Hope nun erträglicher, da nicht nur noch fake. Es wird betrunken Auto gefahren, vor Ort noch mehr getrunken und siehe da, auf einmal wird Hope genötigt probeweise an der Stange zu tanzen, dann direkt ein Fotoshooting zu machen. Klingt als Einstieg in das Glamour-Model Business nicht schlecht, wäre der Fotograf keine Redneck-Karikatur ersten Grades und nicht nur an den Fotos selber interessiert…
 
 

„This town is filled with sick, perverted fucks.“

 
 
Was für die betrunkene Hope folgt, ist gottseidank weder explizit noch erotisch gefilmt, zurückhaltend und doch unangenehm betroffen machend, zudem sich die perfide Psychologie hinter dem Plan der Übeltäter:innen zum ersten Mal entpuppt. Doch als wäre der Film bemüht, seine Qualitäten nach jeder gelungenen Szene möglichst wieder auszugleichen, folgt nun eine rätselhaft hässliche Green-Screen-Szene, da scheinbar nicht wirklich vor dem „Hollywood“-Schild gedreht werden konnte. Wieso man für eine reine Dialogsequenz so offensichtlich getrickste CGI-Effekte bemühen musste weiß ich nicht, hilft aber niemandem. Im Gespräch offenbart sich, dass Hope vom Schicksal noch gebeutelter als bereits angenommen und zudem mit Paige rummacht und in einer trashigen, peinlichen Montagesequenz mit schlimmer, unpassender 2000s-Industrialmusik kriegt der halbwegs positive Ersteindruck dieser Produktion einen ordentlichen Schlag ab.
 
 

„We’re just trying to help, that’s all.“

 
 
Das erste Fotoshooting selber ist dann zwar passabel eingefangen und gespielt, ich habe geglaubt dass Paige dauerhaft trinkt und dass Hope sich langsam aber sicher so ziemlich alles einreden lässt, doch zum ersten Mal musste ich an den besseren Film „Redlands“ denken, ebenfalls ein Drama über das Showbiz, nur eben deutlich ruhiger und statischer. Ein paar lange Einstellungen ohne Kamerabewegung, in denen man nur das Schauspiel und die Situation für sich sprechen lässt, hätten hier Wunder gewirkt. Doch auch an einen schmuckloseren, Welten billigeren, aber eben auch etwas substanzielleren „Neon Demon“ hab ich mich erinnert gefühlt, spätestens wenn ein anderes junges Model auf Hope trifft, und sie in einer hübsch beleuchteten Szene vor den Gefahren warnt, ihr ihre Nummer gibt. Und in der Tat: Um ihre „Schulden“ für das teure, eigentlich unfreiwillige und aufgequatschte Shooting zu bezahlen, soll Hope einen älteren Mann massieren. Erneut eine berunruhigende und Gott sei Dank nicht unpassend abgefilmte Szene, die mehr am emotionalen Effekt interessiert ist, denn an der Tat selber. Die erste halbwegs nackte oder „erotische“ Szene des Films inszeniert sich dann im zweiten Handlungsstrang, doch auch wenn hier alles freiwillig und sichtlich genüsslich geschieht, so sorgen die weiteren Umstände der Situation auch hier für Probleme, Traumata und ungewollte Situationen.
 
 

„Don’t be sucha pedophile!“ – „What can I say baby, it’s human nature, human nature!“

 
 
Bildhübsch eingefangene, hochaufgelöste Einstellungen einer sonnigen Villa samt Pool und junger Schönheit mittendrin suggerieren im ersten Moment einen erstrebenswerten Zustand, doch dass hier eine verlorene, verstörte, langsam taub werdende junge Frau von einem alten Sack zu Sex genötigt wird, das sieht man halt erst auf dem zweiten Blick. Und auch die Wege der jungen Mutter und unserer manipulativen Babysitterin haben sich bereits gekreuzt, auf dass ein weiteres Schicksal ausgenutzt werden kann…
 
 

„You can’t backup now!“

 
 
Ungefähr die Hälfte der 90 Minuten Laufzeit ist erreicht und wie üblich werde ich an dieser Stelle aufhören direkt nachzuerzählen und ebenfalls wie üblich ist das Schlimmste noch nicht überlebt, der eigentliche Tiefpunkt im Schicksal unserer gebeutelten Protagonistinnen noch nicht erreicht. Doch wie ordnet man einen solchen Film jetzt qualitativ ein? Nun, glaubt man den meisten Kritiken, so ist Bains erster „Girl Lost“ der etwas bessere und überzeugendere Film, doch dabei handelt es sich wohl nur um Nuancen. Glaubt man den hochgeklickten Kommentaren unter dem Trailer des Films, so sind diese schmerzhaften, verstörenden Erfahrungen wohl leider Gottes sehr nachvollziehbar, glaubhaft und realistisch rübergebracht für viele Frauen und der Film demnach ein voller Erfolg. Und auf imdb oder Letterboxd ist das Bild zwar differenziert, aber trotzdem hagelt es Verrisse und Hass für diese schlecht gespielte, billige, ausbeutende und nichts Neues aussagende Schandtat von Film, die genau den male gaze bedient, den sie anprangert.
Die Wahrheit liegt, wie so häufig, meiner Meinung nach irgendwo in der Mitte: Hat man ähnlich traumatische Erfahrungen erlebt, so kann der Film diese sicherlich szenenweise gelungen wiedergeben und einen in seinen Bann ziehen, zumindest wenn man einiges an schwachen Performances verzeihen kann. Sucht man einen tiefgründigen Film mit starken Charakteren, Motivationen und Konflikten, so wird man sicherlich enttäuscht werden und auch als „Blender“, also einfach nur großartig aussehender oder klingender Streifen, ist „Girl Lost“ nur sehr selten zu gebrauchen.
 
 
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Doch wenn gelitten wird, dann wird auch richtig gelitten und in der Mischung aus neonfarbenen, nächtlichen Impressionen, auswegslosen Schicksalsschlägen und dauerhaft überhöhnter, falscher Selbstinszenierung lassen sich doch einige treffende Szenen finden. Dass der Soundtrack gefühlt nur laute Trapmusik oder leises Klavier kennt und wenig bis nichts dazwischen ist schade, ein paar Castentscheidungen sind misslungen und die Clubszene ist lächerlich, da der „Club“ wohl nur ein leerer Raum mit 4 Leuten ist, doch bei aller künstlichen Distanz und filmtechnischer Unbedarftheit ist die Intention die Richtige und darf eigentlich nicht ohne weiteres abgestraft werden. Wie eindrucksvoll und verstörend ein Gaspar Noé diesen Film wohl gedreht hätte, ist die Frage, die mir beim Finale von „Girl Lost: A Hollywood Story“ am ehesten gekommen ist. Doch statt farbenfroher Neonalpträume erinnert die Optik hier stellenweise wirklich mehr an 2000er- Eurosport-Erotikvideos. Der fiese Twist weiß dafür zu entschuldigen und stimmt wieder gnädig, dafür ist das Ende merkwürdig gewählt und spontan ziemlich unentschlossen nichtssagend. Es bleibt ein auf und ab bis zur letzten Sekunde.
 
 
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GIRL LOST – Fazit

 
 
 
4 Punkte Final
 
 
Qualitativ schwankender, gleichzeitig emotionaler und unterkühlter, motivierter aber schlecht gespielter, hübsch gefilmter aber billig inszenierter Indiefilm über die Missbrauchsabgründe des Showbusiness. Weder leichte Kost noch ein guter Film, aber in Ansätzen überzeugend.
 
 


 
 
 

GIRL LOST – Zensur

 
 
 
Das Drama „Girl Lost: A Hollywood Story“ ist in Deutschland ungeschnitten und frei ab 18 Jahren zu haben.
 
 
 


 
 
 

GIRL LOST – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) Busch Media Group (Blu-ray im KeepCase)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Girl Lost: A Hollywood Story; USA 2020

Genre: Drama

Ton: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Englisch DTS-HD MA 5.1

Untertitel: Deutsch

Bild: 2.35:1 (1080p) | @23,976 Hz

Laufzeit: ca. 90 Minuten

FSK: Keine Jugendfreigabe (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: Blu-ray im Keepcase

Extras: Trailershow

Release-Termin: KeepCase: 21.01.2022

 

Girl Lost: A Hollywood Story [Blu-ray im KeepCase] ungeschnitten auf AMAZON kaufen

 
 


 
 
 

GIRL LOST – Trailer

 
 


 
 
 

Alexander Brunkhorst

(Rechte für Grafiken liegen bei Busch Media Group)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Redlands (2014)
 
Girl Lost (2016)
 
The Neon Demon (2016)
 
Starry Eyes – Träume erfordern Opfer (2014)
 

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