Filmkritik: „Titane“ (2021)

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TITANE

Story

 
 
 
Zwei tragische Schicksale prallen aufeinander, als die erotische Tänzerin Alexia auf den Feuerwehrkommandanten Vincent trifft und sich beider Narben der Vergangenheit schmerzhaft in die Gegenwart bohren.

 
 
 


 
 
 

TITANE – Kritik

 
 
Als Julia Ducournau vor mittlerweile sechs Jahren ihren zweiten abendfüllenden Spielfilm „Raw“ auf die Zuschauer und Festivals dieser Welt losließ, war zu Recht von einer wichtigen neuen Stimme im europäischen Genrekino die Rede. Radikal, erfrischend, kreativ, persönlich und trotzdem in jeder Einstellung künstlerisch wurden hier (unter anderem) die Ängste einer verunsicherten jungen Frau thematisiert, zwischen Coming-of-Age-Drama mit BodyhorrorMomenten, galligem Humor und philosophischen Fragestellungen.
 
 
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Der heißersehnte Nachfolger heißt nun „Titane“ und wer dachte dass „Raw“ bereits fordernd oder unangenehm war oder eine maximal selbstaufopfernde Hauptperformance lieferte, der wird hier tatsächlich noch eines Besseren belehrt – dafür gab es die goldene Palme in Cannes und viele enttäuschte bis empörte „Was soll das denn bitte?!“-Reaktionen in den Reviewsektionen der bekanntesten Onlineshopping-Vertreter. „Was man nicht verstehen kann, ist ja so abgefahren, das muss Kunst sein.“, schlußfolgert dort einer und auf Youtube hagelt es verzerrte Gesichter weil „WTF?! Sex with a car?!“ – denn ja, in diesem Film gibt es Geschlechtsverkehr zwischen Mensch und Maschine. Aber sehr viel reduktiver oder am Punkt vorbei können diese verstörenden, berührenden 108 Minuten Charakterdrama wirklich nicht zusammengefasst werden.
 
 
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Nach einem Unfall im Kindesalter hat unsere Protagonistin Alexia auf Lebenszeit eine Titanplatte im Schädel, kennen lernen tun wir sie nach vollnackten, realistisch statt voyeuristisch gefilmten Duschszenen dabei, wie sie einen aufdringlichen Fan umbringt. Eine phallusförmige Waffe wird in den Schädel gedrückt, weiße Flüssigkeit schäumt aus dem Mund des ehemals übergriffigen Begrabschers. Zusammen mit weiteren, schnell folgenden Nacktszenen beim Duschen, erotischen Tänzen und bildhübscher, kalter, nächtlicher Industriebilder könnte nun schnell der Eindruck eines weiteren, relativ durchschaubaren feministischen Horrorfilms aufkommen – doch so simpel bleibt es natürlich nicht.
 
 
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Ohne die Story nachzuerzählen oder spoilen zu wollen kann verraten werden, dass Geschlechterrollen und Schicksalsschläge jederzeit präsent und wichtig bleiben, doch die erste halbe Stunde nach den genannten Szenen jegliche Idee von Interpretationen in den Hintergrund rücken lässt, da sie so derart brutal, heftig, gnadenlos und verstörend daher kommt. Die unangenehmen Details und Nahaufnahmen eines „Raw“ konnte ich wahrlich besser verdauen, als diese grafischen und schonungslosen Einlagen schierer menschlicher Zerstörung, mit der der erste Akt dieser Unterkiefer herunterklappen lassender Geschichte beginnt. Jim Williams Score ist episch, aufbrausend, elegant und betörend aber auch dramatisch und so filmisch, wie es sich bei diesen durchgängig makellosen, wenn auch oft grausamen Bildern gehört.
 
 
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Dass Hauptdarstellerin Agathe Rousselle hier erst in ihrer dritten Rolle zu sehen ist, kann man wirklich kaum glauben. Egal wie nackt, dreckig, hässlich, blutverkrustet, hemmungslos heulend oder emotionslos Gräueltaten verübend, egal ob komplett unverständlich und antagonisisert oder menschlich und fast schon nachvollziehbar, in keiner Szene wird je vor irgendwas zurück geschreckt und weder für den Zuschauer noch Rousselle gibt es je Gnade zu erwarten. Das ist auf Spielfilmlänge vielleicht punktuell kräftezehrend, doch wie anstrengend und belastend die wochenlangen Dreharbeiten mit diesen Themen und Szenenanweisungen gewesen sein muss, kann man sich wirklich nicht ausmalen.
 
 
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Ein Stück weit weniger selbstzerstörerisch, dafür aber ebenso physisch präsent und gerade durch psychologische Facetten beeindruckend ist Vincent Lindons komplexe Rolle als Feuerwehrmann, der an seinem Alter, seiner Maskulinität und Vergangenheit zu kämpfen hat und für die einzig witzigen und hoffnungsvollen, mit emotionalsten Momente des Films sorgt. Würde die Jury jegliche Genre- und gerade Horrorfilme nicht so vernachlässigen, hier sollte es für beide Hauptperformances Oscars regnen.
 
 
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„Titane“ als Langext zu beschreiben oder kritisieren, ohne Storydetails zu spoilern oder den Mehrwert der blinden Erstsichtung zu nehmen, ist kein einfaches Unterfangen und selbst Vergleiche zum jüngeren, verspielteren, unfokussierterem „Raw“ werden diesem Biest kaum gerecht. Zu eigen, zu drastisch, zu eindringlich ist diese viszerale, technisch fantastische Tour-de-force, als dass ich weitere Worte über ihre Oberfläche verlieren sollte – angucken, sinnieren, genießen
 
 


 
 
 

TITANE – Fazit

 
 
 
8 Punkte Final
 
 
Kunstvoll sowie emotional aufgeladener, distanzierter und unterkühlter, dann wieder tiefmenschlich und empathischer, einzigartiger Film mit zwei oscarwürdigen Performances, Mut zur Hässlichkeit, druckvollem Soundtrack und mehreren Szenen, die sich einbrennen.
 
 


 
 
 

TITANE – Zensur

 
 
 
Das Drama „Titane“ ist in Deutschland ungeschnitten und frei ab 16 Jahren zu haben.
 
 
 


 
 
 

TITANE – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) Koch Films (Blu-ray im KeepCase)

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(c) Koch Films (Blu-ray + CD im Steelbook)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Titane; Belgien | Frankreich 2021

Genre: Thriller, Drama, Science Fiction

Ton: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Französisch DTS-HD MA 5.1

Untertitel: Deutsch

Bild: 2.40:1 (1080p) | @23,976 Hz

Laufzeit: ca. 108 Minuten

FSK: FSK16 (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: Blu-ray im Keepcase mit Schuber | Steelbook

Extras: Trailershow, Interview mit der Regisseurin & Interview mit Regisseurin und Hauptdarstellern, Trailer | zusätzlich im Steelbook: Soundtrack auf CD

Release-Termin: KeepCase + Steelbook: 03.02.2022

 

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TITANE – Trailer

 
 


 
 
 

Alexander Brunkhorst

(Rechte für Grafiken liegen bei Koch Films)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Raw (2016)
 
Possessor (2020)
 
Der Samurai (2014)
 

Ein Kommentar zu „Filmkritik: „Titane“ (2021)

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