Filmkritik: „True Fiction“ (2019)

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TRUE FICTION

Story

 
 
 

Wenn Experimente außer Kontrolle geraten. Eine Amateur-Schriftstellerin begibt sich in die Hände ihres Idols und lässt sich auf Psychospiele ein, die bald die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischen lassen.

 
 
 


 
 
 

TRUE FICTION – Kritik

 
 
 
Filme aus der Mache von BRADEN CROFT scheinen eine sichere Bank zu sein. Mit HEMORRHAGE drehte der Filmemacher bereits 2012 ein intensives und erschütterndes Psychodrama, das vor allem durch filmischen Tiefgang überzeugen konnte. Offenbar ist Anspruch eines der wichtigsten Attribute, die der Regisseur beim Inszenieren seiner Produktionen beherzigt. Der will sein Publikum fordern und nicht immer die gleichen Geschichten erzählen, die man schon dutzende Male auf der Mattscheibe hatte. Eine Tatsache, die auch gleich im neusten Film des Kanadiers eine Rolle spielt. TRUE FICTION nennt sich der Spaß, der alles andere – nur nicht lustig ist. Croft verbeugt sich hier vor gleich zwei Genre-Beiträgen, die erfahrenen Zuschauern ein Begriff sind. So ließ er sich einerseits von der King-Verfilmung MISERY inspirieren, aber auch das Zwei-Personen-Stück HARD CANDY hatte Einfluss. Beide Filme erzählen von Personen, die aus Besessenheit beinahe schon im Wahn handeln. TRUE FICTION hat ähnlichen Verlauf.
 
 
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Wirklich erfolgreich ist die 20-jährige Hobby-Schriftstellerin Avery Malone (SARA GARCIA) nicht. Ein Grund mehr, warum sie sich für eine Stelle als Assistentin bei ihrem Lieblingsautor Caleb Conrad (JOHN CASSINI) bewirbt, um sich dort ein paar Kniffe abschauen zu können. Der will einen neuen Roman schreiben und benötigt Unterstützung. Zufälligerweise kommt die junge Frau in die engere Auswahl und freut sich wahnsinnig, als die den Job bekommt. Doch der bekannte Schriftsteller hat eine andere Vorstellung vom Assistieren. Der überredet Avery an einem Experiment teilzunehmen, das als Basis für ein neues Buch dienen soll. Was folgt, ist grotesk: Die Probandin wird mit Ängsten konfrontiert, damit Conrad deren emotionale Reaktionen dokumentieren, kontrollieren und verstehen kann. Weil TRUE FICTION immer noch im Horror-Genre beheimatet ist, dürfte klar sein, dass das Psycho-Experiment schnell außer Kontrolle gerät. Avery verliert den Bezug zur Realität und kann bald nicht mehr differenzieren, was tatsächlich passiert oder ihrem vernebelten Verstand entspring. Spätestens jetzt wirds blutig.
 
 
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Das hat man nicht kommen gesehen. TRUE FICTION ist eine waschechte Überraschung. Das Kammerspiel beginnt unscheinbar und ruhig, ändert aber schnell seinen Ton. Regisseur BRADEN CROFT hat mit seinem dritten Spielfilm ein effektives Verwirrspiel auf Zelluloid gebannt, bei dem nichts ist, wie es scheint. Während im ersten Teil der Handlung die erfolglose Avery Malone den perversen Angst-Experimenten ihres Vorbilds ausgeliefert ist, dreht Croft in der Halbzeit den Spieß einfach um. Da werden auf einmal Opfer-Täter-Rollen vertauscht, nur um die Karten kurz vor Ende abermals neu zu mischen. Wer ist denn nun in dieser Handlung der Bösewicht und zu was wird das alles hier führen? Ganz so einfach ist TRUE FICTION nicht zu durchschauen. Immer wenn man meint, genug Antworten gefunden zu haben, kommt ein neuer Twist um die Ecke, der alles über Bord wirft. Das macht diesen Psychotrip zu einem gelungenen Genre-Beitrag, in dem es sogar relativ blutig einhergeht. Da mündet ein spannendes Psychospiel plötzlich in deftige Splatterei und die Protagonisten werden mit reichlich Kunstblut übergossen. Klingt alles verwirrend, macht aber am Ende Sinn. Mehr über den Fortlauf der Handlung zu verraten, wäre dem Publikum unfair zugegen. TRUE FICTION zehrt von der Tatsache, dass Regeln missachtet werden und der Zuschauer verblüfft wird. Das macht den Streifen zu erfrischender Genre-Unterhaltung für verregnete Wochenenden. Deshalb: Unbedingt auf die Horrorfilm-Watchlist setzen!
 
 
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TRUE FICTION – Fazit

 
 
7 Punkte Final
 
 
Eine bitterböse Wundertüte, die alle Beteiligten durch die Hölle gehen lässt. TRUE FICTION zeigt, was passiert, wenn Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischen. Regisseur BRADEN CROFT – der übrigens auch den Horrorfilm FEED THE GODS inszenierte – hat hier eine weitere Version des King-Buches MISERY auf Film gebannt, die aber Indie-Horror alle Ehre macht. Statt vertraute Abläufe abzuhandeln, traut sich der Filmemacher was, das man sich eigentlich nur im Indie-Kino trauen kann. Er verlässt bekannte Pfade und erzählt eine Geschichte, deren Verlauf man so nicht kommen sieht. In diesem Psycho-Horror wird gekonnt mit der Erwartungshaltung des Publikums gespielt. Hinzukommt, dass gleich mehrere Wendungen für Verwirrung sorgen. Nicht zu ahnen, was passieren wird – daraus zieht TRUE FICTION seinen Reiz. Wem es im Genre daher nach Neuerungen dürstet und mal über den Tellerrand schauen will, muss diesen unabhängigen Psycho-Horror sehen. Festival-Geheimtipp!
 
 
 


 
 
 

TRUE FICTION – Zensur

 
 
 
Während sich die erste Filmhälfte eher mit psychologischer Gewalt beschäftigt, geht es in der zweiten Hälfte recht blutig zu. So werden unter anderem Finger abgetrennt und die beiden Protagonisten bieten sich ein Gewalt-Duell der Extraklasse. Hierzulande dürfte der Film wohl erst für Volljährige Filmfans geeignet sein. Zu schneiden wird es aber nichts geben. Eine ungeschnittene Freigabe mit rotem FSK-Flatschen ist denkbar.
 
 
 


 
 
 

TRUE FICTION – Trailer

 
 


 
 
 

Marcel Demuth

(Rechte für Abbildungen stammen von 775 Media Corp)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Audition (1999)
 
Extremity – Geh an deine Grenzen (2018)
 
Misery (1990)
 

Filmkritik: „Feed the Gods“ (2014)

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FEED THE GODS

Story

 
 
 
Zwei Brüder reisen in das idyllische Städtchen Tendale, um dort nach den leiblichen Eltern zu suchen, stoßen dabei jedoch auf ein Geheimnis, das besser hätte im Verborgenen bleiben sollen …

 
 
 


 
 
 

FEED THE GODS – Kritik

 
 
 
Was ist nur mit dem kanadischen Regisseur BRADEN CROFT passiert? Mit seinem sehenswerten und intelligenten Psychotrip HEMMORRHAGE wandelte er 2012 noch auf unkonventionellen Pfaden und erhielt für sein Ausnahme-Debüt viel Lob von Kritikern und Filmfans. Sein Zweitwerk mit dem Titel FEED THE GODS ist da schon aus einem ganz anderen Holz geschnitzt und überrascht mit weitaus kommerzieller Machart – vermutlich, um damit ein größeres Horror-Publikum zu erreichen und auch etwas Geld verdienen zu können. Leider lässt der neue Streifen die durchdachte und tiefgründige Inszenierung seines Vorgängers missen, was FEED THE GODS zu einer zwiespältigen Angelegenheit macht, da sich der Streifen an den aktuellen Horror-Mainstream orientiert und so weit hinter den Erwartungen zurückbleibt, die HEMMORRHAGE zuvor aufgebaut hatte.
 
Durchgestylt und temporeich geht es in FEED THE GODS zu. CROFT eifert HOLLYWOOD nach und hat die Hauptrollen seines neusten Horrorwerks mit makellosen Gesichtern besetzt, die aber immerhin reichlich sympathisch agieren und sogar Humor besitzen. SHAWN ROBERTS (A LITTLE BIT ZOMBIE) und TYLER JOHNSTON (aus der TV-Serie SUPERNATURAL) verkörpern hier zwei Brüder, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber gleiches Schicksal verbindet. Sie wurden von einer Pflegemutter großgezogen und kennen die leiblichen Eltern nicht. Als die Adoptivmutter stirbt und den Brüdern eine Kiste mit mysteriösen Gegenständen hinterlässt, beginnt für Kris und den älteren Will ein riskantes Abenteuer voller Gefahren. Unter den Hinterlassenschaften befindet sich ein altes Videoband, das die leiblichen Eltern zeigt und die Brüder samt Freundin auf die Idee bringt, den Spuren der verschollenen geglaubten Eltern zu folgen. Die führen in das kleine Städtchen Tendale, wo man über die Ankunft der Geschwister wenig erfreut ist. Glaubt man den Erzählungen der Einheimischen ranken Legenden über den Ort, die von einem Bigfoot-ähnlichen Wesen berichten, das in den Wäldern sein Unwesen treibt und von den Bewohnern gefüttert wird, damit es besänftigt werden kann. Schauergeschichten, die sich bald in bittere Realität verwandeln, denn in diesem Städtchen haben die Menschen einen Pakt mit dem Bösen geschlossen.
 
Rituale, Opfergaben, Götter und Pakte – Regisseur BRADEN CROFT hat so seine Probleme alles unter einem Hut zu bekommen, denn vor lauter Hektik vergisst er dem Zuschauer schlüssige Antworten zu liefern. Die Einwohner von Tendale verfüttern Neuankömmlinge an ein mysteriöses Waldwesen, um den Ort als Gegenleistung verlassen zu können. Warum sie jedoch die Morde ausgerechnet auf Videoband festhalten müssen und niemand dem Verschwinden dutzender Touristen nachgehen möchte, bleibt eines der vielen Mysterien, die FEED THE GODS nicht beantworten möchte. Ob der Regisseur hier etwas weniger Liebe zum Detail hat walten lassen oder schlichtweg Stoff für eine mögliche Fortsetzung benötigte wird wohl nie geklärt werden können. Fakt ist, dass viele Gegebenheit in diesem Monster-Horror schlichtweg keinen Sinn ergeben und den Zuschauer nach dem Abspann mit einem unbefriedigenden Gefühl vor der Glotze zurücklassen. FEED THE GODS wirkt unfertig und löchrig und das obwohl CROFT eigentlich fast alles richtig macht. Er kümmert sich um seine Helden, räumt ihnen eine ansprechende Charakterisierung ein und sorgt sich um Atmosphäre und Gruselfeeling – zumindest bis die unheimlichen Geschehnisse des Films entschlüsselt werden. Danach überschlagen sich die Ereignisse und zwischen Bigfoot-Trubel und Opfer-Riten scheint der Regisseur des Öfteren den roten Faden seiner selbst geschriebenen Geschichte aus den Augen zu verlieren, weil er im konfusen Monster-Treiben offensichtlich selbst gemerkt hat, dass vor Drehbeginn vielleicht doch noch mal jemand über das Drehbuch hätte lesen sollen.
 
Letztendlich ist FEED THE GODS trotzdem immer noch ein schwer unterhaltsamer Horrorfilm, dessen sympathische Hauptdarsteller mit reichlich Charme und Wortwitz manch Fehler in der Geschichte vergessen lassen. In diesem Film ist nicht das Monster der Star (das im Übrigen nur kurz vor Ende zu sehen ist), sondern seine Helden, die länger im Gedächtnis bleiben, als die haarsträubende Geschichte. Immerhin schafft CROFT das Kunststück, das unterversorgte Bigfoot-Genre endlich mal um einen halbwegs spannenden Beitrag zu bereichern. Er sieht vom Einsatz nervendem Found-Footage-Gewackel ab mit dem Waldmensch-Grusler wie EXISTS und WILLOW CREEK im Jahr 2014 um die Gunst der Zuschauerschar gebuhlt haben. Trotz Logiklücken hat er ganz nebenbei trotzdem einen der besseren Bigfoot-Horrorfilme neueren Datums inszeniert, der knapp 90 Minuten kurzweiligen Mystery-Horror verspricht, insofern man nach dem grandiosen Erstling HEMMORRHAGE die Erwartung herabschraubt. Da kann man nur hoffen, dass sich der kanadische Regisseur bei seiner nächsten Regie-Arbeit wieder dem unkonventionellen widmet oder im Falle kommerziellen Geschichten sorgfältiger am Drehbuch feilt. Denn dann dürfte uns mitunter ein neuer Geheimtipp ins Haus stehen – genügend Ideeninput bringt CROFT auf jeden Fall mit.
 
 
 


 
 
 

FEED THE GODS – Fazit

 
 
 
6 Punkte Final
 
 
 
Ein schwer unterhaltsamer Bigfoot-Grusler, der den Zuschauer lang im Dunkeln tappen lässt und erst im letzten Akt verrät, worauf das Schauerabenteuer letztendlich hinauslaufen möchte. FEED THE GODS ist rätselhafter Bigfoot-Horror mit sympathischen Helden und reichlich Mystery, aber auch ziemlich vielen Logiklöchern, die mehr Fragen aufwerfen, als Antworten zu liefern. Trotz allem ist FEED THE GODS technisch souverän inszeniert und so straff durchgeplant, dass dem Zuschauer kaum Zeit bleibt, sich während der Sichtung Gedanken über Plotungereimtheiten zu machen. Die Suche nach Antworten beginnt erst weit nach Abspann, wenn sich der Herzschlag nach 90 Minuten Dauerhektik normalisiert hat und sich der Filmfan fragt, ob die vielen Mysterien der Handlung vielleicht bewusst nicht aufgelöst wurden, um eine mögliche Fortsetzung rechtfertigen zu können. Man wird sehen was die Zukunft bringen wird.
 
 
 


 
 
 

FEED THE GODS – Zensur

 
 
 
FEED THE GODS ist nicht sonderlich brutal. Es gibt ein paar Einschüsse zu sehen – das wars. Deshalb darf man davon ausgehen, dass der Streifen hierzulande unbeschadet die FSK passieren wird – mit einer Freigabe ab 16 Jahren versteht sich.
 
 
 


 
 
 

FEED THE GODS – Trailer

 
 


 
 

Marcel Demuth (Hellraiser80)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Willow Creek (2013)
 
Exists (2014)
 
Night of the Bigfoot (1980)
 
Bigfoot – Die Legende lebt! (2012)
 
Abominable (2006)
 

Filmreview: „Hemorrhage“ (2012)

hemorrhage 2012
 
 
 

HEMORRHAGE

Story

 
 
 
Oliver leidet an einer Form von Schizophrenie und Halluzinationen. Seit sechs Jahren befindet er sich in einer psychiatrischen Anstalt. Als er entlassen wird, um wieder in die Gesellschaft eingegliedert zu werden, hat das für ihn und sein Umfeld bittere Auswirkungen …
 
 
 


 
 
 

HEMORRHAGE – Kritik

 
 
 
Wenn man sich im Horrorgenre umschaut, könnte man meinen, dass man in dieser Welt rein gar nicht mehr sicher sein kann. Vor allem, wenn es um geisteskranke Psychopathen geht, findet die Kreativität eifriger Drehbuchschreiber keine Grenzen mehr. Mordgeile Psychos sieht man nahezu in jedem zweiten Horrorfilm, wo sie sich nicht selten mit viel Enthusiasmus und allerhand Baumarkt- und Haushaltsutensilien durch die Körper ihrer Opfer arbeiten. Den Ambitionen der Täter wird jedoch nur in wenigen Fällen Beachtung geschenkt, schließlich will sich der Horrorfan an möglichst blutigen Morden erfreuen und sich nicht durch akribische Psychogramme kaltblütiger Killer quälen. Wer jedoch Genre-Schocker einzig der Freude an niveaufreier Metzelunterhaltung wegen in den DVD-Player wirft, dürfte mit dem heute besprochenen HEMORRHAGE nichts anzufangen wissen. Dieser Indie-Trip ist nämlich genau eines jener Filmchen, das sich mit der Psyche seines kranken Hauptdarstellers beschäftigt. An HEMORRHAGE ist mal wieder offensichtlich, dass unabhängige Regisseure oft die besseren Streifen drehen, da sie sich an keine Konventionen profitorientierter Filmgiganten orientieren müssen. Ihnen steht meist ein großer Experimentierspielraum zu Verfügung, so dass der Filmfreund aus dem Indie-Sektor das serviert bekommt, was sich große Filmstudios einfach nicht zu drehen trauen. Aus dem weit entfernten Kanada kommt das nun folgende Stück Film, das von BRADEN CROFT inszeniert wurde und bei dem es sich weniger um knüppelharten Horror handelt. Wie es bei Indie-Produktionen der Fall ist, musste sich der Regisseur als Multitalent profilieren. Neben Kamera, Drehbuch und Regie hat er in seinem Debüt auch gleich noch eine Rolle übernommen und als Produzent fungiert, schließlich herrscht bei kleinen Produktionen meist Ebbe in der Kasse. Dem Psychodrama hat das marginale Budget keineswegs geschadet, schafft Neuling CROFT mit wenig Geld sogar das Kunststück, das nur wenigen Nachwuchsregisseuren und eher Alteingesessenen gelingt: einen guten Film zu drehen.
 
In seinem Debütstreifen geht es um den einzelgängerischen Harvard-Medizinstudenten Oliver Lorenz (ALEX D. MACKIE). Der leidet an Schizophrenie und Halluzinationen, hat sechs Jahre zuvor die Mutter in den Tod getrieben und fristet seither sein Dasein in einer psychiatrischen Klinik. Seine Ärztin (DIANE WALLACE) ist nach Jahren der Therapie davon überzeugt, dass Oliver durchaus im richtigen Leben zurechtkommen könnte, insofern er immer fein brav seine Medikamente schluckt. Sie bewirkt eine überwachte Entlassung, so dass der vermeintlich rehabilitierte Mann erneut in die Gesellschaft eingegliedert werden kann. Oliver wird Arbeit in einer Fabrik zugewiesen. Wirklich gut fühlt er sich dort jedoch nicht, denn bald beginnen ihm wieder Halluzinationen den Spaß am neuen Leben zu verderben. So wird der verwirrte junge Mann von seiner Ärztin zwangsversetzt und findet eine Anstellung als Hausmeister in einem Krankenhaus. Für den Sohn eines verstorbenen Arztes eine gute Möglichkeit, doch irgendwie eine Heilung für seine Erkrankung finden zu können, doch es kommt wie immer alles anders. Bereits am ersten Arbeitstag begegnet er der attraktiven Krankenschwester Claire (BRITTNEY GRABILL) und entwickelt Sympathien für die zurückhaltende Schönheit. Therapeutin Dr. Peck ist über die Bekanntschaft gar nicht erfreut und erklärt ihrem Patienten vehement, dass er für eine derartige Beziehung noch nicht bereit sei. Doch Oliver lässt sich nicht entmutigen. Er beschließt, seinen eigenen Weg zu gehen, entführt die nichts ahnende Claire und versucht die Aufzeichnungen seines Vaters zu finden, in denen er hofft eine Methode zur Heilung seiner Krankheit zu finden.
 
Bevor jedoch der Protagonist vom rechten Weg abweichen wird, werden die Geschehnisse erstmal im Pseudo-Dokustil beleuchtet. Es werden grausige Operationenszenen aus längst vergangenen Zeiten gezeigt und ein Arzt kommt in kurzen Interview-Fetzen zu Wort. Danach wird auch schon der Filmheld vorgestellt und die Ereignisse nehmen ihren Verlauf. Interessanterweise wird Patient Oliver nicht zum unberechenbaren Irren deklariert. HEMORRHAGE ist einer dieser Filme, die sich nicht vordergründig mit den Taten des Mörders beschäftigen und sie an den Pranger stellen wollen. Stattdessen steht die unheilbare Erkrankung und die mentale Verfassung Olivers im Mittelpunkt. Diesem fehlt in der riesenhaften und anonymen Welt ausreichend Halt und er muss sich ohne Beistand selbst in der Gesellschaft zurechtfinden. Unterstützung erhält der psychisch Kranke nur von seiner Ärztin, die mit ihm telefonisch in Verbindung steht. Doch auch der gelingt es nicht den psychischen Verfall ihres Patienten aufzuhalten. Vollkommen allein und provoziert von der “bösen” neuen Welt, wird die Krankheit immer präsenter und nimmt den Leidtragenden erneut in Beschlag. Trotz Pillen und Medikamente ist Oliver bald nicht mehr Herr seiner Sinne und kann kaum noch zwischen Fiktion und Realität unterscheiden. Packen ihn Angst oder Wut, wandeln vor seinen Augen die mit Blut besudelten Körper seiner Opfer umher.
 
Regisseur BRADEN CROFT schafft es immer wieder den Zuschauer zu verwirren. Der weiß nämlich irgendwann selbst nicht mehr so wirklich, welche Taten die tragische Filmfigur nun wirklich begangen hat und was sich da fiktiv im Hirn Olivers zusammenbraut. Lobenswerterweise muss man sagen, dass für HEMORRHAGE zwei wirklich sehr gute Hauptdarsteller gefunden wurden. ALEX D. MACKIE scheint die Rolle des fragilen und verletzlichen Oliver wie auf dem Leib geschneidert und auch BRITTNEY GRABILL brilliert in der Opferrolle der gefügigen Claire. Gesprochen wird nur wenn nötig; die beiden Protagonisten interagieren und leiden stattdessen meist wortkarg mit- und füreinander. Filmemacher CROFT war es wichtig, dass seinem Antihelden eine gewisse Menschlichkeit zueigen wird. Das gelingt dem Regiedebütanten wirklich selbstsicher. Trotz aller Taten, tritt Oliver nie als bestialischer Killer in Erscheinung. Vielmehr mag man als Zuschauer partout nicht das Gefühl loswerden wollen, als möchte man die ohnehin schon geschundene Seele in die Arme nehmen wollen. Das mag auch Krankenschwester Claire gedacht haben, die zwar von Oliver entführt wird, aber im Verlauf der Geschichte eine befremdliche Zuneigung zu ihrem Entführer entwickelt.
 
Gute Filme braucht das Genre und das ist BRADEN CROFT mit seinem Erstwerk HEMORRHAGE auf jeden Fall gelungen. Das schicksalsreiche Psycho-Drama ist Filmkunst, deren Unbehagen sich langsam ihren Weg bahnt und den Zuschauer in den letzten Filmminuten dort packt, wo’s am meisten weh tut. HEMORRHAGE ist ein Film, der sich viel Zeit für seinen Protagonisten nimmt und diese sowie auch den Zuschauer durch einen heftigen Albtraum jagt. Wenn sich am Ende Oliver seinen Geistern stellt und die Konsequenz daraus bitter vor den Kopf stößt wird schnell klar, dass CROFT alles richtig gemacht hat. Ein ambitionierter Indie-Geheimtipp wie er im Buche steht, auch wenn er sich nicht zwangläufig ins Horrorgenre einordnen lässt.
 
 
 


 
 
 

HEMORRHAGE – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
 
HEMORRHAGE ist ein unglaublich intensiver und ebenso erschütternder Psychotrip, der die Rolle des kranken Killers aus einer ganz anderen Perspektive betrachtet. Lobenswert authentisch gespielt, sollten Horrorfreunde mit Vorliebe für filmischen Tiefgang diesem außergewöhnlichen Psycho-Drama eine Chance geben. Wer hier blutige Dutzendware erwartet, wird enttäuscht werden.
 
 
 


 
 
 

HEMORRHAGE – Zensur

 
 
 
HEMORRHAGE ist kein blutrünstiger Horrorfilm. Hier hält der Filmfan ein eher verstörendes Psychodrama in Händen, bei dem am Ende auch etwas Blut fließen darf. Eine ungeschnittene FSK16 ist wahrscheinlich.
 
 
 
 


 
 
 

HEMORRHAGE – Trailer

 
 
 


 
 

Hellraiser80

 
 
 
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