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Filmkritik: „Wait Till Helen Comes“ (2016)

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WAIT TILL HELEN COMES

(LITTLE GIRL’S SECRET)

Story

 
 
 
Im neuen Heim geht es nicht mit rechten Dingen zu. Der Grund dafür ist nicht überraschend oder exorbitant einfallsreich: Im Garten vor dem Haus lassen Gräber die Ursache vermuten.
 
 
 


 
 
 

WAIT TILL HELEN COMES – Kritik

 
 
 
Auch ruhelose Geister brauchen Gesellschaft. So allein und verlassen im Jenseits kann es ganz schön langweilig werden. Das wird dem Publikum einmal mehr im Gruseldrama WAIT TILL HELEN COMES verdeutlicht, in welchem Geister durch Spuk versuchen sich die Ewigkeit unterhaltsamer zu gestalten. Auch der Zuschauer wird am eigenen Leib zu spüren bekommen, wie lang doch 80 Minuten sein können. Dieser Film macht dem Begriff Zeiträuber alle Ehre. Demzufolge wäre es besser Strickzeug, Bastelbedarf oder ein gutes Buch parat zu legen, denn WAIT TILL HELEN COMES kann eines wirklich gut: mit aufgewärmten Gruselgeschichten kostbare Zeit stibitzen. Da ist es beinahe nebensächlich, dass es sich hier mal wieder um eine nicht sonderlich gelungene Literaturumsetzung handelt, auf die die Welt nicht unbedingt gewartet hat. Hatten wir da nicht einige bereits in der Vergangenheit auf dem Schirm? So ungefähr, unendlich oft?
 
 
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Die Stiefgeschwister Molly und Heather (übrigens auch im echten Leben Geschwister: SOPHIE und ISABELLE NÉLISSE) verschlägt es, natürlich zusammen mit den Eltern und dem kleinen Bruder, in ein neues Heim fernab von Großstadt und Hektik. Die kleine Heather hat vor einiger Zeit die leibliche Mutter unter tragischen Umständen verloren, weshalb sie nun in der Ersatzfamilie die schrecklichen Ereignisse vergessen soll. Doch der Umzug und die neuen Familienmitglieder interessieren das kleine Mädchen nicht. Heather wirkt nach außen hin unnahbar und hat sich in ihre eigene Welt zurückgezogen. Ein großes Problem für die ohnehin überforderte Molly, die als große Schwester mit dem seltsamen Verhalten der Adoptivschwester so gar nicht warm werden möchte. Als man im Garten vor dem Haus die Grabplatte eines kleinen Mädchens findet, beginnt für die Familie eine Zeit des Grauens. So scheint die kleine Heather plötzlich Gefallen daran zu finden mit einer imaginären Freundin zu plaudern. Hobby-Geisterjäger ahnen wohl schon, was da so Schröööckliches dahinterstecken wird. Der Geist jenes Mädchens, dessen Grab vor dem neuen Zuhause gefunden wurde, treibt hier sein Unwesen. Offenbar scheint der mit dem mysteriösen Verschwinden von unzähligen Kindern in Verbindung zu stehen und hat mit ihrer Menschenfreundin eigene Pläne. Auch die große Schwester Molly wittert paranormalen Geisterspuk. Doof nur, dass ihr keiner Glauben möchte. Was folgt ist akribische Detektivarbeit und viele Stunden in den Archiven der Stadt. Ob die rebellische Molly hinter das Geheimnis des Kindergeistes kommen wird?
 
 
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WAIT TILL HELEN COMES oder LITTLE GIRL’S SECRET – so wie der Film zur Premiere auf dem amerikanischen TV-Sender LIFETIME noch hieß – basiert auf einem Roman der amerikanischen Jugendbuch-Schriftstellerin MARY DOWNING HAHN. Die ist hier in einer kleinen Gastrolle zu sehen, weil sie seit Kindertagen davon träumt, endlich mal selbst in einem Spielfilm mitwirken zu können. Die Produzenten hatten Erbarmen und erfüllten der Autorin und früheren Schul-Bibliothekarin den Herzenswunsch. So ist die Schriftstellerin – wenn leider nur in einer kurzen Szene – ebenfalls als Bibliothekarin im Film zu sehen. Doch das ist nicht der einzige Insider. Weitaus interessanter ist da schon die Tatsache, dass anfangs Scream-Queen JENNIFER LOVE HEWITT (die Heldin aus ICH WEISS WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST und der Fortsetzung des Slasher-Films) für den Regieposten angedacht war. Die sollte mit der Filmadaption zum Roman WAIT TILL HELEN COMES ihr Regiedebüt feiern, überlies die Arbeit dann doch DOMINIC JAMES, weil das Projekt nicht vorankam. Immerhin konnte Letzterer bereits Erfahrungen im Horror-Genre sammeln. Mit DIE! – EIN SPIEL AUF LEBEN UND TOD inszeniert er einen SAW-ähnlichen Horror-Thriller, der aber wegen der schleppenden Inszenierung und des mageren Blutgehalts bei Horrorfilm-Fans nicht sonderlich gut ankam. Mit ganz ähnlichen Mankos hat auch WAIT TILL HELEN COMES zu kämpfen. Der besitzt zwar mit Schauspielerin MARIA BELLO (aus DEMONIC oder COYOTE UGLY) eine Hollywood-erfahrene Darstellerin; hat aber sonst nichts zu bieten, als 08/15-Gruselstimmung.
 
 
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Mal wieder quasselt ein Mädchen mit unsichtbaren Freunden, die später als Geister entlarvt werden und das Kind bezirzen, auf dass Unheil angerichtet werden möge. Das hat man alles schon viele Male gesehen und enttäuscht deshalb, weil Regisseur DOMINIC JAMES fast gänzlich von Schocks mit Herzschlag-Momenten absieht. Stattdessen wird der Zuschauer mit seichtem Grusel gelangweilt, der sich trotz Geisterzutat eher Themen wie kindlicher Einsamkeit oder dem Zusammenhalt unter Geschwistern widmet. Demzufolge ist WAIT TILL HELEN COMES mehr Mystery-Drama mit Gruselbonus, statt waschechter Geisterspuk. Dennoch; trotz guter Absichten ist auch dieser Indie-Horror nichts, was man unbedingt gesehen haben muss. Gänsehaut kommt nur selten auf und die überraschungsarme Geschichte hat unter einem zähen Erzählfluss zu leiden. Was passieren wird, dürfte bereits nach wenigen Minuten ersichtlich sein. Weil WAIT TILL HELEN COMES den Mut scheut mal abseits der bekannten Geisterwege zu wandeln, wird dieser Film wohl bei den meisten Zuschauern ein frühes Ende finden. Schade um die guten Kinderdarsteller, die zugegeben wirklich optimal besetzt wurden.
 
 


 
 
 

WAIT TILL HELEN COMES – Fazit

 
 
 
5 Punkte Final
 
 
 
Behäbig inszeniertes Mystery-Puzzle ohne Überraschungen, das nur jenen Zuschauern zu empfehlen ist, die auch jeden Geisterfilm auf ihrer Liste sehen müssen. WAIT TILL HELEN COMES oder LITTLE GIRL’S SECRET (so wie er in Amerika auch vermarktet wird) ist eine dieser Romanverfilmungen, die man nicht zwangsläufig hätte auf Zelluloid verewigen müssen. Geboten wird seichte Gruselei, der es streckenweise an Spannung mangelt. Das ist pures Gift vor allem für solche Filme, in denen es gilt, Mysterien zu entschlüsseln. Das ist auch in WAIT TILL HELEN COMES der Fall, wo mal wieder Geister spuken und der Grund dafür herausgefunden werden muss. Dank glaubhaft agierender Kinderdarsteller ist das Gebotene zumindest halbwegs ertragbar. Weil der Film aber – bis auf wenige Ausnahmen im Finale – kaum Effekthascherei zu bieten hat und die dünne Geschichte äußerst schleichend erzählt wird, dürften sich schnell Müdigkeitserscheinungen bemerkbar machen. WAIT TILL HELEN COMES ist kein nennenswerter Gruselbeitrag. Da hat man schon bedeutend bessere Schauerfilme auf der Mattscheibe gehabt.
 
 


 
 
 

WAIT TILL HELEN COMES – Zensur

 
 
 
Gewalt gibt es im Film gar nicht zu sehen. Ebenso wie knallharte Schocks. Das einzige was für Gänsehaut sorgt sind ein schemenhafte Umrisses eines Geistes, Schreie von brennenden Menschen und zwei vermoderte Skelette. Eigentlich könnte man WAIT TILL HELEN COMES (AT: LITTLE GIRL’S SECRET) ab 12 Jahre freigeben. Vermutlich wird’s aber eine FSK16.
 
 
 


 
 
 

WAIT TILL HELEN COMES – Trailer

 
 

 
 

Marcel Demuth

(Rechte für Abbildungen, Szenenbilder liegen bei Courtesy of TriCoast Entertainment)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Jessabelle (2014)
 
Ouija: Ursprung des Bösen (2016)
 
The Devil’s Backbone (2001)
 
The Darkness (2016)
 
Sensoria (2015)
 
Das Waisenhaus (2007)


Filmkritik: „Sie sind verdammt“ (1963)

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SIE SIND VERDAMMT

(THE DAMNED | THESE ARE THE DAMNED)

Story

 
 
 
Simon, ein amerikanischer Tourist, tatsächlich hat er nach einer Scheidung seine bürgerliche Existenz in den Staaten quasi aufgelöst, lässt sich in London nieder, wo er das attraktiv-freche Straßenmädchen Joan kennenlernt. Wie bestellt lockt ihn das Mädel in einen schlechteren Teil der Stadt. Hier lauert eine Bande grober Rockabilly-Rabauken, „Teddy Boys/Teds“, wie man in damals in England gesagt hat. Simon bekommt die Fresse voll und wird ausgeraubt. Chef der Bande ist der brutale King (der brutale Oliver Reed), passenderweise Bruder von Joan. Der in einem nicht näher bezeichneten Armeejob tätige Bernard und seine Freundin, die Abstrakt-Künstlerin Freya, kümmern sich um den blessierten Touristen. Um King zu provozieren, besucht Joan Simon auf seinem Mietboot und bricht mit ihm auf eine quasi-romantische Reise ins Ungewisse auf. Die Teds machen sich auf die Jagd, King als furcht einflößender Häuptling des Rocker-Stamms ist angegriffen. Hier beginnt der zweite und insgesamt wichtigere Handlungsstrang von „Sie sind verdammt“ seine Entfaltung. Sie legen an Land an und verstecken sich im Atelier Freyas, auf das sie zufällig stoßen. In der Nacht stürzen die beiden, weiterhin auf der Flucht vor King, von einer Klippe. Ihre Retter sind merkwürdige Kinder, die in einer weitläufigen futuristischen Militäreinrichtung leben und die beiden Verletzten mitnehmen. Bernards kameraüberwachte und streng geheime Militäranlage. Es stellt sich heraus, dass die Kinder, emotionslos, kühl und wenig lebendig, fast wie künstliche Menschen wirkend, eine ausgeklügelte, genetisch modifizierte Züchtung der Regierung sind. In ihnen liegt die Hoffnung, nach dem Dritten Weltkrieg den Homo sapiens am Leben zu erhalten. In der täglichen Kommunikation mit einem per Monitor zugeschalteten Wissenschaftler der Armee werden sie gedrillt auf „den Tag, an dem ihr alles verstehen werdet“.
 
 
 


 
 
 

SIE SIND VERDAMMT – Kritik

 
 
 
Für filmische Reaktionen auf die Tagespolitik, die sogenannte Realität also, war Hammer Films nicht unbedingt bekannt. Ist schon was anderes als heimelig-schaurige Vampir-Filme. Dementsprechend obskur auch „Sie sind verdammt“. Für die Story über die irre Bedrohung des Kalten Krieges holte man sich dann auch den fast genrefremden Joseph Losey auf den Regiestuhl. Eine Konstellation, die man sich so nicht ausdenken könnte. Joseph Losey (1909-1984), ein in Europa und den USA gleich-heimischer Regisseur (in Wisconsin geboren) dreht einen finsteren Science-Fiction-Schocker für Hammer Films! Zugegebenermaßen hatte man schon bei harmloseren Weltraumfilmen der Studio-Frühzeit zusammengearbeitet. Joseph Losey war einer der wenigen Filmemacher seiner Generation, deren Status als Auteur und Favorit der Kritik noch zu Lebzeiten anerkannt war. Schon früh unterhielt sich Losey offen mit der Presse über seine Filmideen und Einflüsse aus der Kinogeschichte. 1977 war er sogar an einem in Deutschland erschienenen Büchlein über sein Werk beteiligt. Sein bekanntester Film ist die äußerst giftige Charakterstudie „Der Diener“ (1963), in dem der immer traurig dreinschauende Schauspieler Dirk Bogarde als Butler die traditionell festgelegten Beziehungen zwischen Personal und Geldadel pervertiert. Sehr gut, genau wie sein 1951 veröffentlichtes Remake von Fritz Langs Weimarer Klassiker „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“. In „Sie sind verdammt“ verwebt Losey die Science-Fiction der viele Jahrzehnte reale Angst vorm alles zerkrümelnden Atomschlag gekonnt mit den rüden, irgendwo aber noch im britischen Realismus fußenden Jugendbanden-Aggressionen der ersten Filmhälfte. Erinnert ein wenig an Lindsay Andersons bekannteren „If…“ (1968) und dessen überbordende Gewaltfantasien unter Internatsschülern in England. Kings fiese Teddys spiegeln anschaulich auf der kleinsten Ebene wider, aufgrund welcher negativer Charaktereigenschaften die Menschheit überhaupt darüber nachdenken muss, sich um ein Leben nach der Bombe zu kümmern. D.H. Lawrence´ in Deutschland recht unbekannter Endzeit-Roman „The Children Of Light“ galt als dem Film Vorlage. Sein bedrückender Ton, etwa, wenn die Kinder ihre Betreuer in den Strahlenschutzanzügen als „Schwarzen Tod“ bezeichnen, macht auch „Sie sind verdammt“ aus.
 
 
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SIE SIND VERDAMMT – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
 
Nicht nur, weil der Film zur magischen Kategorie „nach dem Titel hat sich eine Punkband benannt“ gehört, ist „Sie sind verdammt“ ein wunderbares Scheibchen Plastik. Obwohl „The Damned“ schon was Größeres waren. Ein ungewöhnlicher und entdeckenswerter Film, bei dem man nicht darauf käme, es mit einer Produktion aus dem Hause Hammer zu tun zu haben. Ein faszinierender Mix aus britischer Tristesse und Science-Fiction, die zwischen verrückt und nachvollziehbar oszilliert.
 
 


 
 
 

SIE SIND VERDAMMT – Zensur

 
 
 
Die deutsche Fassung auf DVD ist genauso ungeschnitten, wie die bisher im TV ausgestrahlten Fassungen des Films. Auf dem Cover der DVD-Erstveröffentlichung ist ein blauer FSK-Flatschen ausgedruckt. Der ist auch berechtigt, denn nach deftigen Gewaltmomenten sucht man vergebens – es handelt sich schließlich um einen Film von 1963.
 
 
 


 
 
 

SIE SIND VERDAMMT – Deutsche DVD

 
 
 
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(c) Explosive Media | Sony (DVD KeepCase)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: The Damned | These are the Damned; USA 1963

Genre: Horror, Science Fiction

Ton:Deutsch (Dolby Digital 2.0 Mono), Englisch (Dolby Digital 2.0 Mono)

Untertitel: Keine

Bild: 2.2.35:1 anamorph 16:9, PAL

Laufzeit: ca. 91 Min.

FSK: FSK16 (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: KeepCase mit Wendecover

Extras: Bildergalerie seltener Artworks, Original Kinotrailer, Trailershow

Release-Termin: 28.08.2015

 

Sie sind verdammt (DVD Erstveröfentlichung) ungeschnitten auf AMAZON bestellen

 
 


 
 
 

SIE SIND VERDAMMT – Trailer

 
 

 
 

Christian Ladewig

(Rechte für Packshot, Abbildungen und Szenenbilder liegen bei EXPLOSIVE MEDIA | SONY)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Das Dorf der Verdammten (1960)
 
Das Dorf der Verdammten (1995)
 


Filmkritik: „The Monster“ (2016)

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THE MONSTER

(THERE ARE MONSTERS)

Story

 
 
 
Ein zerrüttetes Mutter-Tochter-Verhältnis erlebt eine Wendung, als man nach einem Autounfall im Wald auf ein Monster stößt und jetzt mit vereinten Kräften ums Überleben kämpfen muss.

 
 
 


 
 
 

THE MONSTER – Kritik

 
 
 
Es ist mal wieder Zeit für einen guten Monsterfilm – so richtig mit Tiefgang und düsterer Stimmung, wollen wir sagen. Das alles und noch mehr wird nun endlich wieder in Form eines Indie-Horrorfilms in die Wohnzimmer gebracht, der den unaufhaltsamen Legionen der Monster-Heuler bekannter Trash-Verbrechern selbstbewusst den Mittelfinger zeigt. Das ist auch bitter nötig, haben vor allem Täter-Studios wie THE ASYLUM oder SYFY das Genre des Monsterfilms zu oft durch den Kakao gezogen, dass diese Art von Streifen – vor allem aufgrund der schlechten Effekte – komplett des Schreckens beraubt wurde. Da ist es für das blutende Horrorfan-Herz eine regelrechte Wohltat, wenn dann solche Filme gedreht werden, wie THE MONSTER (sollte anfangs eigentlich THERE ARE MONSTERS heißen). Dieser Kreaturen-Streifen quält nämlich mit all dem nicht, was die Werke der oben genannten Müllschmieden auszeichnen. Statt schlechter Effekte, mieser Darsteller und (unfreiwilliger) Komik werden endlich mal wieder Ernsthaftigkeit, Atmosphäre und gute Schauspieler geboten. Aufgrund der vielen schlechten Filme der letzten Zeit klingt das doch durchaus vielversprechend, oder?
 
 
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Und Monster gibt es doch! Das zumindest müssen Mutter und Tochter am eigenen Leib erfahren. Die beiden haben sich leider mit der Zeit vollkommen voneinander entfremdet. Mutter Kathy (ZOE KAZAN) säuft wie ein Loch und lebt perspektivlos in den Tag hinein, während die kleine Lizzy (beeindruckend: ELLA BALLENTINE) tatenlos zusehen muss, wie sich das nächste Familienmitglied selbst zerstört. Als sich nach einem Streit die Fronten verhärten, will das Mädchen nur noch eins: beim getrennt von der Mutter lebenden Vater aufwachsen. Doch die Reise ins neue Leben schlägt eine ebenso sonderbare wie grauenhafte Wendung ein. Auf der Fahrt zum Vater überkreuzt ein Wolf die Landstraße und verwickelt Mutter und Tochter in einen Autounfall. Zwar sitzt der erste Schock tief, aber Hilfe ist schnell gerufen. Leider hat das Schicksal aber andere Pläne mit der kleinen Familie. Während Kathy und Lizzy im defekten Auto geduldig auf Polizei und Krankenwagen warten, zieht im Wald eine bösartige Kreatur ihre Kreise. Ob noch rechtzeitig Rettung eintreffen wird?
 
 
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Was für ein verheißungsvoller Titel zu einem doch eher kleinen Film, der mit weniger als drei Millionen US-Dollar Budget produziert wurde. Hinter THE MONSTER steckt BRYAN BERTINO. Der hat dem Zuschauer mit THE STRANGERS und PLAY – TÖDLICHES SPIEL schon zweimal Albträume beschert und wandelt auch im dritten Streifen auf Horror-Pfaden. Wer jetzt aber meint, dass hier 08/15-Monsterfutter vorgesetzt wird, dürfte sich schnell eines besseren belehrt fühlen. THE MONSTER ist nämlich keines dieser stumpfsinnigen Machwerke, in denen dumme Figuren von schlecht animierten Computerkreaturen gejagt und verspeist werden. Ganz im Gegenteil. Der Filmemacher legt in der selbst geschriebenen Geschichte Wert auf Drama und Hirn. So zeichnet sich THE MONSTER – wie bereits auch schon das Debütwerk THE STRANGERS – nicht nur durch einen fesselnden Spannungsbogen aus, der Zuschauern wie Protagonisten einiges abverlangt. Letztere durchleben im Verlauf der Handlung eine entscheidende Entwicklung und finden inmitten von Angst und Terror wieder zueinander. Überhaupt ist hier das gefräßige Monster nur Beiwerk. THE MONSTER ist eher Familiendrama mit Horror-Elementen in dem das zerrissene Verhältnis einer Mutter und ihrer Tochter in den Mittelpunkt gerückt wird. Warum sich die Figuren voneinander entfernt haben, wird in Rückblenden geschildert. Dazwischen wird mit allen Mitteln gegen ein Wesen gekämpft, das sich erbarmungslos gegen alles und jeden wendet, der zur Rettung eilt.
 
 
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Ist das Wesen hier wirklich so echt, wie auf der Mattscheibe gezeigt? THE MONSTER lässt mehrere Interpretationsmöglichkeiten zu. So funktioniert der Film als lupenreines Monsterkino ebenso, wie als beunruhigender Blick in die Seele eines desorientierten Kindes, das sich auf eine verstörende Suche nach Liebe, Zugehörigkeit und Geborgenheit begibt. Das Monster ist da freilich nur Metapher für das seelische Ungleichgewicht eines verletzten Mädchens, das jeden Hoffnungsstrang verschlingt, an den sich die kleine Hauptdarstellerin klammert. Sieht man THE MONSTER mit diesen Augen, dürften schnell Erinnerungen zu Filmen wie THE BABADOOK oder THE NOONDAY WITCH wach werden. Auch hier wurden Monster als Metapher geschaffen, um das seelische und psychische Ungleichgewicht der Filmhelden zum Ausdruck zu bringen. Allein schon der Vergleich zu genannten Psychodramen wegen, sollten Zuschauer mit Vorliebe für intelligentes und Horror-Kino einen Blick wagen. THE MONSTER reiht sich in die Gruppe mutiger und mehrdeutiger Gruselstreifen ein, die sich siegessicher gegen den austauschbaren Horror-Markt behaupten wollen und können. Klein aber oho!
 
 
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THE MONSTER – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
 
Hervorragend gespieltes Horror-Drama, das tiefgründiger ist, als es auf den ersten Blick scheint. Wer einen hektischen Horrorfilm mit deftigen Schocks erwartet, wird enttäuscht werden. THE MONSTER ist ein ruhig erzählter Gruselfilm mit psychologischem Einschlag, der mehr als nur eine Interpretation zulässt. Nach dem eher bescheidenen Found-Footage-Streifen PLAY – TÖDLICHES SPIEL, findet Regisseur BRYAN BERTINO zu eigentlicher Größe zurück. Mit THE MONSTER hat er einen sehenswerten, intelligent inszenierten Beitrag mit Substanz inszeniert, bei dem weit mehr dahintersteckt, als nur das Abhaken von Monster- und Horrorklischees. Was ruhig und subtil beginnt, wird ab der Halbzeit immer ungemütlicher und gipfelt in einem kompromisslosen Finale, dass vor allem für die kleine Hauptdarstellerin Qual, Erlösung und Neuanfang zugleich ist. Aufgrund der guten Darstellerleistung, dem cleverem Spannungsbogen und der permanent bedrohlichen Stimmung gibt es von uns eine Empfehlung. Wer Fast-Food-Horror mit blutigem Gemansche sucht, ist hier an der falschen Adresse. Auch wenn die beiden Hauptdarsteller – wie auch im Erstlingswerk des Regisseurs: THE STRANGERS – isoliert gegen das ultimativ Böse kämpfen müssen, bleiben ausufernde Gewaltexzesse aus. Dafür wird übrigens viel handgemachtes Kreaturen-Zeugs geboten. Das Ding im Film wurde nicht mittels Computer zum Leben erweckt, sondern besteht aus Elektronik und Kunststoff. Schon allein das macht THE MONSTER sympathisch über den BRYAN BERTINO übrigens folgendes schrieb: „Geschichten über die Angst vor dem Unbekannten sind mir die liebsten. Horror lässt die üblichen Verwicklungen des Lebens außer Acht und zwingt uns dazu, etwas Tieferes in uns selbst zu entdecken. Was ist uns wirklich wichtig im Leben? Angst zeigt es auf,“ (Quelle des Zitats: blairwitch.de).
 
 
 


 
 
 

THE MONSTER – Zensur

 
 
 
THE MONSTER bietet nicht das, was man sich bei einem Film mit diesem Titel vorstellt. Der Film beschert Gänsehaut vornehmlich auf subtilem Wege. Es gibt einen toten Wolf zu sehen, einen abgeschlagenen Arm und einige Attacken der Kreatur auf Menschen. Aufgrund der dunklen Kulisse und den schnellen Schnitten, erkennt man aber kaum, was die Kreatur da in den Wäldern mit seinen Opfern genau macht. Eine FSK16 ist demnach absolut realistisch.
 
 
 


 
 
 

THE MONSTER – Trailer

 
 

 
 
 

Marcel Demuth

(Rechte für Abbildungen in dieser Kritik liegen bei A24)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
The Babadook (2014)
 
Cujo (1983)
 
Burning Bright – Tödliche Gefahr (2010)
 
The Noonday Witch (2016)
 
The Descent – Abgrund des Grauens (2005)
 
Feed the Gods (2014)
 
Under the Bed – Es lauert im Dunkeln (2012)
 
Hypothermia – The Coldest Prey (2010)
 


Filmkritik: „Jack Goes Home“ (2016)

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JACK GOES HOME

Story

 
 
 
Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters begibt sich Jack auf eine Reise zurück in die Vergangenheit und entdeckt furchtbare Dinge, die ihm seine Eltern nicht ohne Grunde über Jahre verschwiegen hatten.

 
 
 


 
 
 

JACK GOES HOME – Kritik

 
 
 
Jede Familie hat ein Geheimnis, von dem besser niemand erfahren sollte. Im Horrorfilm ist eine solche Tatsache mittlerweile keine Seltenheit mehr – hier schlummert das Grauen oft hinter Türen braver Bürger, die dann alles andere als friedliebend sind. Kein Horrorfilm im herkömmlichen Sinne, aber nicht minder unangenehm ist der unabhängig gedrehte Psychothriller JACK GOES HOME. Der beweist einmal mehr, dass Indie-Filme oft die besseren Filme sind, weil sich deren Macher nicht zwingend an Konventionen halten müssen. Hinter dem Streifen steckt Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur THOMAS DEKKER. Der erklärte in Interviews, dass ihm die Inspiration zum Film kam, nachdem der eigene Vater nach elf Jahren mit Alzheimer verstarb. Kurz vor dessen Tod nahm sich der Filmemacher ein Jahr Auszeit und kehrte nach Hause zurück, wo er bei der Pflege des Vaters behilflich war. Während dieser Zeit wurde er mit Erlebnissen aus seiner Kindheit konfrontiert, die ihn erschütterten und nachdenklich stimmten. Aus diesen Erfahrungen resultierte die Idee zum Psychothriller JACK GOES HOME, dessen Drehbuch Dekker nach eigener Aussage in gerade einmal drei Wochen fertigstellen konnte. Beachtlich!
 
 
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Eigentlich hat Jack (RORY CULKIN) alles im Leben erreicht, was man sich nur wünschen kann. Die Freundin erwartet ein Kind und auch im Job läuft alles nach Plan. Doch ein Schicksalsschlag soll das bis dato geregelte Leben aus den Bahnen werfen. Bei einem Unfall verunglückt der Vater tödlich, was Jack dazu bewegt, in die Heimatstadt zurückzukehren, um der Mutter (LYN SHAYE, bekannt aus Horrorfilmen wie ABATTOIR, BIG ASS SPIDER und INSIDIOUS 3) beizustehen. Doch die Ankunft verläuft nicht wie erhofft. Weder Mutter noch Sohn befinden sich im Trauerprozess. Irgendetwas scheint die Emotionen zu blockieren, was eine Reihe von mysteriösen Ereignissen entfacht. So findet der Sohnemann auf dem Dachboden einen alten Kassettenrecorder, in dem Tonbandaufzeichnungen schlummern, die offenbar für ihn bestimmt sind. Darauf versucht der verstorbene Vater dem verwirrten Teenager etwas mitzuteilen, das seit Jahren gut behütet hinter verschlossenen Türen bewahrt wurde. Aber auch die Mutter verhält sich plötzlich eigenartig. Die zerkleinert nachts rohes Fleisch in der Küche und verhält sich reichlich distanziert zum eigenen Kind. Was hat das alles zu bedeuten? Die Antwort darauf entfacht einen Strudel furchteinflössender Ereignisse.
 
 
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Mit JACK GOES HOME zeigt Filmemacher THOMAS DEKKER eindrucksvoll, dass er mehr kann, als nur smart in die Kamera zu lächeln. Der trat bisher in erster Linie als Schauspieler in Erscheinung und war in Genrefilmen wie dem A NIGHTMARE ON ELM STREET-Remake, LAID TO REST 2 oder ENTER THE DANGEROUS MIND zu sehen. Mit JACK GOES HOME beweist er nach dem Drama WHORE zum zweiten Mal sein Regietalent und wagt sich diesmal an psychologischen Horror, der sich mit verletzten Seelen und kranken Köpfen auseinandersetzt. Hierbei gelingt es dem Newcomer geradezu genial, das psychologische Chaos und die emotionale Verwüstung eines jungen Mannes in unschöne Bilder zu verpacken, nachdem der mit seiner verdrängten Vergangenheit konfrontiert wird. Das wird am Ende selbst den Zuschauer fordern, der sich aufgrund des plötzlichen Richtungswandels reichlich unwohl fühlen dürfte. Die Aufdeckung der Familientragödie geht einher mit dem psychologischen Abstieg des Filmhelden. Lange im Unterbewusstsein manifestierte Erlebnisse kommen plötzlich wieder zutage und treiben die Hauptfigur ins psychische Desaster. Jack kann allmählich nicht mehr unterscheiden, was wirklich passiert oder nur Macht der Gedanken ist. Die Folge ist schleichender Wahnsinn, der nicht nur ihm an die Substanz geht.
 
 
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JACK GOES HOME ist Kopf-Horror, der erstaunlich gut funktioniert. Regisseur THOMAS DEKKER schafft Verwirrung zu stiften. JACK GOES HOME ist einer dieser Indie-Filme, die sich nicht so einfach durchschauen lassen. Der Film pendelt scheinbar unentschlossen zwischen Drama, Mystery- und Psychothriller und baut dabei eine äußerst beklemmende Atmosphäre auf. Doch die Unentschlossenheit ist gewollt, denn der Mix der Genres wird dazu benötigt, um das konfuse Seelenheil von Filmheld Jack zu unterstreichen. Was ist hier des Pudels Kern und was hat es mit den mysteriösen Geschehnissen auf sich, die sich seit der Heimkehr des emotional unterkühlten Sohnes ereignen? Die Antwort gibt’s häppchenweise. So lassen verstörende Puzzleteile schnell erahnen, dass hier weit mehr im Argen liegt, als anfänglich vermutet. Das hält den Spannungspegel konstant oben und fesselt. Ein flaues Gefühl in Magengegend gibt’s obendrein dazu. Neben der beachtlichen Regiearbeit und dem überraschend unkonventionellen Drehbuch von THOMAS DEKKER sollten an dieser Stelle auch die Leistungen von Hauptdarsteller RORY CULKIN (übrigens einer der kleinen Brüder von Ex-Kinderstar MACAULAY CULKIN) nicht unerwähnt bleiben. Gäbe es im Horrorfilm auch so etwas wie einen Oscar für herausragende Schauspielleistungen, wäre ihm der Preis dafür sicherlich gewiss. Der liefert – so nebenbei – die bis dato beste Schauspielarbeit in seiner Vita ab und entpuppt sich als bemerkenswert talentierter Charakterdarsteller mit Mut zu Extremen. Demzufolge sollte man sich diesen kleinen Indie-Psychotrip nicht entgehen lassen, an dem übrigens UWE BOLL mitgewirkt haben soll. Schenkt man den Informationen im Abspann Glauben, soll er hier als Produzent beteiligt gewesen sein. Das hätte man Herrn Boll gar nicht zugetraut, ist doch JACK GOES HOME so ganz anders als das, was der kontroverse Filmemacher selbst so auf die Beine gestellt hat.
 
 
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JACK GOES HOME – Fazit

 
 
 
8 Punkte Final
 
 
 
Wenn aus einer erschütternden Familientragödie blanker Horror wird. JACK GOES HOME ist ein verstörender Filmalbtraum, der noch lange nachwirkt. Diese unabhängig verwirklichte Produktion ist Kopf-Horror wie er im Buche steht und den man so nicht alle Tage zu sehen bekommt. Der Indie-Streifen vermischt Thriller, Mystery- und Horror-Elemente virtuos und schockt mit einem überraschenden Twist, der ein ungutes Gefühl in der Magengegend hinterlässt. THOMAS DEKKER hat hier ein verstörendes und gleichzeitig kontroverses Psychodrama über die Suche nach der eigenen Identität geschaffen, das Dank herausragender Schauspielleistungen niemanden kalt lässt. Für Zuschauer, die eine Vorliebe für unkonventionelle Nischenfilme mit Tiefgang besitzen, ist dieses Kunststück des Indie-Genre-Kinos absolutes Pflichtprogramm.
 
 
 


 
 
 

JACK GOES HOME – Zensur

 
 
 
Blut oder gar Gewalt gibt es in JACK GOES HOME kaum zu sehen. Der Filmheld schneidet sich in einer Vision selbst die Kehle durch. Zudem wird ein Hund im Off ermordet. Hierzulande gibt es für dieses psychologische Genre-Drama wohl eher eine FSK16.
 
 
 


 
 
 

JACK GOES HOME – Trailer

 
 

 
 
 

Marcel Demuth

(Rechte für Grafiken und Poster aus dieser Review liegen bei Yale Productions)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Enter the Dangerous Mind (2013)
 
Hemorrhage (2012)
 
Simon Killer (2012)
 
Alexandre Aja´s Maniac (2012)
 
Magic Magic (2013)
 
The House on Pine Street (2015)
 
A beautiful Mind (2001)
 
Fight Club (1999)
 


Filmkritik: „The Noonday Witch“ (2016)

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THE NOONDAY WITCH

(POLEDNICE)

Story

 
 
 

Eine junge Mutter wagt mit der kleinen Tochter in der ländlichen Idylle Tschechiens einen Neuanfang. Doch schaurige Legenden machen das neue Leben zu Hölle.

 
 
 


 
 
 

THE NOONDAY WITCH – Kritik

 
 
 
Horror ist eine Sprache, die man überall auf der Welt versteht. Ob Europa, Asien, Südamerika oder Australien – auf jedem Kontinent unserer Erde beherrscht man die Gabe des Angstmachens und Zuschauer wagen sich freiwillig in Kinos, damit dort Nerven gekitzelt werden können. Auch wenn die meisten Horrorfilme immer noch in den USA verbrochen werden, entstehen dennoch viele Überraschungen fernab der Traumwelt. So erblicken immer mal wieder Horrorstreifen das Licht der Kinowelt aus Ländern, von denen man derart Filmware überhaupt nicht erwarten würde. Für Horrorfilme unbekannt, aber nicht unbegabt mischt nun auch Tschechien mit auf dem internationalen Gruselmarkt. Mit THE NOONDAY WITCH (im Original: POLEDNICE) wurde dort überzeugendes Filmhandwerk produziert, das schon auf einigen Festivals gezeigt wurde und viel Zustimmung erhielt. Da kann man nur hoffen, dass im Publikum keine amerikanischen Filmproduzenten saßen. Anderenfalls dürfte ein Remake nicht lang auf sich warten lassen. Ein solches Vergehen hätte THE NOONDAY WITCH nun wirklich nicht verdient.
 
 
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Das Gruseldrama THE NOONDAY WITCH basiert auf einem Gedicht des tschechischen Dichters KAREL JAROMIR ERBEN. Der veröffentlichte die Ballade von der POLEDNICE (übersetzt: Mittagshexe) bereits 1853 in seiner Balladensammlung KYTICE und lies sich hierfür von der slawischen Sagenwelt inspirieren. Darin taucht immer wieder die Figur der Mittagshexe auf, die vor allem an heißen Sommertagen erscheint, um den Menschen den Verstand zu rauben oder deren Kinder zu stehlen, die sie hinterlistig durch Wechselbälger vertauscht. Historiker vermuten, dass die Legenden deshalb entstanden, weil während der Erntezeit viele Knechte und Mägde auch in der Mittagshitze aufs Feld geschickt wurden und dort einen Hitzeschaden erlitten. Bis heute halten sich die Erzählungen über die Mittagshexe vor allem im ländlichen Tschechien hartnäckig – wohl ach deshalb, weil Kunst und Kultur immer mal wieder Sagen des Landes aufgreifen, um sie künstlerisch zu verarbeiten. So geschehen durch den Komponisten ANTONÍN DVORÁK. Der nahm sich 1894 im Orchesterwerk POLEDNICE die Thematik von der Mittagshexe erneut vor. Dabei entstand eine sinfonische Dichtung, die bis heute – zu Recht – zu einem der wichtigen Nationalgüter Tschechiens gehört.
 
 
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Wer jetzt aber glaubt, dass das Genre-Drama des jungen, tschechischen Regisseurs JIRI SADEK geifernde Kreaturen durch Kornfelder metzeln lässt, wird enttäuscht. THE NOONDAY WITCH nutzt die die Sage von der Mittagshexe nur als reißerischen Aufzieher, um den Zuschauer auf falsche Fährten zu locken. Im Film wird eine junge Mutter mit seltsamen Vorkommnissen konfrontiert, die darauf schließen lassen, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Ein tragisches Schicksal vereint Mutter Eliska (ANNA GEISLEROVÁ) und die kleine Tochter Anetka (KAROLINA LIPOWSKÁ). Ein Umzug aufs Land steht bevor, der nicht ohne Grund erfolgt. Der Vater ist gestorben und ein Neuanfang steht bevor. Doch davon ahnt die aufgeweckte Anetka nichts. Die erkundigt sich beinahe täglich bei der Mutter, wenn denn der Vater nachkommt. Leider weicht die Mutter bei jeder Frage aus und suggeriert dem Mädchen Hoffnung, das auf eine baldige Rückkehr des Familienoberhauptes hofft. Doch die ländliche Einöde entpuppt sich schnell als trügerisches Idyll. Die Neuhinzugezogenen werden zwar von den Einheimischen mit offenen Armen empfangen; zur Ruhe kommt die kleine Familie jedoch nicht. Der Grund: Eine verwirrte alte Frau verbreitet im Dorf Angst. Die hat vor vielen Jahren unter tragischen Umständen den Sohn verloren und ist fest davon überzeugt, dass die sogenannte Mittagshexe für die Ereignisse verantwortlich ist. Was bei Mutter Eliska anfangs Sorgen bereitet, wird bald zur Paranoia. Will hier wirklich eine bösartige Kreatur der Tochter was Böses?
 
 
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Wenn der Verlust eine geliebten Menschen aus der Bahn wirft und das Leben verändert. Viel mit Horror hat THE NOONDAY WITCH nicht am Hut. Hinter dem plakativen Titel verbirgt sich bei genauerer Betrachtung das Psychogramm einer überforderten Alleinerziehenden, die zwar ihr Kind schützen möchte, aber genau das Gegenteil bewirkt. Macher JIRI SADEK hat hier Psycho-Horror unter der schwülen Mittagssonne Tschechiens inszeniert, der Themen wie Verlust und Verlustangst fokussiert. Dabei fungiert die titelgebende THE NOONDAY WITCH nur als Metapher, um das seelische Ungleichgewicht einer orientierungslosen Frau zu unterstreichen, die allmählich den Bezug zur Realität verliert. Damit tritt JIRI SADEK in die Fußstapfen, des australischen THE BABADOOK, der im Grunde genommen von der Machart nicht unähnlich ist. Auch hier sieht sich eine alleinerziehende Frau missverstanden und verliert im Alltagswahnsinn ihren Verstand. Was folgt wird für Mutter als auch den Zuschauer zur psychischen Tortur. International gab’s für diesen intelligenten Angstmacher viel Lob.
 
 
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Gleiches bekommt THE NOONDAY WITCH auch von uns, denn der tschechische Regisseur JIRI SADEK macht seine Sache ganz gut. Hinter strahlendem Sonnenschein und goldenen Kornfelder bahnt sich Psycho-Horror schleichend seinen Weg durch den Film, um am Ende ganz unvorbereitet zuzuschlagen. Das gelingt ohne Computereffekte, effekthascherische Bilder und theatralische Musik, denn Sadek vertraut allein auf gute Schauspieler und authentische Inszenierung. Letztere scheint die Quintessenz dieses gut durchdachten Psychostücks zu sein, denn von Stereotypen ist diesmal weit und breit keine Spur. Stattdessen gibt’s Psychograuen hinterm Hoftor mit glaubhaft agierenden Protagonisten vor authentischer Kulisse. Allein deshalb wirkt THE NOONDAY WITCH schon irgendwie besorgniserregend, weil sich ein solches Drama mit Sicherheit auch genau so auch auf deutschen Dörfern zutragen könnte. Sieben blutige Filmklappen haben sich unsere Nachbarn darum redlich verdient. Wir hätten gern mehr von solchen kleinen unscheinbaren Geschichten im Abo!
 
 


 
 
 

THE NOONDAY WITCH – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
 
Die tschechische Antwort auf THE BABADOOK. Bemerkenswert authentisches Verwirr- und Psychospiel vor der sommerlichen Dorfidylle Tschechiens. Horror ist vermutlich der falsche Ausdruck für THE NOONDAY WITCH, der im Original eigentlich POLEDNICE heißt. Regisseur JIRI SADEK vermischt hier den psychischen Abstieg einer alleinerziehenden Mutter mit tschechischer Folklore und hat ein kleines aber feines Psychodrama inszeniert, das sich vor internationaler Konkurrenz nicht verstecken braucht. Nein, strahlender Sonnenschein und goldene Kornfelder sind nicht gerade Erfolgsgaranten für unbequeme Genrefilme. Dennoch gelingt dem tschechischen Regisseur genau dieses Kunststück in eben dieser Kulisse maximales Unbehagen entstehen zu lassen. Zu verdanken hat er das den hervorragend ausgewählten Schauspielern und einigen falsch gelegten Fährten. THE NOONDAY WITCH befindet sich weit weg von Glanz und Gloria. Das ist aber auch gut so, denn gerade deswegen wirkt der Streifen authentisch und realitätsnah. Ziemlich bemerkenswert, was da bei den Nachbarn entstanden ist. Wer demnach Anspruch im Genre sucht, sollte sich diesen Streifen unbedingt vormerken. Der ist im Übrigen nichts für jene ist, denen es im Kino hektisch, schnell und blutig zugehen muss. All das ist THE NOONDAY WITCH nämlich nicht.
 
 
 


 
 
 

THE NOONDAY WITCH – Zensur

 
 
 
THE NOONDAY WITCH bzw. POLEDNICE hat weder Gewalt noch bildliches Grauen zu bieten. Der Horror ist subtiler Natur und entsteht im Kopf des Zuschauers. Demnach könnte der Film sogar eine FSK12 erhalten. Wer sich von der niedrigen Freigabe abgeschreckt fühlt, dürfte aber ein gutes Psychodrama verpassen.
 
 
 


 
 
 

THE NOONDAY WITCH – Trailer

 
 

 
 
 

Marcel Demuth

(Rechte für Grafiken liegen bei Julie Vrabelová / Barletta Production)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
The Babadook (2014)

Darling (2015)

Dark Circles (2013)

Rosemaries Baby (1968)

The House on Pine Street (2015)

Demon Baby (2014)

Shining (1980)


Kritik: „The Shallows – Gefahr aus der Tiefe“ (2016)

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THE SHALLOWS – GEFAHR AUS DER TIEFE

Story

 
 
 

Eine Badeurlauberin besucht den Ort ihrer Kindheit, um ein wenig zu surfen. Doch im Wasser lauert eine unberechenbare Gefahr, die keine natürlichen Feinde kennt.

 
 
 


 
 
 

THE SHALLOWS – Kritik

 
 
 
GOSSIP GIRL auf Abwegen. Einmal mehr konfrontiert Hollywood schöne Menschen mit den Launen der Natur. Diesmal ist es Schauspielerin BLAKE LIVELY, die im Film THE SHALLOWS – GEFAHR AUS DER TIEFE feststellen muss, dass so ein chilliger Surftrip ins Paradies auch unerfreulich ausgehen kann. Die Traumfabrik versucht’s mal wieder mit dem Aufwärmen gängiger Horrorfilm-Rezepturen und widmet sich erneut unberechenbaren Giganten aus den Ozeanen, die seit Spielbergs DER WEISSE HAI ausreichend Kinogänger ins Multiplex locken, damit kräftig abgesahnt werden kann. Immerhin hat die immer gleiche Formel von gefräßigen Haifischen stets gut funktioniert und die Ticketverkäufe angekurbelt. Ob SHARK NIGHT 3D, DEEP BLUE SEA oder BAIT 3D – zumindest finanziell haben sich die auf Zelluloid gebannten Überlebenskämpfe immer ausgezahlt, so dass zweifelsohne behauptet werden kann: Aggressive Haifische im Kino gehen eigentlich immer. Auch mit THE SHALLOWS wird sich das nicht ändern, denn der Horrorthriller scheut das Unkonventionelle und macht es stattdessen nach bekanntem Muster. Regisseur JAUME COLLET-SERRY (HOUSE OF WAX und ORPHAN – DAS WAISENKIND) geht auf Nummer sicher und orientiert sich beim Bescheren von Nervenkitzel an den üblichen Verdächtigen. Insbesondere der Found-Footage-Thriller OPEN WATER und dessen Fortsetzung dürften Pate gestanden haben, denn schaut man genauer hin, sind Parallelen zu genannten Überlebens-Schockern nicht von der Hand zu weisen.
 
 
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Eine beunruhigende Situation wird für 80 ungemütliche Filmminuten missbraucht, um das Herz des Zuschauers schneller schlagen zu lassen. Ein gutes Nervengerüst ist folglich auch die Voraussetzung, will man THE SHALLOWS unbeschadet überstehen. Wenn der Hai die Witterung aufgenommen hat, wird’s brenzlig. Eine solche Erfahrung macht auch die Hobbysurferin und Medizinstudentin Nancy Adams (BLAKE LIVELY), die zu einem malerischen Strand reist, um dort mit dem Surfbrett auf den Wellen zu reiten. Die ersten Anläufe gelingen auf Anhieb, doch kaum draußen im Meer wird es gefährlich. Ein weißer Hai ist besonders aggressiv und wittert die Fährte. Er beißt der Surferin ins Bein und reist sie in die Tiefe hinab. Doch Nancy ist zäh. Sie kann entkommen und rettet sich auf einen Felsen, der aus dem Meer herausragt. Weil’s sich bei dem idyllischen Flecken Erde um einen Geheimtipp handelt, ist aber auch keine Menschenseele zu sehen, die helfen könnte. So verharrt die verängstigte Frau wenige Meter entfernt von der Küste im Wasser und nimmt den Kampf gegen ein Tier auf, das über eine ungewöhnlich hohe Intelligenz verfügt.
 
 
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Willkommen zu einer weiteren kleinen Dokumentation über hungrige Bewohner der Meere, die dafür sorgen dürfte, dass Meeresbiologen fassungslos die Hände über den Kopf zusammenschlagen werden. Drehbuchautor ANTHONY JASWINKSI (KRISTY – LAUF UM DEIN LEBEN) war nämlich um besonders authentischen Realismus bemüht, stattet aber seine Filmbestie mit taktisch besonders hinterlistigen Eigenschaften aus, damit möglichst viele Menschen zerfleischt werden. Das ist natürlich vollkommener Blödsinn, vor allem wenn man im Hinterkopf hat, dass Haifische um Menschen mehr oder weniger einen großen Bogen machen. Offensichtlich war das den Filmemachern wohl wenig reißerisch genug, weshalb in der Klischeekiste gekramt werden musste. Nichtsdestotrotz ist THE SHALLOWS nicht zwangsläufig schlecht. Ganz im Gegenteil. JAUME COLLET-SERRY beherrscht die Gabe des Panikmachens besonders gut und treibt die Heldin in allerhand verzwickte Situationen. Die gibt sich wacker und handelt clever, um dem fleischreichen Speiseplan des Tieres entgehen zu kommen.
 
 
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Trotz immer gleicher Handlungsverläufe vom Entkommen und sich Retten, wird das Geschehen nie langweilig. Das ist in Anbetracht der dünnen Handlung schon als kleine Meisterleistung zu bezeichnen. Auch deshalb, weil kaum Verschnaufpausen geboten werden. Immer wieder attackiert der Hai sein Opfer und lässt dem Zuschauer dabei den Atem stocken. Leider vermasselt das zu effekthascherische Finale den eigentlich positiven Gesamteindruck. Das bis dato hyperintelligente Tier begeht plötzlich Fehler und macht den Überlebenskampf fairer. Gut für die Hilfesuchende – blöd für den Zuschauer, dem der etwas zu dick aufgetragene Schlussfight auf einer Boje im Wasser dann doch etwas sehr übertrieben erscheint. Das ist halt Hollywood. Besser man schaltet den Kopf aus. Nur dann kann man nicht enttäuscht werden.
 
 


 
 
 

THE SHALLOWS – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
 
Wenn es Tiere mit dem Menschen aufnehmen und andersherum. THE SHALLOW – GEFAHR AUS DER TIEFE ist typisches Mainstream-Futter fürs konventionelle Publikum, das Logik scheut und Protagonisten in absurde Situationen bringt. Ein Hai ist es mal wieder, der sich in diesem Film als überlegener Gegner wähnt und am Ende doch in die Schranken gewiesen wird. Ein bisschen DER WEISSE HAI hier, ein wenig OPEN WATER da – fertig ist Haifisch-Horror von der Stange, der zumindest eines kann: packend unterhalten. THE SHALLOWS hat durchaus Höhepunkte und ist aus irgendeinem Grund richtig spannend geworden. Das dürfte wohl in erste Linie Verdienst des erfahrenen JAUME COLLET-SERRY gewesen sein, der mit Thrillern wie UNKNOWN IDENTITY und NON-STOP schon einiges an Nervenzerfetzern auf die Kinoleinwand gebracht hat. Starke Nerven und gute Kondition brauchte übrigens auch Hauptdarstellerin BLAKE LIVELY. Die erklärte in Interviews, dass sie für den Film an die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit ging. 13 Stunden war sie täglich im Wasser und musste gegen steile Wellengänge ankämpfen. Besonders Gatte RYAN REYNOLDS machte der Schauspielerin für die schwierigen Dreharbeiten in Australien Mut – von dessen nicht weniger anstrengenden Performance in BURIED lies sich die Amerikanerin nämlich inspirieren. Ihr willenstarker Einsatz hat sich im Falle des Haifisch-Thrillers bezahlt gemacht. THE SHALLOWS ist kurzweilig, beunruhigend und spannend – so sollte Horrorkino am besten immer sein.
 
 
 


 
 
 

THE SHALLOWS – Zensur

 
 
 
THE SHALLOWS – GEFAHR AUS DER TIEFE ist kein sonderlich blutiger Vertreter der Gattung Hai-Horror. Der Heldin wird in den Oberschenkel gebissen, einem Mann wird der Unterleib abgerissen und ansonsten werden einiger Surfer vom Hai unter Wasser gezogen. Rot eingefärbtes Wasser deutet an, dass die Opfer das Zeitliche gesegnet haben. Auch wenn das Nervenkostüm des Zuschauers arg strapaziert wird, hat es hierzulande von der FSK den grünen FSK-Flatschen geben. In Amerika PG-13 – hierzulande FSK12. Übrigens ist zeitgleich zu THE SHALLOWS ein ähnlicher Film erschienen. Der nennt sich IN THE DEEP und macht von gleichem Filmprinzip Gebrauch – nur unter Wasser.
 
 
 


 
 
 

THE SHALLOWS – Trailer

 
 

 
 
 

Marcel Demuth

(Rechte für Filmplakat und Abbildungen liegen bei SONY PICTURES GERMANY)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
In the Deep (2016)
 
Open Water (2003)
 
Open Water 2 (2006)
 
The Reef – Schwimm um dein Leben (2010)
 
Frozen (2010)
 


Filmkritik: „Decay“ (2015)

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DECAY

Story

 
 
 
Auch Außenseiter brauchen Liebe: Muttersöhnchen Jonathan (ROB ZABRECKY) kommt eines Tages nach Hause und entdeckt im Keller seines Hauses eine tote Frau. Statt die Polizei zu rufen, geht er eine sonderbare Liebesbeziehung mit dem leblosen Körper ein.

 
 
 


 
 
 

DECAY – Kritik

 
 
 
Wenn Filme von der Liebe berichten, dürften sich den meisten Horrorfans die Nackenhaare sträuben. Das ist durchaus nachvollziehbar, denn im Grunde genommen sollen Horrorfilme in erster Linie Angst verursachen oder schlaflose Nächte bereiten. Mittlerweile haben sich jedoch so viele Subgenres innerhalb des Horrorfilm entwickelt, dass aufgeschlossenen Horrorfans nicht murren und sich auch auf Horror-Kitsch einlassen, der dann auch mal von ungewöhnlichen Liebeskonstellationen berichtet. Eine dieser sonderbaren Beziehungen wird in DECAY thematisiert. Für den speziellen Beitrag zeichnet Regie-Newcomer JOSEPH WARTNERCHANEY verantwortlich, der schon in jungen Jahren mit Horrorfilmen in Berührung kam – wenn auch auf unkonventionelle Weise. Weil ihm die Eltern das Schauen solcher Filme verboten hatten, schlich er sich immer mal wieder heimlich in den Flur, um dort nur den Streifen zu lauschen, welche in der Wohnstube über den Bildschirm flimmerten. Das entfachte die Phantasie des Heranwachsenden, der sich im Kopf ausmalte, was sich da wohl für furchtbare Dinge auf der Mattscheibe abspielen könnten. So soll die King-Verfilmung THE SHINING akustisch besonders geprägt haben. Auch die hat er an Kindertagen nie gesehen. Dafür hat das Lauschen derart Kopfkino verursacht, dass er sich als Erwachsener das Ziel setzte genau diese Film zu drehen, die er als Kind nie sehen durfte. Daraus resultiert die Idee zu DECAY, die – laut Wartnerchaney – angeblich auf wahren Begebenheiten beruhen soll.
 
 
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Hilfe, Herr Nachbar hat nekrophile Neigungen. Im Film geht es um Einzelgänger, Schlüsselsammler und Orchideen-Liebhaber Jonathan (ROB ZABRECKY). Der lebt allein im Haus seiner verstorbenen Mutter, fristet ein routiniertes Dasein und erlebt nicht viel. So verläuft der Tag nach stets gleichem Ablauf. Nur die Arbeit bringt etwas Abwechslung in den ewig gleichen Kreislauf, weil er sich dort stets neue Frauengeschichten seines Arbeitskollegen anhören muss. Doch das pedantisch durchgeplante Leben gerät völlig aus den Fugen, als zwei Frauen in sein Leben treten. Die brechen heimlich in den Keller des Hauses ein und werden vom Hauseigentümer während ihrer Erkundungstour überrascht. Die Eine kann fliehen, wird aber von einem Auto überfahren. Die Andere fällt im Keller unsanft und verletzt sich dabei tödlich. Statt jedoch die Polizei zu unterrichten, hat Jonathan ungewöhnliche Pläne. Zu letzterem Opfer beginnt er eine emotionale Bindung aufzubauen und versteckt den Körper in einer fahrbaren Kiste. Den hieft er jeden Tag in einen Rollstuhl, um mit der ersten Freundin täglich bei Kerzenschein Abendessen zu können. Leider halten tote Frauen nicht ewig. So setzen bald Verwesungsprozesse ein. Doch das ist noch das kleinere Übel. Je länger der Leichen-Casanova die Liebesbeziehung zu seiner Freundin aufrechterhält, umso gravierender verändert sich dessen Geisteszustand. Hat die Liebe etwas den Verstand vernebelt?
 
 
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Was sich hier liest, wie eine urkomische Parodie auf Liebesfilme, ist alles andere als das. Der Film ist weitaus ernster, als man vermuten würde und beschreibt das psychische Ungleichgewicht eines Mannes, dem bereits im Kindesalter eingetrichtert wurde, dass alle Frauen unrein und schlecht sind. So gerät das pedantisch geordnetes Leben des Eigenbrödler just genau dann aus den Fugen, als ausgerechnet eine dieser angeblich triebgesteuerten Geschöpfte in das Leben des noch frauenunerfahrenen Mannes tritt, vor denen die Mutter stets gewarnt hat. Das hat Chaos als Folge, denn der Kontakt zum weiblichen Geschlecht reanimiert Erlebnisse aus dem Unterbewusstsein, die besser dort hätten bleiben sollen. DECAY ist ein trauriges aber auch deprimierendes Psychogramm eines einsames und schizophrenen Menschen, der unter der Fuchtel einer autoritären Mutter leiden musste und demzufolge ein abnormales Verhältnis zu Frauen entwickelt hat. Erfahrene Zuschauer wissen, dass derart Erlebnisse meist den üblichen Werdegang mordgeiler Psychopathen in Horrorfilmen einläuten. Regisseur JOSEPH WARTNERCHANEY schlägt aber andere Richtung ein und hält bewusst Abstand von Klischees. Seine Figur ist kein skrupelloser Bösewicht, der Hass empfindet und morden will. Ganz im Gegenteil. Jonathan wird trotz Neurosen als gebeutelte Kreatur beschrieben, die letztendlich nur eines will: lieben und geliebt werden. Auch wenn in Kopf des Antihelden nicht immer alles richtig läuft, schließt man die ungewöhnliche Filmfigur mit all ihren Ticks ins Herz. Das macht DECAY interessant – vor allem beim Publikum, das sich gern abseits der üblichen Horrorpfade bewegt. Der Film ist mehr psychologisch durchdachtes Drama mit Hintergrund und weniger Genrefilm in dem Blut spritzen muss. Demzufolge ist DECAY gerade wegen des unkonventionellen Erforschens eines psychisch kranken Hirns einen Blick wert.
 
 
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DECAY – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
 
Rendevouz mit einer Leiche. Eine eigensinnige, aber sehenswerte Symbiose aus MANIAC, PSYCHO & NEKROMANTIK. DECAY ist ein ungewöhnlicher Horror-Beitrag, der offensichtlich klarstellen will, dass nicht jede schizophrene und jede in der Kindheit fehlgeleitete Seele unweigerlich auch zum Psychopathen mutieren muss. Der Antiheld in DECAY ist alles andere – nur nicht das. Der erlebt seinen ersten Frühling zwar mit einer Leiche; seine Erfahrungen mit der Liebe führen am Ende die Erkenntnis vor Augen, dass es manchmal doch besser ist, wenn man alleine bleibt. Regisseur JOSEPH WARTNERCHANEY erklärte in Interviews, dass bei ihm nicht die (angeblich von wahren Begebenheiten inspirierte) Geschichte zum Film Magengrummeln verursacht hat, sondern die Tatsache, dass wir oftmals nie wissen, was der gute Nachbar eigentlich hinter verschlossenen Türen treibt. Im Film frönt Figur Jonathan nicht nur seltsamen Hobbys, sondern ist auch psychisch alles andere als gesund. Trotz erschreckendem Leidensweg deklariert Macher JOSEPH WARTNERCHANEY seinen Antihelden nicht zum Bösewicht, sondern bewirkt Mitgefühl und Mitleid. Wer gern in kranke Köpfe schaut und deren Denkweisen ergründen möchte, ist bei DECAY gut aufgehoben, denn Wartnerchaney hat ein gut durchdachtes Drehbuch geschrieben, das weitestgehend von Horrorklischees Abstand hält. Gut gemacht.
 
 
 


 
 
 

DECAY – Zensur

 
 
 
DECAY ist eher ein psychologisches Horror-Drama, das in erster Linie die kranke Psyche eines einsamen Mannes erforscht. Viel brutales Material gibt es nicht zu sehen. Die Leiche wurde ansprechend geschminkt. Die Verwesungsstadien sehen reichlich unappetitlich aus. Zudem fallt eine junge Frau zu beginn unsanft auf den Kopf. Eine andere wird von einem Auto überfahren. Gegen Ende sticht der schizophrene Antiheld des Films auf eine seiner imaginären Persönlichkeiten ein. Sollte DECAY in Deutschland veröffentlicht werden, dürfte er problemlos eine FSK16 erhalten.
 
 
 


 
 
 

DECAY – Trailer

 
 

 
 
 

Marcel Demuth

(Die Rechte aller verwendeten Bilder liegen bei Uncork’d Entertainment)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Nekromantik (1987)
 
Nekromantik 2 (1991)
 
Psycho (1960)
 
Sado – Stoß das Tor zur Hölle auf (1979)
 


Filmkritik: „Last Girl Standing“ (2015)

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LAST GIRL STANDING

Story

 
 
 

Eine junge Frau (Akasha Villalobos) erlebt nach einem Massaker an ihren Freunden die Hölle auf Erden. Als einzige Überlebende sieht sie sich fünf Jahre später mit gleichem Killer konfrontiert, der ihr einst alles genommen hat, was ihr lieb und heilig gewesen ist.

 
 
 


 
 
 

LAST GIRL STANDING – Kritik

 
 
 
Was passiert eigentlich mit Überlebenden von Horrorfilmen nach dem Abspann? Eine interessante Frage, mit der sich bisher noch kein Horrorfilm ernsthaft auseinandersetzen wollte. Zeit, dass sich jetzt Regisseur BENJAMNIN R. MOODY damit beschäftigt. Der hat bisher nur Kurzfilme und Folgen für TV-Serien gedreht und feiert mit LAST GIRL STANDING sozusagen sein Spielfilmdebüt, das von seiner Frau RACHEL MOODY gleich mitproduziert wurde. Entstanden ist ein ungewöhnliches Filmexperiment, das sich bei genauer Betrachtung als interessanter Mix aus Slasher und Drama entpuppt, weil er Regeln moderner Meuchelfilme geschickt auf den Kopf stellt und den Mut wagt, etwas Neues zu erzählen. So geht es gleich mit Trommel- und Paukenschlägen los. Regisseur BENJAMNIN R. MOODY geht es clever an und beginnt dort wo eigentlich Slasherfilme gewöhnlich enden. So sieht sich Filmheldin Camryn (Akasha Villalobos) gleich zu Beginn mit einem maskierten Killer konfrontiert, der bereits dutzende Menschen auf dem Gewissen hat und nun hinter der letzten Überlebenden her ist. Die weiß sich jedoch zu wehren und bringt den Serienmörder zu Strecke ohne zu ahnen, dass der eigentliche Horror erst nach ihrem Triumph über das Böse beginnen wird.
 
 
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Fünf Jahre nach den Ereignissen wird Camryn von den schrecklichen Erlebnissen des Massakers eingeholt. Sie arbeitet nun in einer Wäscherei und ist schwer gezeichnet. Trotzdem erhält sie Rückhalt von Arbeitskollegen und Vorgesetzten, die Verständnis für das psychische Ungleichgewicht der jungen Frau haben. Leider beginnt für die Heldin der Albtraum von Neuen, denn plötzlich ist das Böse wieder da. Der maskierte Killer heftet sich ein weiteres Mal an die Fersen der Überlebenden und scheint ein makabres Spiel mit seinem traumatisierten Opfer spielen zu wollen. Das beginnt allmählich den Verstand zu verlieren und sieht die Freunde in Gefahr. Doch, ist der Mörder wirklich zurück oder spielt die Psyche der Traumatisierten nur Streiche?
 
 
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Man sollte sich nicht vom amateurhaft zusammengeschnippelten Trailer im Anhang abschrecken lassen, denn LAST GIRL STANDING schaut – trotz Low-Budget-Status – besser aus, als man nach der Sichtung des Werbefilmchen vermuten würde. Das sind gute Voraussetzungen. Doch lohnt der etwas andere Slasher überhaupt gesehen zu werden? Wir meinen nur bedingt, denn trotz gutem Ansatz, hat LAST GIRL STANDING mit dem unausgegorenen Drehbuch und einem fehlenden Spannungsbogen zu kämpfen. Der Zuschauer begleitet eine von Qualen und Albträumen zerfressene Frau durch den Alltag, die ihr Leben offensichtlich nicht mehr auf die Reihe bekommt, weil Erlebtes prägt und nicht mehr loslassen kann. So sieht sich die Hauptprotagonistin von einem Killer verfolgt, den sie eigentlich vor Jahren in die ewigen Jagdgründe befördert hat. Um die Handlung voranzutreiben, beginnt Regisseur BENJAMNIN R. MOODY den Zuschauer taktisch zu verwirren. Der wird auf falsche Fährten gelockt und kann – wie die Filmheldin – bald nicht mehr differenzieren, ob der Killer im Film real ist oder nur der Gedankenkraft einer traumatisierten Frau entspringt. Leider wird das Verwirrspiel erschwert, weil die von AKASHA VILLALOBOS verkörperte Filmfigur keineswegs zugänglich ist. Das ist für einen Slasher unverzeihlich, weil das soganannte Final Girl gleichzeitig Identifikationsfigur für den Zuschauer sein soll. In LAST GIRL STANDING wirkt die Hauptdarstellerin nicht sonderlich sympathisch und ist nahezu im gesamten Film damit beschäftigt, wie ein verschrecktes Reh hektisch durch die Kulisse zu hetzen, weil sie meint vom ultimativ Bösen verfolgt zu werden. Das nervt spätestens nach der dritten Wievderholung, denn die künstlich heraufbeschworene Hektik soll den sonst eher behäbig erzählten Film von seiner Lethargie befreien.
 
 
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Immerhin gibt’s für die Gewaltfraktion was zu sehen. Nach dem zeigefreudigen Einstieg und einem deftigen Massaker, endet der Film quasi so wie er begonnen hat. Nach langer Warterei wird der Zuschauer kurz vor der Zielgeraden mit einem unvorbereiteten Twist konfrontiert, der zu Recht das Prädikat „Makaber“ tragen darf. Leider passt das reißerische und übertrieben blutige Finale nicht zum Rest des eher ernst erzählten Films, der seine Heldin immer weiter in den psychischen Abstieg treibt und es kurz vor dem Abspann nicht gut mit ihr meint. So gibt es in den letzten 15 Minuten harte Spezialeffekte zu sehen damit übertriebenes Töten zelebriert werden kann. Der ernste Tenor des Streifens wird dadurch zerstört, weil ausuferndes Blutgesudel eher unfreiwillig komisch wirkt. Zudem verliert das anfänglich aufgegriffene Thema von Traumverarbeitung und ihre Folgen an Bedeutung und wird stattdessen ins Absurdum getrieben. LAST GIRL STANDING wird die Geister scheiden, denn trotz der guten Idee dahinter harmoniert die Kombination aus Horror und Drama in diesem Fall nicht sonderlich gut. Etwas mehr Liebe im Detail und Feinschliff am Drehbuch hätte nicht geschadet.

 
 
 


 
 
 

LAST GIRL STANDING – Fazit

 
 
 
5 Punkte Final
 
 
 
Mutiger Indie-Horrorfilm, der das Slasher-Genre versucht neu zu erfinden – aber irgendwie an der Unentschlossenheit scheitert, was er denn nun eigentlich sein möchte. So konfrontiert der Streifen den Zuschauer mit der Frage, was mit Überlebenden in Horrorfilmen nach dem Abspann passiert. Wo in den meisten Slasher-Streifen ein Happy End über die Mattscheibe flimmert, meint es LAST GIRL STANDING nicht sonderlich gut mit seiner Hauptfigur. Die hat nach dem Endkampf mit dem Bösen nichts zu lachen und leidet unter einem Trauma, das den Alltag der Überlebenden zur Hölle macht. LAST GIRL STANDING hat gute Ansätze, denn die etwas andere Betrachtungs- und Herangehensweise bringt neuen Wind in das mittlerweile nicht mehr ganz so frische Slasher-Genre. Dennoch ist das, was in LAST GIRL STANDING gezeigt wird nicht das Gelbe vom Ei. Der Film scheint sich nicht so recht entscheiden zu können, in welche Schublade er gesteckt werden möchte. So pendelt der Streifen unentschlossen zwischen erschütterndem Drama und deftigem Splatter-Horror, lässt die Hauptprotagonistin am seelischen Ungleichgewicht zerbrechen und gleichzeitig durch die blutige Slasher-Hölle gehen. Irgendwie passt das nicht zusammen. Weitaus problematischer sind die unvorbereiteten Gewalteskapaden. Während es der Film in der ersten Stunde versucht psychologisch durchdacht anzugehen, regnet es kurz vor der Zielgeraden Blut und Innereien. Weil’s zu viel des Guten ist, wirkt’s unfreiwillig komisch, denn der überzogene Gewaltrausch raubt dem Film die zuvor langsam aufgebaute (psychologische) Ernsthaftigkeit. Verflickst und zugenäht!
 
 
 


 
 
 

LAST GIRL STANDING – Zensur

 
 
 
Ja, im Prolog und im Finale geht es ziemlich rabiat zur Sache. Dabei werden allerhand Gegenstände durch menschliche Körper gejagt und gemordet, als gäbe es keinen Morgen mehr. Hierbei macht LAST GIRL STANDING dem Slasher alle Ehre. Auch wenn viele blutige Details gezeigt werden, darf man von einer ungeschnittenen Freigabe in Deutschland ausgehen – für Erwachsene versteht sich.
 
 
 


 
 
 

LAST GIRL STANDING – Trailer

 
 

 
 
 

Marcel Demuth

(Rechte für Grafiken liegen bei Jinga Films und wurde vonn der Filmwebseite entnommen)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Final Girl (2014)

The Final Girls (2015)

Antisocial Behavior (2014)

The Babadook (2014)


Filmkritik: „Nina Forever“ (2015)

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NINA FOREVER

Story

 
 
 

Sonnenschein Nina ist hartnäckig, denn trotz Motorradunfall mit tödlichem Ausgang taucht sie als Geist auf, um Ex-Freund Rob zu überraschen. Der ist über den unangemeldeten Besucher überhaupt nicht erfreut, taucht die Verflossene immer dann auf, wenn er gerade Sex hat.

 
 
 


 
 
 

NINA FOREVER – Kritik

 
 
 
Wir von FILMCHECHER haben in der Vergangenheit schon reichlich sonderbares Zeug besprochen und sind immer wieder überrascht, dass es vor allem vielen Newcomern gelingt mit unkonventionellem Horrorfilmen für Furore zu sorgen. Das dürfte auch für NINA FOREVER gelten, der immerhin schon viele Kinogänger entzückt haben soll, die sich mit Vorliebe auf Filmfesten tummeln, auf denen absurde Kuriositäten fernab kommerziellem Kino-Blödsinns gezeigt werden. Aus England stammt genannter Indie-Hit, der sich – wie hätte es auch anders sein sollen – mit typisch britischem Humor einem Thema widmet, das wohl schon jeder in seinem Leben mehr oder weniger durchlebt haben dürfte. Der Streifen erzählt von Schwierigkeiten die Ex aus dem Kopf des Partners zu bekommen, der trotz neuem Liebesglück mit der alten Beziehung nicht endgültig abschließen kann. Entstanden ist ein morbides aber gleichzeitig melancholisches Kammerspiel, das sich irgendwo zwischen NEKROMANTIK und SPRING bewegt und trotz ernster Problematik mit allerhand Wortwitz für einige Schmunzler sorgt.
 
 
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NINA FOREVER handelt von der 19-jährigen Holly (ABIGAIL HARDINGHAM), die sich gerade zum Sanitäter ausbilden lässt und nebenbei in einem Supermarkt an der Kasse jobbt. Wie das Schicksal so will, lernt sie genau dort die erste, große Liebe kennen und landet prompt mit dem geheimnisvollen Rob (CIAN BARRY) im Bett. Leider endet das Schäferstündchen anders als erwartet, denn im Rausch der Triebe liegt plötzlich eine blutverschmierte Schönheit (FIONA O’SHAUGHNESSY) mit im Bett und beobachtet das Paar beim Liebesspiel. Nach anfänglicher Irritation klärt Rob auf. Bei der Frau handelt es sich um die Ex, die bei einem Motorradunfall ums Leben kam. Weil die Beziehung nie beendet wurde, erscheint die Tote immer dann, wenn sich der Liebste mit anderen Frauen vergnügt. Was anfänglich Probleme bereitet, wird bald zur Normalität. Weil die schüchterne Holly bis über beide Ohren verliebt ist, versucht sie mit der ungewöhnlichen Situation umzugehen. Leider stößt sie damit bald an ihre psychischen Grenzen.
 
 
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Eine Geschichte über Verlust, Trauer und dem (Nicht-)Loslassenkönnens. Hinter dem Horror-Drama stecken zwei Brüder, die mit ihrem Debütwerk eigene Erfahrungen verarbeiten, die als Inspirationsgrundlage gedient haben sollen. BEN und CHRIST BLAINE wollten nach eher erheiternden Kurzfilmen endlich mal einen Spielfilm machen, der eine andere Richtung einschlägt. Kurzum verknüpften sie Horror mit Humor und gewannen mit dem grotesken Genre-Mix auf einschlägigen Filmfestivals viele Preise. So wurde der Streifen auch auf dem FANTASY FILMFEST 2015 gezeigt, wo die schwarzhumorige Liebesromanze von Zuschauer gelobt wurde und sich innerhalb kürzester Zeit zum Indie-Geheimtipp entwickelte. Mit KICKSTARTER hatte alles angefangen. Wie wir bereits in einigen Kritiken zuvor mehrfach berichtet haben, ist die Finanzierung von Horrorfilmen durch Crowdfunding ein lohnendes Geschäft geworden. Auf Crowdfunding-Plattformen werden Zuschauer selbst zum Produzenten und spenden kleines Geld, damit interessante Filmprojekte gestartet werden können. Für viele Hobby-Regisseure ein interessantes Experiment, die nicht selten mit dem Publikum als Geldgeber den Sprung in die Liga nennenswerter Horrorfilmemacher geschafft haben.
 
 
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Wer aber meint, dass NINA FOREVER blutiges Splatter-Theater geworden ist, wird enttäuscht. Vielmehr ist NINA FOREVER eine mit Humor angereicherte, groteske Dreiecks-Geschichte, die dann doch mehr Drama ist, als blutrünstiger Horror. Statt Grausamkeiten zu bebildern, erforschen die beiden Regisseure die fragile Gefühlswelt ihrer Protagonisten und versehen die bizarre Handlung mit überraschend viel Tiefgang. Oftmals bleibt es wortkarg. Dafür sprechen Bilder Bände. So machen die Blaine-Brüder in Schlüsselsequenzen von Parallelmontagen Gebrauch, um die Verzweiflung zweier Menschen zu bekräftigen, die alle unternehmen, damit sie Vergangenes hinter sich lassen können. Leider hat auch NINA FOREVER mit einigen Problemchen zu kämpfen. Auch wenn die Idee zum Film originell ist und die Schauspieler für Low-Budget-Verhältnisse überzeugend agieren, stört ein wenig die unentschlossene Pendelei zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit. Gerade dann, wenn der ohnehin gemächlich erzählte Streifen an Fahrt gewinnt wird der Erzählfluss durch Ninas schwarzhumorige Besuche ausgebremst. Zudem wirkt der Streifen gerade ab der Halbzeit ziellos und füllt die Handlung mit immer wieder gleichen Szenenverläufen – vermutlich damit Filmlänge erreicht werden kann. So sieht der Zuschauer stets gleiche Abläufe, in denen die Helden Sex haben und dabei von der zynisch plappernden Nina überrascht werden. Demzufolge braucht es knapp 90 Minuten, bis die Macher Stellung beziehen und zu einem Schluss kommen – auch wenn der nicht jedem Zuschauer zusagen dürfte.
 
 
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Nichtsdestotrotz sollte man NINA FOREVER eine Chance geben. Gerade wegen seiner unkonventionellen Machart und den hervorragenden Schauspielern dürfte der Film vor allem Liebhabern filmischer Kuriositäten Herzklopfen bescheren. Wer es deftig mag, sollte aber Abstand halten. Auch wenn NINA FOREVER einen übel zugerichteten Geist, viel nackte Haut und irritierende Sex-Szenen besitzt, die der Horror-Romanze einen nekrophilen Touch verleihen, bleiben harte Schauwerte aus. Das ist aber auch gut so, schließlich versuchen sich Filmemacher seit Jahren mit Filmgewalt zu überbieten, vergessen dabei aber gute Geschichten zu erzählen. Letztere hat NINA FOREVER definitiv. Horrorfans mit Anspruch und Vorliebe zum Arthaus dürfte das freuen.
 
 
 


 
 
 

NINA FOREVER – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
 
Morbide, melancholisch, schwarzhumorig und absurd. Der etwas andere Liebesfilm, den man der Liebsten zum Valentinstag schenken kann. NINA FOREVER ist kurioses und unkonventionelles Nischenkino mit Ecken und Kanten, das vor allem Horrorfans mit Anspruch und Vorliebe zum Arthaus viel Freude bescheren wird. Ein zu Recht auf Filmfesten gefeierter Geheimtipp, dem man unbedingt eine Chance geben sollte.
 
 


 
 
 

NINA FOREVER – Zensur

 
 
 
Wegen der freizügigen Sexszenen wird NINA FOREVER eine FSK16 erhalten. Gewalt gibt es im Film bis auf eine verletzten Hand nicht zu sehen. Der Lebenssaft der gezeigt wird fließt aus der toten Nina heraus, die sich bei einem Motorradunfall schwer verletzt hat. Als Geist taucht sie immer wieder mit gleichem Unfallwunden auf und räkelt sich mit Vorliebe auf weißen Bettlaken, die das Filmpaar regelmäßig wechseln müssen.
 
 
 


 
 
 

NINA FOREVER – Trailer

 
 

 
 
 

Marcel Demuth

(Rechte für Abbildungen liegenb bei EPIC PICTURES GROUP)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Weg mit Ex (2014)
 
Life After Beth (2014)
 
Spring (2014)
 


Filmkritik: „Dementia“ (2015)

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DEMENTIA

Story

 
 
 

Ein dementer Kriegsveteran erlebt nach einem Schlaganfall das pure Grauen in den eigenen vier Wänden.

 
 
 


 
 
 

DEMENTIA – Kritik

 
 
 
Wer regelmäßig Horrorfilme schaut, dürfte mittlerweile verstanden haben, dass kein Mord ungesühnt bleibt. So bekommen die meisten Bösewichte am Ende das, was sie verdient haben und müssen nicht selten mit blutiger Rache rechnen – dem Zuschauer zuliebe. Der wird in vielen Fällen mit Schauerwerten verwöhnt, die nicht ohne sind, verkaufen sich Horrorfilme schließlich besonders gut, wenn sie deftige Bestrafungsmethoden zeigen. Rein gar nichts für Gorebauern ist der folgende DEMENTIA. Der schlägt – trotz Vergeltungsakt – in erster Linie leise Töne an und versucht Nervenkitzel durch Psychospiele zu verursachen. In diesem Indie-Thriller wird einmal mehr aufgezeigt, dass auch gutbürgerliche Nachbarn manch schreckliches Geheimnis hüten, das Jahrzehnte im Verborgenen geschlummert hat und irgendwann ans Tageslicht kommt.
 
 
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THE SACRAMENT-Prediger GENE JONES hat an „bösen“ Rolle Gefallen gefunden und verkörpert erneut einen Schurken, der diesmal etwas zu verbergen hat. Als wenig sympathischer Eigenbrödler George Lockhart kommt er nach einem Schlaganfall ins Krankenhaus und leidet fortan an einer speziellen Form der Demenz, weil das Gehirn kurzzeitig nicht mit Sauerstoff versorgt werden konnte. Der entfremdete Sohn Jerry (PETER CILELLA aus CONTRACTED: PHASE 2) und Enkelin Shelby (HASSIE HARRISON) nehmen es gelassen, bringen den Vietnamveteran nach Hause und staunen nicht schlecht, als am nächsten Tage eine Krankenschwester unangemeldet nach dem Patienten sehen möchte. Die kommt gelegen, denn der Sohnemann hat Arbeit im Kopf. Pflegerin Michelle (KRISTINA KLEBE aus BELA KISS: PROLOGUE) soll sich um den gebrochenen Kriegsveteran kümmern, der trotz harter Schale von Kriegserlebnissen gezeichnet ist. Leider passieren bald seltsame Dinge, was die Angehörigen auf des geistigen Zerfall des Familienmitglieds zurückführen. Doch die Ursache ist eine andere. Schwester Michelle ist zwar mitfühlend und zuvorkommend, versteckt aber hinter der Fassade des hilfsbereiten Engels ein furchtbares Geheimnis.
 
 
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Vom Kameramann zum Regisseur. Für DEMENTIA zeichnet MIKE TESTIN verantwortlich. Der stand in der Vergangenheit für Horrorstreifen, wie CONTRACTED oder CHILLING VISIONS als erfahrener Profi hinter der Kamera und nahm nach diversen Kurzfilmen für den ersten Langfilm auf dem Regiestuhl platz. Solide Leistung liefert er mit dem ersten, eigenen Spielfilm ab, der Dank der herausragenden Leistung von GENE JONES weit besser geworden ist, als man es vom etwas sehr überraschungsarmen Drehbuch erwartet hätte. Jones spielt hier einen unnahbaren Rentner, der für niemanden und nichts Mitgefühl entwickeln möchte. Trotzdem schafft der erfahrene Schauspieler das Kunststück, dass Mitleid für einen Mann entsteht, der in der Vergangenheit Grausames getan hat, aber nie bestraft wurde. Der Antiheld fühlt sich bald selbst als Opfer und muss sich für ein Verbrechen verantworten, das viele Jahre zurückliegt. So wird KRISTINA KLEBE im Film zu ISABELLE FUHRMAN (das Kind aus ORPHAN), die anfangs noch freundlich bald wahre Intensionen zeigt. Sie hat jahrelang Rache geplant und nutzt nun das Handicap ihres Gegenübers aus, um Kontrolle und Macht zu demonstrieren. Leider verblasst die Schauspielerin hinter der Leistung ihres Kollegen, denn trotz bitterbösem Katz-und-Maus-Spiel will man ihr die Rolle des psychopathischen Racheengels nicht so recht abnehmen. Aber auch die Handlung lässt Glaubwürdigkeit vermissen. Spätestens ab Filmmitte führt das Drehbuch ins Absurde. Hinzukommt, dass Ereignisse vorhersehbar sind und nach Schema F abgehandelt werden, so dass DEMENTIA dann doch etwas zu sehr ins klischeebehaftete Genrekino abdriftet. Förderlich für die Spannung ist das nicht gerade.
 
 
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Wenn der Pfleger zum Killer wird. Regisseur MIKE TESTIN spielt verkehrte Welt, denn in DEMENTIA werden Rollen vertauscht. Aus Tätern werden Opfer und umgedreht. So wird ein gewissenloser Kriegsveteran zum Gefangenen im eigenen Haus und muss mit körperlichen Gebrechen ums Überleben kämpfen. Ähnlich gestricktes Psychokino gab es übrigens schon vor 30 Jahren. Der spanische IM GLASKÄFIG fasst ähnliches Thema auf und erzählt von einem gelähmten, pädophilen Nazi, der von einem ehemaligen Opfer gefoltert wird. Was aber seinerzeit Kontroverse verursacht hat, weil Tabus gebrochen wurden, flimmert in DEMENTIA weitaus unspektakulärer und nicht gerade einfallsreich über die Leinwand. Gezeigtes ist simpel gestrickt, einfacher zu verdauen und orientiert sich in der Machart am Psycho-Mainstream, wie er bereits mit STEPHFATHER (das Remake!), CRUSH oder THE ROOMMATE dem Zuschauer vorgesetzt wurde. Dennoch ist DEMTIA deswegen nicht unbedingt schlecht. Das Grauen wird hier langsam aufgebaut, so dass sich der Horror schleichend seinen Weg durch eine Handlung bahnen kann, die mit halsbrecherischem Finale abgerundet werden muss. Über Letzteres lässt sich streiten. Schraubt man Erwartungen herunter, sorgt DEMETIA gerade wegen seiner eher zurückhaltenden Inszenierung und den guten Schauspielern zumindest ab und an für etwas Suspense. Für einen verregneten Nachmittag reicht’s.
 
 
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DEMENTIA – Fazit

 
 
 
5 Punkte Final
 
 
 
Als Familiendrama getarnter Psychothriller. DEMENTIA ist nicht gerade das, was man sich unter packend umgesetztem Psycho-Horror vorstellt. Der Film handelt von vermeintlich vertrauenswürdigen Menschen, die sich in das Leben gutbürgerlicher Familien einschleichen, um dort für Chaos zu stiften. Was in DEMENTIA passieren wird, ist schnell ergründet und nicht gerade neu. Geübte Horrorzuschauer werden schnell die Fährte wittern, denn die im Titel erwähnte Demenz fungiert nur als Alibifunktion, damit ein perfides Katz-und-Maus-Spiel gespielt werden kann. Was den einfach gestrickten Plot jedoch halbwegs interessant macht, sind die guten Darsteller, die vergessen lassen, dass DEMENTIA eigentlich ein Thriller von der Stange ist. Der hat vor allem mit einigen Logikproblemen und Unglaubwürdigkeiten zu kämpfen. Dennoch: Solide Unterhaltung für Zwischendurch. Mehr aber auch nicht.
 
 


 
 
 

DEMENTIA – Zensur

 
 
 
Gewalt gibt es kaum zu sehen. Neben einer toten Katze wird ein älterer Mann erschossen. Zudem kommt im Finale noch einmal die Flinte ins Spiel. Außerdem wird der Hauptdarsteller von verstörenden Kriegserinnerungen gequält in denen der Kamerad blutig durchs Bild taumelt. Sollte DEMENTIA in Deutschland veröffentlicht werden, dürfte der Film problemlos eine FSK16 erhalten.
 
 
 


 
 
 

DEMENTIA – Trailer

 
 

 
 
 

Marcel Demuth

 
 
 
Ähnche Filme:
 
The Harvest (2013)

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Mr. Brooks – Der Mörder in Dir (2007)

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