Filmkritik: „Shrew’s Nest“ (2014)

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SHREW’S NEST

(Musarañas)

Story

 
 
 
Als sich der attraktive Carlos bei einem Treppensturz das Bein bricht und von einem benachbarten Geschwisterpaar gepflegt wird, bringt er ein schockierendes Familiengeheimnis zutage, was lange Zeit im Verborgenen gehalten wurde.
 
 
 


 
 
 

SHREW’S NEST – Kritik

 
 
 
Egal was ALEX DE IGLESIAS anfasst, es wird zu Gold. Seit der spanische Regisseur mit der Science-Fiction-Komödie AKTION MUTANTE seinen ersten Langfilm inszenierte, wird der Meister des schwarzhumorigen, spanischen Horrorkinos für sein unkonventionelles Schaffen auf einschlägigen Filmfestivals gelobt und ausgezeichnet. Mittlerweile dreht der Spanier aber nicht mehr nur ausschließlich schräge Filme, sondern produziert Vielversprechendes für die große Leinwand. SHREW’S NEST ist eine dieser Arbeiten, die von DE IGLESIAS finanziell unterstützt wurde und dem jungen Regieduo ESTEBAN ROEL und JUANFER ADRÉS den Weg ins internationale Filmgeschäft ebnen dürfte.
 
 
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In MUSARANAS – so der Originaltitel – geht es absolut spaßfrei zu, denn nach dem speziellen Humor mit welchem ALEX DE IGLESIAS bekannt geworden ist, sucht man in diesem tiefgründigen und deprimierenden Stück Zelluloid vergebens. Statt einem absurd-humoristischen Bilderrausch zu zelebrieren, wenden sich die beiden Jungregisseure dem psychologischen Horror zu und bringen mit Hilfe beklemmender Bildsprache eine erschütternde Familientragödie zutage, die sich aufgrund herausragender schauspielerischer Leistungen positiv vom üblichen Horrorquatsch abhebt. Das tut Not, denn in einer Zeit in der sich der Horrorfilm hauptsächlich durch einfältige Grausamkeiten definiert und damit Zuspruch erntet, sind es gerade jene psychologischen Geschichten die verinnerlichen, dass man auch mit etwas Anspruch und Hirn Furcht bescheren kann.
 
 
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Madrid in den 1950ern: die fromme Schneiderin Montse (MACARENA GOMEZ) leidet an Agoraphobie und schafft es nicht ihre Wohnung zu verlassen. Seit Mutter und Vater gestorben sind, kümmert sie sich um die jüngere Schwester und ist ihr Ersatz für die verschiedenen Eltern. Als Nachbar Carlos aus dem oberen Stockwerk die Treppe herunterfällt und sich beim Sturz das Bein bricht, wird eine Kette von Umständen in Gang gesetzt, die die Geschwister vor ungeahnte Herausforderungen stellt. Montse nimmt den Verletzten heimlich bei sich auf und beginnt ihn zu pflegen. Von der streng autoritären Erziehung des sadistischen Vaters zerfressen, entwickelt die hilfsbereite Hausbewohnerin eine sonderbare Obsession zu ihrem Nachbarn und tut alles daran, dass der die Wohnung nicht mehr verlassen kann. Als die jüngere La Niña (NADIA DE SANTIAGO) erkennt, dass die große Schwester abnormales Verhalten an den Tag legt und nach Wegen sucht, um den eingesperrten Carlos aus seinem Gefängnis zu befreien, wird eine Spirale der Gewalt in Bewegung gesetzt, die nur im Chaos enden kann.
 
 
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SHREW’S NEST ist eine außergewöhnliche aber auch schockierende Psychoanalyse einer fehlgeleiteten Frau, die in der Kindheit Furchtbares erdulden musste. Die beiden Regisseure decken in ihrem sorgfältig gespielten Kammerspiel auf, was lang verborgen gehalten wurde. Zwei Schwestern, wie sich nicht unterschiedlicher sein könnten, durchleben in diesem beunruhigenden Melodrama eine Gradwanderung der Gefühle und entdecken zwischen Hass und Liebe, dass sie sich einander näher sind, als immer gedacht. MACARENA GOMEZ spielt hier mit viel Facettenreichtum eine bemitleidenswerte, psychisch gestörte Frau mit einem sonderbaren Verhältnis zur Liebe und lässt so selbst Oscar-Preisträgerin KATHY BATES aus der gelungenen King-Verfilmung MISERY weit hinter sich. Beide Filme sind thematisch ähnlich; SHREW’S NEST erforscht jedoch detaillierter die Umstände des Handelns und schockiert am Ende mit tragischen Familienkonstellationen, die den Zuschauer mit flauen Magen vor den heimischen TV-Apparaten zurücklassen.
 
 
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Visuell ist SHREW’S NEST für ein Debütstück ganz ordentlich. Die Macher ESTEBAN ROEL und JUANFER ADRÉS ernteten mit ihrem vierminütigen Kurzfilm „036“ bereits auf Youtube und Filmfestivals viel Lob und bleiben für SHREW’S NEST dem typisch spanischen Horrorlook treu. Das bedeutet bildgewaltiges Unbehagen in modern gotischer Gruselästhetik, die bereits inländischen Schauerproduktionen wie DAS WAISENHAUS, PARA ELISA oder JULIAS EYES zum Erfolg an den Kinokassen verholfen haben. Das Gänsehautkonzept geht auch diesmal auf. Dank einem außerordentlichen Gespür fürs Visuelle, guten Darstellern und einem gründlichen Drehbuch, in dem sich ganz langsam zermürbender Terror seinen Weg durch die klaustrophobische Geschichte bahnt, gehört SHREW’S NEST zur Königsklasse des spanischen Horrorkinos. Da kann man nur hoffen, dass Hollywood nicht auf den Trichter kommt, diesen Film neu interpretieren zu müssen. Sollte das irgendwann doch mal der Fall sein, kann man davon ausgehen, dass man die Neuverfilmung zu recht gnadenlos in der Luft zerreißen wird.
 
 
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SHREW’S NEST – Fazit

 
 
 
8 Punkte Final
 
 
 
Spanien übertrumpft sich mal wieder selbst in Sachen Horror! SHREW’S NEST ist spanisches Horror-Kino par excellence und die weitaus bessere, spanische Antwort auf eine der wenigen, gelungenen King-Verfilmungen: MISERY. Dass sich der neue Genre-Beitrag aus dem Land der Stierkämpfe sehen lassen kann ist auch kein Wunder. Kein geringerer als Urgestein ALEX DE IGLESIAS zeichnet als Produzent verantwortlich und beweist mal wieder ein gutes Händchen bei der Auswahl interessanter Filmstoffe. Sein abgedrehter Humor und die schwarzhumorigen Gewaltausbrüche haben diesmal Sendepause. Stattdessen bewegen sich die beiden Regieneulinge ESTEBAN ROEL und JUANFER ADRÉS im Psycho-Sektor und machen alles richtig. SHREW’S NEST ist ein ungemütliches, klaustrophobisches Horror-Drama, das sich einmal mehr jener gotischen Gruselatmosphäre bedient, die viele spanische Horror-Produktionen seit einigen Jahren auszeichnet. Der kränkelnd-depressive Look des Streifens untermauert aber nur die morbide Stimmung des Films, der am Ende mehr Drama ist als Horror. Wer hier viele böse Szenen erwartet liegt falsch. Auch wenn gegen Ende etwas Rot über die Mattscheibe fließt, beunruhigt SHREW’S NEST vornehmlich auf psychologischer Ebene. Das zeichnet den Film aus und macht ihn zum Geheimtipp – vor allem wegen den außergewöhnlichen Darstellern, von denen manch Schauspieler in Hollywood noch etwas lernen kann. SHREW’S NEST gehört zur Königsklasse des spanischen Horrorkinos. Absolut empfehlenswert!
 
 
 


 
 
 

SHREW’S NEST – Zensur

 
 
 
Auch wenn SHREW’S NEST im Psycho-Genre beheimatet ist, gibt es etwas Gewalt zu sehen. Eine Protagonistin wird geköpft, der Körper zersägt und der Torso als Kleiderständer verwendet. Andere Figuren werden mit einer Stricknadel in die ewigen Jagdgründe befördert. Zudem wird ein Bein ans Bett genäht und Köpfe auf Boden und Wände geschlagen. Aufgrund der kurzen Gewaltmomente und der verstörenden Auflösung am Ende des Films hat Rechteinhaber OFDB Filmworks für SHREW’S NEST einen blauen FSK-Flatschen erhalten: FSK16.
 
 
 


 
 
 

SHREW’S NEST – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) OFDB Filmworks

 
 
 

TECHNISCHE DATEN

 

Originaltitel: Shrew’s Nest; Spanien 2014

Genre: Horror, Drama, Thriller

Ton: Deutsch (DTS-HD Master Audio 5.1), Spanisch (DTS-HD Master Audio 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bild: 2,35:1 (1080p)

Laufzeit: ca. 91 Min.

FSK: FSK16 (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: KeepCase mit Wechselcover

Extras: Making of, Deleted Scenes, Alternatives Ende, Trailer

Release-Termin: 08.01.2016

 

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SHREW’S NEST – Trailer

 
 


 
 

Marcel Demuth

(Die Rechte aller Grafiken liegen bei OFDB Filmworks)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Misery (1990)
 
House at the End of the Street (2012)
 
One Hour Photo (2002)
 
Sleep Tight (2011)

Filmkritik: „Greatful Dead“ (2013)

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GREATFUL DEAD

(GUREITOFURU DEDDO)

Story

 
 
 
Die attraktive Nami (Kumi Takiuchi) hat ein ungewöhnliches Hobby: sie beobachtet gern heimlich einsame Menschen, weil sie sich als Kind oft selbst allein gefühlt hat. Als ihr ein besonders einsames Exemplar vor’s Fernglas kommt, passiert das, womit niemand gerechnet hat. Nami verwandelt sich zur unberechenbaren Stalkerin, die jeden Schritt ihres Beobachtungsobjektes überwachen muss …
 
 
 


 
 
 

GREATFUL DEAD – Kritik

 
 
 
Die kleine Nami möchte nicht mehr von allen ignoriert und alleingelassen werden. Die Mutter hat sich aus dem Staub gemacht, um den Kindern in der Dritten Welt helfen zu können. Der Vater zerbricht am Verlust und verkriecht sich in seine Kammer, um im Selbstmitleid zu verfließen. Für die große Schwester eine kaum ertragbare Situation, mit der sie sich nicht auseinandersetzen möchte. Sie zieht zu ihrem Freund und erhofft dort ein geregeltes Leben in Familie. Zurück bleibt einsam Nesthäkchen Nami, die in der Schule Mitschüler verprügeln und im Shoppingkanal wahllos Elektrogeräte bestellen muss, um von den Eltern endlich wahrgenommen zu werden. Zehn Jahre später ist Nami zu einer attraktiven Frau herangewachsen – fühlt sich aber immer noch unbeachtet. Statt sich mit Gleichaltrigen zu verabreden, bespitzelt sie lieber einsame Menschen mit dem Fernglas, um deren Tagesabläufe zu studieren. Als ihr der verbitterte Herr Shiomi vor das Fernrohr kommt, sieht sie in ihm einen Seelenverwandten und beginnt den Rentner zu überwachen. Weil GREATFUL DEAD nun mal in Horror-Genre verwurzelt ist, dürfte klar sein, dass die Geschehnisse bald eine unerwartete Wendung nehmen werden. Der gebrechliche Alte bekommt Besuch von einer charmanten Haustürpredigerin, schöpft neuen Lebensmut und verbringt plötzlich viel Zeit mit Familie und Kirche. Für Nami eine nicht hinnehmbare Situation. Sie heuert einen Killer an, der dafür sorgen soll, dass sich der Greis endlich wieder einsam fühlt.
 
 
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GREATFUL DEAD ist äußerst morbide Unterhaltung, die sich ausgefuchste Köpfe in Japan einfallen lassen haben. Dort beweist man in bescheidener Regelmäßigkeit, dass man ein Händchen für sonderbare Filmstoffe besitzt, die immerhin westlichen Filmschaffenden ein gutes Beispiel sein sollten, wie man sehenswerte Horrorfilme macht. In diesem skurrilen Filmerlebnis darf der Zuschauer einem bitterbösen Schlagabtausch der Generation beiwohnen, der – wie sollte es auch anders sein – in viel Geschrei und deftigen Kills mündet. Was der Zuschauer anfangs noch nicht weiß: hinter dem unschuldigen Gesicht der Antiheldin verbirgt sich das unberechenbare Böse. Protagonistin Nami ist nämlich kein Engel, sondern eine traumatisierte Stalkerin, die nach Jahren der Abweisung gelernt hat mit Einsamkeit umzugehen. Schnell wird klar, dass die jahrelange Ignoranz von Mutter und Vater Spuren hinterlassen hat. In ihrer eigenen Welt fühlt sie sich verstanden, lebt und handelt nach ganz eigenen Regeln. Doch was für die Heldin normal zu sein scheint, wirkt auf das Publikum befremdlich, schließlich hat Nami über die Jahre eine äußerst fragwürdige Methode entwickelt Liebe und Zuneigung zum Ausdruck zu bringen.
 
 
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Makaber und rabenschwarz: GREATFUL DEAD ist ein schrulliges Kinoerlebnis, das diverse Genres miteinander vereint. Der japanische Regisseur EIJI UCHIDA mixt auf erfrischende Weise Elemente aus Horrorfilmen, Thriller, Komödien und Dramen zu einem unterhaltsamen Cocktail, der mit einem gewissen Augenzwinkern genossen werden sollte. Auch wenn GREATFUL DEAD ernste Themen, wie Anonymität und Einsamkeit der heutigen, schnelllebigen Gesellschaft erforscht, hat Macher EIJI UCHIDA seinen sehenswerten Stalker-Streifen mit reichlich Selbstironie ausgestattet, damit es auch etwas zu Schmunzeln gibt. Wenn sich Alt und Jung die Augen auskratzen, unerwartete Wendungen ihren Lauf nehmen und Sympathiepunkte neu verteilt werden, kann man UCHIDA für diesen unterhaltsamen und dennoch ungewöhnlichen Terror-Flick nur beglückwünschen. Hauptdarstellerin KUMI TAKIUCHI erweist sich übrigens als Glücksgriff. Sie konnte sich gegen 500 andere Bewerberinnen behaupten und erhielt die Rolle der traumatisierten und bemitleidenswerten Antiheldin. Dass die junge Japanerin zuvor noch nie vor der Kamera gestanden haben soll, mag man gar nicht glauben, scheint ihr doch die Rolle der Psychopathin wie auf dem Leib geschneidert zu sein.
 
 
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GREATFUL DEAD – Fazit

 
 
 
8 Punkte Final
 
 
 
Da sind sie wieder: die seltenen acht Filmklappen, die dieser Film zu recht verdient hat. GREATFUL DEAD ist großartiges, rabenschwarzes Horrorkino aus Fernost, in dem weder die Geschichte noch ihre Figuren zu kurz kommen. Japan beweist mal wieder, dass man in puncto Einfallsreichtum westlichen Filmschaffenden haushoch überlegen ist. Abermals traut man sich das Unkonventionelle und trifft damit den Nerv der Horrorfans. Auch wenn es in GREATFUL DEAD äußerst makaber und bitterböse zugeht, gibt es auch reichlich zu Schmunzeln, denn Regisseur EIJI UCHIDA achtet darauf, dass sich die eigentlich ernste Thematik nicht zu sehr auf das Gemüt des Zuschauers legt. GREATFUL DEAD besitzt eine brisante soziale Botschaft und erforscht die Folgen einer rasch alternden Bevölkerung, die in einer schnelllebigen und anonymen Gesellschaft immer häufiger mit Einsamkeit zu kämpfen hat. Dass jedoch die Einsamkeit schon längst nicht mehr ausschließlich ein Problem der Alten ist, wird anhand der zermürbenden Charakterstudie von Antiheldin Nami deutlich. Die ist als traumatisierte Psychopathin in ihrem Vorgehen zwar abgebrüht, aber dann doch wieder zu menschlich, dass man ihr das abnormale Verhalten nicht übel nehmen möchte. Dass Schauspielerin KUMI TAKIUCHI bisher noch nie vor der Kamera gestanden hat, ist ein Segen. Die spielt trotz Unerfahrenheit so natürlich, dass man Regisseur EIJI UCHIDA für diese Besetzung nur beglückwünschen kann. Bei so morbid-kreativem Horrorstoff dürfte es wohl niemanden überraschen, wenn Hollywood Interesse an einem amerikanischen Remake bekunden würde, schließlich ist GREATFUL DEAD ein sehenswertes Thriller-Erlebnis, das wir auch jenen Filmfans empfehlen können, die sonst so ihre Probleme mit Horrorware aus Fernost besitzen.
 
 
 


 
 
 

GREATFUL DEAD – Zensur

 
 
 
Auch wenn es im Film des Öfteren was zu Lachen gibt, kommen auch Gewaltfreunde auf Ihre Kosten. Es gibt einen Fall kopfüber in Reißzwecken zu sehen, Protagonisten werden erschlagen oder mit einem Besen durchbohrt. Insofern der Film hierzulande ausgewertet werden sollte, wird der blaue FSK16-Flatschen auf das Heimkinocover gedruckt.
 
 


 
 
 

GREATFUL DEAD – Trailer

 
 


 
 

Marcel Demuth

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Devil May Call (2013)

Come Back to Me (2014)

Crush – Gefährliches Verlangen (2013)

Stalker (2011)

Misery (1990)

One Hour Foto (2002)

Swimfan (2002)

Obsessed (2009)

The Roommate (2011)

Captivity (2007)

Mr. Brooks – Der Mörder in Dir (2007)

Eine verhängnisvolle Affäre (1987)