Filmreview: „The Afflicted“ / „Another American Crime“ (2010)

 
 
 

Maggi (Leslie Easterbrook) lebt zusammen mit ihren vier Kindern und dem treusorgenden Ehemann (Kane Hodder) in einem kleinen armen Vorort irgendwo in ländlichen Amerika.

Doch die bibeltreue Christin scheint zu oft zur Flasche zu greifen, als das sie geistig in der Lage wäre, ihr Leben und das der Familie in recht Bahnen lenken zu können.

Geistig umnebelt bestraft sie „im Auftrag Gottes“ erst ihren Mann, dem seine Ehefrau vollkommen fremd geworden zu sein scheint, und der außerehelich nach Nähe und Geborgenheit sucht.

Im Streit stößt sie ihn die Treppe hinab, und zertrümmert ihm in ihrer Wut den Schädel.

Mit dem Ableben des Vaters erwartet fortan die ahnungslosen Kinder eine wahres Martyrium.

Mutter Meggi scheint mit dem Leben ihrer Kinder bereits seit längerer Zeit abgeschlossen zu haben, denn emotionslos terrorisiert und schikaniert sie ihre noch minderjährigen Kindern – bis die Lage eskaliert.

 
 
 

Aktuelle Genreproduktionen, die angeblich auf wahren Begebenheiten beruhen scheinen derzeit ja absolut im Kommen zu sein. Ob sich die Geschichten dahinter wirklich so abgespielt haben, oder einzig den kreativen Köpfen der Drehbuchautoren entspringen ist oftmals schleierhaft. Auch das Regie-Erstlingswerk des ehemaligen Tontechnikers Jason Stoddard macht keinen Hehl daraus auf aktuelle Geschehnisse zurückzugreifen, wobei ich dennoch gestehen muss, dass ich das so, wie es der Film zumindest schildert, nicht so wirklich glauben möchte.

Vorab ein großes Lob an Darstellerin Leslie Easterbrook („The Devils Rejects„, „Halloween„), die in der Rolle der psychisch-debilen Terror-Mutter „Maggi“ wirklich alle Facetten eines verwirrten Geisteszustandes glaubhaft umzusetzen weiß.

Anfänglich noch als liebende Ehefrau und Mutter skizziert, zerfällt ihr vollkommen verletzlicher Geisteszustand von Filmminute zu Filmminute. Dabei zerschmelzen die Übergänge zwischen gottesfürchtigen Wahnvorstellungen, Alkoholismus, Schizophrenie und zermürbende Verachtung und Hass den Kindern zugegen fließend ineinander.

Als Zuschauer hat man keine Chance sich diesem exzellenten Schauspiel zu entziehen, und man mag wahrlich nicht glauben wollen, zu welchen Handlungen eine derart hilflose Mutter fähig sein kann.

Denn nachdem „Maggi“ realisiert hat, dass sie im Halbsuff ihren Ehemann erschlagen hat und ihn in der Gefriertruhe im Schuppen versteckt hält, scheint sie mit ihrem Leben gänzlich abgeschlossen zu haben und beginnt die eigenen Kinder zu terrorisieren.

Parallelen zum kontroversen Thriller „An American Crime“ (lose Verfilmung des Buches „Evil“ von Jack Ketchum) aus dem Jahre 2007 sind unverkennbar, wobei die Leidensgeschichte der Protagonistin aus der Ketum-Verfilmung, minimal schockierender, subtiler und bedrückender auf den Zuschauer einzuwirken weiß.

Die ebenso guten schauspielerischen Leistungen der drei Schwestern in „The Afflicted“ wissen trotzdem ebenso zu überzeugen. Dennoch, das Drehbuch offenbart hier einige wirklich offensichtliche Logiklücken.

Die drei vollkommen unterschiedlichen Schwestern (zwei von ihnen sind fast volljährig und machen nun keinen augenscheinlich hilflosen Eindruck) wissen sich kaum zu wehren und dulden die moralisch fragwürdigen Handlungen der vollkommen labilen und schwachen Mutter. Der einzige Sohn frönt dem makaberen Treiben wortlos bei und dient einzig als Handlanger für die Beseitigung des „Abfalls“ der Mutter. Aus Angst versuchen die Kinder erst kaum sich der Außenwelt zu offenbaren, da sich davon ausgehen, dass ihnen niemand Glauben schenken würde.

Die drei Schwestern unterscheiden sich enorm voneinander. Die älteste Schwester Cathy scheint souverän und erfahren und muss den Großteil der Schikanen ertragen, die 16jährige Carla gibt die taffe Rebellin und Grace, die jüngste der drei Schwestern verkriecht sich lieber wortlos in ihr Zimmer und dokumentiert die Geschehnisse in ihrem Tagebuch.

Warum sich zumindest die älteren Geschwister nicht zu wehren wissen und warum sie kaum versuchen den wirren Wortfetzen der Mutter zu kontern und stattdessen alles brav über sich ergehen lassen, entzieht sich, zumindest mir, jeglicher Logik.

Demnach ist das Ende auch relativ ernüchternd und etwas zu spitz dargestellt und hinterlässt, trotz einem knallharten und konsequenten Abschluss, einen unweigerlich unbefriedigenden Eindruck beim Zuschauer.

 
 

The Afflicted“ ist ein recht ordentlicher Thriller, der mit seiner kontroversen Thematik sicher für gehörig Gesprächsstoff sorgen dürfte. Gerade die, im Wind wehende Amerikanische Flagge, welche im Verlauf des Filmes des öfteren vor dem Fenster der Gepeinigten flattert suggeriert, dass derart Geschehnisse scheinbar tagtäglich unentdeckt in diversen gutbürgerlichen und frommen amerikanischen Kleinfamilien vorfallen sollen.

Hält man sich vor Augen, dass es sich bei dieser Produktion um ein niedrig budgetiertes Independent-Werk handelt und Regisseur Jason Stoddard bisher keine Regie-Erfahrung vorweisen kann, so kann man letztendlich behaupten, dass das Endresultat beachtlich sehenswert ausgefallen ist.

Regisseur-Neuling Stoddard kann mit Easterbrook und Hodder zwei einschlägig bekannte Größen aus der Horrorfilmszene vorweisen und hat in den Castriege einige höchst talentierte Schauspieler am Start, die wirklich überzeugend agieren.

Leider erschwert die leidlich glaubhafte Geschichte das Mitfiebern und Mitleiden des Zuschauers und gerade aufgrund des fragwürdig nachvollziehbaren Plots, macht sich nach Filmende etwas Ernüchterung breit, und man mag als Zuschauer das Gefühl nicht loswerden wollen, dass aus „The Afflicted“ mehr herauszuholen gewesen wäre, hätte man das Drehbuch abschließend noch einmal auf grobe Schnitzer in der Handlung überprüft.

Dennoch, offenen Filmfreunden, die eine Vorliebe für authentische und kontroverse Filmen/Dramen besitzen sei „The Afflicted“ ans Herz gelegt. Hier gibt es keine Schlachterplatte (die Gewalthandlungen passieren im Off), sondern hier zählt allein der zermürbende und hilflose Grundton des arg fragwürdigen Geschehens.

Wem „The American Crime“ zugesagt hat, der dürfte vermutlich auch mit „The Afflicted“ gut unterhalten werden, zumal die beiden Geschichten minimal ähnliche Handlungsverläufen besitzen.

Im übrigen ist der Titel („Another American Crime“), der bevorstehenden deutschen Filmversion (Sommer 2012) vollkommen irreführend.

Die deutsche Titelschmiede offeriert einen indirekten Bezug zur Ketchum Verfilmung „An American Crime“ aus dem Jahre 2007, was natürlich vollkommener Quark ist.

 
 
 

Fazit: 6,5/10 Punkte

 
 

Ambitioniertes Indiwerk, mit einer hervorragenden „Leslie Easterbrook“, aber einer etwas minder glaubhaften Story. Für ein Regiedebüt trotzdem beachtlich!

 
 

(FSK-Freigabe: ungeschnitten – keine Jugendfreigabe)
 
 
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Hellraiser80

Filmreview „Jack Ketchum: The Woman“

 

Die Cleerks – eine scheinbar völlig normale Familie.

Bis „Daddy Cleerks“ bei seinen Jagdausflügen eines Abends eine völlig verwahrloste Wilde im Wald entdeckt, sie niederschlägt und die „Daheimgebliebenen“ mit einem neuen „Kellergast“ beglückt.

Sein Ziel die Wilde zu „sozialisieren“ lüftet den Schleier eines über Jahre gut „geplegten“, derb-makaberen Familiengeheimnisses.

 

Nach diversen guten und mittelprächtigen Verfilmungen kontroverser Romane des Buchautors „Jack Ketchum“ erschien nun ein weiterer cineastischer Ableger seines Schaffens mit „The Woman„.

Bereits bei der Erstaufführung des Filmmaterials auf dem diesjährigen Sundance – Festival zu Beginn des Jahres soll es, glaubt man diversen Internetforen, die ersten Eskalationen gegeben haben. Angeblich soll einer der Zuschauer mit dem stark frauenverachtenden Grundton des Filmes so psychisch überfordert gewesen sein, dass er die sofortige Vernichtung des Filmmaterials forderte.

Gerüchte hin oder her, als raffinierter Schachzug für eine Bessere Vermarktung des Machwerks allemal eine recht förderliche Sache. Zumindest um das kleine „Indie-Juwel“ aus dem Sumpf der Masse an Filmproduktionen positiv hervorzuheben.

Eins vorweg,  „The Woman“ ist hart und frauenverachtend geworden – zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick offenbahrt uns ein ergreifendes Familiendrama das den Zuschauer an die Grenzen seiner psychischen Belastbarkeit drängt.

Otto-Normal-Filmkonsument wird die Thematik (wie bei diversen „Ketchum„- Verfilmungen zuvor) bitter und übel aufstossen – zu kontrovers, zu mainstream-fern, zu blutig.

Für alle offenen Filmfans ist „The Woman“ eine Offenbahrung: tiefgründig, makaber, spannend.

Die teilweise ins Extrem driftenden schauspielerischen Leistungen seien an dieser Stelle für eine derart niedrigbudgetierte Independent-Produktion positiv hervorzuheben. Die gepeinigte Wilde (grandios und authentisch gespielt von Pollyana McIntosh), ebenso die geschundene Ehefrau (Angela Bettis hat nie besser performt) führen den Zuschauer glaubhaft, sicher und intensiv entlang dem Story-Faden bis zum bitteren und harten Ende.

Mit selbstzweckhafter, grafischer Gewalt geizt auch die neueste „Ketchum„-Verfilmung nicht.  Beginnt der Film noch recht unscheinbar und idyllisch, steigert sich bis zum erlösenden Ende auch der Spannungs-, Gore – und Splatteranteil. Dem geübten Gorehound wird das sicher munden, der deutschen FSK-Zensurbehörde mit Sicherheit nicht. Noch wurde der Film vom Vertriebs-Label CAPELIGHT Pictures nicht zur Prüfung vorgelegt. Wundern dürfte es mich zumindest nicht, würde „The Woman“ in hiesigen Gefilden eine Freigabe-Verweigerung erhalten.

Fazit: 8/10 Punkte

Hartes,  glaubhaftes und intensives Horror-Drama, das für den geübten Mainstream-Zuschauer nur bedingt zu empfehlen ist.  Offene und nervenstarke  „Nieschen“-Filmschauer werden an diesem kleinen Horrorjuwel ihre helle Freude haben.

 

Hellraiser80