Filmkritik: „Annette“ (2021)

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ANNETTE

Story

 
 
 
Ein zynischer Stand-Up-Comedian und eine berühmte Opernsängerin scheinen das unübliche Star-Couple ihrer Zeit zu sein, doch nach der Geburt ihrer Tochter tun sich langsam aber sicher Abgründe auf…

 
 
 


 
 
 

ANNETTE – Kritik

 
 
Der französische Regisseur Leos Carax dürfte zumindest Arthouse-Freunden spätestens nach seinem triumphalen „Holy Motor“ (9/10) kein Unbekannter mehr sein, doch so wirklich im internationalen Mainstream angekommen war er auch mit dieser verspielten, mehrsprachigen und zutiefst eigentümlichen Meisterleistung noch nicht so recht. Dies ändern könnte sich dem ersten Blick nach nun mit „Annette“, Carax‘ erstem englischsprachigem Film. Noch eindeutiger als Musical zu identifizieren, einer stringenten Story folgend und mit Adam Driver in der Hauptrolle ausgestattet sicherlich ein höchst vermarktbarer Film, der so manch nichtsahnenden Zuschauer hinters Licht führen könnte – doch zumindest meine Enttäuschung liegt leider nicht an einer gänzlich falschen Erwartungshaltung. Denn dass Carax mit Sicherheit keinen hohlen Feelgood-Film mit glücklichen, stereotypen Charakteren und Ohrwurmnummern für die ganze Familie inszenieren würde, das war klar – doch die große Frage ist, was hat die britische, zuletzt durch Edgar Wrights letztes Projekt wieder ins öffentliche Interesse gerückte Band „Sparks“, zusammen mit Carax und 134 Minuten Lauflänge (ohne Abspann), bitte stattdessen geschaffen? Was genau ist der Kern, Punkt oder Mehrwert von „Annette“? Der Versuch einer Annäherung.
 
 

„Breathing will not be tolerated during the show.“

 
 
Es könnte kaum besser beginnen: Die Sparks selber im Studio, flirrende Überblenden und flackernde Lichter, aufdringliches Editing läutet die ersten Sekunden ein, dann folgt direkt die euphorischste, schmissigste Nummer des gesamten Films: „So may we start?“ durchbricht die vierte Wand und richtet sich direkt an den Zuschauer, lässt intelligentes Meta-Kino á la „Birdman“ erwarten, prägt sich ein und lässt nach sechs Minuten mit der Titlecard den eigentlichen Film beginnen. Dieser lässt in minutenlangen Aufnahmen dann erst einmal die Bühnenshow des verbitterten Comedian Henry McHenry, gespielt von Adam Driver, für sich sprechen, in denen man sich nie ganz sicher sein kann, welche Parts seiner bizarren, publikumsbeschimpfenden Show auch als Teil des Filmuniversums als Musical inszeniert werden, und welche nur für den Zuschauer des Films so inszeniert werden, da „Annette“ ein Musical ist. Abseits dieser ggf. spannenden Ambiguität des Mediums aber gibt es rein narrativ sehr wenig zu holen, da eben „nur“ ein Charakerporträt von McHenry gegeben wird, von seiner Sicht auf die Welt, sein Leben, das Business und die Liebe zu seiner Verlobten.
 
 

„True love always finds a way.“

 
 
Diese heißt Ann Desfranoux und ist eine berühmte Opernsängerin, die Henry nach seinen Shows stets mit dem Motorrad abholt, „We love each other so much“, den zweiten Song des Films, singend. Eine unerfüllte Routine beider Shows zeichnet sich ab und ein paar Lieder später informiert eine merkwürdig billig aussehende News-Einblendung uns darüber, dass Ann schwanger ist. Möglichst sappy und quirky und süß und witzig und ulkig sollen dann wohl Inszenierung und Song zur Geburts wirken, doch stattdessen wird der Film hier, nach den ersten 40 Minuten, zum ersten Mal wirklich nervig und anstrengend, da dieses Gute-Laune-Musical weder in die Welt passt, noch einen erzählerischen Mehrwert hat.
 
 

„She’s not of this world!“

 
 
Das Baby wird „Annette“ getauft, wer hätte es gedacht, und wird forthin das Zentrum dieser Geschichte bilden, die sich den ersten Akt lang in erster Linie durch zwei Charaktere und ihre Beziehung aufgebaut hat. Doch auch wenn die grundsätzliche Idee, durch einen mutigen und gewagten inszenatorischen Kniff eben jenes Baby möglichst fremd und distanziert und objektifiziert zu zeigen, mir durchaus gefällt, so leidet der Film forthin doch unter einigen allzu kitschigen, technisch überraschend schwachen oder redundanten Szenen – sowie unter einer selten gesehenen Handlungsarmut, gerade für diese Lauflänge. Denn gerade da es sich natürlich nicht um ein Gute-Laune-Musical von Disney handelt, in dem die Lieder mit aufwendigst inszenierten Musikvideos einhergehen und eindeutig starten und enden, sondern um einen idiosynkratischen Film eines echten Autoren, werden Dialog und Gesang gerne mal so munter gemischt, dass nicht wirklich von einem Antizipieren von gesonderten Handlungsszenen oder Songs die Rede sein kann und mehr als ein Charakterporträt der Eltern, ihrer Unterhaltungsbranche und ein Stück weit des Publikums, gespiegelt an und beleuchtet durch Annettes Präsenz, braucht man die folgenden 80 Minuten lang nicht erwarten.
 
 
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Freilich sieht man an begeisterten Onlinekritiken und diversen gewonnen Preisen dass „Annette“ sehr wohl munden kann, spätestens wenn man ohnehin schon Fan des Casts, von Musicals oder den Sparks ist – auch haben sich zweifelsohne eine handvoll magischer Ideen, bildschöner Beleuchtungen und einzigartiger Szenen in dieses Werk geschlichen, die deutlich als Handschrift des Regisseurs zu sehen sind, dessen Oeuvre ich nur empfehlen kann. Doch so entfesselt, physisch und facettenreich Adam Driver auch spielt, so berauschend die wunderbar altmodische Rückprojektion im endlosen Wellengang auch war, wann immer hier minutenlang „lalala“ gesungen wird wähernd inhaltlich wenig passiert und sich kaum eine Komposition einprägt, habe ich mich viel zu sehr an die Art anstrengender Feel-Good-Musicalunterhaltung erinnert gefühlt, die ich sonst zu meiden versuche
 
 
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Obwohl eins der folgenden Themen des Films also tatsächlich Rache ist, obwohl es ein klassisches Finale inklusive Offenbarung gibt und obwohl jede CGI-freie Szene technisch nahezu perfekt eingefangen ist, war der gesamte Rest der Geschichte leider wirklich frustrierend einfach, vorhersehbar, minimalistisch und dafür zu langsam erzählt. Hätte mich die Story ergriffen oder angespannt, so hätte ich über einige der zu langen oder mir nicht mundenden Songs hinwegsehen können, hätte mich die Musik in Trance versetzt, so wäre das spannungsarme Script ein kleinerer Dorn im Auge gewesen – doch bei alles Liebe für merkwürdige, eigenwillige, lange und verspielte Filme war mir „Annette“ dann leider doch gleichzeitig zu viel – Kitsch, Künstlichkeit, Fokus auf Musik – und viel zu wenig – Story, Spannung, Charakterentwicklung, Themenvielfalt.
 
 
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ANNETTE – Fazit

 
 
 
4 Punkte Final
 
 
Technisch beeindruckendes und sehr gut gespieltes, einzigartiges Musical-Drama mit einem stark aufspielenden Adam Driver und einer äußerst simplen sowie geradlinigen Story und Charakterzeichnung.
 
 


 
 
 

ANNETTE – Zensur

 
 
 
Das Drama „Annette“ ist in Deutschland ungeschnitten und frei ab 12 Jahren zu haben.
 
 
 


 
 
 

ANNETTE – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) Alamode Film (Blu-ray im KeepCase)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Annette; Belgien | Deutschland | Frankreich | Japan | Mexiko | Schweiz | USA 2021

Genre: Liebesfilme, Musicals, Musik, Drama

Ton: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Deutsch (Hörfilmfassung) DD 2.0, Englisch DTS-HD MA 5.1

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte, Deutsch

Bild: 1.85:1 (1080p) | @23,976 Hz

Laufzeit: ca. 141 Minuten

FSK: FSK12 (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: Blu-ray im Keepcase

Extras: Deutsche Hörfilmfassung, Unsichtbare Fäden: Die Erschaffung von Annette, Interview mit Marion Cotillard, Trailer

Release-Termin: KeepCase: 22.04.2022

 

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ANNETTE – Trailer

 
 


 
 
 

Alexander Brunkhorst

(Rechte für Grafiken liegen bei Alamode Film)

 
 
 
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