Filmkritik: „Schachnovelle“ (2021)

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SCHACHNOVELLE

Story

 
 
 
In dieser Literaturverfilmung nach Stefan Zweigs Novelle wird der Anwalt Josef Bartok im Hauptquartier der Gestapo gefangen gehalten, bis er bereit ist die Codes seiner Konten zu verraten.

 
 
 


 
 
 

SCHACHNOVELLE – Kritik

 
 
Von der 2019er-Musicalverfilmung „Ich war noch niemals in New York“ mit u.a. Uwe Ochsenknecht und Heike Makatsch, sowie seiner Winnetou-Trilogie abgesehen, dürfte der man den deutschen Regisseur Philipp Stölzl am ehesten durch seine mäßig angekommene Romanadaption „Der Medicus“ sowie das historische Drama „Nordwand“ kennen, in denen die Grundsteine für Stölzls Interessengebiete bereits gelegt wurden. Anno 2021 meldet er sich nun mit einer weiteren hochkarätig besetzten, deutschen Romanverfilmung zurück, die durch ihren historischen Kontext an Brisanz sowie Relevanz gewinnt.
 
 
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61 Jahre nach Gerd Oswalds erster Adaption von Stefan Zweigs bekanntestem Werk, damals noch mit Mario Adorf in der Rolle des ungarischen Schachmeisters Mirko Centowic, sind die Schreckensbilder marschierender Truppen und einer radikalisierten Bevölkerung leider wieder brandaktuell und auch das deutsche Kino hat sich vom Klischee der „biederen Geschichtsaufarbeitung“ der Zweitausender gewandelt hin zu originellen, jungen und erfrischenden Produktionen, die es oftmals locker mit der internationalen Konkurrenz aufnehmen können. In „Schachnovelle“ – oder „The Royal Game“, wie der Film international vermarktet wird – merkt man davon allerdings herzlich wenig.
 
 
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Zweigs Geschichte über den charmanten, wohlhabenden, intelektuellen, worgewandten sowie gerissenen, jüdischen Anwalt Dr. Josef Bartok, der 1938 Ziel der einrückenden Nazis und zur psychologischen Folter in die Isolationshaft verdammt wird, beginnt hier mit hastig geflüsterten Spielanweisungen, professionellem Sound, hunderten Statisten, einer langsam fahrenden Kamera und sehr hübschen, wenn auch durch CGI deutlich gekünstelten Einstellungen vom nächtlichen Hafen, sprich: Technisch stimmt von Sekunde eins an nahezu alles, was sich auch kaum noch ändern wird. Die routinierte, gelackte Inszenierung ist stets hochprofessionell, die Kostüme sind authentisch und der Soundtrack stimmig, gerade die erste Montagesequenz der eigentlichen Schachspiele ist zudem vorbildlich editiert und mitreißend, als wäre man als Zuschauer schon seit Stunden vor Ort.
 
 
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Auch hört das Lob keinesfalls beim Schauspiel auf, denn mehr noch als „kompetent“ oder „routiniert“ würde ich hier fast schon von einer oscarreifen Performance von Oliver Masucci reden, der durch Zurückhaltung und nuancierte Mimik zu jedem Zeitpunkt die Gefühlslage unseres gebeutelten Protagonisten zu vermitteln weiß, ohne den enormen Anforderungen an die Rolle je ungerecht zu werden. Ähnlich beeindruckend, wenn auch ein Stück weit weniger fordernd spielt Albrecht Schuch, der den widerlich überheblichen, gespielt-freundlichen, sardonisch-sadistischen Antagonisten mimt.
 
 
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Allerdings, wer nach den letzten zwei Absätzen auf das große „Aber“ wartet, der soll Recht bekommen: Denn was bringt die noch so hochwertigste Inszenierung, was das noch so überzeugendste Schauspiel, wenn Seele, Esprit, jegliche Anflüge von Originalität oder auch nur zeitgenössischer Inszenierungsbereitschaft völlig fehlen? Die Dialoge sind gerade zu Beginn schmalzig und aufgesetzt geschrieben, das Colorgrading wurde auf die Voreinstellung „Retro“ gestellt und geht damit mehr Richtung Netflix-Look als Richtung Realität, symbolisches oder visuelles Erzählen geht dem Film komplett ab. Und da hört es nicht auf, denn nach etwa einer Stunde dieser knapp zweistündigen, im späteren Verlauf durch einige deutlich vereinfachende, abändernde Details den Punkt der Novelle völlig verfehlenden Verfilmung weiß man auch ohne Kenntnis des Originals ziemlich eindeutig, worauf es wohl hinaus laufen wird – und von da an folgt dann auch leider keine Überraschung mehr.
 
 
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Stattdessen kann man je nach Gusto gelangweilt und frustriert abschalten, dass deutsche Biographien- oder Historienfilme ausschließlich für den Schulunterricht produziert werden, oder sich glücklich schätzen dass hier zumindest nicht in die Falle der unnötigen Zwangsmodernisierungen getappt wurde. Das inhaltlich größte Manko kann ich aus Spoilergründen leider nicht weiter benennen, dafür aber – wie der Film auch – immerhin weiter die polierte Oberfläche hervorheben, denn gerade das Set, in dem die Schachpartien selber sich abspielen, ist wirklich bewundernswert.
 
 


 
 
 

SCHACHNOVELLE – Fazit

 
 
 
6 Punkte Final
 
 
Eine weitere biedere, überlange deutsche Literaturverfilmung rund um den Zweiten Weltkrieg, die Herzen der ARD/ZDF-Zuschauer zu erobern, im Deutschunterricht des Landes zwangsgeguckt zu werden. Fantastisch gespielt und hochwertig inszeniert, aber genau so vorhersehbar und durchsichtig wie unterfordernd, zudem unklug vom Original abgeändert.
 
 


 
 
 

SCHACHNOVELLE – Zensur

 
 
 
„Schachnovelle“ ist in Deutschland ungeschnitten und frei ab 12 Jahren zu haben.
 
 
 


 
 
 

SCHACHNOVELLE – Deutsche Blu-ray

 
 
 
schachnovelle-bluray

(c) Arthaus | StudioCanal (Blu-ray im KeepCase)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Schachnovelle; Deutschland | Österreich 2021

Genre: Drama

Ton: Deutsch DTS-HD MA 5.1

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Bild: 2.40:1 (1080p) | @24 Hz

Laufzeit: ca. 112 Minuten

FSK: FSK12 (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: Blu-ray im Keepcase

Extras: 3 Featurettes, Making-of, Kinotrailer

Release-Termin: KeepCase: 10.03.2022

 

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SCHACHNOVELLE – Trailer

 
 


 
 
 

Alexander Brunkhorst

(Rechte für Grafiken liegen bei Arthaus | StudioCanal)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Die Blechtrommel (1979)
 
Der Hauptmann (2017)
 
Napola – Elite für den Führer (2004)