Filmreview: „Simon Killer“ (2012)

Simon Killer poster
 
 
 

SIMON KILLER

Story

 
 
 
Simon (Brady Corbet) ist ein attraktiver, junger Mann, der schnell mit Frauen in Kontakt kommt und sie rasch in seinen Bann zieht. Als er nach Paris reist, um Abstand von seiner alten Beziehung zu gewinnen, lernt er die Prostituierte Veronika (Mati Diop) kennen, der er bald sein wahres Gesicht offenbart …
 
 
 


 
 
 

SIMON KILLER – Kritik

 
 
 
Nach wie vor sind Killer im Kino ein garantierter Kassenmagnet, der die Filmfans nahezu fasziniert vom Bösen unermüdlich in die Lichtspielhäuser lockt. Dabei muss das Böse nicht immer nur in Gestalt maskierter Irrer über die Leinwand huschen. Oftmals sind es es genau jene Entsetzen auslösende Psycho- und Soziopathen, denen man es auf den ersten nicht Blick ansieht, dass deren Psyche eindeutige etwas zu arg gelitten hat. Zuletzt hat das Regisseur FRANCK KHALFON eindrucksvoll bewiesen, der im Remake zum Klassiker MANIAC statt eines schleimigen Widerlings, einen unscheinbaren und fast schon mitleiderregenden ELIJAH WOOD für die Filmrolle des mordenden Frank Zito wählte, um genau damit zu symbolisieren, dass selbst im netten Jungen von nebenan ein eiskalter Killer schlummern könnte. Nicht ganz so drastisch aber ebenso verabscheuungswürdig (wenn auch auf eine ganz andere Weise) geht Antagonist Simon (gespielt von einem wirklich hervorragender BRADY CORBET) im Zweitwerk von Regieneuling ANTONIO CAMPOS zugange. Der lässt nicht selten die innere Hässlichkeit des Menschen hervorblitzen und entpuppt sich im Verlauf der kleinen Geschichte als Teufel mit dem Gesicht eines Engels.
 
Der titelgebende Held hatte Stress mit seiner Freundin Michelle. Die Beziehung ging in die Brüche, so dass Simon nach Paris reist, um Anstand zu gewinnen. Lang allein bleibt er dort nicht, denn der smarte Amerikaner findet direkt Anschluss bei der Prostituierten Veronika (MATI DIOP). Die rassige Schönheit lebt seit der Trennung von ihrem aggressiven Freund in einem kleinen Apartment und verdient sich ihr Geld in einem Stripclub. Simon schreibt zwar der Ex täglich Emails und hofft auf eine baldige Versöhnung, findet aber bei Veronika vorerst Trost, die sich bald in den geheimnisvollen New Yorker verliebt. Doch dem Touristen gehen allmählich die Geldreserven aus, so dass eine Lösung gefunden werden muss, um die Kasse aufzufüllen. Blind vor Liebe willigt Veronika ein, sich ihre Freier nach Hause zu holen. Dort soll das meist außereheliche Schäferstündchen auf Video festhalten werden, um die Kunden später erpressen zu können. Das hinterhältige Spiel mit dem großen Geld läuft zwar anfänglich gut, doch eines der Opfer macht den Geschäftstüchtigen einen Strich durch die Rechnung.
 
SIMON KILLER weckt falsche Erwartungen, was vor allem am Wort „Killer“ im Titel liegen mag. ANTONIO CAMPOS hat hier keine bluttriefende Schlitzer-Orgie auf Zelluloid gebannt, sondern ein beunruhigendes psychologisches Porträt eines jungen Mannes, das dessen kränkliche Beziehungen zu Frauen und seine inneren Dämonen erforscht. Das weibliche Geschlecht scheint für den smarten Simon nämlich nur Mittel zum Zweck zu sein. Das bekommt auch Hure Veronika zu spüren, die dem ihr eigentlich Fremden Obdach und Liebesleistungen bietet, ohne überhaupt etwas dafür zu fordern. Als Simon am Ende mit der liebesblinden Frau nichts mehr anzufangen weiß, macht er kurzen Prozess und erschleicht sich das Vertrauen anderer Frauen. In kurzen Filmszenen erleben wir das Verhältnis zur Mutter. Das ist wie so oft bei Persönlichkeitsgestörten ungewöhnlich innig (man erinnere sich an Norman Bates in PSYCHO), so dass sich Simon auch gut und gerne mal wie ein unselbstständiges, jährzorniges Muttersöhnchen zwanghaft flennend vor die Webcam setzt, um der Mutter seinen Kummer zu beichten, wenn er nicht mehr weiter weiß. Was sich jedoch in der Vergangenheit des Hauptcharakters abgespielt hat bleibt größtenteils unergründet, so dass unschlüssig bleibt, ob sein frauenverachtendes Verhalten einen wirklich tiefverwurzelten Indikator besitzt oder es sich bei Simon doch nur um einen desorientierten und innerlich verwirrten Mann handelt, der in seiner letzten Beziehung einfach nur sehr verletzt wurde. Simons plötzliche Gewaltausbrüche bleiben psychologisch unbeleuchtet, was es für den Zuschauer erschwert SIMON KILLER zu kategorisieren, da sich der Protagonist in keine Schublade zwängen lässt.
 
SIMON KILLER ist kein Film für Zwischendurch. Der Streifen fordert die Aufmerksamkeit des Zuschauers, dem natürlich bewusst sein sollte, dass er es hier mit keinem weiteren Psychoschocker zu tun hat in dem dutzende Frauen gemeingefährlich abgeschlachtet werden. Regisseur FRANCK KHALFON lässt viel improvisieren und hält die Kamera nahezu minutenlang auf die Akteure ohne zu schneiden oder wegzublenden. Das mag zwar künstlerisch durchweg gelungen umgesetzt sein, strapaziert aber die Geduld des Zuschauers, der aufgrund der recht gemächlichen und sehr dialogreichen Inszenierung schnell das Interesse an SIMON KILLER verlieren dürfte. Nach dem kontroversen Drama AFTERSCHOOL (2008) ist SIMON KILLER der zweite Spielfilm von ANTONIO CAMPOS, der sich nach eigenen Angaben von Romanen der Krimiautoren GEORGES SIMENON und JIM THOMPSON inspirieren lassen hat. Auf dem 2012er Sundance Film Festival avancierte der Streifen zum Geheimtipp, was angesichts der etwas eigenwilligen Umsetzung und ziemlich ruhigen Erzählweise etwas sehr weit hergeholt scheint. Nichtsdestotrotz lohnt SIMON KILLER gesehen zu werden, zumindest für jene, denen durchdachte Geschichten in Filmen wichtig sind. Denn für blutgeile Horrorfans gilt nämlich hier vorerst Sendepause.
 
 
 


 
 
 

SIMON KILLER – Fazit

 
 
 
6 Punkte Final
 
 
 
Ein AMERICAN PSYCHO in Paris. Unangenehmes Psycho-Thriller-Drama mit charismatischem Hauptdarsteller, viel Sex und nettem Soundtrack, der vermutlich öfter im Player rotieren dürfte, als der Film selbst. Wer langsam erzählte Geschichten bevorzugt, in dem sich das Grauen schleichend seinen Weg durch den Film bahnt, darf gern einen Blick riskieren.
 
 
 


 
 
 

SIMON KILLER – Zensur

 
 
 
SIMON KILLER ist kein blutrünstiger Psychothriller. Simons Handlungen werden nur angedeutet. Somit dürfte der Streifen hierzulande ungeschnitten ab 16 Jahren freigegeben werden.
 
 
 


 
 
 

SIMON KILLER – Trailer

 
 


 
 

Marcel Demuth (Hellraiser80)

 
 
 
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hemorrhage 2012
 
 
 

HEMORRHAGE

Story

 
 
 
Oliver leidet an einer Form von Schizophrenie und Halluzinationen. Seit sechs Jahren befindet er sich in einer psychiatrischen Anstalt. Als er entlassen wird, um wieder in die Gesellschaft eingegliedert zu werden, hat das für ihn und sein Umfeld bittere Auswirkungen …
 
 
 


 
 
 

HEMORRHAGE – Kritik

 
 
 
Wenn man sich im Horrorgenre umschaut, könnte man meinen, dass man in dieser Welt rein gar nicht mehr sicher sein kann. Vor allem, wenn es um geisteskranke Psychopathen geht, findet die Kreativität eifriger Drehbuchschreiber keine Grenzen mehr. Mordgeile Psychos sieht man nahezu in jedem zweiten Horrorfilm, wo sie sich nicht selten mit viel Enthusiasmus und allerhand Baumarkt- und Haushaltsutensilien durch die Körper ihrer Opfer arbeiten. Den Ambitionen der Täter wird jedoch nur in wenigen Fällen Beachtung geschenkt, schließlich will sich der Horrorfan an möglichst blutigen Morden erfreuen und sich nicht durch akribische Psychogramme kaltblütiger Killer quälen. Wer jedoch Genre-Schocker einzig der Freude an niveaufreier Metzelunterhaltung wegen in den DVD-Player wirft, dürfte mit dem heute besprochenen HEMORRHAGE nichts anzufangen wissen. Dieser Indie-Trip ist nämlich genau eines jener Filmchen, das sich mit der Psyche seines kranken Hauptdarstellers beschäftigt. An HEMORRHAGE ist mal wieder offensichtlich, dass unabhängige Regisseure oft die besseren Streifen drehen, da sie sich an keine Konventionen profitorientierter Filmgiganten orientieren müssen. Ihnen steht meist ein großer Experimentierspielraum zu Verfügung, so dass der Filmfreund aus dem Indie-Sektor das serviert bekommt, was sich große Filmstudios einfach nicht zu drehen trauen. Aus dem weit entfernten Kanada kommt das nun folgende Stück Film, das von BRADEN CROFT inszeniert wurde und bei dem es sich weniger um knüppelharten Horror handelt. Wie es bei Indie-Produktionen der Fall ist, musste sich der Regisseur als Multitalent profilieren. Neben Kamera, Drehbuch und Regie hat er in seinem Debüt auch gleich noch eine Rolle übernommen und als Produzent fungiert, schließlich herrscht bei kleinen Produktionen meist Ebbe in der Kasse. Dem Psychodrama hat das marginale Budget keineswegs geschadet, schafft Neuling CROFT mit wenig Geld sogar das Kunststück, das nur wenigen Nachwuchsregisseuren und eher Alteingesessenen gelingt: einen guten Film zu drehen.
 
In seinem Debütstreifen geht es um den einzelgängerischen Harvard-Medizinstudenten Oliver Lorenz (ALEX D. MACKIE). Der leidet an Schizophrenie und Halluzinationen, hat sechs Jahre zuvor die Mutter in den Tod getrieben und fristet seither sein Dasein in einer psychiatrischen Klinik. Seine Ärztin (DIANE WALLACE) ist nach Jahren der Therapie davon überzeugt, dass Oliver durchaus im richtigen Leben zurechtkommen könnte, insofern er immer fein brav seine Medikamente schluckt. Sie bewirkt eine überwachte Entlassung, so dass der vermeintlich rehabilitierte Mann erneut in die Gesellschaft eingegliedert werden kann. Oliver wird Arbeit in einer Fabrik zugewiesen. Wirklich gut fühlt er sich dort jedoch nicht, denn bald beginnen ihm wieder Halluzinationen den Spaß am neuen Leben zu verderben. So wird der verwirrte junge Mann von seiner Ärztin zwangsversetzt und findet eine Anstellung als Hausmeister in einem Krankenhaus. Für den Sohn eines verstorbenen Arztes eine gute Möglichkeit, doch irgendwie eine Heilung für seine Erkrankung finden zu können, doch es kommt wie immer alles anders. Bereits am ersten Arbeitstag begegnet er der attraktiven Krankenschwester Claire (BRITTNEY GRABILL) und entwickelt Sympathien für die zurückhaltende Schönheit. Therapeutin Dr. Peck ist über die Bekanntschaft gar nicht erfreut und erklärt ihrem Patienten vehement, dass er für eine derartige Beziehung noch nicht bereit sei. Doch Oliver lässt sich nicht entmutigen. Er beschließt, seinen eigenen Weg zu gehen, entführt die nichts ahnende Claire und versucht die Aufzeichnungen seines Vaters zu finden, in denen er hofft eine Methode zur Heilung seiner Krankheit zu finden.
 
Bevor jedoch der Protagonist vom rechten Weg abweichen wird, werden die Geschehnisse erstmal im Pseudo-Dokustil beleuchtet. Es werden grausige Operationenszenen aus längst vergangenen Zeiten gezeigt und ein Arzt kommt in kurzen Interview-Fetzen zu Wort. Danach wird auch schon der Filmheld vorgestellt und die Ereignisse nehmen ihren Verlauf. Interessanterweise wird Patient Oliver nicht zum unberechenbaren Irren deklariert. HEMORRHAGE ist einer dieser Filme, die sich nicht vordergründig mit den Taten des Mörders beschäftigen und sie an den Pranger stellen wollen. Stattdessen steht die unheilbare Erkrankung und die mentale Verfassung Olivers im Mittelpunkt. Diesem fehlt in der riesenhaften und anonymen Welt ausreichend Halt und er muss sich ohne Beistand selbst in der Gesellschaft zurechtfinden. Unterstützung erhält der psychisch Kranke nur von seiner Ärztin, die mit ihm telefonisch in Verbindung steht. Doch auch der gelingt es nicht den psychischen Verfall ihres Patienten aufzuhalten. Vollkommen allein und provoziert von der “bösen” neuen Welt, wird die Krankheit immer präsenter und nimmt den Leidtragenden erneut in Beschlag. Trotz Pillen und Medikamente ist Oliver bald nicht mehr Herr seiner Sinne und kann kaum noch zwischen Fiktion und Realität unterscheiden. Packen ihn Angst oder Wut, wandeln vor seinen Augen die mit Blut besudelten Körper seiner Opfer umher.
 
Regisseur BRADEN CROFT schafft es immer wieder den Zuschauer zu verwirren. Der weiß nämlich irgendwann selbst nicht mehr so wirklich, welche Taten die tragische Filmfigur nun wirklich begangen hat und was sich da fiktiv im Hirn Olivers zusammenbraut. Lobenswerterweise muss man sagen, dass für HEMORRHAGE zwei wirklich sehr gute Hauptdarsteller gefunden wurden. ALEX D. MACKIE scheint die Rolle des fragilen und verletzlichen Oliver wie auf dem Leib geschneidert und auch BRITTNEY GRABILL brilliert in der Opferrolle der gefügigen Claire. Gesprochen wird nur wenn nötig; die beiden Protagonisten interagieren und leiden stattdessen meist wortkarg mit- und füreinander. Filmemacher CROFT war es wichtig, dass seinem Antihelden eine gewisse Menschlichkeit zueigen wird. Das gelingt dem Regiedebütanten wirklich selbstsicher. Trotz aller Taten, tritt Oliver nie als bestialischer Killer in Erscheinung. Vielmehr mag man als Zuschauer partout nicht das Gefühl loswerden wollen, als möchte man die ohnehin schon geschundene Seele in die Arme nehmen wollen. Das mag auch Krankenschwester Claire gedacht haben, die zwar von Oliver entführt wird, aber im Verlauf der Geschichte eine befremdliche Zuneigung zu ihrem Entführer entwickelt.
 
Gute Filme braucht das Genre und das ist BRADEN CROFT mit seinem Erstwerk HEMORRHAGE auf jeden Fall gelungen. Das schicksalsreiche Psycho-Drama ist Filmkunst, deren Unbehagen sich langsam ihren Weg bahnt und den Zuschauer in den letzten Filmminuten dort packt, wo’s am meisten weh tut. HEMORRHAGE ist ein Film, der sich viel Zeit für seinen Protagonisten nimmt und diese sowie auch den Zuschauer durch einen heftigen Albtraum jagt. Wenn sich am Ende Oliver seinen Geistern stellt und die Konsequenz daraus bitter vor den Kopf stößt wird schnell klar, dass CROFT alles richtig gemacht hat. Ein ambitionierter Indie-Geheimtipp wie er im Buche steht, auch wenn er sich nicht zwangläufig ins Horrorgenre einordnen lässt.
 
 
 


 
 
 

HEMORRHAGE – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
 
HEMORRHAGE ist ein unglaublich intensiver und ebenso erschütternder Psychotrip, der die Rolle des kranken Killers aus einer ganz anderen Perspektive betrachtet. Lobenswert authentisch gespielt, sollten Horrorfreunde mit Vorliebe für filmischen Tiefgang diesem außergewöhnlichen Psycho-Drama eine Chance geben. Wer hier blutige Dutzendware erwartet, wird enttäuscht werden.
 
 
 


 
 
 

HEMORRHAGE – Zensur

 
 
 
HEMORRHAGE ist kein blutrünstiger Horrorfilm. Hier hält der Filmfan ein eher verstörendes Psychodrama in Händen, bei dem am Ende auch etwas Blut fließen darf. Eine ungeschnittene FSK16 ist wahrscheinlich.
 
 
 
 


 
 
 

HEMORRHAGE – Trailer

 
 
 


 
 

Hellraiser80

 
 
 
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