Filmkritik: „Wenn du krepierst, lebe ich!“ (1977)

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WENN DU KREPIERST, LEBE ICH

(AUTOSTOP ROSSO SANGUE)

Story

 
 
 
Das gebildete Bürgervolk macht Urlaub. Walter Mancini (Franco Nero) ist Journalist. Dazu aber ein ziemlicher Arsch. Auf der Autofahrt durch das nördliche Kalifornien befindet sich der Kollege in einem schon unangenehm anzusehenden Dauer-Zank mit seiner Frau Eve (Corinne Cléry). Die beiden schenken sich nichts. Längst in Hass umgekippter Sarkasmus wechselt sich ab mit offener Demütigung und einem erzwungen aufrechterhaltenen Scheiß-Sexleben. Urlaub zum Kitten einer längst atomisierten Beziehung. Wie im echten Leben. Aua. Als die Eheleute den Anhalter Adam Konitz (David Hess) mitnehmen, eskaliert die Sache recht zügig. Wie jede David-Hess-Rolle brodelt auch Konitz immer nur drei Worte vor der Gewaltexplosion, was sein Umfeld auch schnell zu spüren bekommt. Dazu ist er gerade seinen nicht minder kriminellen Buddies entflohen, mit denen er zuvor eine Bank um ein paar Millionen erleichtert hatte. Die Kohle hat er im Überseekoffer bei sich. Nach einem traurigen Versuch Walters, den sexuellen Avancen des Verbrechers in Richtung Eve eine kernige Tracht Prügel entgegenzusetzen, zückt der Unhold die Waffe und der Arsch hat Kirmes.

 
 
 


 
 
 

WENN DU KREPIERST, LEBE ICH – Kritik

 
 
 
Woran merken wir, dass der Film aus dem stets hochgeschätzten Herstellungsland Italien kommt? Vielleicht schon daran, dass es keine Unterscheidung der Protagonisten in gut und schlecht gibt. Zwar ist einer offiziell kriminell und brutal, die emotionale Kälte der beiden Hass-Akkus aus dem Bildungsvolk macht eine klare Sympathienverteilung beinahe unmöglich. In einer Kurzfilmversion würde man sich die beiden ein paar Minuten beim Hadern im Auto anschauen und dann hoffen, dass nach sieben Minuten spätestens ein Godzilla-Fuß ins Bild tritt und das Gefährt samt Insassen zertrampelt wie einen faulen Apfel beim Erntedank-Spaziergang. Regisseur Pasquale Festa Campanile, aus gutem Hause stammend, war den Großteil seiner Karriere mehr im künstlerisch anspruchsvollen Film und späterem Neorealismus tätig. An Genrestoffen arbeitete er eher in seinen Lehrjahren – wie alle Regisseure dieser Genration. Umso interessanter, den Namen des Regisseurs über einem Titel zu sehen, der im italienischen Original genau so krachig effektheischend heißt wie im deutschen: AUTOSTOP ROSSO SANGUE. Man darf davon ausgehen, dass andere Filmemacher, schließlich lief die Cinecittà in jenen Tagen fast über vor Genre-Spezialisten, WENN DU KREPIERST, LEBE ICH anders aufgebaut hätten. Selbst wenn der für italienische Produktionen typische Fingerzeig auf Klassenunterschiede, die weniger über den Charakter aussagen als sein Verhalten, auch von anderen herausgearbeitet worden wären: Der Gehalt an exploitativen Inhalten wäre höher geworden.
 
 
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Festa Campanile gelang es prächtig, die schmerzhaft stechenden Charakterstudien seiner Figuren über Sex & Violence zu stellen. Dass diese Elemente trotzdem nicht fehlen, spricht für den Film und seine Macher. Vor und hinter der Kamera. Franco Nero war schlicht der Inbegriff europäisch-ländlicher Männlichkeit in diesen Zeiten. Der Weltstar, der sich immer selbst im Weg gestanden hatte, weil seine Weigerung, annehmbares Englisch zu lernen, den Sprung nach Hollywood immer verhinderte. Sein großer US-Wurf, STIRB LANGSAM 2, ist, seien wir ehrlich, ein besserer Cameo-Auftritt eines gealterten Muskelmannes. Zurück zum vorliegenden Film: Seine Darstellung des hass-kranken Ehemannes mit – ohne zuviel zu verraten – allen Wahnsinnsentscheidungen im Handlungsverlauf, bedient sich des gekonnten Spiels mit der Erwartung des Publikums an den Star. Hier ist zu sehen, was für einen Weg der Schauspieler in Amerika hätte nehmen können. Eine Schande. Seine Frau, von Corinne Cléry gespielt, bleibt da schon blasser. Die Dame, die gerade zwei Jährchen zuvor in DIE GESCHICHTE DER O zum Erotik-Skandalnüdelchen de jour geworden war, zu casten ist eine weitere sehr italienische Sache. Und David Hess? Ja David Hess. Als ich mit ihm über den Film redete, musste er lachen und fragte plötzlich mit gespieltem Ernst, ob Corinne Cléry noch leben würde und – viel wichtiger – noch so aussähe wie 1977. Er war kein Schauspieler, sagte er gern. Musiker, der durch Zufall in Filmen gelandet war und Spaß daran hatte, immer das gleiche Serienmörder-Psycho-Ungetüm zu spielen. Gelingt ihm auch hier wunderbar. Die Teilnahme an einem Schmuddelprojekt – gemessen an den Karriereprofilen Neros und Festa Campaniles war der Film das definitiv – wurde offenkundig sportlich gesehen. Pecunia non olet außerdem. Der Regisseur und sein Star kannten sich vorher, empfahlen sich gegenseitig den Produzenten. David Hess, in den Siebzigern in München ansässig, wurde von Nero mitgebracht. Beide hatten dort in einem Polit-Thriller gespielt. In der Rolle des kalifornischen Nordens glänzt natürlich fast kostenneutral Italien. Die Gegend um L´Aquila, bekanntermaßen 2009 von einem Erdbeben heimgesucht.
 
 
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WENN DU KREPIERST, LEBE ICH ist eine ätzende Sozialstudie mit Schlagseite zum Exploitationfilm oder ein schweinischer Exploiter eines zu intelligenten Regisseurs. Das könnt Ihr Euch aussuchen. Auf jeden Fall ein italienischer Film, der sich wie ein Aal allzu simplen Kategorisierungsversuchen entziehen kann und so den Freunden von Gangster-Thrillern, Psychospielchen und Italo-Aficionados gleichermaßen gefallen dürfte. Zumal die vorliegende Ausgabe die erste deutsche Veröffentlichung seit der zensierten VHS vor etwa hundert Jahren darstellt. Den Bootleg, geschraubt aus der US-DVD und dem deutschen VHS Ton (also der Arbeitsweise bei 95% aller deutschen Releases, legal und illegal) nicht mitgerechnet.
 
 
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WENN DU KREPIERST, LEBE ICH – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
 
Django, die O aus der gleichnamigen Geschichte und Krug aus LAST HOUSE ON THE LEFT übertreffen sich gegenseitig in einem Reigen psychoterroristischer Gemeinheiten. Und das ist nur der kammerspielartige erste Teil des Films. WENN DU KREPIERST, LEBE ICH ist ein sehr italienischer Reißer, der damals fast ein wenig zu schlau für sein Publikum war. Zeit, ihn erneut willkommen zu heißen.
 
 
 


 
 
 

WENN DU KREPIERST, LEBE ICH – Zensur

 
 
 
Bei der deutschen Erstaufführung im Kino war WENN DU KREPIERST, LEBE ICH noch ungeschnitten. Anders sah es da schon bei der VHS-Veröffentlichung aus. Dort musste der Streifen Federn lassen. Nach einem ungeschnittenen Bootleg, kann man den Film mittlerweile legal von OFDB FILMWORKS erwerben – und das sogar auf Blaustrahl. Sammler und Liebhaber italienischer Schmuddelfilme können bedenkenlos zugreifen. Die Blu-ray / DVD von genanntem Rechteinhaber ist ungeschnitten.
 
 
 


 
 
 

WENN DU KREPIERST, LEBE ICH – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) OFDB FILMWORKS – Digipack (auf 2000 Stück limitiert)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Autostop rosso sangue; Italien 1977

Genre: Horror, Thriller, Klassiker

Ton: Deutsch DTS-HD MA 2.0, Englisch DTS-HD MA 2.0, Italienisch DTS-HD MA 2.0

Untertitel: Deutsch

Bild: 1.85:1 (1920 x 1080p)

Laufzeit: ca. 104 Min.

FSK: ungeprüft (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: Auf 2000 Stück imitiertes Digipack

Extras: 16-seitiges Booklet mit einem Text von Christian Kaiser (“Pierrot Le Fou”), Disc 1 Blu-ray: Audiokommentar von Marcus Stiglegger, Bildergalerie, Trailer, Disc 2 DVD: Audiokommentar von Marcus Stiglegger, Bildergalerie, Trailer, Disc 3 Bonus-DVD: Dokumentation “Road to Ruin” (ca. 85 Min.)

Release-Termin: 05.06.2015

 

Wenn du krepierst – lebe ich [Blu-ray & DVD im limitierten Digipack] ungeschnitten auf AMAZON kaufen

 
 


 
 
 

WENN DU KREPIERST, LEBE ICH – Trailer

 
 


 
 
 

Christian Ladewig

Die Rechte aller verwendeten Bilder und Abbildungen liegen bei OFDB FILMWORKS

 
 
 
Ähnche Filme:
 
An einem Tag wie jeder andere (1955)
 
Wild Dogs (1974)
 
Hundstage (1975)
 

Kritik: „Revolver – Die perfekte Erpressung“ (1973)

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REVOLVER – DIE PERFEKTE ERPRESSUNG

(BLOOD IN THE STREETS)

Story

 
 
 
Die Frau von Vito Cipriani (Oliver Reed) geht fiesen Kidnappern ins Netz. Als zweiter Direktor der Zuchthauses von Milano hat Vito die Möglichkeit, den Forderungen der Entführerbande Folge zu leisten: Er soll den Gangster Milo Ruiz (Fabio Testi) entkommen lassen. Im Tausch kommt seine Gattin wieder frei. Zutiefst unsicher über den Plan hält der bullige Schließer den Knacki nun selbst als Geisel und versucht mittels Folter herauszufinden, wer hinter dem Kidnapping steckt. Zu blöd nur, dass Milo so gar nicht weiß, wie die Karten liegen. Der Verdacht drängt sich auf, dass sowohl der Gesetzeshüter, als auch sein krimineller Gegenpol nur Teil einer perversen Verbrechensinszenierung sind, die sich bis in die erlauchten Kreise europäischer Polit- und Finanzprominenz erstreckt.

 
 
 


 
 
 

REVOLVER – Kritik

 
 
 
Sergio Sollima lieferte anno 1973 mit „Revolver – Die perfekte Erpressung“ ein zeitnahes Remake seines zurecht im höchsten Maße beliebten Italo-Westerns „Der Gehetzte der Sierra Madre“ (1966) ab. Zusammen mit Damiano Damiani galt dieser Sollima als drastisch gesellschaftskritischster und politischster Regisseur des italienischen Genrekinos seit den Sechziger Jahren und in Original wie Neuverfilmung kommt die stramm linke politische Einstellung ihres Regisseurs ganz vorbildlich zur Geltung. So werden uns die oberen Zehntausend konsequent als moralisch verrottet und verkommen vorgestellt, die Helden – die das gar nicht sein wollen – hingegen sind am Ende doch nur lebloses Treibholz oder Rädchen in einer Maschinerie, deren tieferer Sinn sich ihnen mit ihren stramm nach vorn gerichteten Sichtweisen auf die Welt nicht erschließen kann. Dabei ist es egal, ob der gesellschaftlich achtbare Status des Justizvollzugsbeamten bekleidet wird oder man sich als straßenschlaue Kleingangster-Ratte durchs Leben boxt. Wie bei Bertolt Brecht. Die Kleinen kommen unters Rad, die im Dunkeln sieht man nicht. Finstere Weltsicht – aber ganz bestimmt nicht von der Hand zu weisen. Hier zeigt sich auch der Unterschied zum Gros der „Poliziotteschi“-Filme, in deren Reihen „Revolver – Die perfekte Erpressung“ öfter mal gesteckt wird. Bei diesen (zynischen aber zugegebenermaßen immer unterhaltsamen) Brutalo-Bullenfilmen aus Italien würden konservative Ordnungshüter, stellvertretend für eine von Korruptionserfahrungen, Angst und Terror gelähmte Bevölkerung, am liebsten jedem läppischen Handtaschendieb den Schädel einschlagen. Bei „Revolver – Die perfekte Erpressung“ sind der Beamte und sein Gegenspieler jedoch bloß Schachfiguren, Bauern genaugesagt, im Spiel der Großen, wie es Bob Dylan einst formulierte. Das Publikum möge sich, wenn es nach jemanden wie Sergio Sollima ginge, Gedanken machen, ob es wild um sich ballernden Wüterichen mit Polizeisirene zujubeln will oder doch lieber überlegen, ob es nicht viel näher bei den Figuren seines Films hier lebt. Sollimas Sohn Stefano übertrug mit seinem kühlen Polizei- und Selbstjustiz-Drama „ACAB – All Cops Are Bastards“ 2012 die autoritätskritischen Ideen seines Vaters erfolgreich in die halbdokumentarische Filmsprache der Gegenwart.
 
 
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Fabio Testi spielt seinen Kleinganoven nuancierter als sonst aber trotzdem gewohnt selbstsicher, mit Hang zum Posterboy, wie man es als Freund italienischen Kinos kaum anders gewohnt ist. Nach Oliver Reed kommt hier allerdings erst einmal länger gar nichts. Die Kunst des Engländers, in den kargen anderthalb Stündchen des Drehtags, die er nicht komatös gesoffen in seinem Trailer verbrachte, mehr Intensität in seine Darstellung zu packen als eine Rakete mit Wärmesensor, ist hier auf ihrem Höhepunkt. Die Karriere des professionellen Alkoholikers war beileibe nicht arm an großen Rollen und die des Vito Cipriani könnte schauspielerisch unter den ersten dreien liegen. Wie bei gefühlten sechsundachtzig Prozent aller Filme aus Italien stammt auch die Musik zu „Revolver – Die perfekte Erpressung“ vom unmenschlich fleißigen und bis heute, im hohen Alter, unverwüstlichen Ennio Morricone. Der römische Meister konzentrierte sich diesmal auf eine getragene Klaviermelodie, die in verschiedenen Gestalten, von instrumental bis schnulzig, aus den Boxen fließt. Gute Sache und selbst als Nachpressung teuer, die Platte. Nur mal so nebenbei.
 
 
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REVOLVER – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
 
Mächtig spannendes Thrillerkino auf ganz hohem Niveau, wie man es in den Siebzigern in Europa meisterlich auf die Leinwand zu bringen verstand. Dazu noch mit ansprechendem politischen Unterbau. Wer seinen Horizont des cinematischen Nägelbeißens in die Richtung von „vintage“ Krimireißern aus der Alten Welt erweitern möchte, bekommt mit der vorliegenden DVD einen ausgezeichneten Anfangsfilm geboten.
 
 
 


 
 
 

REVOLVER – Zensur

 
 
 
Die nun erhältliche DVD-Fassung von REVOLVER – DIE PERFEKTE ERPRESSUNG ist erstmals ungeschnitten. Demzufolge können Sergio Sollima-Fans bedenkenlos zugreifen und sich dieses rare Filmwerk ins Sammlerregal stellen.
 
 
 


 
 
 

REVOLVER – Deutsche DVD

 
 
 
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(c) Colosseum Film

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Revolver; Deutschland | Italien 1973

Genre: Krimi, Action, Thriller

Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0 Stereo), Englisch (Dolby Digital 2.0 Stereo), Italienisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)

Untertitel: Deutsch

Bild: 1,85:1 (anamorph / 16:9)

Laufzeit: ca. 105 Min.

FSK: FSK 16 (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: KeepCase mit Wechselcover im Schuber

Extras: Interview: Fabio Testi (16:17 Min.), Internationaler Kino-Trailer (3:36 Min.), US amerikanischer Kino-Trailer (1:55 Min.), Bildergalerie (1:54 Min.)

Release-Termin: 24.04.2015

 

Revolver – Die perfekte Erpressung (DVD) ungeschnitten auf AMAZON kaufen

 
 
 


 
 
 

REVOLVER – Trailer

 
 


 
 
 

Christian Ladewig

Die Rechte aller für die Review verwendeten Bilder liegen bei COLOSSEUM FILM

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Milano Kaliber 9 (1972)
 
Die Kröte (1978)
 
Der Denunziant (1985)
 
Die Gewalt bin ich (1977)