Filmkritik: „The Retaliators“ (2021)

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THE RETALIATORS

Story

 
 
 
Als die Tochter eines Pastors brutal ermordet wird, dürstet es dem Mann Gottes nach Rache und diese führt noch in viel finstere Gefilde, als er sich vorstellen kann.
 
 
 


 
 
 

THE RETALIATORS – Kritik

 
 
 
Metal bzw. Hard Rock und Horrorfilme gehen schon gerne mal Hand in Hand, haben aber vor allen Dingen in jüngster Vergangenheit immer mal wieder eine schöne Symbiose erfahren dürfen. Bei „The Retaliators“ geht es zwar thematisch überhaupt nicht um Musik, doch da der Film von Better Noise Films produziert wurde, die auch das Label Better Noise Music führen, bekommt man hier einen umfangreichen Soundtrack zu hören und zudem treten einige Herrschaften des Alternative Metals oder auch des Hard Rocks auf. Ob das alleine jedoch für einen guten Film ausreicht?
 
 
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Mitnichten! Schon beim Drehbuch fangen die Probleme an, denn „The Retaliators“ wurde ganz schön durchwachsen geschrieben. So ist bereits der Einstieg holprig geraten. Nachdem einem kurz klar gemacht wurde, dass da eine große Gefahr lauert, beginnt die Einleitung mit Vater und Töchtern. Hier verschwendet man allerdings seine Zeit, denn eine echte Beziehung ist für den Zuschauer niemals greifbar und die Szenen besitzen keine Wirkung. Auch der lange Dialog bei einem Drogendealer wirkt gänzlich austauschbar. In der ersten Hälfte häuft sich die Frage, was das Ganze denn eigentlich soll und es dauert wirklich zu lange, bis die ziemlich simple Story mal auf den Punkt kommt. Sobald sich das Geheimnis jedoch lüftet und man das erzählerische Experimentieren hinter sich lässt, kann „The Retaliators“ deutlich mehr punkten. In der zweiten Hälfte wirkt das wie eine Mischung aus „7 Days“ und „Haus der Vergessenen“. Glaubwürdig ist das alles nicht, reichlich übertrieben dafür allemal und so richtig originell will der Mix leider nicht wirken. Dafür muss man der Geschichte jedoch lassen, dass sie anfangs nicht zu vorhersehbar ist.
 
 
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Darstellerische Höchstleistungen sollte nun ebenfalls niemand erwarten, wobei der Film trotzdem ganz solide gespielt wird und mit einigen bekannten Namen aufwartet. Bekannt natürlich nur dann, wenn man gerne moderne Metal-Acts wie „Five Finger Death Punch“ oder „Papa Roach“ hört. So sind z.B. Ivan Moody, Zoltan Bathory und Jacoby Shaddix zu sehen. Aber auch Tommy Lee (Mötley Crüe) schaut mal vorbei. Das sind alles eher kleinere Rollen in denen nicht viel geschauspielert werden muss, die aber auch keineswegs fehlplatziert wirken. Die Arbeit der „echten“ Darsteller übernehmen dann Michael Lombardi (etwas fehlbesetzt), Marc Menchaca (reichlich düster) und Joseph Gatt (was für ein Tier!). Dies machen sie insgesamt brauchbar und dass die ganzen Typen nicht markant wären, kann man nun wirklich nicht behaupten. In einer winzig kleinen Rolle ist sogar Robert Knepper zu sehen. Die Figurenzeichnung bleibt allerdings höchst platt und legt es nicht gerade darauf an glaubwürdig zu wirken. Hier ist alles konstruiert und künstlich.
 
 
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Diese Tatsache stellt der Machart ab und zu ein Bein, denn lange Zeit kann sich „The Retaliators“ nicht so richtig entscheiden, was er eigentlich darstellen möchte. So wirkt er anfangs wie ein langweiliges Drama und mutiert dann zu einer Art düsterem Thriller. Gerade in diesem mittleren Teil wäre es wichtig gewesen, dass die Charaktere organisch wirken, was eben leider nicht der Fall ist. So verpufft hier auch die wohl gewünschte Wirkung. Sobald sich der Film dann aber auf das besinnt, was er im Endeffekt wohl am ehesten sein möchte, nämlich knallharter Horror, wird es schlagartig besser. Die letzte halbe Stunde ist schon ein Highlight. Hier gibt es viel Action und brachialen Splatter zu betrachten. Harmlos ist das nun echt nicht und die Effekte stammen überwiegend von Hand, was schön anzusehen ist. Dass der Soundtrack aus viel härterem Rock besteht, passt bei der Besetzung und dem Label natürlich und war zu erwarten.
 
 
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Hier besitzt „The Retaliators“ auch immer ein wenig Videoclip-Ästhetik, was nicht verwunderlich ist, denn das Regie-Duo Samuel Gonzalez Jr. und Bridget Smith haben auch beide schon Musikvideos gedreht. Aber neben einigen Kurzfilmen auch bereits ein paar Filme. Eine gewisse Erfahrung sieht man dem Resultat durchaus an. Optisch ist das alles schon ansprechend gestaltet. Wenn die harten Rocker sich in Nacht-Clubs aufhalten, die Musik dazu laut dröhnt, ist das zwar nichts, was man optisch nicht bereits kennt, seine Wirkung erzielt das aber dennoch. Sowieso kann man der Inszenierung kaum Vorwürfe machen. Am ehesten den, dass man hier etwas unentschlossen war, ob man es nun ruhig und nachdenklich oder doch möglichst laut und hektisch gestalten will. So ist jedoch immerhin für Abwechslung gesorgt, die sich auch durch die gesamte Atmosphäre zieht. Was in einem Moment nämlich noch düster und leise erscheint, ist im nächsten schon total chaotisch und schrill.

 
 


 
 
 

THE RETALIATORS – Fazit

 
 
6 Punkte Final
 
 
„The Retaliators“ besitzt genauso viel Licht, wie auch Schatten. Zu den Schattenseiten gehört auf jeden Fall das durchwachsene Drehbuch, welches gerade die Einleitung ganz schön versemmelt und viel zu lange nicht richtig auf den Punkt kommen will. Dafür kann sich die handwerkliche Arbeit sehen lassen und die Inszenierung bereitet einige hübsche Szenen auf. Die Darsteller werden nicht unbedingt gefordert, machen ihre Sache jedoch brauchbar und es macht schon Spaß, dass der Film stark in der Metal/Hard-Rock-Welt verankert ist. Leider ist die Figurenzeichnung ziemlich schwach geraten und man kauft hier niemanden seine Rolle so richtig ab. Entschädigung gibt es dafür vor allen Dingen im starken Finale, in dem es richtig krachen darf. Hier löst sich „The Retaliators“ von seiner Unentschlossenheit und bietet ein schönes Splatter-Fest. Ist die etwas wirre und unnötige erste Hälfte also erst mal überstanden, macht der Film letztendlich doch noch Spaß
 
 
 


 
 
 

THE RETALIATORS – Zensur

 
 
 
„The Retaliators“ ist alles andere als harmlos. Zwar wird nicht jede Gewalt-Szene explizit gezeigt, doch gerade im Finale splattert es gewaltig. Außerdem bekommen Filme mit Selbstjustiz-Thematik in Deutschland sowieso gerne höhere Freigaben. WSollte es „The Retaliators“ ungekürzt nach Deutschland schaffen, wird der Streifen einen roten Sticker erhalten.
 
 
 


 
 
 

THE RETALIATORS – Trailer

 
 


 
 
 

Benjamin Falk

(Rechte für Grafiken liegen bei Better Noise Films)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Haus der Vergessenen (1991)
 
7 Days (2010)
 

Filmkritik: „Catch the Fair One“ (2021)

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CATCH THE FAIR ONE

Story

 
 
 
Kaylee hat sich geschworen, ihre Schwester wieder zu finden, koste es was wolle.
 
 
 


 
 
 

CATCH THE FAIR ONE – Kritik

 
 
 
Es scheint mir wirklich, je ausgegorener und entschlackter, tonal überzeugender und kurzweiliger, spannender und alles in Allem gelungener die Filme, desto kürzer und simpler können auch meine Reviews gehalten werden – „Catch the Fair“ One ist ein spannender, geradliniger und rauher Thriller, der Realismus höher priorisiert als Stilisierung oder Action und wenn man jetzt noch einen Einblick in die Story kriegt, ist auch fast schon alles gesagt.
 
 
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Die Boxerin Kaylee trainiert vor ihrem nächsten Kampf auf einem roten Teppich, über Wasser halten tut sie sich und ihre Tochter mit einem Job als Kellnerin. Da ihre Schwester Weeta vor einiger Zeit verschwunden ist, kanalisiert sie die Frustration und den Schmerz dieser Erfahrung sichtlich in den Kampfsport, was Kali Reis‘ äußerst physische Performance vom ersten Moment an deutlich werden lässt. Seit nunmehr zwei Jahren fehlt Weeta in ihrem Leben und jede Spur fehlt, seit nunmehr zwei Jahren gibt sich Kaylee dafür die Schuld und verletzt sich selber. Ein einzelner, wuchtig inszenierter Kampf gegen einen echten Berg von Mann, ein unterkühltes bis feindseliges Gespräch mit ihrer entfremdeten Mutter – dann startet auch schon die Anspannung.
 
 
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Denn die eine Fährte, die nach zwei Jahren dann eben doch an die Oberfläche gelangt, ist die einer Menschenhändlerorganisation, die junge Frauen zwangsprostituiert – und die Kaylee nun, ganz im Foxy Brown-Style unter dem Deckmantel einer weiteren Prostituierten, unterwandern will. Doch da hören die Parallelen auch schon wieder auf, denn während Foxy Brown bei aller sozialpolitischen Relevanz so leichtfüßig wie exploitativ daherkommt, ist „Catch the Fair One“ hingegen an bitteren, unverblümt realistischen Szenen interessiert, die ohne unnötige Drastik einfach konzeptionell so unangenehm sind, dass sie sich beim Zuschauer einbrennen. Szenen ohne Kleidung sind hier nicht sexy und dienen nicht der voyeuristischen Befriedigung des male gazes, sondern sind beklemmend, Menschen abwertend und objektifizierend, nie erstrebenswert. Das Verabreichen von Heroin ist keine trippige, psychdelische oder halbnackte Szene sondern tut beim Zusehen weh, auch weil der Kontext hier besonders perfide ist. Vom selbstzweckhaften „misery porn“ oder einer insgesamt unangenehmen Filmerfahrung distanziert sich Josef Wladykas Debütwerk trotzdem mit Leichtigkeit, denn dafür ist man als Zuschauer zu investiert in den Charakter und die Story, dafür ist die Inszenierung zu wertig, dafür ist der Soundtrack zu imposant, nervös und bedrohlich, Spannung verursachend. Wer aufgrund solcher Beschreibungen und einer Boxerin als Protagonistin jetzt viel Action erwartet oder ausgefeilte Straßenkampf-Konfrontationen, der liegt allerdings falsch.
 
 
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Konfrontationen gibt es wenige, aber die die es gibt sind kurz und schmerzhaft, nüchtern und realistisch. Das Editing ist unauffällig und routiniert, die Bildsprache ikonisiert teils die Protagonistin, wirkt aber nie zu künstlich. Und auch wenn der weitere Verlauf der Handlung dieses gerade einmal 78 Minuten kurzen Films recht schnörkellos verläuft und man keine großen Überraschungen erwarten darf – so reicht das bei einer derart humorlosen, gnadenlosen und geerdeten Inszenierung auch einfach aus, um mitzufühlen, mitzuleiden und sich auf die spannende Gradwanderung der Identifikation zu begeben. Denn auf wessen Seite man in welcher Szene ist, wen man noch nachvollziehen kann und wen nicht, das ist sicherlich eine kleine Diskussion wert. Das Finale zeigt dann noch einmal, fast schon frech grinsend, wo eben der Unterschied zwischen einem „Taken“, einem Hollywood-Actionfilm mit Klischeeeinlagen und dem typischen Ende, und einer so viel mehr Einschlagswucht und Unterschied machenden Produktion wie „Catch the Fair One“ liegt – Chapeau!
 
 


 
 
 

CATCH THE FAIR ONE – Fazit

 
 
7 Punkte Final
 
 
Rauer, realistischer, nüchterner und trotzdem äußerst spannender, effektiver Thriller mit starker Hauptdarstellerin.
 
 
 


 
 
 

CATCH THE FAIR ONE – Zensur

 
 
 
Da die FSK in der letzten Dekade auch bei der vorher oftmals so problematischen Selbstjustiz-Thematik etwas liberaler zu agieren scheint, wirkt eine FSK 16 für diesen Film wahrscheinlich.
 
 
 


 
 
 

CATCH THE FAIR ONE – Trailer

 
 


 
 
 

Alexander Brunkhorst

(Rechte für Grafiken liegen bei Memento Films International)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Peppermint: Angel of Vengeance (2018)
 
Colombiana (2011)
 
Hard Candy (2005)
 

Filmkritik: „Arboretum“ (2020)

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ARBORETUM

Story

 
 
 
Erik und Sebastian leben auf dem Dorf, sind gelangweilt und werden gemobbt. Ohne Hilfe zu erhalten oder wirkliche Alternativen zu sehen liebäugeln sie mit Rachegedanken, bevor die Realität sie einholt.
 
 
 


 
 
 

ARBORETUM – Kritik

 
 
 
So richtig kann eine grobe Ersteinschätzung ungesehener Filme doch sein: „Night Caller“ war wie zu erwarten als Genre-Allesgucker oder reiner Bildästhet vielleicht sehenswert, sonst aber eher zu vernachlässigen, „Offseason“ hingegen definitiv eine kleine Indieperle für Freunde genau solcher Atmosphären, aber auch kein wirklich gut geschriebener Film. Eine weitere Qualitätsstufe nach oben geht es dann mit dem deutschen Indie-Genrefilm „Arboretum“, der 2018 mit einem überschaubaren Team in Hessen abgedreht wurde und auf mutig eigensinnige Weise Genrestile mischt, die man so nicht häufig zusammen in einem Film sieht.
 
 
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Es beginnt mit lautem Rechtsrock der im Auto die Nachrichten übertönt während durch die ländliche Umgebung Deutschlands gefahren wird, danach stochert unser Protagonist in einem toten Vogel rum, den er auf der Straße findet und zu gedämpften Bässen fährt die Kamera verdächtig lange auf den Wald zu.
 
 

Kapitel I: Es war einmal in Thüringen

 
 
Erik und Sebastian, so die Namen unserer gepeinigten Protagonisten, zocken in Eriks Zimmer ein Prügelspiel und unterhalten sich über ihre gelangweilte Dorfexistenz, „Ich will dass irgendwas passiert, irgendwas Wichtiges, irgendwas Großes!“ heißt es dort, nur um danach auf dem lokalen Scheunenfest von unangenehm realistischen Mobbern schikaniert und wortwörtlich angepisst zu werden. Während der Szenen der Feier selber verwundert es massiv, dass scheinbar schales Bier ohne Schaum getrunken wird, auch überzeugt Niklas Doddo in der Rolle des jüngere, ungeduldigen, zweiten Protagonisten nicht immer, doch insgesamt kommt trotzdem eher der Eindruck eines hübschen und originellen Indiefilms auf, nicht der einer peinlichen deutschen Studentenproduktion.
 
 

„Ich bin nicht politisch, ich bin gelangweilt.“

 
 
Als Erik Nachts nach Hause kommt, steht sein Vater still in seiner alten NVA-Grenzkompanieuniform vorm Spiegel und begutachtet sich mit getrübten Blicken. Auch in der Schule geht das Mobbing durch Patrick und seinen Kollegen weiter, Erik verteidigt Sebastian indem er mit expliziten Gewaltfantasien abschrickt, melancholische E-Gitarren klingen an. In einer Kneipe unterhalten sich die beiden über mögliche Racheideen, danach verlässt „Arboretum“ das erste Mal die bodenständige und realistische Inszenierungsweise, da Erik im Spiegel des Baderaums eine Vision hat, dreckiges Wasser aus dem Hahn läuft, ihn weiße Augen aus der Dunkelheit eines Waldes anstarren.
 
 

„Schau sie dir an.“

 
 
Als Erik zurück kommt hat Elke, eine alte Bekannte von Sebastian, sich dazu gesellt und zu Sebastians Enttäuschung verstehen die beiden sich direkt äußerst gut. Elke ist Punkerin und lädt zu einer Feier in einem besetzten Haus ein, Erik ist natürlich direkt Feuer und Flamme, Sebastian sagt widerwillig zu. Während das Schauspiel dieser möglichst authentisch wirken müssenden, längeren Dialogszenen teils etwas ungleichmäßig ist, wissen Framing und Perspektive stets zu gefallen. Und während Sebastian allgemein kein Verständnis dafür zu haben scheint, dass Erik nun mit dieser Punkerin anbändeln will, sich als unpolitisch bezeichnet und beide Extreme verachtet, eifersüchtig ist – wenn auch nicht eindeutig ist, auf wen genau… – und frustriert in seinem Zimmer masturbiert, fängt Erik an flüsternde Stimmen zu hören und sieht einen Frosch in der Umkleidekabine, der ihn zu der Silhouette einer wartenden Baumgestalt führt.
 
 

„Folge mir.“

 
 
Einige Streitereien später überzeugt Erik seinen Freund dann doch noch ganz knapp, mit auf die Party zu kommen; auf der Party selber dann stürmt aber eine aggressive Gruppe Neo-Nazis samt Kampfhund den Raum und während gerade Erik und Elke, genannt Elli, sich retten können, wird ausgerechnet der unpolitische und unfreiwillig überhaupt Besucher seiende Sebastian aufs Übelste verprügelt, zumal Mobber Patrick und sein Bruder scheinbar Teil der Nazigruppe sind. Elli und Erik verhalten sich merkwürdig gelassen und albern herum, trotz des tragischen Vorfalls.
 
 

Kapitel II: Das Moor

 
 
Ohne auch nur eine Sekunde zu verschwenden startet Julian Richbergs Genrebiest nach einer griffigen Exposition also sowohl mit den Themen deutscher Vergangenheit, ihrer Bewältigung und Spuren, als auch dem Andeuten überatürlicher, symbolhaft zu verstehender Genreszenen und einer Gewaltspirale, deren Eskalation sowohl im Freundeskreis, als auch in der Schule, auf dem Dorffest oder in den eigenen vier Wänden zu spüren ist. Sebastian fragt seinen Großvater explizit wie es sich denn anfühlt Juden zu vergasen, nachdem ihn seine nahezu geschichtsrevisionistische, Fakten unter den Teppich kehrende, aber auch Mitleid mit ihrem kranken, alten Vater habende Mutter ihn derart gereizt hat mit ihrer Art, Erik macht derweil einen grausigen Fund und wacht blutverschmiert im Wald auf.
 
 

„Entweder du bist Nazi oder Punk oder Teil der willenlosen Schafe.“

 
 
Dass jeder dieser Stränge sich irgendwann zum Nachteil aller Beteiligten entladen wird ist dabei genau so klar, wie dass hier zugleich Gesellschaftsstudie, Kommentar zum politischen Klima Deutschlands, Coming-of-Age-und-Sozialdrama, Horrorfilm und arthousig metaphorisch erzählte Waldwesen-Szenen zu einem gerade einmal 76-minütigen Langfilmdebüt vermengt wurden, wie es eigentlich nur überambitioniert zu Boden fallen und fehlschlagen kann. Doch, siehe da: Es funktioniert. Denn auch wenn es ungewohnt und ggf. gar etwas trashig wirkt, wenn die unheilvollen Flüsterstimmen auf Deutsch statt Englisch ertönen, auch wenn das Kunstblut leider viel zu hell ist und einige Reaktionen oder Handlungen unserer Charaktere imo absolut unnachvollziehbar sind – allein der Mut, eine prinzipiell gerne auch mal mit erhobenem Zeigefinger handzahm und langweilig, öffentlich-rechtlich inszenierte Geschichte wie diese so frech, eigenartig und originell abzudrehen, verdient dickes Lob und vollsten Zuspruch.
 
 

Kapitel III: Die Schatten zwischen den Bäumen

 
 
Zugegeben, die Rolle der jungen Punkerin Elli, die natürlich eine anrüchige Vergangenheit hat in der Dinge „halt passiert“ sind und die sich natürlich geritzt hat, wirkt etwas zu klischeehaft und ohne weiteren Belang aus dem Leben gegriffen, Sebastians mehrfache Aussagen bezüglich der Radikalisierung auf dem Dorf sind auch etwas zu holzhammerhaft und offensichtlich geschrieben. Doch dass die beste der Genreszenen mir wirklich eine Gänsehaut zaubern konnte, die Gewalt hier stets schmerzhaft und realistisch rüberkommt und mir teils naheging, der Handlungsort authentisch und überzeugend ist und ich mich an diverse Meisterwerke ihres Genres erinnert gefühlt habe in den jeweiligen Szenen, inklusive idyllischer, natürlicher Flirtereien im Grünen, scheint ein Großteil von „Arboretum“ schon wirklich zu funktionieren.
 
 

Kapitel IV: Teenage Werwolf

 
 
Zu großen Teilen liegt das an Hauptdarsteller Oskar Bökelmann, den Kinofans vielleicht schon im Kriegsdrama „Land of Mine“ gesehen haben, aber auch viele der realistischen, trotzdem hübsch komponierten Bilder von Elias C.J. Köhler leisten ihren Beitrag dazu bei. Und sollte ein Zuschauer eine halbe Stunde vorm Abspann immer noch etwas im Dunkeln tappen was Leitthemen oder Hauptmotive des Films angeht, oder diese zumindest als zu kurz gedacht und trivial abstempeln, so zaubert Richbergs Script noch einen fast schon Haneke-esk inszenierten, durchaus cleveren kleinen subtextuellen Twist hin, bevor ein verdammt emotionaler, verbitterter, mitreißender Monolog folgt, der einen bis dato sehr zurückhaltend agierenden Schauspieler nochmal besonders auszeichnet.
 
 

„Du bist ein guter Kerl. Bleib ein guter Kerl.“

 
 

Letztes Kapitel

 
 

„Es ist soweit.“

 
 
Aus Spoilergründen bin ich schon lange nicht mehr auf die genauen Details der Handlung eingegangen, aber allein schon der Titel des letzten Kapitels könnte hier etwas vorwegnehmen. Die Ereignisse spitzen sich auf weder allzu originelle, noch vorhersehbare oder enttäuschende Weise zu, mit bitterer Konsequenz und mutigen letzten Sekunden. Dass sich die eine Metapher des Films wirklich noch ausbuchstabieren und übererklären muss zeigt zwar, wie wenig man dem deutschen Genrepublikum inzwischen noch zutraut, aber Lichtjahre entfernt vom nächsten „Heilstätten“ ist ein solcher Beitrag hier trotzdem und ich hoffe sehr, dass „Arboretum“ veröffentlichungstechnisch in Deutschland auch mindestens so wertig repräsentiert wird, wie seinerzeit „Der Nachtmahr“ – denn eine Entdeckung wert ist diese kleine Indie-Perle auf jeden Fall und ich hoffe schwer, dass sich zwischen Filmen wie diesem hier, Werken wie „Der Samurai“ und zum Beispiel „Luz“ ein neues, metaphorisch aufgeladenes, genretreues und doch originelles, sozial relevantes Genrekino für die nächste Generation finden lässt.
 
 
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ARBORETUM – Fazit

 
 
7 Punkte Final
 
 
Mutiges, kurzweiliges, spannendes deutsches Genrekino zwischen Donnie Darko und Elephant, Sozialdrama und Genrefilm, Gesellschaftsanalyse und Indie-Fingerübung, die jede Entdeckung und Sichtung wert ist.
 
 
 


 
 
 

ARBORETUM – Zensur

 
 
 
Auch wenn „Arboretum“ seine Brutalität größtenteils nicht zeigt oder überhaupt physisch gestaltet, dürften die ernsten Grundthemen und der Realismus hier für eine FSK 16 sorgen.
 
 
 


 
 
 

ARBORETUM – Trailer

 
 


 
 
 

Alexander Brunkhorst

(Rechte für Grafiken liegen bei Stadtfuchs Media)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Donnie Darko (2001)
 
Elephant (2003)
 
Der Samurai (2014)
 

Filmkritik: „The Parker Sessions“ (2021)

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THE PARKER SESSIONS

Story

 
 
 
Für einen Psychotherapeuten wird seine neuste Patientin, Parker, zu einer größeren Gefahr, als ihm lieb sein kann.
 
 
 


 
 
 

THE PARKER SESSIONS – Kritik

 
 
 
Um bei der Masse an Veröffentlichungen im Filmgeschäft überhaupt noch auf sich aufmerksam machen zu können, muss man schon viel Talent mit sich bringen. Egal in welchen Bereich es geht: Indie-Filme stellen den Zuschauer gerne mal vor eine Herausforderung, kommen auch gerne mal äußerst sperrig daher und einige Regisseure besitzen da zwar ihre Ambitionen, können daraus aber keinen wirklich guten Film formen. So ergeht es z.B. auch „The Parker Sessions“, der von der Idee her wirklich sehr interessant ist, teilweise aber dermaßen gewollt „abgefuckt“ erscheint, dass er sich damit selbst etwas im Wege steht.
 
 
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Die junge Frau Parker hatte eine schlimme Vergangenheit. Schlaflosigkeit aufgrund von Albträumen ist die Folge. Deshalb geht sie zu einem Psychotherapeuten, doch es ist nicht das erste Mal. Robert scheint aber anders zu sein und sein Rat, dass Parker sich ihrer Angst stellen muss, findet bei dieser großen Anklang. Allerdings kann Robert nicht ahnen, was er damit angerichtet hat. Bei der Story vermutet man anfangs noch einen echten Mindfuck-Trip, aber die Wendung besitzt dann sogar mehr Hand und Fuß, als man hätte erwarten dürfen. Ein bisschen Interpretationsfreiraum bleibt natürlich dennoch offen, aber die Grundidee ist relativ simpel. Allerdings ist sie auch reichlich interessant. Nun macht ein aufregendes Gedankenspiel bekanntlich noch keinen guten Film aus, aber das Drehbuch, welches Regisseur Stephen Simmons selbst schrieb, funktioniert ordentlich. Er hat hier scheinbar auch ein bisschen autobiografisches Material verwendet, weil es ihm früher psychisch auch keineswegs gut ging und er selbst in Behandlung war.
 
 
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Wo Simmons eine durchdachte, gute Story abliefert, da steht er sich mit seiner sperrigen Inszenierung teilweise selbst im Wege. „The Parker Sessions“ möchte wirklich unbedingt ganz speziell wirken. So gibt es teilweise Ton-Fehler während der Dialoge zu hören, es werden mal ganz abrupt irgendwelche Bilder in einen laufenden Dialog geschnitten oder der Sound wird plötzlich hysterisch laut. Das sind alles Stil-Mittel, die einen den Wahnsinn näherbringen können, die es so aber auch schon etliche Male zu betrachten gab. In diesem Film wirken sie fast wie ein Störfaktor, denn „The Parker Sessions“ hätte diese Herangehensweise gar nicht nötig gehabt. Ein bisschen von diesen Zutaten hätte völlig ausgereicht, dann hätte sich der Zuschauer noch deutlich besser auf die interessante Geschichte fokussieren können.
 
 
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Wobei die Inszenierung trotzdem nicht schlecht ist. Für Simmons stellte dies den ersten Langfilm dar und anfangs überzeugt er mit seiner Inszenierung noch nicht so sehr. Da gibt es schon einige Stellen, die eher an Amateur-Produktionen erinnern. Mit der Zeit wird es jedoch besser. Dabei muss man sagen, dass „The Parker Sessions“ handwerklich immer dann am besten geraten ist, wenn es geradlinig und nicht so erzwungen experimentell zur Sache geht. Das bemerkt man schon alleine an den Szenen auf dem Jahrmarkt. Zusammen mit dem ruhigen Score haben diese Szenen eigentlich überhaupt nichts Besonderes, könnten glatt als belanglos bezeichnet werden, besitzen jedoch nebenbei etwas dermaßen Hypnotisches, dass man irgendwie trotzdem gebannt zuschaut. Sicherlich ist das auch ein wenig der Schwarz-Weiß-Optik zu verdanken, die hier ideal passt.
 
 
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Die Darsteller, streng genommen sind es nur zwei, machen ihre Sache dabei relativ brauchbar. Danny James wirkt nicht in jeder Szene völlig glaubwürdig, aber Rachell Sean reißt es dafür absolut heraus. Ihre Leistung kann besonders anfangs ein wenig nervig erscheinen, aber im Endeffekt ist das genau richtig gespielt und erzielt ein paar intensive Momente. Mit einer ausgefeilten Figurenzeichnung braucht man hingegen nicht zu rechnen. Dafür hat „The Parker Sessions“ keine Zeit und das würde ihm sowieso den Reiz rauben. Hier ist es ausnahmsweise mal gut, dass man über die Charaktere nicht mehr erfährt. Der Unterhaltungswert wird die Meinungen wieder ganz klar spalten, denn selbst wenn der Film nur 72 Minuten lang ausgefallen ist, besitzt er wenig von einem typischen Unterhaltungswert. Soll heißen: Es gibt keine Action, eigentlich keine Spannung, keinen echten Horror, keinerlei Humor und auch sonst wenig Zutaten, die man als Mainstream-Zuschauer wohl gerne von einem Film hätte. Manchmal dominieren die Dialoge das Geschehen, manchmal wird man auch nur von Bildern berieselt. In beiden Fällen ist das Ergebnis nur manchmal unterhaltsam. Es dauert eine Weile, bis man einen Draht dazu aufgebaut hat, doch dann gewinnt „The Parker Sessions“ tatsächlich immer mehr an Faszinationskraft. Das kurze, unangenehme Finale, in welchem es dann auch die einzigen Effekte zu sehen gibt, krönt das Ganze ordentlich. Zuvor ist man jedoch zu oft hin- und hergerissen, ob das Geschehen einen jetzt interessiert oder eher langweilt. Die Atmosphäre, die insgesamt reichlich düster ist, hätte jedenfalls schon früher intensiver werden müssen. Dafür kann man dann allerdings noch den sehr guten Score loben, wobei die Soundkulisse nicht unbedingt originell erscheint.
 
 


 
 
 

THE PARKER SESSIONS – Fazit

 
 
5 Punkte Final
 
 
„The Parker Sessions“ ist ein sperriges Werk, welches gar nicht so sperrig hätte sein müssen. Es wäre vielleicht sogar produktiv gewesen, wenn Regisseur Stephen Simmons ab und zu etwas weniger experimentiert hätte. Die Bilder- und Soundcollagen sind zwar gut gemacht, hätten jedoch nicht so oft eingesetzt werden müssen. Dann hätte man den Kopf besser frei gehabt für eine wirklich interessante und durchdachte Geschichte. Obwohl der Streifen handwerklich also durchaus mit Talent umgesetzt wurde, ist die Inszenierung teilweise ein Schwachpunkt. Auch die Atmosphäre irrt zeitweise zu unentschlossen durch die Gegend. Daraus ergibt sich leider kein besonders hoher Unterhaltungswert. Bleibt man am Ball wird man allerdings mit einer soliden Wendung belohnt und die Stimmung zieht einen mehr und mehr in ihren Bann. Die beiden Darsteller agieren brauchbar bis ordentlich und der Score hört sich sehr passend an. „The Parker Sessions“ wird im Endeffekt sein überschaubares Publikum finden. Der Film ist interessant und besitzt starke Ansätze, ist aber nichts, was nachhaltig seine Wirkung entfaltet. Geschmackssache!
 
 
 


 
 
 

THE PARKER SESSIONS – Zensur

 
 
 
„The Parker Sessions“ kommt fast ohne grafische Gewalt oder Effekte aus. Nur im Finale wird es kurz überraschend brutal. „The Parker Sessions“ dürfte eine Freigabe ab 16 Jahren erhalten, wobei zu bezweifeln ist, dass dieser Streifen jemals eine deutschsprachige Veröffentlichung erfahren wird. Aber manchmal geschehen doch noch Wunder.
 
 
 


 
 
 

THE PARKER SESSIONS – Trailer

 
 


 
 
 

Benjamin Falk

(Rechte für Grafiken liegen bei New Western Film Company)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
The House That Jack Built (2018)
 
Eraserhead (1977)
 
The Killing of a Sacred Deer (2017)
 

Filmkritik: „Holy Shit! – Ach du Scheisse“ (2021)

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HOLY SHIT! – ACH DU SCHEISSE

Story

 
 
 
„Ach du Scheisse“ macht seinem Namen alle Ehren, denn für einen Architekten sieht die Lage wirklich scheiße aus, als er in einem Dixi-Klo eingesperrt ist und eine Sprengung kurz bevorsteht.
 
 
 


 
 
 

HOLY SHIT! – Kritik

 
 
 
Wenn man von einer Variante von „127 Hours“ in einem Dixi-Klo hört und der Titel des Filmes auch noch auf den Namen „Ach du Scheisse“ hört, dann rechnet man eigentlich felsenfest mit dem schlimmsten Trash überhaupt. Doch weit gefehlt! Im Langfilmdebüt von Lukas Rinker geht es zuweilen ganz schön ernst und spannend zur Sache. Damit geht „Ach du Scheisse“ völlig entgegen der Erwartungen. Das Ergebnis ist nicht frei von Fehlern, lässt sich aber wunderbar genießen und zeigt schon wieder: Der deutsche Genrefilm ist so langsam echt wieder brauchbar!
 
 
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Der Architekt Frank erwacht aus einem schönen Traum und wird sofort in die harte Realität geschmissen. Er steckt in einem abgeschlossenen, umgekippten Dixi-Klo fest und sein Arm wurde von einer langen Metallstange durchbohrt. So gibt es für den armen Frank kein Entkommen aus der ekeligen Situation. Von draußen hört er den Bürgermeister, der bei einer Versammlung stolz die heutige Sprengung eines Gebäudes ankündigt. Frank bleiben ungefähr 30 Minuten, um sich aus seiner tödlichen Situation zu befreien. Was auf dem Papier völlig aberwitzig klingt, wird einem im Film erstaunlich glaubwürdig herüber gebracht. Die Situation wirkt wirklich bedrohlich und gefährlich, nebenbei auch immer ein wenig abstoßend. Dass die Prämisse eigentlich reichlich absurd ist, bemerkt man so als Zuschauer gar nicht mal so sehr, wie man das hätte erwarten dürfen. Dieser Punkt geht schon mal an das Drehbuch, welches gut geschrieben wurde. Rinker war für dieses selbst zuständig und er baut immer wieder genügend Ideen ein, damit das Szenario aufregend bleibt, selbst wenn die Auflösung, wie es zu der Situation gekommen ist, nicht gerade unvorhersehbar gestaltet wurde.
 
 
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Filme wie „127 Hours“ oder „Buried“ haben bewiesen, dass ein begrenzter Schauplatz funktionieren kann, wenn die Inszenierung kreativ genug ist. Und so holt auch Rinker aus diesem minimalen Spielraum das Maximum heraus. Die Inszenierung ist verspielt, erlaubt sich immer wieder kleine Freiheiten, bleibt dabei aber stets konsequent. Obwohl man im späteren Verlauf doch noch etwas von der Außenwelt zu sehen bekommt, spielt sich der gesamte Film nämlich wirklich nur im Dixi-Klo ab. Handwerklich ist das schon ordentlich gestaltet und Rinker versteht es gut die Spannungsschraube anzuziehen. Die Situation wird immer auswegloser und wenn man bereits denkt, dass es das nun aber gewesen sein muss, kommt die nächste kleine Wendung daher.
 
 
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Wer Trash erwartet, bekommt diesen nur bedingt, denn überwiegend gibt sich „Ach du Scheisse“ überraschend ernst. Der Zuschauer kann schon mit Frank mitleiden, denn seine Schmerzen wirken real und wenn seine verzweifelten Versuche, sich aus der Lage zu befreien, immer wieder schiefgehen, dann ist das schon deprimierend. Allerdings wechselt der Ton im Finale dann ziemlich abrupt und plötzlich wird es völlig abgefahren. Da fühlt man sich schon etwas an einen Fun-Splatter erinnert. Die Mischung wirkt nicht wirklich rund, aber sie macht den Film auf jeden Fall noch abwechslungsreicher. Sowieso wird immer mal eine kleine Portion Humor mit ins Geschehen eingebaut, was allerdings nicht sonderlich gut gelungen ist. So wirkt der sprechende Klodeckel doch eher peinlich, aber über Humor lässt sich eben nicht streiten. Es wird bestimmt auch ein Publikum geben, welches diese Szenen gut findet. Genauso wie vielleicht manch einer den kleinen Auftritt von Micaela Schäfer abfeiern wird. Darüber lässt sich dann vielleicht aber doch schon wieder eher streiten.
 
 
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Am besten ist „Ach du Scheisse“ trotzdem immer dann, wenn er sich im ernsten Modus befindet und spannende Unterhaltung serviert. Und das ist zum Glück größtenteils der Fall. Da vergehen die 90 Minuten Laufzeit schon ziemlich flott und den begrenzten Schauplatz bekommt man niemals negativ mit. Nur zum Ende will Rinker nicht so richtig auf den Punkt kommen und zieht das Szenario unnötig in die Länge. Da hätten es ein paar Minuten weniger auch gebracht. Es ist allerdings nicht schwer zu erkennen, warum Rinker das so geschrieben hat, eben weil er hier noch eine ordentliche Portion Splatter unterbringen wollte. Dieser kann sich sehen lassen und ist ganz schön blutig ausgefallen. Während die meisten Szenen sehr übertrieben wirken, ist der Moment mit Frank und der Metallstange jedoch reichlich schmerzhaft zu beobachten. Schön ist zudem, dass die Effekte von Hand stammen und bestens aussehen.
 
 
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Bleiben zum Schluss noch ein paar Worte zu den Darstellern zu sagen, von denen es hier, logischerweise, nicht besonders viele zu sehen gibt. Die einzige Hauptrolle übernimmt Thomas Niehaus als der Architekt Frank. Er hat hier mit Abstand am meisten zu tun und spielt seine Rolle gänzlich glaubwürdig und sympathisch. Allerdings wird ihm schon ein paar Male die Schau gestohlen, nämlich immer dann, wenn der Bürgermeister Horst vorbeischaut. Gedeon Burkhard spielt diesen maßlos übertriebenen Bösewicht einfach genial und seinem Dialekt zu lauschen, macht alleine schon viel Spaß. Das grenzt an Overacting, doch das passt perfekt zur Rolle. Die weiteren, wenigen Darsteller übernehmen nur kleine Nebenrollen, wirken jedoch passabel. Und die Figurenzeichnung ist zwar reichlich flach, dafür aber markant genug, um nicht gleich wieder vergessen zu werden.
 
 


 
 
 

HOLY SHIT! – Fazit

 
 
7 Punkte Final
 
 
„Holy Shit! – Ach du Scheisse“ ist schon ein kurioses Werk, welches viel ernster und spannender ausgefallen ist, als man bei der Inhaltsangabe hätte vermuten dürfen. Der Trash-Fan guckt dennoch nicht gänzlich in die Röhre, denn im letzten Drittel wird es doch noch sehr übertrieben, splatterig und abgefahren. Auch wenn beide Tonarten nicht wirklich zueinander passen wollen, wird somit für Abwechslung gesorgt. Zwar ist der Humor überwiegend ziemlich doof ausgefallen und das Finale wirkt zu lang gezogen, aber das ändert nichts daran, dass man hier gute Unterhaltung serviert bekommt. Zwei tolle Darsteller, ein herrlich fieser Bösewicht, ein paar sehr blutige Splatter-Momente und ein solider Score runden das Ergebnis gelungen ab. Also bloß nicht vom bescheuerten Titel und der absurd klingenden Handlung abschrecken lassen, denn ansonsten verpasst man einen herrlich unperfekten und echt gut gemachten Film aus Deutschland!
 
 
 


 
 
 

HOLY SHIT! – Zensur

 
 
 
„Holy Shit! – Ach du Scheisse“ hat ein paar deftige Momente zu bieten, in denen reichlich Blut spritzt. Diese wirken aber sehr übertrieben. Wenn die FSK das alles nicht so ernst und mit Humor nimmt, könnte eine Freigabe ab 16 Jahren herauskommen. Die ist auch berechtigt. Dennoch könnte es aber auch eine Freigabe ab 18 Jahren werden. Wir sind gespannt, ob die FSK einen guten Prüftag haben wird.
 
 
 


 
 
 

HOLY SHIT! – Trailer (Ein offizieller Filmtrailer existiert noch nicht!)

 
 


 
 
 

Benjamin Falk

(Rechte für Grafiken liegen bei Neopol-Film | The Playmaker)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
127 Hours (2010)
 
Buried – Lebend begraben (2010)
 

Filmkritik: „Dawn Breaks Behind the Eyes“ (2021)

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DAWN BREAKS BEHIND THE EYES

Story

 
 
 
Als ein Ehepaar die Nacht in einem vererbten Schloss verbringen muss, kann noch keiner von den Beiden ahnen, was für Geheimnisse hier verborgen liegen.
 
 
 


 
 
 

DAWN BREAKS BEHIND THE EYES – Kritik

 
 
 
Galt es lange Zeit fast als ein Axiom, dass deutsche Horrorfilme nichts taugen, gibt es mittlerweile einige Regisseure, die dem deutschen Genrefilm wieder frischen Wind verleihen. In letzter Zeit gab es nämlich schon ab und zu mal einen brauchbaren Horrorfilm aus deutschem Lande. „Dawn Breaks Behind the Eyes“ möchte sich dazu gesellen und wird das Publikum sicherlich spalten. Hier hat man nämlich keinen gewöhnlichen Horrorfilm vor sich. Dafür aber ein enorm stilsicher gestaltetes Experiment, welches seine Wirkung nicht verfehlt.
 
 
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Dieter und Margot führen keine besonders harmonische Beziehung. Als sie ein Schloss erbt, begeben sich die Beiden dorthin, um eine Bestandsaufnahme tätigen zu können. Weil plötzlich die Autoschlüssel weg sind, muss das Ehepaar die Nacht im Schloss verbringen, doch es wird nicht ihre letzte Nacht hier sein. Irgendetwas beobachtet sie und will sie nicht mehr fortlassen. Etwas zur Handlung zu schreiben, ist nicht so leicht, wenn man spoilerfrei bleiben möchte, denn was sich in „Dawn Breaks Behind the Eyes“ wirklich abspielt, kann man anfangs noch gar nicht ahnen. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde, da bekommt der Zuschauer den großen Twist spendiert und von da an kann man sich erst recht nicht mehr sicher sein, wie das weitere Treiben verlaufen wird.
 
 
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Der Österreicher Kevin Kopacka will mit „Dawn Breaks Behind the Eyes“ viel erreichen. Dafür dass es sich erst um seinen zweiten Langfilm handelt, ist das eine mutige Herangehensweise, mit der man auch schnell scheitern könnte. Was hier so alles unter eine Decke gebracht wird, ist schon nicht von schlechten Eltern. Als Vorbild diente wohl ein bisschen „Die Göttliche Komödie“ von Dante und Themen wie Hölle und Fegefeuer haben es Kopacka scheinbar allgemein angetan. Das wurde nämlich schon in seinem Debüt „Hager“ behandelt, was ihm nicht wenig Aufmerksamkeit verlieh. In „Dawn Breaks Behind the Eyes“ paart sich die Literatur nun mit einer Hommage an das Gothic-Kino der 70er Jahre. Bereits bevor der Film richtig startet, kann man das daran erkennen, wie die Texttafeln gestaltet sind und wie der Score klingt. So fühlt man sich schon etwas an Großmeister Argento erinnert, selbst wenn man es hier mit keinem Giallo zu tun hat.
 
 
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Stattdessen gibt es phantastischen Horror, der zum Surrealismus neigt und nebenbei ein paar herrlich psychedelische Szenen besitzt. Allgemein schwebt stets eine Prise Philosophie in „Dawn Breaks Behind the Eyes“, aber diese wirkt herrlich wenig aufgesetzt. Zu der Art und Weise des Geschichtenerzählens muss man als Zuschauer natürlich einen Draht finden und der Stil wird nicht jedem gefallen. So darf man sicher nicht damit rechnen, dass einem hier irgendetwas erklärt wird. Die Lösung muss man schon für sich selbst finden. Das Drehbuch bietet reichlich Interpretationsfreiraum und wenn man mit dem Verlauf nicht zufrieden ist, dann ist das völlig legitim. „Dawn Breaks Behind the Eyes“ gibt nämlich vor etwas zu sein, das er im Endeffekt nicht ist. Das macht die Sache allerdings auch aufregend und spannend. Außerdem erhält das Werk im weiteren Verlauf eine gewisse Meta-Ebene, die schon amüsant ist (drei Wochen Drehzeit etc.).
 
 
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Absolut positiv hervorheben, muss man die Optik. Das Schloss Herrenhaus Vogelsang diente als Kulisse und macht schon mal etwas her. Wenn man altes Gothic-Kino ehren möchte, bietet sich eine solche Kulisse förmlich an. Kopacka weiß mit dieser aber auch bestens umzugehen. Gerade in der ersten halben Stunde zitiert sich der Regisseur durch zahlreiche Filme, behält dabei jedoch stets seinen eigenen Stil. Die etwas grobkörnigeren Aufnahmen passen perfekt und versetzen einen optisch sofort zurück in die 70er Jahre. Mit Horror hält sich „Dawn Breaks Behind the Eyes“ dann aber gar nicht so lange auf. Relativ früh erfolgt ein Stimmungsbruch. Plötzlich fühlt man sich fast mehr wie in einer lockeren Komödie, bis der Mindfuck dann im Finale seine Höhepunkte erzielt. Das kommt alles so unerwartet, dass man es gar nicht so richtig greifen kann.
 
 
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Genau dies macht den Film wahnsinnig unterhaltsam. Mit seinen 73 Minuten Laufzeit ist „Dawn Breaks Behind the Eyes“ zudem reichlich kurz ausgefallen, aber das passt hier perfekt, denn so kommt es zu keinerlei Längen. Da sich der Ton der Erzählung sowieso stets ändert, kann man sich über mangelnde Abwechslung absolut nicht beklagen. Das besitzt im Endeffekt zwar eigentlich keinerlei Spannung, bietet so gut wie keine Action und nicht mal echten Grusel findet man hier vor, aber trotzdem ist das Ergebnis sehr kurzweilig. Alleine diesen Bildern zuzuschauen, macht schon genügend Spaß. Außerdem muss man sagen, dass die Darsteller ihre Sache echt gut machen und die Dialoge überhaupt nicht hölzern klingen. Die Charaktere sind markant und die eingesetzte Musik ist ein echter Genuss. Nur wer viele Effekte sucht, wird nicht fündig. Es gibt im gesamten Film nur eine brutalere Szene und alles andere wurde relativ simpel getrickst. An der großartigen Bildersprache ändert dies jedoch nichts.

 
 


 
 
 

DAWN BREAKS BEHIND THE EYES – Fazit

 
 
8 Punkte Final
 
 
„Dawn Breaks Behind the Eyes“ ist kein Film, den man so einfach empfehlen kann, denn er lebt von der Erwartungshaltung des Zuschauers. Gerade, weil dieser im Vorfeld nichts über die Wendung erfahren sollte, hat man es mit einer Überraschungstüte zu tun, ob einem das Werk gefällt oder nicht. Fakt ist, dass die Handlung sehr interessant geschrieben wurde und einfach geschickt mit den Erwartungen des Publikums spielt. Das ist philosophisch, surreal und psychedelisch oder um es einfacher zu machen: Nicht so leicht zu greifen. Nebenbei ist die Optik ein Genuss, die Inszenierung sitzt, allgemein ist die gesamte handwerkliche Arbeit enorm hochwertig. Die Atmosphäre besitzt viele Facetten und es ist einfach toll zu sehen, wie simpel Ideen sein können, wenn man sie nur kreativ genug umsetzt. Außerdem wissen die Darsteller zu überzeugen und Score sowie Soundtrack hören sich richtig gut an. Das Ergebnis ist ein insgesamt sogar ziemlich spaßiger und äußerst kurzweiliger Film. „Dawn Breaks Behind the Eyes“ lässt sich im Endeffekt zwar nur sehr schwer als echter Horrorfilm bezeichnen, doch wer nicht in Schubladen denkt, sollte diesem höchst speziellen Werk aus deutschem Lande ruhig eine Chance geben. Es lohnt sich!
 
 
 


 
 
 

DAWN BREAKS BEHIND THE EYES – Zensur

 
 
 
In einer Szene wird ein Penis abgerissen. Das ist aber auch der einzige Gore-Moment. Einer Freigabe ab 16 Jahren sollte nichts im Wege stehen.
 
 
 


 
 
 

DAWN BREAKS BEHIND THE EYES – Trailer

 
 


 
 
 

Benjamin Falk

(Rechte für Grafiken liegen bei Sylenteye Films)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Suspiria (1977)
 
One Cut of the Dead (2017)
 
Gothic (1986)
 

Filmkritik: „Hall“ (2020)

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HALL

Story

 
 
 
Als in einem Hotel eine scheinbar tödliche Seuche ausbricht, muss eine Mutter mit ihrer Tochter ums Überleben kämpfen.
 
 
 


 
 
 

HALL – Kritik

 
 
 
Wahrscheinlich kann niemand mehr Worte wie Kontaktbeschränkung, Pandemie oder gar Corona hören, aber bei einem Film wie „Hall“ macht es schon Sinn, diese mal kurz in den Raum zu werfen. Immerhin handelt es sich hierbei um einen Seuchenhorrorfilm, der allerdings laut Regisseur noch vor der Corona-Pandemie gefilmt wurde. Ob man so etwas momentan braucht, muss jeder für sich selbst entscheiden; eine Daseinsberechtigung besitzt „Hall“ aber auf jeden Fall, da er ziemlich gut gemacht wurde.
 
 
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Val kommt mit ihrem Mann Branden und ihrer kleinen Tochter Kelly in einem Hotel unter. Kelly ist auch der einzige Grund, weshalb Val noch mit ihrem gewalttätigen Mann zusammen ist, doch der Entschluss rückt immer näher, dass sie Branden verlassen wird. Die Entscheidung wird Val nicht schwer gemacht, denn plötzlich bricht eine unbekannte Seuche im Hotel aus, welche die Menschen schlagartig außer Gefecht setzt. Nur Val und Kelly scheinen nicht davon betroffen zu sein, stecken aber dennoch in großer Gefahr. Die Geschichte ist sehr simpel und bedarf nicht vieler Erklärungen. Am Ende kann man zwar fast kurz der Auffassung sein, dass die Seuche nur als Metapher für eine vergiftete Ehe stand, aber darum geht es dann wohl eher doch nicht. Dafür tendieren die Anzeichen einfach zu sehr in die andere Richtung. Trotzdem bleibt das Ende relativ offen und deutet etwas an, was der Zuschauer dann nicht mehr erfahren wird. Und das ist eigentlich auch ein bisschen schade, denn die einfache Handlung reizt ihr Potenzial selten so richtig aus.
 
 
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Regisseur Francesco Giannini, der zuvor nur Kurzfilme drehte, manchmal aber auch als Darsteller in Filmen auftaucht, geht es aber scheinbar sowieso eher um den Minimalismus. „Hall“ zelebriert diesen ziemlich konsequent und deshalb sollte man sich schon mal auf keine spektakuläre Unterhaltung gefasst machen. Da darf man auch mal minutenlang beobachten, wie eine kranke Person über den Boden kriecht. Manchmal übertreibt es Giannini damit etwas, doch insgesamt hat er seine Sache sehr stilsicher gemacht. Das Hotel funktioniert als einziger Schauplatz ganz ordentlich, selbst wenn die größten Schauwerte ausbleiben und die langsamen Kamerafahrten machen etwas her. Die eigene Handschrift muss Giannini sicherlich noch etwas ausarbeiten, denn zu viele Stil-Elemente kommen einem bereits bekannt vor, aber Potenzial ist durchaus vorhanden. Das lässt sich auch von der Atmosphäre behaupten. Es ist schon erstaunlich mit welch simplen Mitteln in „Hall“ eine nahezu apokalyptische Stimmung entsteht. Und obwohl hier überhaupt nichts Übernatürliches mit im Spiel ist, geht es manchmal sogar etwas gruselig zur Sache. Auf jeden Fall ist die Atmosphäre komplett düster und ernst. Feel-Good-Unterhaltung sieht absolut anders aus!
 
 
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Die Darsteller erledigen ihre Sache insgesamt völlig brauchbar, wobei es nicht gerade viele von ihnen zu sehen gibt. Carolina Bartczak spielt die einzige Hauptrolle und wirkt authentisch, Yumiko Shaku bringt ihre körperlichen Leiden reichlich glaubwürdig herüber und Mark Gibson besitzt ebenfalls ein paar ordentliche Momente. Von Julian Richings ist leider so gut wie nichts zu sehen. In nur einer Szenen taucht er mal kurz auf. Die kleine Bailey Thain spielt für ihr Alter auch ganz ansprechend. Besonders anfangs lebt „Hall“ noch von Dialogen und hier atmet der Film noch ein wenig die Luft eines Beziehungsdramas. Die Figurenzeichnung besitzt zwar nichts Besonders, funktioniert aber ausreichend. Nur mit der Glaubwürdigkeit hapert es dann schon manchmal. Jedenfalls ist es wenig nachvollziehbar, dass eine Mutter ihre Tochter, die sie selbst weg geschickt hat, in einer solchen Situation nicht sofort energischer sucht. Solche „Fehler“ tragen jedoch nicht zu viel Gewicht und stören den Filmgenuss kaum.
 
 
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In den Genuss kommt man allerdings nur, wenn man weiß, worauf man sich hier einlässt. Man muss die Langsamkeit schon mögen und sollte nicht viel Action erwarten, in der Seuchen-Zombies Jagd auf Menschen machen. Von den Infizierten geht nämlich rein körperlich kaum eine Gefahr aus und trotzdem schafft es „Hall“ immer wieder für Bedrohung zu sorgen. Dies geschieht auch mit Hilfe von ein paar Halluzinationen und einem wirklich fiesen Schockeffekt. Obwohl das Ganze nur 80 Minuten Laufzeit besitzt, hat der Film schon seine kleinen Längen, besonders in der ersten Hälfte. Dafür gibt es hingegen auch eine gute Portion Spannung und der eindringliche Score verstärkt die Atmosphäre gekonnt. Viele Effekte sollte man übrigens nicht erwarten und die vorhandenen sind auch eher simpler Natur. Brutal geht es dabei überhaupt nicht zur Sache. Es gibt nur eine blutige Szene und diese ist sogar reichlich unnötig.

 
 


 
 
 

HALL – Fazit

 
 
6 Punkte Final
 
 
„Hall“ ist ein interessantes Werk, welches eigentlich überhaupt keine besonderen Zutaten besitzt, kurioserweise aber genau damit besticht. Die Handlung hätte ab und an etwas konkreter sein dürfen, nicht jede langsame Szene hätte man so sehr zelebrieren müssen und nicht jede Handlung der Figuren wirkt völlig nachvollziehbar und trotzdem ist es vor allen Dingen die Atmosphäre, die zu fesseln vermag. „Hall“ ist düster, grimmig und auf minimalistische Art apokalyptisch. Die Darsteller spielen gut und die handwerkliche Arbeit weiß zu überzeugen. Nun ist das nicht gänzlich kurzweilig und spektakuläre Unterhaltung sollte man sich hiervon nicht versprechen, aber es kommt im Endeffekt doch eine gute Portion Spannung auf und das Ergebnis ist auf jeden Fall sehenswert!
 
 
 


 
 
 

HALL – Zensur

 
 
 
Abgesehen von einigen Make-up-Effekten hat es nur eine blutige Szene in den Film geschafft. Diese ist zweifelslos nicht harmlos. Dennoch dürfte selbst die nichts daran ändern, dass „Hall“ eine Freigabe ab 16 Jahren von der FSK erhalten wird.
 
 
 


 
 
 

HALL – Trailer

 
 


 
 
 

Benjamin Falk

(Rechte für Grafiken liegen bei Franky Films)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Perfect Sense (2011)
 
Carriers (2009)
 
The Crazies – Fürchte deinen Nächsten (2010)

Filmkritik: „Slapface“ (2022)

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SLAPFACE

Story

 
 
 
Als wäre das Leben von zwei Brüdern nach dem Tod der Eltern nicht schon schwer genug, kommt auch noch ein dunkles Wesen aus dem Wald mit dazu.
 
 
 


 
 
 

SLAPFACE – Kritik

 
 
 
Indie-Filme sind wohl so ziemlich in allen Bereichen immer sehr gefragt, denn wenn Filmemacher ihr eigenes Ding durchziehen können, das nicht darauf aus ist möglichst viele Einnahmen zu machen, ist das Ganze einfach deutlich interessanter. Besonders interessant wird es, wenn es bei Indie-Produktionen in den Horrorbereich geht, weil Horrorfilme in der Regel doch ganz gerne konventionell erscheinen. „Slapface“ ist ein solcher Indie-Horrorfilme, der eigentlich mehr Drama darstellt, aber die übernatürliche Komponente nutzt, um dieses intensiver zu gestalten.
 
 
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Lucas und Tom haben ihre Eltern bei einem Autounfall verloren. Seitdem ist das Leben nicht mehr das, was es einst war. Besonders Lucas kommt kaum noch klar und wird zusätzlich regelmäßig Opfer von Mobbing. Sein älterer Bruder Tom ist dem Alkohol verfallen und wenn es mal wieder etwas zu regeln gibt unter den Brüdern, wird das Spiel Slapface gespielt. Eines Tages macht Lucas in einer Ruine im Wald jedoch eine anfangs erschreckende Entdeckung. Hier haust ein dunkles Wesen, welches jedoch scheinbar gerne mit dem Jungen befreundet wäre. Dies soll fatale Konsequenzen mit sich tragen. Wenn Kinder auf übernatürliche Wesen treffen, ist das sicher nichts, was man nicht schon etliche Male gesehen hat. Auch eine dramatische Coming-of-Age-Geschichte mit einzubauen, klingt jetzt erst mal wenig originell. „Slapface“ besteht eigentlich lediglich aus Zutaten, die man bereits gut kennt, verbindet diese jedoch auf seine eigene Art und Weise. Obwohl das Ergebnis trotzdem nicht gerade originell ist, besitzt das Drehbuch eine gewisse Eigenständigkeit. Dabei ist es vor allen Dingen das Ende, welches das Publikum spalten dürfte. Hier wird einem nämlich keine klare Antwort präsentiert und ein Interpretationsfreiraum bleibt vorhanden. Das Problem: So richtig stimmig wirkt keine Erklärung, die man sich zusammenreimen kann und das sorgt dann schon für kleine Abzüge.
 
 
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Regisseur und Drehbuchautor Jeremiah Kipp hat diesen Stoff bereits vor ein paar Jahren schon mal als Kurzfilm umgesetzt und ist sowieso am ehesten mit Kurzfilmen unterwegs, von denen er schon etliche gedreht hat. Erfahrung hat der Mann hinter der Kamera also und das merkt man „Slapface“ durchaus an. Dabei ist es vor allen Dingen der Minimalismus, der das Geschehen so effektiv macht. Hier gibt es kaum Effekte zu betrachten und die Kulissen sind schlicht. Trotzdem hat man ein paar eindrucksvolle Bilder hervor gezaubert und allgemein ist das handwerklich sehr stilsicher gemacht. Das bemerkt man auch an der Atmosphäre, die hier entsteht. Es braucht eine Weile, bis sich diese entfalten kann, doch wenn man sich auf das Szenario einlässt, wird man irgendwann von ihr gefesselt. Es ist vor allen Dingen das Drama, welches gut funktioniert, welches eine gewisse Trostlosigkeit versprüht und betroffen machen kann. Die Horror-Elemente sind da nur ein netter Zusatz. Hier braucht man keine billigen Jumpscares zu befürchten. Auch der Horror entfaltet sich nur langsam.
 
 
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Genau diese Langsamkeit macht „Slapface“ allerdings auch ein bisschen anstrengend. Man braucht schon Geduld für den Film, der sich trotz seiner relativ kurzen Laufzeit von nur 85 Minuten niemals so richtig kurzweilig anfühlt. Besonders die erste Hälfte wirkt nahezu schleppend, lässt keine Spannung aufkommen und ist fast etwas zu ereignislos. Trotzdem sind schon hier Szenen vorhanden, die Neugierde aufkommen lassen und wenn man am Ball bleibt, wird man belohnt. Nicht, weil es hinterher viel actionreicher zur Sache gehen würde, sondern weil sich das Geschehen gekonnt aufbaut und somit im Endeffekt auch stets unterhaltsamer wird. Das kleine Finale bietet dann doch noch ein paar Effekte mehr und nach dem sehr offenen Ende denkt man noch etwas über das Gesehene nach. Ein Zeichen dafür, dass „Slapface“ irgendetwas richtig gemacht haben muss. Richtig gut ist übrigens auch der Score, der effektiv eingesetzt wird.
 
 
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Ansonsten lebt der Film unbedingt noch von seinen beiden Hauptdarstellern. Die Leistung von Mike Manning ist ja schon echt ordentlich, wird aber definitiv noch von der von August Maturo getoppt. Das Spiel des damals 14-jährigen ist eindringlich und echt intensiv. In den recht überschaubaren Nebenrollen wissen ansonsten noch Mirabelle Lee und Libe Barer zu überzeugen, doch der Fokus liegt hier schon deutlich auf den beiden Hauptdarstellern. Da diese so ordentlich abliefern, ist es auch schön, dass man sich bei der Figurenzeichnung Gedanken gemacht hat, denn die Charaktere wirken niemals zu künstlich und besitzen ihre Tiefe. So funktioniert das Drama natürlich auch gleich noch mal deutlich besser.

 
 


 
 
 

SLAPFACE – Fazit

 
 
7 Punkte Final
 
 
„Slapface“ erfindet das Rad nicht neu, besteht aus bekannten Zutaten und braut sich daraus seinen eigenen Mix aus Coming-of-Drama und Horrorfilm zusammen. Das Ergebnis lebt von einer trostlosen, packenden Atmosphäre und wird von zwei hervorragenden Hauptdarstellern getragen. Leider wirkt das offene Ende nicht komplett durchdacht, da die verschiedenen Lösungsansätze es sich entweder zu einfach machen würden oder aber keinen echten Sinn ergeben. Somit bleibt trotzdem ein Werk, über welches man sich Gedanken machen kann. Dass es dabei sehr langsam und minimalistisch zur Sache geht, macht den Unterhaltungswert alles andere als optimal, aber wenn man sich auf den ruhigen Ton einstellt, wird man am Ende doch mit einer fesselnden Stimmung belohnt, die einen mehr und mehr in ihren Bann zieht. Handwerklich ist das geschickt gemacht, der Score klingt bestens und somit kann man eine Empfehlung an alle aussprechen, die es gerne etwas unspektakulärer haben!
 
 
 


 
 
 

SLAPFACE – Zensur

 
 
 
„Slapface“ bietet nur wenig grafische Gewalt. Daher dürfte der Streifen von der FSK eine Freigabe ab 16 erhalten.
 
 
 


 
 
 

SLAPFACE – Trailer

 
 


 
 
 

Benjamin Falk

(Rechte für Grafiken liegen bei Tiberius Film)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
The Devil’s Backbone (2001)
 
I Am Not a Serial Killer (2016)
 
Our House (2018)
 

Filmkritik: „Frank & Zed“ (2020)

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FRANK & ZED

Story

 
 
 

Zwei eigentlich friedliche Monster geraten in einen Krieg mit Dorfbewohnern, die sich noch immer vor der Vergangenheit fürchten.

 
 
 


 
 
 

FRANK & ZED – Kritik

 
 
 
Wenn man an einen Puppenfilm für Erwachsene denkt, fällt einem sicherlich sofort „Meet the Feebles“ ein, der bisher ziemlich einzigartig war. Selbst wenn Werke wie „Der dunkle Kristall“ oder „The Happytime Murders“ ebenfalls Puppen benutzten, waren dort auch menschliche Darsteller zu sehen und es ging durchaus weniger verrückt zur Sache. Doch jetzt kommt „Frank & Zed“ daher und er macht „Meet the Feebles“ zumindest optisch Konkurrenz, leidet nebenbei jedoch an einigen erzählerischen Schwächen.
 
 
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Es ist schon einige Jahrhunderte her, als ein Dorf in eine magische Schlacht geriet. Die Titelfiguren Frank und Zed waren daran beteiligt und leben seitdem in den Ruinen von damals ein doch recht friedliches Leben, in dem sich jeder um die Ernährung des anderen kümmert. Doch als eines Tages ein Dorbewohner das Jagdgebiet der Monster betritt, kommt es zum Mord und die Dorfbewohner wollen dafür unbedingt Rache. Die Story gibt nicht viel her, versucht aber dennoch episch zu wirken. So richtig will dies leider nicht gelingen, da vieles angedeutet wird, aber im Endeffekt doch nur bekannte Motive von Fantasy-Werken zusammengebastelt wurden. Wäre da nicht dieser weiterhin ziemlich einzigartige Stil, würde sich für die Handlung wohl kaum jemand interessieren. Außerdem wird das Ganze unnötig langsam erzählt und weiterhin gibt es im Ton doch zahlreiche Ungereimtheiten.
 
 
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So richtig entscheiden mag sich „Frank & Zed“ nämlich nicht. Will er jetzt eher eine tragische Geschichte von zwei ehemaligen Feinden erzählen oder doch ein fantasievolles Epos voll mit dunkler Magie? Möchte er ernst wirken, dramatisch oder lieber albern sein? Oder will er im Endeffekt doch nur einen Funsplatter darstellen? Von nahezu allem finden sich ein paar Elemente, doch keines davon dominiert und deshalb kommt einem das Resultat doch relativ unentschlossen vor. Manchmal wirkt „Frank & Zed“ nämlich durchaus ernst, nahezu düster und unheilvoll. Dann wiederum wird plötzlich der Humor bedient, aber auf eine ziemlich plumpe Art und Weise. Und dann wäre da immer wieder eine Portion Drama, welche jedoch an Tiefe vermissen lässt. Die verschiedenen Zutaten ergeben hier kein rundes Gesamtbild und das stört zuweilen doch ein bisschen.
 
 
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Das ist gerade deshalb schade, weil „Frank & Zed“ optisch eine Wucht darstellt. Laut Regisseur Jesse Blanchard haben die Arbeiten an dem Werk ca. sechs Jahre gedauert; eine unheimlich lange Zeit. Dafür, dass es sich bei diesem Film aber eben um keine Big-Budget-Produktion handelt, glaubt man gerne, dass sehr viel Zeit investiert werden musste, denn hier stammt wirklich so gut wie alles von Hand. Das ist noch altmodischer Puppentrick, wie es die Muppets zelebriert haben und selbst wenn man „Meet the Feebles“ schon auswendig kennt, ist es immer noch befremdlich solche Puppen in einem Film für Erwachsene zu sehen. Gerade wenn sich dann auch noch Splatter mit zum Geschehen gesellt, wird es zwangsläufig abgefahren. Die Effekte sind wirklich toll geworden und mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Doch auch die ganzen Kulissen sehen wunderbar aus. Auch wenn der Computer dann mal helfen durfte, wenn es z.B. an die Magie geht, sieht das astrein aus. Alleine diese Optik strahlt genügend Faszination aus, dass man dem Film für seine Schwächen nicht so böse sein möchte.
 
 
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Die Figuren hat man insgesamt ganz ordentlich dargestellt und optisch sind sie markant geraten, was natürlich vor allen Dingen an den titelgebenden Frank und Zed liegt. Deren Hintergrundgeschichte besitzt sogar etwas Tiefe, was man von den anderen Figuren weniger behaupten kann. Leider geraten die beiden Monster besonders im mittleren Teil etwas zu sehr in den Hintergrund und auf die größten Dialoge sollte man sich nun nicht einstellen. Schade ist zudem auch, dass man niemals einen echten Draht zu den Charakteren erhält. Die Monster sind auf ihre eigene Art und Weise irgendwie drollig, doch wirklich mitfiebern kann man mit ihnen nicht und die ganzen Dorfbewohner erscheinen schon einigermaßen belanglos. Ein weiterer, nicht unerheblicher Schwachpunkt ist der Score. Eigentlich wurde musikalisch alles richtig gemacht, nur sind die vorhandenen Melodien dermaßen wenig eingängig und austauschbar, dass dabei keine echte Freude aufkommen will.
 
 
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Außerdem muss man sich fragen, weshalb Blanchard dieses Werk auf rund 90 Minuten langziehen wollte. Dafür gibt die Handlung nicht genug her und so entstehen zwangsläufig Längen. Hat man sich erst mal an die abgefahrene Optik gewöhnt, unterhält diese alleine nämlich eben auch nicht mehr. So schade es ist, aber „Frank & Zed“ ist in einigen Momenten schon etwas langweilig, weil einfach nicht viel geschieht und das Treiben nicht in die Gänge kommen möchte. Auch mit dem größten Splatterfest sollte man jetzt nicht rechnen. Da muss man schon auf das Finale warten, welches dann zum Glück einiges retten kann. Hier geht es mächtig zur Sache und wenn sich die Puppen da gegenseitig zerfetzen, ist das definitiv etwas, das man nicht alle Tage zu sehen bekommt. Das entschädigt schon für die ein oder andere Länge.
 
 


 
 
 

FRANK & ZED – Fazit

 
 
6 Punkte Final
 
 
„Frank & Zed“ ist ein eigentümlicher Film, bei dem man sehr das Herzblut spürt, welches in das Werk geflossen ist. Er ist ein kurioser Film mit einer gewitzten, abgefahrenen Optik, mit zwei kreativen Monstern und tollen Kulissen. Aber leider ist er nebenbei kein besonders guter Film, was an mehreren Gründen liegt. Die Handlung ist dünn und was „Frank & Zed“ optisch an Fantasie zu bieten hat, geht ihm erzählerisch leider abhanden. Außerdem ist er zu lang und bietet nicht so viel Splatter, wie er verspricht. Der Score klingt völlig austauschbar und es gibt doch schon einige Längen. Selbst wenn sich diese Kritik im Endeffekt nicht nach sechs Punkten liest, gewinnt am Ende doch das Herzblut. Außerdem macht das blutige Finale echt noch etwas her. Ob „Frank & Zed“ es zum gleichen Kult bringen wird, wie es „Meet the Feebles“ geschafft hat, ist fraglich, aber wer diesen als gut empfand, kommt um dieses Werk wohl kaum herum und eine gewisse Faszination kann man dem Ganzen nun wirklich nicht absprechen!
 
 
 


 
 
 

FRANK & ZED – Zensur

 
 
 
In „Frank & Zed“ kracht es eigentlich erst am Ende in Sachen Gewalt. Da splatterts schon ganz gut. Da es sich jedoch bei den Todesopfern um Puppen handelt, ist eine Freigabe ab 16 Jahren vorstellbar.
 
 
 


 
 
 

FRANK & ZED – Trailer

 
 


 
 
 

Benjamin Falk

(Rechte für Grafiken liegen bei Puppetcore)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Meet the Feebles (1989)
 
Team America (2004)
 
The Happytime Murders (2018)
 

Filmkritik: „L.A. Nights – Grenzenloses Verlangen“ (2009)

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L.A. NIGHTS – GRENZENLOSES VERLANGEN

(NOW & LATER)

Story

 
 
 
Ein materialistischer, kautionsflüchtiger Banker aus Amerika lernt eine illegale Immigrantin aus Nicaragua kennen, die ihm eine neue Seite des Lebens aufzeigt.
 
 
 


 
 
 

L.A. NIGHTS – Kritik

 
 
Zwei Jahre nachdem der französische Regisseur Philippe Diaz mit der Dokumentation „The End Of Poverty?“ auf sich aufmerksam machte, inszenierte er das ebenfalls kapitalismuskritische, philosophisch angehauchte, erotische Quasi-Kammerspiel „Now & Later“ mit wenig Budget und einem kleinen Cast. Von all den spannenden Genreproduktionen, erotischen Titeln, innovativen Indie-Debüts und Festivalhits hat es nun, 11 Jahre später, aus unerfindlichen Gründen gerade dieser Titel es, verpackt als „L.A. Nights – Grenzenloses Verlangen“, nun in die deutschen Veröffentlichungskalender geschafft. Wurde hier etwa eine seinerzeit untergegangene Perle vor der Versenkung gerettet? Die kurze Antwort: Nein. Die lange Antwort: Nein, und ich bin ein Thor nach zwei Jahren bei Filmchecker immer noch von der „FSK 18“ oder den Pressestimmen auf dem Cover schlechter „Erotikthriller“ (Exquisite Corpse, Caged) angelockt zu werden, nur weil ich dahinter deutlich eher einen ordentlichen Genreeinschlag Richtung Horror oder Thriller erwarte, einen nächsten Basic Instinct, als nur peinliche, aber teils halt sexuell explizite Amateurkost. Hätte ich meine Onlinerecherche seinerzeit nicht beim irreführenden deutschen Titel und demnach ausbleibenden Reviews abgebrochen, ich wäre auch zweifelsohne über mehrere englischsprachige Kritiken gestolpert, die diesen Titel in Grund und Boden stampfen. Aber das habe ich nicht getan und demnach war ich guter Dinge und sitze nun hier, fünf Seiten Notizen über ermüdende 100 Minuten Einschlaffilm vor mir liegend.
 
 
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Das Menü der Blu-ray ist mit ruhigen Pianoakkorden und Szenen aus dem Film unterlegt, wodurch sich nach wenigen Sekunden das Bild eines optisch recht langweiligen Kammerspiels ergibt, in dem wohl hauptsächlich ein junges Pärchen Sex hat und redet – je nach Inhalt und Echtheit dieser Szenen muss das nicht schlecht sein, nur hört man in diesen Fällen halt auch nicht erst 11 Jahre nach Release was von solchen Filmen. Als Bonusmaterial gibt es die Standard-Erotikfilm-Trailerauswahl des Labels, dazu laut Backcover angeblich „Interviews mit der Besetzung“, auf der BD selber stellt sich dann aber heraus dass es lediglich ein 4-minütiges „Am Set“-Featurette gibt, indem der Cast nur sehr kurz zu Wort kommt, keine einzel anwählbaren, vernünftigen Interviews.
 
 

„A lot of the messages are going to be very subtle.“

 
 
In einer dieser Clips fällt die Aussage „Besides the lessons, the story is touching“ und ja, von Lehrstunden kann hier tatsächlich die Rede sein – Philippe Diaz mit Stümper-Auteur Uwe Boll zu vergleichen scheint auf den ersten Blick weit hergeholt, hat man sich jedoch mal durch Teile 2 und 3 von Bolls „Rampage“-Franchise gequält, versteht man vielleicht was es heißt, seine eigenen Ideen und Agendas völlig unreflektiert ins Gesicht der Zuschauer zu drücken, ohne auf Dinge wie Unterhaltungsfaktor, Dramaturgie oder auch nur gutes Writing Acht zu geben. Ganz so schlimm und brachial geschieht das Vermitteln dieser „Lehrstunden“ hier nicht, statt eine TV-Station mit Waffengewalt unter seine Kontrolle zu bringen, beeinflusst eine illegale Einwanderin stattdessen einen verlorenen, amerikanischen Banker mit ihrem non-materiellen, antikapitalistischen, gar antiamerikanischen Mindset, doch die Idee ist die selbe.
 
 
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„Wieso können wir Sex nicht genau so unproblematisch und nüchtern betrachten wie Gewalt?“ ist eine der Fragen, die Angela den dauerhaft geistig abwesenden, todlangweiligen und furchtbar gespielten Bill fragt, wieso Amerika so unnötig prüde und auf Gewalt und Geld fixiert sei, will sie wissen – und das sind berechtigte Fragen, so ist das nicht. Aber ohne jede Nuance, wirkliche Story oder mitreißende Inszenierung in einem solchen Emotionsvakuum immer wieder den selben Loop aus gesellschaftskritischen Dialogen, langweilig gedrehten, spärlich gesähten Sexszenen und spanischer Musik zu Nachtaufnahmen nachzuvollziehen, ödet leider allzubald an.
 
 
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Mit dem Zitat „Eine sexuell unterddrückte Gesellschaft wird gewalttätig werden.“ beginnt die Chose, direkt in der ersten Einstellung thront dann natürlich ein Mc-Donalds Plakat, neben dem unser Protagonist Nachts verloren an den Bahngleisen im Nieselregen steht. Unser kautionsflüchtiger Investment-Banker wird dabei von Keller Wortham verkörpert, der gelangweilt, pseudocool und unsympathisch durch den Film schlafwandelt und wirklich regelmäßig performt, als würde er sich vor der Kamera furchtbar unwohl fühlen. An Kindertheater und erzwungene Schulfilme, an Jersey Shore und miese Pumper-Klischees wurde ich erinnert, da sein stählerner Adonis-Körper es nicht versteht auch nur einmal so etwas wie Mimik walten zu lassen.
 
 

„I don’t dream anymore.“ – „You do, you just don’t want to remember.“

 
 
Gänzlich unverständlicherweise fasziniert und angezogen von diesem menschgewordenen Proteinshake fühlt sich Angela, die aus ärmlichen Verhältnissen aber einer darum auch stark zusammenhaltenden Gemeinschaft kommt, ehrenamtlich in einer Notunterkunft/Klinik arbeitet und in einem großen, improvisierten Raum lebt, in dem es nur das Nötigste gibt. So zum Beispiel eine freistehende Toilette und Dusche mitten im Raum, ohne jeden Sicht- oder Geruchsschutz. Das Gebäude in dem sie, und nach den ersten Minuten des Film auch schnell Bill, residiert, steht dabei natürlich tiefsymbolisch an der Grenze zwischen dem Finanzdistrikt (Bill: „I used to work there.“, danke Bill.) und den armen Außenbezirken voll Obdachlosigkeit und Armut, zu gerne wird demnach auf dem Häuserdach die Skyline angeguckt und über die Verhältnisse der Welt schwadroniert.
 
 

„If possessions were important, rich people would be happy.“

 
 
Zwischen ätzend prätentiös vorgetragenen Kalenderspruch-Dialogen die sich an einen lobotomisierten, jüngeren Christian Slater-Lookalike richten in wenig eindrucksvollen Bildern, die immer wieder viel zu lange und lieblos in Stativaufnahmen festgehalten werden und denen jede Dynamik fehlt, gibt es dann aber ja auch noch den Erotikfaktor. Denn nicht nur lebt Angela im Moment und Bill nicht, nicht nur entsagt sich Angela dem Konzept von Besitztümern während Bill Materialist zu sein scheint, nein, auch hat sie natürlich überhaupt keine Probleme mit Nacktheit und offener Sexualität, während Bill verklemmt und unsicher daherkommt. Um eine solche Verklemmtheit überzeugend zu spielen, sollte man als Schauspieler selber natürlich nicht sowieso schon wie ein verlorener Junge performen, sonst sieht das dann nämlich aus wie hier.
 
 
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Nach 25 erotikfreien Minuten streichelt Angela Bill und küsst ihn, man sieht seinen (echten) erigierten Penis und ich dachte schon nun würde etwas Authentisches oder Explizites folgen, stattdessen stöhnt Bill kein einziges Mal während er einen „Blowjob“ bekommt, der komplett offscreen stattfindet und nachdem der Dialog über Angelas Vergangenheit in Nicaragua ohne jede Pointe einfach weitergeht, als sei nichts passiert. Dass diese Nebensächlichkeit und Natürlichkeit auch Teil des Realismus und der Aussage des Films ist, ist mir schon bewusst, spätestens wenn Angela Sprüche wie „I’m part of your here & now, not more and not less“ veräußert, aber unterhaltsam oder erotisch werden solche Szenen dadurch leider trotzdem nicht.
 
 

„When I was a teenie we used to say ‚Life’s a bitch and then you die‘, I guess I finally understand what that means.“

 
 
Einige langweilige, statische Aufnahmen der selben zwei Settings und eine echt wirkende, aber ebenfalls unspektakulär gedrehte oder inszenierte Sexszene später trifft Bill in einem billigen Setting mit kitschiger Musik dann noch auf seine verzweifelte Ex-Frau, wobei der wohl peinlichste und witzigste Dialog des Films fällt: Sie sagt: „Do you realize that I invested the best years of my life in our marriage?“, er antwortet: „INVEST? You’re starting to sound like me!“. Wie man diesen Dialog oder Charakter auch nur annährend ernst nehmen oder ihm irgendwas Gutes wünschen soll, ist mir wahrlich ein Rätsel.
 
 

„Why don’t you go to jail? It’s only eight years!“

 
 
Aufklärende Gespräche über die CIA-Operationen und Kriegstreibereien der USA zur Reagan/Carter-Ära, Angela masturbiert in einer Sexschaukel und er schaut zu, ausbleibende Musik zu unmotivierten Einstellungen, nach 66 der 100 Minuten fällt auf dass dieser „Erotik“film genau eine Sexszene bisher hatte, und sonst nur der Regisseur seine stereotypen Charaktere nutzte, um seine Amerikakritik anzubringen.
 
 
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Eine poetisch angedachte, aber nur noch nervende und amateurhaft wirkende, peinliche Tanzszene mit einem Flugdrachen in Adlerform (USA! USA!) gilt es noch zu erdulden, eine komplett unnachvollziehbare und aus dem Nichts kommende, in wenigen Zeilen abgehandelte Läuterung, dann hat der Spuk endlich sein Ende und nach ewigen 97 Minuten Zeitverschwendung ohne Mehrwert endet auch „Not & Later“ endlich einmal.
 
 
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Es gibt langweiligere, nervigere und schlechtere Filme, zweifelsohne, diese geschwätzige „Lesson“- wie unser unsäglicher Hauptdarsteller selbst schon richtig erkannt hat – allerdings als „Erotikthriller“ zu verkaufen, grenzt wirklich an ein Verbrechen. Es gibt Pornos mit artistischeren Einstellungen, Sets und Designs als die Erotikszenen in diesem Film sie bieten, für reine Essays oder Meinungsmache hätte in deutlich kürzeres Projekt, z.B. auf Youtube, Welten besser geklappt. Die Charakterbögen sind stumpf oder nicht existent, es gibt keinen Konflikt, keine Spannung, kein Identifikations- oder Mitfieberpotential und selbst die prinzipiell netten, letzten beiden Einstellungen wurden verkackt, da man hier einen Passanten in zwei verschiedenen Einstellungen sieht, obwohl Gleichzeitigkeit impliziert werden soll.
 
 
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L.A. NIGHTS – Fazit

 
 
 
2 Punkte Final
 
 
Sehr langweiliger, repetitiver, pseudointelektueller und nie wirklich erotischer Alibi-Film, der offenbar nur gedreht wurde um die Meinung seines Regisseurs auszudrücken. Keller Wortham verdient eine besondere Erwähnung für seine herausragend bodenlos-grauenhaft, lachhaft verlorene Performance.
 
 


 
 
 

L.A. NIGHTS – Zensur

 
 
 
Bei „L.A. Nights – Grenzenloses Verlangen“ handelt es sich um eine Wiederveröffentlichung. Der Streifen wurde bereits 2012 vom damaligen Rechteinhaber Infopictures unter dem Originaltitel „Now and Later“ in den Handel gebracht. Schon damals erhielt das Erotikdrama von der FSK eine Freigabe ab 16 Jahren in der ungeschnittenen Version. Das hat sich auch bei der Wiederveröffentlichung unter dem Titel „L.A. Nights – Grenzenloses Verlangen“ nicht geändert. Auch diese Filmfassung ist uncut und ab 16 Jahren. Wegen höher eingestuftem Bonusmaterial auf der Heimkinoscheibe ist diese aber erst für Erwachsene geeignet.
 
 
 


 
 
 

L.A. NIGHTS – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) Busch Media Group (Blu-ray im KeepCase)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Now & Later; USA 2009

Genre: Drama, Erotik, Thriller

Ton: Deutsch DTS-HD MA 2.0, Englisch DTS-HD MA 2.0

Untertitel: Deutsch

Bild: 1.78:1 (1080p) | @23,976 Hz

Laufzeit: ca. 99 Minuten

FSK: Film: FSK16 (ungeschnittene Fassung) | Blu-ray wegen Bonusmaterial: keine Jugendfreigabe

Verpackung: Blu-ray im Keepcase

Extras: Interviews mit der Besetzung, Originaltrailer, Trailershow

Release-Termin: KeepCase: 11.03.2022

 
 

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L.A. NIGHTS – Trailer

 
 


 
 
 

Alexander Brunkhorst

(Rechte für Grafiken liegen bei Busch Media Group)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Wildes Verlangen (2013)
 
Little Thirteen (2012)
 
Was will ich mehr (2010)