Filmkritik: „The Antenna“ (2019)

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THE ANTENNA

(BINA | THE NIGHT BULLETIN)

Story

 
 
 
Mehmet, der Verwalter eines heruntergekommenen Mietshauses muss in der trostlosen Einöde der dystopischen Türkei die Installation einer neuen, von der Regierung verordneten Fernsehantenne überwachen, nur um in ein Geflecht aus Manipulation, Überwachung und kosmischem Grauen gesogen zu werden.

 
 
 


 
 
 

THE ANTENNA – Kritik

 
 
Das Brummen eines rostigen Heizgerätes ist zu hören, so wie alsbald weitere, maschinell zuzuordnende, unterschwellige Störgeräusche, Signale, sonst nicht viel. Ein einsamer Mann sitzt in seiner veraltet, heruntergekommen wirkenden Wohnung, das detailverliebte Sounddesign fällt direkt auf, ebenso die Atmosphäre, die von den gut fotografierten, ersten Szenen ausgeht. Wunderschön kadrierte Einstellungen leerer, grauer Industrieumgebungen folgen, untermalt weiterhin nur von einem nahezu argentoesk-omnipräsentem Wind und den wenigen Geräuschen der leblosen Umgebung. Mehmet, unser Hauptprotagonist, kommt zu spät bei seinem Job an, da er ein vor sich hin siechendes, baufälliges Mietshaus verwaltet und heute die Schlüssel gebraucht wurden, um die vom Staat für jeden Haushalt angeordneten, neuen Satellitenschüsseln zu installieren – nach 10 recht kalten und stillen Minuten folgt dann als auslösendes Moment der ebenfalls nüchtern erzählte, beiläufige Suizid eines Arbeiters, der natürlich als Arbeitsunfall abgetan wird. Willkommen bei „The Antenna“.
 
 
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Das Langfilmdebüt von Orcun Behram erinnert gerade anfangs an seinen russischen Bruder im Geiste „Leviathan“ – nicht etwa, weil dieser Film hier auch so langsam, bedacht und in weiten Winkeln erzählt sei, nein, viel eher weil hier auch menschliche Eiszeit herrscht, fernab von Empathie, die Menschen für sich zu überleben versuchen in dieser kalten Welt, die fest in eisernen Händen des Staates gefangen scheint. Doch waren es bei Swjaginzew noch Korruption und menschliche Abgründe, die das bittere Einzelschicksal bestimmen, so ist es hier viel eher die Orwell‘sche Spionage, der Eingriff in die Privatsphäre, die Zwangsbeschallung und sonstige Verhaftung der wehrlosen Bürger, die den ausweglosen Alltag dominieren. Doch was sich nach wie vor lesen mag wie ein Sozialdrama, ist im Kern trotz relativ simpler politischer Kommentare bzw. sehr überschaubarer Symbolik als Thriller bzw. Horror gelistet, was ich so verstehen, aber nicht stehen lassen kann. Symbolisch bzw. eben übernatürlich wird es nämlich dann, wenn relativ früh im Film bereits eine schwarze, zähflüssige, ölige Flüssigkeit aus dem Gebäude sickert, erst vereinzelt, dann in mehr und mehr Wohnungen, mit der Mehmet natürlich betreut wird. Statt erschlagend untersichtig gefilmter Hochhäuser, unterkühlter Farben und anschwellender Orgelstücke des wirkungsvollen, aber immer wieder zu dick aufgetragenen Soundtracks, gesellt sich also zunehmend eine nach wie vor langsam und nahezu dialoglos erzählte, mysteriöse Geschichte über in der Badewanne ertrinkende Mieter und verseuchtes Fleisch essende Familienväter zur trostlos-monochromen Ästhetik, die leider allzu fragmentarisch wirkt.
 
 
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Vielleicht ist es ja Sinn der Sache, ein kaleidoskophaftes, fragmentarisches, durchgestyltes und punktuell spannendes Bild einer in sich, ihren Strukturen und ihrer Unterdrückung untergehenden Türkei zu schaffen, doch als stringenter Langfilm hätte es einiger Kunstgriffe mehr gebraucht.
So wahlweise beunruhigend plastisch und wirksam, oder aber zumindest tongue-in-cheek und genretauglich die steten Blubber- und Schleimgeräusche der dunklen Masse nämlich auch sein mögen, so berechenbar und repetitiv ist dann leider die Narrative der folgenden Szenen – von einer solchen zu sprechen ist dabei schon fast großzügig, da die Ereignisse im gesamten Mittelteil des Films in willkürlicher Reihenfolge geschehen könnten. Egal ob in der realen Filmwelt oder als Traumsequenz, eine langsame Annäherung an den bereits bekannten Einbruch des Unerklärlichen, oder, besser, des zu Erklärendem sorgt erst noch für Neugierde und Spannung, ist immer wieder fantastisch beleuchtet, mit einer Hommage an Franjus Meisterwerk „Les yeux sans visage“ versehen und hoch atmosphärisch, später kann dann aber leider nur noch ein müdes Lächeln gelockt werden, da nach der Annäherung stets die eigentliche Thematisierung, der Konflikt, der Mehrwert, ausbleibt und herausgezögert wird. Das hebt sich dank der kühlen, dialoglosen, non-amerikanischen Inszenierung und einiger starker Schnitte immer noch mit Leichtigkeit angenehm vom Spukhaus- Blödsinn der Marke Insidious oder The Nun ab, ist dabei aber formell leider ähnlich kreisförmig und nichtssagend – zumal die Charaktere blass bleiben oder einem völlig egal sind.
 
 
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Hauptdarsteller Gül Arici gibt eine durchaus gelungene und nuancierte Performance ab, die sich in Zurückhaltung übt und fast ohne Dialog auskommt, ist den emotionalen Ausbrüchen zum Finale hin aber nicht ganz gewachsen, auch Elif Cakman und Levent Ünsal wissen in ihren Rollen zu überzeugen und bleiben ggf. hängen, der Rest hat aber leider kaum Chance zum Brillieren oder Nerven oder sonstwie einen Unterschied machen, da das Opfer für die graue, spröde Optik und Atmosphäre auch ein Ausbleiben von Charakterinnenleben oder Empathie für das Geschehen ist. Ein starkes, charakterschaffendes Gespräch vor trostloser Naturkulisse im ersten Viertel bleibt lobend zu erwähnen, auch ist der wortwörtliche Abstieg in die Tiefen des Hauses rein audiovisuell hervorzuheben, doch so vielversprechend Inszenierung und Prämisse wirken, so substanzlos bleibt die eigentliche Erkundung der Zusammenhänge zwischen dem Öl, den Mietern, der Regierung und den Satellitenschüsseln leider. In seinen besten Momenten erinnert „The Night Bulletin“ also an eine mysteriöse, beklemmend-bedrückende „Twilight Zone“-Episode von David Lynch, mit Störgeräuschen und alptraumhaften Bildern zum Reinlegen, mit ominöser, diffuser Bedrohung und betörendem
 
 
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Soundtrack, mit viel Vogelperspektive und wenig Dialog, realem Drama, das auf surreale Gefahr trifft -und genau so würde ich die ersten 40, 45 Minuten auch beschreiben. Der langsame Aufbau erinnert an „Dark“, das Colourgrading ebenfalls, die problematischen familiären Verhältnisse, die immer wieder belichtet werden, zusammen mit den fast 2 Stunden Laufzeit, die multiperspektivische Erzählung, all das deutet auf etwas Größeres hin, einen Twist, eine Realisierung, etwas Unerwartetes, einen Knaller zum Ende hin. Doch irgendwann nach etwas über einer Stunde, als unser Protagonist gerade unerklärt und bedachtsam durch ein leeres Gebäude wanderte, ohne Sound oder direkten Storyfortschritt, als aus begeisterten Cronenberg-Assoziationen über den schwarzen Schleim und die Bodyhorror-Elemente eine Routine wurde, da dämmerte mir, dass dieser Film als 80 oder 90-Minüter vielleicht richtig glänzen könnte, so aber die Laufzeit eher daran liegt, dass der Regisseur sich nicht von seinen schönen Bildern trennen konnte als daran, dass der Film für dieses Script zwangsläufig 2 Stunden Zeit braucht. Und als wär das nicht genug, schafft dieser Film, der so gut begonnen hat, doch dessen Nebencharaktere einem ohnehin schon relativ egal waren, noch endgültig, mein Interesse zu verlieren – überbenutzte, „schockige“, schrille Geigen aus der Horrorscore- Versatzstückbox, dazu eine überraschende Drastik und Kaltschnäuzigkeit, nur irgendwie lässt es einen völlig kalt. Der Weg zum Finale nutzt ein zu oft benutztes, vorhersehbares Motiv, als Scarefest klappt der Film auf keinen Fall, der Charakterfokus wird gewechselt und auch das klappt nicht, da können Setting & Stil noch so schön das banale Geschehen intensivieren. Die letzten paar Minuten des Films dann sind exemplarisch für das gesamte Werk – zu lang wird hier zu viel probiert, einiges klappt, einiges nicht, der letzte Shot bleibt hängen und ist wunderschön durchkomponiert, gestrafft wäre aber auch diese Sequenz, mit ihren fetten Synthesizern und wenig gruseligen Antagonisten, deutlich stärker.
 
 


 
 
 

THE ANTENNA – Fazit

 
 
 
6 Punkte Final
 
 
Überlanger, wenig origineller Mysteryfilm mit Sozialdrama und Horror-Einschlag, der einzig atmosphärisch sowie audiovisuell immer wieder überragt. Unausgegoren, zu lang und weniger aussagekräftig als er hätte sein können, für neugierige Genrefans trotzdem einen Blick wert. Starke 6/10
 
 


 
 
 

THE ANTENNA – Zensur

 
 
 
„The Antenna“ ist ein Kandidat für eine FSK16. Ob und wann der Streifen in Deutschland ausgewertet werden wird, ist noch unklar.
 
 


 
 
 

THE ANTENNA – Trailer

 
 


 
 
 

Dr. Barry Nyle

(Rechte für Grafiken liegen bei Lucidlab Films)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
A Scanner Darkly – Der dunkle Schirm (2006)
 
Twin Peaks (1990)
 
Twilight Zone (1959)
 
Tower Block (2012)
 

Filmkritik: „Baskin“ (2015)

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BASKIN

Story

 
 
 
Fünf Polizisten in der türkischen Provinz freuen sich auf eine ruhige Nachtschicht, doch der Hilferuf einiger Kollegen verheißt nichts Gutes. Etwas später stehen die Fünf vor der verlassenen Ruine eines ehemaligen Polizeireviers. Auf der Suche nach ihren Kollegen begeben sie sich immer tiefer in das Kellergewölbe eines schaurigen Gebäudes. Raum für Raum entdecken sie grausame und blutige Rituale. Schon bald ist klar, dass sich die Polizisten in der buchstäblichen Hölle verlaufen haben. Ein Karussell aus grotesker, widerwärtiger Szenerie setzt sich in Bewegung und ein unerbittlicher Überlebenskampf der fünf Gesetzeshüter beginnt.

 
 
 


 
 
 

BASKIN – Kritik

 
 
 
In diesen Tagen stammen die großen Filme des Horrorgenres vor allem aus den USA, England, Spanien oder dem asiatischen Raum. Insofern ist BASKIN vom türkischen Regisseur Can Evrenol ein echter Exot. Das Filmland Türkei hat sich in der Vergangenheit quasi nur selten auf der internationalen Horror-Bühne gezeigt. Macher Evrenol korrigiert diesen Missstand und rückt direkt einen der grausamsten Spielorte seit Menschengedenken in den Mittelpunkt seines Schauerwerks: die Hölle. Doch es handelt sich bei BASKIN nicht ausschließlich um einen visuell beachtlichen, brutalen Ritt durchs Inferno.
 
 
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Zunächst nimmt sich der Film (übrigens ein Regiedebüt) genügend Zeit, um seine Charaktere vorzustellen. Der Haufen aus fünf Polizisten ist eine heterogene und authentische Gruppe aus Männern, die je nach Einstellung des Zuschauers mehr oder weniger sympathisch wirkt. Anders als in populären Horrorfilmen neueren Datums handelt es sich hier nicht um dumme Teenager, knapp bekleidete Frauen oder stereotype Charaktere, die durch ein Blutbad geschickt werden. Diese Reife schlägt sich auch im Ton des Films nieder. BASKIN verzichtet auf unnötigen Humor, Seitenhiebe oder metaphysische Kommentare über das Genre. Er ist von der ersten bis zur letzten Sekunde ein abgrundtief ernster und böser Film, der keine Gefangenen nimmt.
 
 
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Ein weiteres, sehr positives Herausstellungsmerkmal ist die Machart des Films, die weit über dem Standard westlicher Horror-Produktionen liegt. Mit einem sicheren Blick für Farben, Licht und ansprechende Bildgestaltung zeigt BASKIN direkt zu Beginn die Kompetenz, die hinter der Kamera Platz genommen hat. Die Ankunft der fünf Protagonisten im verlassenen Höllenhaus stellt einen Gangwechsel des Films dar, von hier an begibt sich der Film in eine stete Abwärtsspirale aus Wahnsinn, Blut und Gewalt. So bleibt eine spannende Sequenz in Erinnerung, in der die Polizisten vorsichtig in den Keller besagtem Hauses vordringen. Erfahrene Zuschauer dürften sich hierbei sofort an den spanischen Zombie-Hit [REC] zurückerinnert fühlen, in dem sich ein Kamerateam durch ähnliches Szenario bewegte und zusammen mit einer Spezialeinheit ein Hochhaus untersuchte, in dem ein tödlicher Virus die Runde machte. Was folgt ist ein bizarres Ritual, an dem die übrig gebliebenen Gesetzeshüter teilnehmen müssen. Hier hat man vollständig auf digitale Effekte verzichtet und dank liebevoller Handarbeit eine schleimige, dreckige und fast greifbare Atmosphäre geschaffen, die im Genre Ihresgleichen suchen dürfte. So lässt die exzellente Arbeit von Masken- und Szenenbildnern BASKIN zu einer der besten beklemmenden Höllenvision werden, die man in jüngerer Vergangenheit im Horrorkino zu sehen bekommen hat.
 
 
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Leider hat auch BASKIN mit einigen Problemchen zu kämpfen. Zu den wenigen Wermutstropfen des Films gehört ein Subplot, in dem einer der Protagonisten näher vorgestellt wird. Es ist offensichtlich, dass dieser Charakter und seine Umstände der Schlüssel für die Geschehnisse des Streifens ist. Leider bleiben die exakten Hintergründe etwas schwammig und nur schwer nachvollziehbar – bedauerlich!
 
 
 


 
 
 

BASKIN – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
 
BASKIN ist handgemachter Horror der besten Sorte. Er ist ein blutiges, schmutziges und widerwärtiges Horrorstück aus einem Land, das man in erster Linie nicht mit Horrorfilmen in Verbindung bringen würde. Der türkische Genrebeitrag beeindruckt mit starker Inszenierung und kompetenter Machart, die vielen westlichen Filmemachern klarmacht, worauf es beim Drehen von Horrorfilmen eigentlich ankommt. Ohne nennenswerte Schwächen befindet sich BASKIN auf dem besten Wege zum zukünftigen Kultklassiker, schließlich gelingt es Regisseur Can Evrenol mit Leichtigkeit das Publikum mit unbequemer Atmosphäre zu schockieren. Empfehlenswert.
 
 
 


 
 
 

BASKIN – Zensur

 
 
 
Seine inoffiziele Deutschland-Premiere feierte der Film im Rahmen des 1. SHIVERS-Festivals in Konstanz und wurde dort vom Publikum positiv aufgenommen. Gewalttechnisch gibt es Einiges zu sehen. In der zweiten Hälfte geht es ordentlich zur Sache und Regisseur Can Evrenol spart nicht mit starken Gewaltspitzen, die sich sogar mit sexuellen Aspekten vermischen. Da es sich nicht um eine Horrorkomödie, sondern um einen waschechten Horrorthriller handelt, hat die fragwürdige Vermischung von Sex und Gewalt von der FSK eine Erwachsenenfreigabe erhalten. „Baskin“ ist in Deutschland mit rotem KJ-Flatschen in den Handel gekommen.
 
 
 


 
 
 

BASKIN – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) Capelight Pictures (normale Blu-ray im Keepcase)

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(c) Capelight Pictures (Mediabook)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Baskin; Türkei | USA 2015

Genre: Horror, Thriller

Ton: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Türkisch DTS-HD MA 5.1

Untertitel: Deutsch

Bild: 2.35:1 (1080p)

Laufzeit: ca. 97 Min.

FSK: Keine Jugendfreigabe (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: KeepCase mit Wechselcover und Schuber | Mediabook

Extras: Making of, Der Kurzfilm „Baskin“ (2013), Trailer | zusätzlich im Mediabook: 24-seitiges Booklet

Release-Termin: 29.04.2016

 

Baskin (Blu-Ray im KeepCase) auf AMAZON bestellen

Baskin (Limitiertes Mediabook) auf AMAZON bestellen

 
 
 


 
 
 

BASKIN – Trailer

 
 


 
 
 

Timo Löhndorf

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(Die Rechte aller verwendeten Bilder liegen bei Capelight Pictures)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Bone Tomahawk (2015)
 
Hellbound: Hellraiser 2 (1988)