Filmkritik: „Jack Goes Home“ (2016)

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JACK GOES HOME

Story

 
 
 
Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters begibt sich Jack auf eine Reise zurück in die Vergangenheit und entdeckt furchtbare Dinge, die ihm seine Eltern nicht ohne Grunde über Jahre verschwiegen hatten.

 
 
 


 
 
 

JACK GOES HOME – Kritik

 
 
 
Jede Familie hat ein Geheimnis, von dem besser niemand erfahren sollte. Im Horrorfilm ist eine solche Tatsache mittlerweile keine Seltenheit mehr – hier schlummert das Grauen oft hinter Türen braver Bürger, die dann alles andere als friedliebend sind. Kein Horrorfilm im herkömmlichen Sinne, aber nicht minder unangenehm ist der unabhängig gedrehte Psychothriller JACK GOES HOME. Der beweist einmal mehr, dass Indie-Filme oft die besseren Filme sind, weil sich deren Macher nicht zwingend an Konventionen halten müssen. Hinter dem Streifen steckt Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur THOMAS DEKKER. Der erklärte in Interviews, dass ihm die Inspiration zum Film kam, nachdem der eigene Vater nach elf Jahren mit Alzheimer verstarb. Kurz vor dessen Tod nahm sich der Filmemacher ein Jahr Auszeit und kehrte nach Hause zurück, wo er bei der Pflege des Vaters behilflich war. Während dieser Zeit wurde er mit Erlebnissen aus seiner Kindheit konfrontiert, die ihn erschütterten und nachdenklich stimmten. Aus diesen Erfahrungen resultierte die Idee zum Psychothriller JACK GOES HOME, dessen Drehbuch Dekker nach eigener Aussage in gerade einmal drei Wochen fertigstellen konnte. Beachtlich!
 
 
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Eigentlich hat Jack (RORY CULKIN) alles im Leben erreicht, was man sich nur wünschen kann. Die Freundin erwartet ein Kind und auch im Job läuft alles nach Plan. Doch ein Schicksalsschlag soll das bis dato geregelte Leben aus den Bahnen werfen. Bei einem Unfall verunglückt der Vater tödlich, was Jack dazu bewegt, in die Heimatstadt zurückzukehren, um der Mutter (LYN SHAYE, bekannt aus Horrorfilmen wie ABATTOIR, BIG ASS SPIDER und INSIDIOUS 3) beizustehen. Doch die Ankunft verläuft nicht wie erhofft. Weder Mutter noch Sohn befinden sich im Trauerprozess. Irgendetwas scheint die Emotionen zu blockieren, was eine Reihe von mysteriösen Ereignissen entfacht. So findet der Sohnemann auf dem Dachboden einen alten Kassettenrecorder, in dem Tonbandaufzeichnungen schlummern, die offenbar für ihn bestimmt sind. Darauf versucht der verstorbene Vater dem verwirrten Teenager etwas mitzuteilen, das seit Jahren gut behütet hinter verschlossenen Türen bewahrt wurde. Aber auch die Mutter verhält sich plötzlich eigenartig. Die zerkleinert nachts rohes Fleisch in der Küche und verhält sich reichlich distanziert zum eigenen Kind. Was hat das alles zu bedeuten? Die Antwort darauf entfacht einen Strudel furchteinflössender Ereignisse.
 
 
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Mit JACK GOES HOME zeigt Filmemacher THOMAS DEKKER eindrucksvoll, dass er mehr kann, als nur smart in die Kamera zu lächeln. Der trat bisher in erster Linie als Schauspieler in Erscheinung und war in Genrefilmen wie dem A NIGHTMARE ON ELM STREET-Remake, LAID TO REST 2 oder ENTER THE DANGEROUS MIND zu sehen. Mit JACK GOES HOME beweist er nach dem Drama WHORE zum zweiten Mal sein Regietalent und wagt sich diesmal an psychologischen Horror, der sich mit verletzten Seelen und kranken Köpfen auseinandersetzt. Hierbei gelingt es dem Newcomer geradezu genial, das psychologische Chaos und die emotionale Verwüstung eines jungen Mannes in unschöne Bilder zu verpacken, nachdem der mit seiner verdrängten Vergangenheit konfrontiert wird. Das wird am Ende selbst den Zuschauer fordern, der sich aufgrund des plötzlichen Richtungswandels reichlich unwohl fühlen dürfte. Die Aufdeckung der Familientragödie geht einher mit dem psychologischen Abstieg des Filmhelden. Lange im Unterbewusstsein manifestierte Erlebnisse kommen plötzlich wieder zutage und treiben die Hauptfigur ins psychische Desaster. Jack kann allmählich nicht mehr unterscheiden, was wirklich passiert oder nur Macht der Gedanken ist. Die Folge ist schleichender Wahnsinn, der nicht nur ihm an die Substanz geht.
 
 
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JACK GOES HOME ist Kopf-Horror, der erstaunlich gut funktioniert. Regisseur THOMAS DEKKER schafft Verwirrung zu stiften. JACK GOES HOME ist einer dieser Indie-Filme, die sich nicht so einfach durchschauen lassen. Der Film pendelt scheinbar unentschlossen zwischen Drama, Mystery- und Psychothriller und baut dabei eine äußerst beklemmende Atmosphäre auf. Doch die Unentschlossenheit ist gewollt, denn der Mix der Genres wird dazu benötigt, um das konfuse Seelenheil von Filmheld Jack zu unterstreichen. Was ist hier des Pudels Kern und was hat es mit den mysteriösen Geschehnissen auf sich, die sich seit der Heimkehr des emotional unterkühlten Sohnes ereignen? Die Antwort gibt’s häppchenweise. So lassen verstörende Puzzleteile schnell erahnen, dass hier weit mehr im Argen liegt, als anfänglich vermutet. Das hält den Spannungspegel konstant oben und fesselt. Ein flaues Gefühl in Magengegend gibt’s obendrein dazu. Neben der beachtlichen Regiearbeit und dem überraschend unkonventionellen Drehbuch von THOMAS DEKKER sollten an dieser Stelle auch die Leistungen von Hauptdarsteller RORY CULKIN (übrigens einer der kleinen Brüder von Ex-Kinderstar MACAULAY CULKIN) nicht unerwähnt bleiben. Gäbe es im Horrorfilm auch so etwas wie einen Oscar für herausragende Schauspielleistungen, wäre ihm der Preis dafür sicherlich gewiss. Der liefert – so nebenbei – die bis dato beste Schauspielarbeit in seiner Vita ab und entpuppt sich als bemerkenswert talentierter Charakterdarsteller mit Mut zu Extremen. Demzufolge sollte man sich diesen kleinen Indie-Psychotrip nicht entgehen lassen, an dem übrigens UWE BOLL mitgewirkt haben soll. Schenkt man den Informationen im Abspann Glauben, soll er hier als Produzent beteiligt gewesen sein. Das hätte man Herrn Boll gar nicht zugetraut, ist doch JACK GOES HOME so ganz anders als das, was der kontroverse Filmemacher selbst so auf die Beine gestellt hat.
 
 
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JACK GOES HOME – Fazit

 
 
 
8 Punkte Final
 
 
 
Wenn aus einer erschütternden Familientragödie blanker Horror wird. JACK GOES HOME ist ein verstörender Filmalbtraum, der noch lange nachwirkt. Diese unabhängig verwirklichte Produktion ist Kopf-Horror wie er im Buche steht und den man so nicht alle Tage zu sehen bekommt. Der Indie-Streifen vermischt Thriller, Mystery- und Horror-Elemente virtuos und schockt mit einem überraschenden Twist, der ein ungutes Gefühl in der Magengegend hinterlässt. THOMAS DEKKER hat hier ein verstörendes und gleichzeitig kontroverses Psychodrama über die Suche nach der eigenen Identität geschaffen, das Dank herausragender Schauspielleistungen niemanden kalt lässt. Für Zuschauer, die eine Vorliebe für unkonventionelle Nischenfilme mit Tiefgang besitzen, ist dieses Kunststück des Indie-Genre-Kinos absolutes Pflichtprogramm.
 
 
 


 
 
 

JACK GOES HOME – Zensur

 
 
 
Blut oder gar Gewalt gibt es in JACK GOES HOME kaum zu sehen. Der Filmheld schneidet sich in einer Vision selbst die Kehle durch. Zudem wird ein Hund im Off ermordet. Hierzulande gibt es für dieses psychologische Genre-Drama wohl eher eine FSK16.
 
 
 


 
 
 

JACK GOES HOME – Trailer

 
 


 
 
 

Marcel Demuth

(Rechte für Grafiken und Poster aus dieser Review liegen bei Yale Productions)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Enter the Dangerous Mind (2013)
 
Hemorrhage (2012)
 
Simon Killer (2012)
 
Alexandre Aja´s Maniac (2012)
 
Magic Magic (2013)
 
The House on Pine Street (2015)
 
A beautiful Mind (2001)
 
Fight Club (1999)
 

Filmkritik: „Before I Wake“ (2016)

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BEFORE I WAKE

(SOMNIA)

Story

 
 
 

Nach dem tragischen Tod des Sohnes nimmt ein Paar einen kleinen Jungen bei sich auf, um ihm ein neues, schönes Leben ermöglichen zu können. Leider häufen sich mit dessen Ankunft seltsame Ereignisse im Haus.

 
 
 


 
 
 

BEFORE I WAKE – Kritik

 
 
 
Ein Horror-Regisseur auf Erfolgskurs. MIKE FLANAGAN ist jemand den man in Filmkreisen als talentiert bezeichnet. Er scheint nämlich ein goldenes Händchen für wohlig-packende Schauergeschichten zu besitzen und dreht Horrorfilm auf Horrorfilm, die dann auch noch sehenswert sind. Dass man selbst aus totgefilmten Horrorthemen unterhaltsame Genreware machen kann, bewies der amerikanische Filmemacher mit HUSH. Der Streifen kam neben seiner schweißtreibenden Machart vor allem wegen neumodischer Vermarktungsstrategien ins Gespräch, weil er nicht wie gewöhnlich Premiere im Kino oder auf dem Videomarkt feierte. Der große Video-On-Demand-Anbieter NETFLIX sicherte sich die Exklusivrechte und bot HUSH (deutscher Torf-Titel: STILL) allen Abonnenten der Bezahlplattform an. Trotz solch moderner Veröffentlichungswege wurde der Home-Invasion-Thriller zum Überraschungshit. Da kann man nur seinen Hut ziehen.
 
 
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Nach Filmen wie HUSH, OCULUS oder ABSENTIA bleibt Flanagan dem Horrorgenre treu. Löblicherweise legt sich der Filmemacher nicht fest und verirrt sich nach Spiegel-Schauer, Zu-Hause-Schocker und psychologischer Angstmacherei auch mal im Mystery-Fach, um dem Couch Potato mit seltsamen Vorkommnissen Gänsehaut zu bereiten. BEFORE I WAKE (der anfangs eigentlich SOMNIA heißen sollte) nennt sich der von Flanagan inszenierte Mystery-Thriller, der erfreulich tiefgründig und so seinen Trailer Lügen straft. Jessie und Mark haben ein schweres Los gezogen. Das Paar hat unter dem plötzlichen Tod des gemeinsamen Sohnes zu leiden. Der ist unter tragisch in der Badewanne ertrunken und lässt die Schuldgefühle toben. Doch das Leben soll weitergehen. Um bei der Traumabewältigung zu helfen, soll Waisenkind Cody ins Haus einziehen. Der schüchterne und gut erzogene Junge hatte bis dato keine schöne Kindheit und war schon in mehreren Pflegefamilien zuhause. Das sorgt anfangs für Misstrauen. Doch das Kind kann durch seine zuvorkommende Art schnell das Herz der neuen Eltern gewinnen. Eigentlich wäre das Glück perfekt, würden sich nicht mit der Ankunft des Adoptivkindes merkwürdige Ereignisse häufen. Erst flattern des Nachts Schmetterlinge durchs Haus, später erscheint der verstorbene Sohnemann im Wohnzimmer und fällt den Eltern um den Hals. Was hat das alles zu bedeuten und welche Rolle spielt dabei der kleine zurückhaltende Cody?
 
 
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Abermals landet Regisseur MIKE FLANAGAN einen Volltreffer und zeigt allen Angstmachern da draußen, wie man ohne lästige Klischees unterhaltsame Genre-Schauer fabriziert. Die Bezeichnung Horror wird BEFORE I WAKE nur bedingt gerecht, denn im Grunde genommen handelt es sich bei diesem Film in erster Linie um ein zermürbendes Drama über Verlust und Trauer. Darin entwickelt Filmsohn Cody phantastische Fähigkeiten. Seine Träume werden Realität. Leider sind die alles andere als rosig, denn tief im Unterbewusstsein schlummern Erlebnisse, die der Junge im Schlaf verarbeitet. Das sorgt für manch schauderhaften Moment, denn das Böse aus den Träumen findet einen Weg in die Welt der Menschen – auch wenn die Auflösung dahinter weniger erschreckend ist, als es Macher MIKE FLANAGAN dem Zuschauer weiß machen möchte.
 
 
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So ähnlich hat das WES CRAVEN in den 1980ern übrigens gehandhabt. Mit A NIGHTMARE ON ELM STREET machte er die Menschen im Traum verwundbar und schuf mit FREDDY KRUEGER einen Traumdämon, der unbemerkt im Schlaf mordete und dabei kein erbarmen kannte. Der etwas andere Horror wurde zum Kult und zog bisher sechs Fortsetzungen, ein Spin-off und sowie die obligatorische aber durchaus erträgliche Neuverfilmung nach sich. Ganz so drastisch wie in der ELM STREET geht es in BEFORE I WAKE jedoch nicht zu. Hier zählen die leisen Töne, denn der Fokus liegt forderrangig auf Atmosphäre, den Figuren und der Psychologie. Letztere findet in Form von Metaphern Verwendung – das Böse im Film ist die Reflektion dramatischer Erlebnisse, wie sie eben nur Kinder verarbeiten. Bleibt zu erwähnen, dass BEFORE I WAKE vor allem wegen der herzlichen Charakterzeichnung in Erinnerung bleibt. Für die sehenswerte Gruselproduktion konnten zwei bekannte Gesichter gewonnen werden. KATE BOSWORTH und THOMAS JANE (aus DER KULT und THE PUNISHER) verkörpern liebevolle Pflegeeltern ohne Vorurteile. Das macht sie sympathisch – aber ebenso verletzlich. Ein definitiv sehenswerter Genrebeitrag mit Tiefgang. Anschauen lohnt.
 
 
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BEFORE I WAKE – Fazit

 
 
 
8 Punkte Final
 
 
 
Spannender und sehenswerter Mystery-Grusel mit Tiefgang. Wie verarbeiten eigentlich Kinder schreckliche Erlebnisse? Die Frage versucht der Mystery-Thriller BEFORE I WAKE zu beantworten. Er versucht in Form schauriger Bilder die verletzte Seele eines kleinen Kindes tiefer zu erforschen und garantiert trotz psychologischer Ansätze wohlige Gruselatmosphäre. BEFORE I WAKE ist ein Fest für Traumdeuter, denn Macher MIKE FLANAGAN bedient sich verschiedener Metaphern, um das psychische Ungleichgewicht seines tapferen Filmkindes zum Ausdruck zu bringen. Wenn Kinder träumen, kann das unbequeme Folgen haben. In diesem Film werden im Unterbewusstsein manifestierte Qualen zur Realität. Abermals zeigt Regisseur MIKE FLANAGAN was er kann. Und das ist nicht wenig. BEVOR I WAKE ist gut durchdachter Mystery-Schauer mit verblüffender und dennoch plausibler Auflösung. Das macht ihn so besonders und sehenswert. Die gut ausgewählten Darsteller und die sympathischen Figuren perfektionieren den hervorragenden Gesamteindruck. BEFORE I WAKE ist Mystery mit Hirn. Wer den verpasst ist selber schuld.
 
 
 


 
 
 

BEFORE I WAKE – Zensur

 
 
 
BEFORE I WAKE ist ein Mysterydrama, das in Amerika sogar mit einer PG-13-Altersfreigabe in die Kinos gebracht wurde. Die niedrige Alterskennung ist gerechtfertigt, denn bis auf ein paar unheimliche Bilder, gibt es für Horror-Fans kaum etwas zu sehen. Das macht den Film aber nicht schlecht. Ganz im Gegenteil. Einige verstörende Szenen schaffen es sogar Gänsehaut zu bewirken. Vielen Low-Budget-Produktionen mit hohem Blutzoll gelingt das dagegen oft nicht. In Deutschland hat es für BEFORE I WAKE problemlos eine FSK16 gegeben.
 
 
 


 
 
 

BEFORE I WAKE – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) Capelight Pictures (normale Blu-ray im Keepcase mit O-Card)

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(c) Capelight Pictures (Mediabook)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Before I Wake; USA 2016

Genre: Horror, Mystery, Thriller, Drama

Ton: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Englisch DTS-HD MA 5.1

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bild: 2.40:1 (1080p) | @23,976 Hz

Laufzeit: ca. 97 Min.

FSK: FSK16 (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: KeepCase mit Wechselcover und im O-Card | Mediabook

Extras: Making-of (28 Min.), Trailer, Trailershow | zusätzlich im Mediabook: 24-seitiges Booklet

Release-Termin: 17.03.2017

 

Before I Wake [Mediabook] ungeschnitten auf AMAZON bestellen

Before I Wake [Blu-ray mit O-Card] ungeschnitten auf AMAZON bestellen

 
 
 


 
 
 

BEFORE I WAKE – Trailer

 
 


 
 
 

Marcel Demuth

(Rechte für Grafiken / Packshot liegen bei Capelight Pictures)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Der Babadook (2014)
 
Paperhouse – Albträume werden wahr (1988)
 
The Mothman Prophecies – Tödliche Visionen (2002)
 

Filmkritik: „Antisocial Behavior“ (2014)

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ANTISOCIAL BEHAVIOR

Story

 
 
 
Joe (Jackson Kuehn) ist ein Einzelgänger und lebt in seiner eigenen Welt. Als ihn sein Kumpel Scott auf eine Party mitnimmt, lernt er dort die reizende Wendy (Mary Elizabeth Boylan) kennen, die sich in den introvertierten Eigenbrötler verliebt. Leider hat der Abend eine unerwartete Wendung zur Folge. Bei einem Trinkspiel wird Joe mit seiner Vergangenheit konfrontiert, die er eigentlich längst in seinem Unterbewusstsein vergraben hatte …
 
 
 


 
 
 

ANTISOCIAL BEHAVIOR – Kritik

 
 
 
Schlafende Hunde soll man bekanntlich nicht wecken – zumindest wäre Joe einiges an Qual erspart geblieben, hätte er auf einer Party nicht dieses äußerst dumme Trinkspiel gespielt, bei dem er von seinen Mitspielern gefragt wurde, was denn wohl das Schrecklichste gewesen sei, was er bis dato getan habe. Prompt geschieht das, womit wohl niemand gerechnet hat: Der introvertierte Einzelgänger wird von quälenden Visionen heimgesucht, erleidet einen Blackout und rastet vollkommen aus. ANTISOCIAL BEHAVIOR nennt sich das Psychogramm eines verwirrten, jungen Mannes, der ganz unvorbereitet mit unterdrückten Kindheitserinnerungen konfrontiert wird, die jahrelang im Unterbewusstsein schlummerten. Der bis dato noch unauffällige KENNETH GUERTIN hat hier einen schwer verdaulichen Streifen gemacht, den man nicht mal so nebenbei sieht. Anders als der günstig gewerkelte Filmtrailer vermuten lässt, handelt es sich bei ANTISOCIAL BEHAVIOR nicht um banal gestrickte Horrorware von der Stange. Regisseur KENNETH GUERTIN will sich von üblichen Serienkiller-Streifen abheben und beschäftigt sich nicht mit dem dümmlichen Abmetzeln stereotyper Holzköpfe. Stattdessen ergründet er Indikatoren, die dazu führen, dass der Filmheld letztendlich Rot sehen wird. Wieder mal ist es ein Trauma, dass den Filmheld zu Kindstagen hat fürchterliche Qualen erleben lassen. Der wird dazu genötigt die Vergewaltigung an der Mutter und den Mord an der Familie beizuwohnen. Im Schockzustand richtet er eine Waffe auf den Täter und feuert ab. In den meisten Horrorfilmen muss ein solches Ereignis als Alibifunktion ausreichen, damit das traumatisierte Opfer später zur kaltschnäuzigen Killermaschine mutieren darf. GUERTIN ist das nicht wichtig. Er geht einen anderen, gründlicheren Weg und folgt seiner Filmfigur bei ihrer sich selbst zerstörenden Entwicklung, die von surrealen Visionen zermürbt bald nicht mehr unterscheiden kann, was allein der kranken Psyche entspringt oder tatsächlich passiert. Ebenso ergeht es dem Zuschauer. Der begleitet eine bemitleidenswerte Kreatur auf der Suche nach ihrer selbst. Getrieben von grotesken Halluzinationen verschwimmen am Ende die Grenzen zwischen Fiktion und Realität, so dass es unausweichlich ist, dass sich das hasserfüllte Opfer zum Täter verwandelt, um dem angestauten Zorn freien Lauf lassen zu können. Dass die jahrelang im Unterbewusstsein manifestierte Wut ausgerechnet jene Person zu spüren bekommt, die dem Helden trotz Eigenheiten stets zur Seite stand, wirkt aufgrund der verdrängten Vorgeschichte der zerrütteten Filmfigur, wie ein Schlag ins Gesicht.
 
GUERTIN ist raffiniert. Just in jenem Moment, bei dem die gründlich analysierte Geschichte ihren Höhepunkt erreicht und Joe eine Metamorphose zum unfreiwilligen Killer durchlebt, flimmert der Abspann über den Bildschirm. Das offene Ende liefert zwar nur vage Antworten, hinterlässt aber genügend Raum für mögliche Interpretationen. ANTISOCIAL BEHAVIOR wurde auf 35mm gedreht und besitzt mit all den verschiedenen Farbfiltern, Schnitttechniken und Kameraspielereien ohne Zweifel Experimentalfilm-Charakter. Zwar war wie bei Indie-Werken üblich, mal wieder kaum Geld in der Kasse; aufgrund der beschränkt finanziellen Möglichkeiten ist das, was GUERTIN daraus gemacht hat über jeden Zweifel erhaben. Einen großen Teil des Lobs ist jedoch Schauspieler JACKSON KUEHN zu verdanken, der den Antihelden derart glaubhaft und ambitioniert verkörpert, dass man ihn für seine hervorragende Leistung nur beglückwünschen kann. Schnell fühlt sich der Zuschauer mit Joe und seiner einsamen Welt verbunden, aus der er offensichtlich keinen Ausweg mehr findet. Für Indie-Verhältnisse leidet man erstaunlich oft mit – den talentierten Darstellern und dem gut durchdachten Drehbuch sei Dank.
 
 
 


 
 
 

ANTISOCIAL BEHAVIOR – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
 
Grandios finsterer Thriller und ein Paradebeispiel in Sachen psychologischer Horror. ANTISOCIAL BEHAVIOR zeigt erneut eindrucksvoll, dass unabhängige Filmkonzepte weit weg vom konventionellen Hollywood die besseren sind. Regisseur KENNETH GUERTIN lässt für sein neustes Schaffen ein Sammelsurium surrealer Bilder auf den Zuschauer los und vermischt Traumabewältigungs-Thematik mit reichlich skurril-phantastischen Filmelementen. Hierbei bedient er sich sogar dem Körper-Horror (Antiheld Joe erbricht im Film lebende Tumore) für den vermutlich selbst Altmeister und Body-Horror-Mitbegründer DAVID CRONENBERG (DIE FLIEGE) nur lobende Worte finden dürfte. Dennoch sollte man eine beflügelte Interpretationsgabe besitzen, denn GUERTIN verzichtet auf Antworten, die er dem Zuschauer auf dem Silbertablett serviert. Trotz magerer Antworten ist ANTISOCIAL BEHAVOIR ein interessanter und durchaus sehenswerter Thriller, der sich mit der Serienkiller-Problematik auf gänzlich unkonventionelle Weise beschäftigt. Statt dünnwandiges Slasher-Gemetzel zu zelebrieren betrachtet GUERTIN stattdessen psychologische Mechanismen, welche aus Menschen Mörder machen. Dank gutem Drehbuch und einem hervorragenden Hauptdarsteller bleibt die kontroverse Thematik bis zum bitteren Ende interessant. Daher: Ein empfehlenswerter Film, den man trotz gewöhnungsbedürftigem Indie-Look gesehen haben sollte.
 
 
 


 
 
 

ANTISOCIAL BEHAVIOR – Zensur

 
 
 
ANTISOCIAL BEHAVIOR ist eher psychologischer Horror, der ruhig und eindringlich geschildert wird. Bis auf einen herben Kopfschuss gibt es kaum Gewalt zu sehen. Wir rechnen mit FSK16 in Deutschland.
 
 
 


 
 
 

ANTISOCIAL BEHAVIOR – Trailer

 
 


 
 

Marcel Demuth (Hellraiser80)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Hemorrhage (2012)
 
Alexandre Ajas Maniac (2012)
 
Found (2012)
 
Henry: Portrait of a Serial Killer (1986)
 
Mike Mendez’ Killers (1996)
 
Behind the Mask: The Rise of Leslie Vernon (2006)