Filmkritik: „The Medium“ (2021)

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THE MEDIUM

Story

 
 
 
Was als Dokumentation über Schamanismus beginnt, wird schon bald zu einem dämonischen Horrortrip, der kein gutes Ende zu nehmen scheint.
 
 
 


 
 
 

THE MEDIUM – Kritik

 
 
 
Die Mockumentary bleibt im Horrorfilm ein beliebtes Stilmittel. Warum sollte sich also nicht auch mal ein südkoreanisches Werk an diesem Mittel bedienen? „The Medium“ besitzt streng genommen eigentlich keinerlei neue Zutaten, mischt bekannte Elemente allerdings ein wenig anders zusammen und wirkt so immerhin einigermaßen eigenständig. Der große Wurf bleibt zwar aus, aber für Genrefans ist dieser Film dennoch einen Blick wert.
 
 
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Eine Filmcrew will eine Dokumentation über eine thailändische Schamanin drehen. Während der Dreharbeiten machen sie auch Bekanntschaft mit ihrer Nichte Mink. Diese zeigt Symptome, dass ihr vielleicht der Schamanismus vererbt wird und da sowieso bald eine Zeremonie ansteht, soll alles auf Film verfolgt werden. Doch das Verhalten von Mink wird immer sonderbarer und es dauert nicht lange, da gilt es als zweifelhaft, ob das, was ihr da gerade geschieht, wirklich im Sinne vom Schamanismus ist. Scheinbar hat eine böse Kraft Besitz von Mink ergriffen. Die Story besitzt nun nicht gerade viele Zutaten, die man aus dem Horrorbereich nicht schon in- und auswendig kennt. Lediglich die Tatsache, dass alles wie eine lehrreiche Dokumentation über den Schamanismus beginnt, grenzt sich da von anderen Vertretern dieser Art noch etwas ab. Allgemein ist der Erzählstil relativ eigenständig und trotzdem kommt einem das als Fan solcher Werke irgendwie alles schon bekannt vor. Überraschungen gibt es da nur wenige, Erklärungen gibt es keine und die Geschichte wird etwas langatmig erzählt. Außerdem kann sich auch „The Medium“ nicht vor den typischen Fehlern der Mockumentary schützen.
 
 
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Diese sollten bekannt sein. Es ist einfach unglaubwürdig, wenn das Filmteam in den schlimmsten Gefahrensituationen einfach weiter filmt. Sowieso ist die Frage berechtigt, warum das Werk überhaupt im Stile einer Mockumentary gedreht wurde. So richtig ernst nimmt den Stil hier nämlich niemand. So gibt es ständig Soundeffekte und einen Score zu hören und manchmal fühlt man sich als Zuschauer auch nicht mehr so, als würde man hier gerade eine Fake-Doku schauen. So groß der Reiz dieser Herangehensweise also auch sein mag, es gab definitiv schon Werke, die das authentischer hinbekommen haben. Ansonsten gibt es an der Inszenierung allerdings nicht viel auszusetzen. Das kommt ohne große Effekthascherei aus, wirkt zuweilen fast bodenständig und bietet ein paar hübsche Bilder. Die Atmosphäre hingegen funktioniert nicht immer so gut. Es mangelt „The Medium“ an Bedrohlichkeit und an Grusel. Da kommt zwar immer wieder Horror in angenehmen Portionen auf, aber subtilen Spuk sucht man eher vergebens und das Resultat macht einfach zu wenig Angst. Das ist schade, weil die Stimmung an sich doch sehr düster und hoffnungslos erscheint. Nur wird hier zu wenig daraus gemacht.
 
 
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Ein wenig liegt das sicher auch an der Figurenzeichnung, die doch reichlich mau erscheint. Es gibt allgemein nur wenige Hauptfiguren und einen echten Draht kann man zu keinen der Charaktere aufbauen. Ebenfalls schade ist, dass das gesamte Filmteam so wenig involviert ist. Wer da gerade filmt, bekommt man kaum mit, weil dem Zuschauer die Crew nicht näher gebracht wird. Das wäre aber vorteilhaft gewesen, wenn man mit den Figuren mitfiebern soll. So beobachtet man einfach nur den Untergang von ein paar Leuten, mit denen man sowieso nichts anfangen kann. Die deutsche Synchronisation klingt zudem etwas künstlich und ist nicht so prickelnd. Die darstellerischen Leistungen soll das nicht unbedingt schmälern, denn hier wird man grundsolide bedient. Mehr allerdings auch nicht. Kein Schauspiel will sich so richtig einprägen und leider muss man deshalb von Belanglosigkeit sprechen, selbst wenn die Leistungen wirklich alle brauchbar sind.
 
 
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Mit einer üppigen Laufzeit von guten zwei Stunden ist „The Medium“ nicht gerade kurz ausgefallen und das bemerkt man als Zuschauer. Diese Laufzeit ist keineswegs notwendig gewesen. Nach einer etwas längeren Einleitung, die wirklich noch halbwegs als Doku durchgehen könnte, beginnt man nämlich auch direkt mit dem Horror, lässt sich für diesen dann aber reichlich Zeit. Die ein oder andere Länge entsteht und die vielen Texteinblendungen zwischendurch unterbrechen immer wieder die Illusion der Echtheit. So richtig spannend will das alles kaum werden, aber das fast halbstündige Finale kommt dann reichlich versöhnlich daher. Hier erreicht der Horror seinen Höhepunkt und es wird mächtig finster. Die letzte halbe Stunde macht enorm viel Spaß und haut dermaßen rein, dass man über die ein oder andere Länge zuvor gerne hinwegsehen mag. Auch bestätigt sich hier noch mal der wirklich düstere Grundton des Films. Mit vielen Effekten braucht man bei „The Medium“ nicht zu rechnen und besonders brutal wird es ebenfalls nicht. Dies sind beides Elemente, die der Film jedoch nicht notwendig hat und diese Bodenständigkeit tut ganz gut. Seine Freigabe ab 16 Jahren hat sich das Werk natürlich dennoch verdient. Der Score besteht oftmals eher aus Geräuschen, erfüllt seinen Zweck aber solide.
 
 


 
 
 

THE MEDIUM – Fazit

 
 
 
6 Punkte Final
 
 
 
„The Medium“ ist für Freunde des Genres durchaus zu gebrauchen, er stellt jetzt aber auch nichts Weltbewegendes dar. Der Mockumentary-Stil wurde wenig authentisch benutzt und ergibt an manchen Stellen wenig Sinn. Außerdem bemerkt man ihn manchmal eigentlich kaum. Ob das nun positiv oder negativ ist, sollte jeder für sich selbst entscheiden. Fakt ist jedoch, dass die Handlung nicht viel Neues zu bieten hat, die Figurenzeichnung zu belanglos erscheint und die Laufzeit auch gut und gerne um ca. eine halbe Stunde reduziert hätte werden dürfen. Sieht man von diesen Mängeln allerdings ab, dann bekommt man eine solide Qualität geboten. Die Atmosphäre besitzt zwar nicht sonderlich viel Grusel, aber der Horror kommt dennoch oftmals gut zur Geltung. Besonders in der letzten halben Stunde, die wirklich sehr gut gelungen ist. Die Darsteller erledigen ihre Job zufriedenstellend und die Sache mit dem Schamanismus bringt wenigstens noch etwas Eigenständigkeit mit sich. Von daher sicher kein Must-see, aber nice to have!
 
 
 


 
 
 

THE MEDIUM – Zensur

 
 
 
Die deutsche Fassung von „The Medium“ ist ungeschnitten und frei ab 16 Jahren.
 
 
 


 
 
 

THE MEDIUM – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) Plaion Pictures (Blu-ray im KeepCase)

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(c) Plaion Pictures (Blu-ray + Bonusfilm „Shutter – Sie sind unter uns im Medium“ auf einer 2. Blu-ray)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: The Medium; Südkorea | Thailand 2021

Genre: Horror, Thriller Drama

Ton: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Englisch DTS-HD MA 5.1

Untertitel: Deutsch

Bild: 2.39:1 | @23,976 Hz

Laufzeit: ca. 130 Min.

FSK: FSK16 (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: KeepCase

Extras: Bildgalerie, Trailer | zusätzlich im Mediabook: Bonusfilm „Shutter – Sie sind unter uns“ (2004), Interviews, Behind the Scenes, Das Fotophänomen, Originaltrailer, Trailershow, Booklet

Release-Termin: Mediabook + KeepCase: 28.07.2022

 

The Medium [Blu-ray im KeepCase] ungeschnitten auf AMAZON bestellen

The Medium [Blu-ray + Bonusfilm „Shutter – Sie sind unter uns im Medium“ auf einer 2. Blu-ray] ungeschnitten auf AMAZON bestellen

 
 


 
 
 

THE MEDIUM – Trailer

 
 


 
 
 

Benjamin Falk

(Rechte für Grafiken liegen bei Plaion Pictures)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
The Wailing (2016)
 
Erlöse uns von dem Bösen (2014)
 

Filmkritik: „Trouble Every Day“ (2001)

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TROUBLE EVERY DAY

Story

 
 
 
Ein frisch verheiratetes, amerikanisches Paar fliegt nach Paris und kratzt dort alte Wunden auf, die alsbald bis in die Gegenwart bluten …
 
 
 


 
 
 

TROUBLE EVERY DAY – Kritik

 
 
Bevor der für mich erste Film der allerspätestens seit „High Life“ weltbekannten, französischen Regisseurin Claire Denis überhaupt wirklich losging, war meine Erfahrung mit „Trouble Every Day“ bereits ein Wechselbad der Gefühle: Das Kölner Label „Rapid Eye Movies“ steht bei mir allein aufgrund der Titelauswahl prinzipiell hoch im Gunst, auch gilt es ein ansprechendes Motiv samt Wendecover zu loben; doch gleichzeitig kommt die schmucklose DVD-VÖ ohne jegliche Extras daher, ohne Szenenauswahl und mit einem langweiligen Menü. Dennoch haben die Kritikerstimmen auf dem Backcover weiter Lust auf das Werk gemacht, ziehen sie doch Vergleiche zu Julia Ducournaus Filmen; schwärmen sie doch von einer „alptraumhaften Bildsprache“.
 
 
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Dass Auteur und Ego-Dekonstrukteur Vincent Gallo hier mitspielt, wusste ich bereits vorher – von Béatrice Dalle’s Rolle (Betty Blue, Inside) allerdings hatte ich noch nicht gehört und ihren Namen dann, zum melancholisch jazzigen Rock der Tindersticks, in Comic Sans MS (!) in den dreiminütigen Opening Credits zu lesen, war dann doch ein durch und durch unerwarteter Einstieg.
 
 

„I’m happy, are you happy?“ – „…“ – „I’m happy.“

 
 
Die ersten Minuten des Films selber starten nun recht kryptisch, wenn auch stimmungsvoll: Ein Pärchen macht leidenschaftlich auf der Rückbank eines Autos herum, Großstadtlichter spiegeln sich im Wasser unter den Brückenbögen, ein Biker sucht Béatrice Dalle’s Charakter in einem blutverschmierten Feld, während langsam die Sonne aufgeht. Ein frisch vermähltes Pärchen, gespielt von Vincent Gallo & Tricia Vessey, sitzt in einem Flugzeug. Dr. Shane Brown (Gallo) erlebt einen Nervenzusammenbruch auf der Flugzeugtoilette und kriegt die Bilder einer blutverschmierten Frau nicht aus dem Kopf. Erzählt wird bereits hier langsam und realistisch, mit unerwartet seltenem Soundtrackeinsatz und langen Takes.
 
 
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Innerhalb der nächsten halben Stunde entwirrt und erklärt sich die Situation jedoch, was eine nahezu erschreckend simple und geradlinige Situation bzw. Story offenbart: Dalle spielt „Coré“, die blutige Frau aus dem Feld, und ist mit Dr. Léo zusammen; dem Biker vom Anfang. Dr. Shane Brown und June Brown sind Amerikaner, die ihre Flitterwochen in Paris verbringen. Doch wieso genau Paris, woher die Flashbacks im Flugzeug, wieso die Vergleiche zu „Raw“ und „Titane“ und woher spritzt wann wessen Blut? Eine einzige weitere Ebene gibt es, die man sich vielleicht nicht denken kann und die ich auch nicht spoilern werde, aus der dieser Film noch so etwas wie Rätsel- oder Verlaufsspannung ziehen kann. Und ja, Paris ist eine immer wieder sehr ansprechend eingefangene, romantische Stadt, die gerade in Kombination mit dem Soundtrack punkten kann. Vincent Gallo kann auch mit wenig Dialog sehr ausdrucksstark spielen und hat eine enorme Präsenz, auch der Rest des Casts kann sich absolut sehen lassen.
 
 
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Doch so klinisch und kalt wie hier in Laborszenen aus Forschungsgründen das Gehirn zerteilt wird, so distanziert gibt sich auch der Film selber und somit war meine Seherfahrung oftmals allzu anteilnahmslos. Es gibt eine ganz bestimmte Szene, die die FSK-Freigabe absolut rechtfertigt und ausreizt, die damals sicherlich für einen kleinen Aufschrei gesorgt hat und grandios getrickst, unangenehm zu gucken ist. Auch ist der Kontrast zwischen eben jener heftigen, schonungslosen Explizität und der zärtlichen, sanften Sinnlichkeit anderer Stellen bemerkenswert und die Mischung, in dieser Form, zumindest anno 2001 sicherlich ziemlich einzigartig gewesen. Doch damit das Finale und Ende ein Schlag ins Gesicht wären, dafür hätte ich vorher mehr investiert sein müssen in auch nur irgendeinen Charakter oder Handlungsstrang – doch durch die teils allzu nüchtern-realistische, teils kunstvolle und elegische, eine simple Story kryptisch erzählende Inszenierung dieser erwachsenen, tragischen und anstrengenden Minimalgeschichte wurde ich leider wirklich nicht warm mit diesen 93 Minuten dramatischer Romanze.

 
 


 
 
 

TROUBLE EVERY DAY – Fazit

 
 
 
6 Punkte Final
 
 
 
Ruhiger und doch angespannter, schmuckloser und doch ästhetischer, dialogarmer, aber gut gespielter, romantischer, jedoch unterkühlter Paristrip zwischen hingebungsvoller Liebe und drastischem Exzess.
 
 
 


 
 
 

TROUBLE EVERY DAY – Zensur

 
 
 
Die deutsche Fassung von „Trouble Every Day“ ist ungeschnitten und frei ab 16 Jahren.
 
 
 


 
 
 

TROUBLE EVERY DAY – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) Rapid Eye Movies (Blu-ray im Digipack)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Trouble Every Day; Deutschland | Frankreich | Japan | Luxemburg 2001

Genre: Horror, Thriller, Drama

Ton: Englisch DD 5.1, Französisch DD 5.1

Untertitel: Deutsch

Bild: 2.35:1 | @23,976 Hz

Laufzeit: ca. 101 Min.

FSK: FSK16 (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: Digipack

Extras: Trailer, Trailershow

Release-Termin: BD-Digipack: 05.08.2022

 

Trouble Every Day [Blu-ray im Digipack] ungeschnitten auf AMAZON bestellen

 
 


 
 
 

TROUBLE EVERY DAY – Trailer

 
 


 
 
 

Alexander Brunkhorst

(Rechte für Grafiken liegen bei Rapid Eye Movies)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
In My Skin (2002)
 
Possession (1981)
 

Filmkritik: „Shelter – You Will Die To Stay Here“ (2021)

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SHELTER – YOU WILL DIE TO STAY HERE

(SHELTER IN PLACE)

Story

 
 
 
Inmitten der Pandemie verbringt ein frisch verheiratetes Ehepaar ihre Flitterwochen im Hollywood Roosevelt Hotel, das bis auf zwei merkwürdige Angestellte jedoch wie ausgestorben wirkt …
 
 
 


 
 
 

SHELTER – Kritik

 
 
Ich gebe es ganz offen zu, meine Erwartungshaltung an „Shelter in Place“ sah nicht gerade rosig aus: Klar, ein offensichtlich Shining-inspirierter Isolationshorror in einem schicken Hotel könnte auch mit wenig Geld recht mysteriös und stimmig werden – doch gleichzeitig ist nichts langweiliger als ein ideen- und budgetloses Indie-Kammerspiel mit wenigen; dafür talentlosen Darstellern und nur einer öden Location. Dass es nur sechs Kapitel, keine Untertitel oder Extras und das Coverdesign, mit panischer Musik unterlegt, als ein billiges Menü gibt; sorgt erstmal für einen schlechten Ersteindruck – aber für die Veröffentlichung selber kann der Film ja nun nichts.
 
 
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Ein innerhalb weniger Sekunden als fremdgehend, sexistisch und unsympathisch charakterisierter, reicher junger Businessman liegt zwischen Palmen am Pool und versucht mit einer Hotelmitarbeiterin zu flirten, diese hinterlässt ihm aber nur eine Tarot-Karte. Im Aufzug findet er eine weitere Karte, zu sphärischen Chören und elektronischem Rauschen folgt er dem Zimmerservice in einen Raum, nur um kurz danach zu desorientierenden Rufen, schnellen Schnitten und exzellentem Sounddesign blutend durch den Flur zu kriechen.
Ein altes Lied namens „Handsome Man“ ertönt, die dicken, roten Buchstaben der Titlecard erinnern an Retro-Horror und Grindhouse-Cinema, woran der Film sonst allerdings wirklich nicht erinnert.
 
 

„Just the tiny staff & us in this huge place?“

 
 
Zur Quarantäne ist ein junges Ehepaar in ihren Flitterwochen in einem sonst verlassenen, kalifornischen Hotel gefangen und der Film versteht es bestens, das alte Hotel mit herrlichen Lounge/Easy-Listening/Muzak-Soundtracks, Lens-Flares, Vogelgezwitscher und einer schwülen Urlaubsatmo als trügerisches Idyll zu inszenieren, das so bedrohlich nicht wirkt. Die verlassene Lobby ist todschick und bildhübsch eingefangen, die Balken der verzierten Decke sorgen für eindrucksvolle Aufnahmen, fällt das Licht aus, werden die endlos langen, holzvertäfelten Gänge mit dem Shining-Teppich in roter Notfallbeleuchtung angestrahlt, was auch für einige visuelle Schmankerl sorgt.
 
 

„Here’s to the strangest honeymoon ever!“

 
 
Wann immer sich einzig auf unser von Anfang an merkwürdig zerstrittenes, schnell unsympathisch werdendes Pärchen fokussiert wird, verliert der Film allerdings an Tempo und Qualität – das Schauspiel ist bei fast jedem Cast-Mitglied schwankend, erzählt wird wenig, intime Szenen werden harmlos und sinnlich gemeint, durch den übermäßig manipulativ-emotionalen Soundtrack aber allzu schwülstig und gewollt inszeniert. Wo „Shelter“ dafür aber abseits der Technik des Ganzen noch punkten kann, das ist die subtile Inszenierung mysteriöser Schreckensmomente: So wird das Erschrecken in diesem unbekannten Indiefilm an direkt zwei Stellen des ersten Akts dem Zuschauer überlassen, ganz ohne Audio-Cue oder Zoom auf den eigentlichen Horror, und dadurch umso furchterregender.
 
 
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Sarah sieht nachts Gestalten über ihrem Bett oder im Flur, ganz ohne sich zuziehende Türen oder nerviges Klopfen; John hingegen bleibt eine lange Zeit verschont von dunklen Vorahnungen oder Angstzuständen und versucht stattdessen mit der schweigsamen, leicht merkwürdigen Maid Adela zu flirten, wobei er sich allerdings zunehmend zum Affen macht. Doch was hatte Adela nachts mit dem nackten, alten Mann gemacht und warum ist Raum 508 immer abgesperrt? Die richtig hübsch designte und gefilmte Küche birgt ein scheinbar sehr wichtiges Telefon, der hünenhafte Butler Ty begrüßt John für ein Gespräch zu zweit an seiner Bar, was erneut sehr an Kubricks Meisterwerk erinnert – nur mit dem Unterschied, dass Brendan Hines kein Jack Nicholson ist und sein überzeichnet arroganter, unsympathischer Charakter wie aus einem Joel Haver-Sketch entsprungen scheint. Bei allem Verständnis für blanke Nerven nach zwölf Tagen missglückten Flitterwochen und Quarantäne – wie wenig Empathie Joe für seine frisch geheiratete Frau hat, ist absolut unnachvollziehbar.
 
 
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Weitere auf der Stelle tretende Füllerszenen mit Beziehungsschnickschnack würden die Nerven des Horrorfans allzu sehr belasten, würden die Winkel, Einstellungen, Spiegelungen und Beleuchtungen der jeweiligen Settings nicht stets überzeugen. Ein wenig überdramatisierte, beide Charaktere wenig nachvollziehbar formende, kaum mitreißende Beziehungsödnis in hübschen Bildern gilt es noch zu ertragen, dann aber wird die Hälfte der Laufzeit mit einer nächtlichen Erkundung eingeläutet, die sich inszenatorisch sowie atmosphärisch wahrlich sehen lassen kann. Statt die weitere Erkundung des Hotels jetzt allerdings mit dunklen „Buh!“- Szenen und langsamen Taschenlampenschwenks zu füllen, begnügt sich „Shelter“ stattdessen nicht mit schnell abgehandelten Genreklassikern oder ästhetischen Poolszenen – die es aber auch gibt – sondern spricht die offensichtlichste Vermutung direkt an und verläuft anschließend anders, als man es vielleicht meinen sollte. Durch versteckte Gänge, rotes Licht, ein altes Hotel und die Grundstimmung wird man immer wieder an Argento-Einflüsse erinnert, genretechnisch befinden wir uns, wie durch viele Andeutungen aber keine wirkliche Explizität, geflüsterte Geheimnisse, aber keine echten Antworten, auch vielmehr im Mystery-Thriller- denn Horror-Bereich.
 
 
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Das schnelle Maintheme, welches im Menü noch wenig Effekt auslösen konnte, setzt nun erneut ein und erstmalig treibt es richtig an, vermischt sich mit ernsthaft gruseligen, summenden und singenden Stimmen, während im Hintergrund eine Gestalt entlang huscht. Hauptdarstellerin Tatjana Marjanovic findet im Verlauf des dritten Aktes zu richtiger Stärke, auch inszenatorisch dreht der Film mit einer Suspiria-Gedächtnispose im Finale als schöne Hommage, klinisch weißen Gängen mit kontrastierenden Kostümen, unangenehm blutig-brutalen, kryptischen Foltermethoden und in voller Lautstärke singenden Frauenchören im dritten Akt nochmal richtig auf. Es gibt originelle, unübliche und witzige Charaktermomente sowie -entscheidungen zu loben, Anflüge einer sozialkritischen Message sind mir auch nicht verborgen geblieben und ja, als Gesamtwerk war „Shelter“ deutlich besser, spannender, professioneller und gelungener, als erwartet. Das Ende ist durchaus böse, mutig, unerwartet und kann interpretiert werden, es könnte alles so gut sein.
 
 
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Nur leider, leider schleichen sich auch immer wieder arg billig aussehende Momente ein; Charakterentscheidungen, die keinen Sinn ergeben; Dialogzeilen und Betonungen, die man einfach nicht glaubt – und zusammen mit dem langsamen Pacing, pärchenlastigen ersten zwei Akten und einer größtenteils fehlenden Auflösung reicht das leider schon völlig aus, um diesen Film zwar einmalig zu genießen, aber kein weiteres Mal gucken oder lieben zu können.
 
 


 
 
 

SHELTER – Fazit

 
 
 
6 Punkte Final
 
 
 
Technisch hochwertiger, hübsch fotografierter, stellenweise sehr atmosphärischer oder gar gruseliger Mystery-Thriller mit guten Ideen und starkem Sounddesign, der regelmäßig unter seinem durchwachsenen Script und seinen schwankenden Performances leidet.
 
 
 


 
 
 

SHELTER – Zensur

 
 
 
Die deutsche Fassung von „Shelter – You Will Die To Stay Here“ ist ungeschnitten und frei ab 16 Jahren. Wegen einigen von der FSK höher eingestuften Werbefilmchen zu anderen Titeln des Anbieters auf der Disc, befindet sich auf selbiger ein roter FSK-Sticker.
 
 
 


 
 
 

SHELTER – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) I-ON New Media (Blu-ray im KeepCase)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Shelter in Place; USA 2021

Genre: Horror, Thriller

Ton: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Englisch DTS-HD MA 5.1

Untertitel: keine

Bild: 2.35:1 | @23,976 Hz

Laufzeit: ca. 89 Min.

FSK: Film: FSK16 (ungeschnittene Fassung) | Blu-ray wegen Bonus: Keine Jugendfreigabe

Verpackung: KeepCase

Extras: Trailer, Trailershow

Release-Termin: KeepCase: 29.07.2022

 

Shelter – You Will Die To Stay Here [Blu-ray im KeepCase] ungeschnitten auf AMAZON bestellen

 
 


 
 
 

SHELTER – Trailer

 
 


 
 
 

Alexander Brunkhorst

(Rechte für Grafiken liegen bei I-ON New Media)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
The Night – Es gibt keinen Ausweg (2020)
 

Filmkritik: „Red Heat“ (1988)

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RED HEAT

Story

 
 
 
Ein sowjetischer Polizist muss nach Amerika, um einen geflohenen Gangster dingfest zu machen, was natürlich nur zu Problemen führen kann.
 
 
 


 
 
 

RED HEAT – Kritik

 
 
Es wirkt fast wie selbstverständlich, dass Arnold Schwarzenegger in seinen fleißigen 80er Jahren auch mal mit Action-Experte Walter Hill zusammenarbeiten musste. Dabei entstand die etwas andere Actionkomödie „Red Heat“, die zwar sowohl bei Kritikern und auch beim Publikum schon immer recht gut abgeschnitten hat, der es aber dennoch an ein paar Zutaten fehlt, um markant genug zu sein.
 
 
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Die Story kann man mit wenigen Worten beschreiben. Da geht es um den sowjetischen Polizisten Ivan Danko, der in seinem Heimatland einen georgischen Drogendealer jagt. Dieser kann jedoch entkommen, setzt sich in Amerika ab und deshalb verschlägt es dann auch Danko in dieses Land. Obwohl der Drogendealer schnell geschnappt werden kann, geht alles schief und so muss Danko mit dem eigenwilligen Ridzik zusammenarbeiten. Die Story ist ziemlich schwach und besteht wirklich nur aus der Grundidee verschiedene Kulturen aufeinanderstoßen zu lassen. Das kennt man von Buddy-Action, war 1988 aber sicherlich noch nicht so ausgelutscht. Außerdem besitzt es durchaus seinen Reiz, wenn die Sowjetunion und Amerika aufeinandertreffen. Der eigentliche Plot ist allerdings überraschend ideenarm und bietet nichts, was man nicht schon kreativer erlebt hätte. Das Drehbuch gehört so sicherlich nicht zu den Stärken von „Red Heat“, selbst wenn es ein paar amüsante Einfälle zu verbuchen gibt.
 
 
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Wenn es überhaupt einen Grund gibt sich den Film anzuschauen, dann ist das die Paarung James Belushi und Arnold Schwarzenegger. Die Beiden werden nun sicher nicht als das beste Buddy-Cop-Team in die Geschichtsbücher eingehen, doch ergänzen sie sich mit ihrer vollkommen unterschiedlichen Art doch ganz ordentlich. Belushi macht mit seinem losen Mundwerk alles richtig und Schwarzenegger beweist als wortkarger Polizist der Sowjetunion mal wieder, dass ein paar Facetten ausreichen, um ihn doch etwas anders darzustellen. Schade ist hingegen, dass Arnie hier kaum die Möglichkeit bekommt auch mal physisch präsenter zu werden. Abgesehen von der starken Einleitungs-Sequenz hat er nämlich körperlich nicht gerade viel zu tun. Peter Boyle und Laurence Fishburne machen in kleineren Nebenrollen eine ganz souveräne Figur und ansonsten bieten die meisten Darsteller einen soliden Standard, ohne besonders aufzufallen. Da fehlt es etwas an markanten Gegnern, aber sowieso ist die Figurenzeichnung hier eher schwach ausgefallen. Die Chemie zwischen dem ungleichen Gespann ist nicht unbedingt schlecht, doch die größten Sympathien wollen nicht aufkommen und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass hier doch mehr drin gewesen wäre.
 
 
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Das lässt sich übrigens auch von der Action behaupten. Walter Hill war natürlich schon damals ein begabter Regisseur, der das Actionfach souverän bedient, aber etwas mehr hätte „Red Heat“ dann schon bieten dürfen. Die erste Szene ist herrlich einprägsam und lässt mehr erwarten, als dann hinterher folgt. Bis auf ein bisschen Kloppe und ein paar Schießereien, muss man nämlich erst zum kurzen Finale aushalten, um etwas mehr spektakuläre Szenen begutachten zu können. Wenn es dann noch eine kleine Verfolgungsjagd mit dem Bus gibt, ist das immerhin recht kreativ geraten. Handwerklich ist der Film sowieso gut gemacht, nur bietet er eben nicht unbedingt viel Action. Humor hingegen jedoch ebenfalls nicht so viel. Die Atmosphäre gibt sich eher düster, weshalb der Spaßfaktor sinkt. Die meisten Gags beziehen sich dann auf amüsante Sprüche und es gibt durchaus komische Momente, aber so lustig ist „Red Heat“ dann im Endeffekt nicht und deshalb gibt es einfach bessere Actionkomödien.
 
 
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Dass der Unterhaltungswert nicht so riesengroß sein kann, sollte wohl nicht verwundern. Es geht eigentlich niemals langweilig zur Sache und in den knapp 105 Minuten Laufzeit ist genügend los, doch es fehlt vor allen Dingen an Spannung. Wenn schon der Witz eher weniger präsent ist und die Action nicht kracht, dann hätte das Szenario einfach packender sein müssen. Obwohl sich das manchmal ziemlich ernst nimmt, will das aber leider niemals so richtig fesselnd wirken. Zudem ist „Red Heat“ aus heutiger Sicht ganz schön harmlos ausgefallen. Abgesehen von ein paar derben Shoot-outs gibt es da wenig zu sehen. Weshalb der Film noch immer seine Freigabe ab 18 Jahren besitzt, während z.B. ein „Total Recall“ auf ab 16 Jahre herabgestuft wurde, ist nicht nachvollziehbar. Immerhin sehen die Effekte gut aus. Der Score von James Horner kann sich übrigens auch sehr hören lassen und macht die Atmosphäre teilweise intensiver, als sie eigentlich ist.
 
 


 
 
 

RED HEAT – Fazit

 
 
 
6 Punkte Final
 
 
 
Freunde von Buddy-Action werden mit „Red Heat“ natürlich gut bedient, aber wer gute Actionkomödien in diesem Bereich kennt, wird sich auch schon besser unterhalten gefühlt haben. Es mangelt insgesamt etwas an kreativen Actionszenen und an Schauwerten, selbst wenn die handwerkliche Arbeit durchaus souverän ist. Außerdem gibt es bis auf ein paar witzige Sprüche zu wenig Komik. Die Handlung ist zu dünn und besteht eigentlich nur aus der Idee, zwei verschiedene Welten aufeinanderprallen zu lassen. Dass man sich das gerne anschaut, liegt größtenteils an Belushi und Schwarzenegger, die beide ordentlich spielen und sich gut ergänzen. Figurenzeichnung und Unterhaltungswert besitzen hingegen wieder ein paar Schwächen. Das ist insgesamt recht kurzweilig, aber niemals spannend und aus heutiger Sicht auch relativ zahm. Der Ruf von „Red Heat“ ist noch immer ordentlich, aber Schwarzenegger hat doch in deutlich besseren und amüsanteren Filmen mitgespielt!
 
 
 


 
 
 

RED HEAT – Zensur

 
 
 
„Red Heat“ lief in Deutschland nur geschnitten in den Kinos. Hier wurden diverse Gewaltszenen entfernt, damit der Streifen eine FSK16 erhalten konnte. Selbe Fassung (um 6 Szenen / 28 Sekunden geschnitten) erschien auch auf VHS und im TV der 1990er. Seitdem die DVD auf dem Markt ist, hat sich das aber geändert. Darauf war der Streifen oft mit einer Freigabe ab 18 Jahren in der ungeschnittenen Fassung zu finden. Mittlerweile wurde „Red Heat“ von der FSK neu geprüft und erhielt in ungekürzter Fassung den „keine Jugendfreigabe“-Flatschen. Auch im TV wird der Film nun sogar ungeschnitten ausgestrahlt. Die aktuell erhältlichen Blu-rays und 4K-UHDs sind ungeschnitten.
 
 
 


 
 
 

RED HEAT – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) STUDIOCANAL (Blu-ray im KeepCase)

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(c) STUDIOCANAL (Blu-ray + 4K-UHD im KeeCase)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Red Heat; USA 1988

Genre: Thriller, Action

Ton: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Englisch DTS-HD MA 5.1, Französisch DTS-HD MA 2.0

Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch

Bild: 1.85:1 (1080p) | @23,976 Hz

Laufzeit: ca. 104 Min.

FSK: Keine Jugendfreigabe (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: KeepCase

Extras: Arnold Schwarzenegger – Der Mann, der Hollywood auf den Arm nahm (15:36 Min.), Der politische Hintergrund von Red Heat (9:54 Min.), East meets West – Mario Kassar und Andre Vajna (9:38 Min.), Ein Stuntman für alle Fälle (12:24 Min.), Interview mit Ed O’Ross (5:11 Min.), Making Of (18:35 Min.), Original-Trailer (2:13 Min.)

Release-Termin: BD-KeepCase: 24. Oktober 2019 | 4K-UHD-KeepCase: 03.09.2020

 

Red Heat – Remastered Edition [Blu-ray im KeepCase] ungeschnitten auf AMAZON bestellen

Red Heat [Blu-ray + 4K-UHD im KeepCase] ungeschnitten auf AMAZON bestellen

 
 


 
 
 

RED HEAT – Trailer

 
 


 
 
 

Benjamin Falk

(Rechte für Grafiken liegen bei STUDIOCANAL)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Tango und Cash (1989)
 
Last Boy Scout (1991)
 
Der City Hai (1986)
 

Filmkritik: „The Glass Coffin – Du gehörst mir!“ (2016)

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THE GLASS COFFIN – DU GEHÖRST MIR!

(THE GLASS COFFIN | EL ATAUD DE CRISTAL)

Story

 
 
 
Für eine berühmte Schauspielerin wird die Fahrt in einer Limousine zum echten Höllentrip.
 
 
 


 
 
 

THE GLASS COFFIN – Kritik

 
 
Abgesehen von der Politik, ist wohl kein Business so dreckig und verlogen wie die Filmbranche. Kein Wunder also, dass sich Filme auch gerne mal um dieses Thema selbst drehen. Das kann man in allerlei Richtungen gestalten und „The Glass Coffin“ möchte es als Horrorthriller verkaufen. Nebenbei hat man es aber auch nahezu mit einem Kammerspiel zu tun. Die Ambitionen sind erkennbar hoch gewesen und das Resultat kann sich durchaus sehen lassen, selbst wenn es einige Schönheitsfehler gibt.
 
 
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Amanda ist eine erfolgreiche Schauspielerin, die für ihr Lebenswerk ausgezeichnet werden soll. Als eine Limousine vor ihrem Haus steht, steigt sie natürlich ohne Bedenken in dem Glauben, die Fahrt würde zur Gala führen, ein. Doch dem ist nicht so. Plötzlich gibt es keinen Handy-Empfang mehr und die Fahrt endet nicht. Dann meldet sich auch noch eine verfremdete Stimme, die Forderungen stellt. Was wird hier gespielt und vor allen Dingen, wie kommt Amanda heil aus der Sache heraus? Das Drehbuch ist schon nicht schlecht geschrieben und bietet genügend Substanz unter der Oberfläche, denn die Kritik an der Filmbranche ist nicht zu verkennen, kommt aber unterschwellig genug daher, um nicht gleich die große Moralkeule zu schwingen. Insgesamt hat „The Glass Coffin“ durchaus etwas zu erzählen, nur macht er das nicht immer optimal. So bleibt z.B. der Aha-Effekt bei der Auflösung aus, weil er die Vergangenheit von Amanda betrifft. Da der Zuschauer von dieser aber überhaupt nichts erfahren kann, muss man die Erklärung einfach so hinnehmen, ohne jemals selbst auf solche Ansätze gekommen sein zu können. Relativ schlüssig und sinnvoll, mit einer Portion Interpretationsfreiraum, erscheint das im Endeffekt aber dennoch, selbst wenn man auf manch eine Übertreibung ruhig verzichten hätte können.
 
 
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Regisseur Haritz Zubillaga, der nach mehreren Kurzfilmen hier seinen bisher einzigen Langfilm realisierte, war aber wohl der Meinung, dass es solche Übertreibungen braucht, weil sein „The Glass Coffin“ ansonsten höchst minimalistisch daherkommt. So spielt sich nahezu alles nur in der Limousine ab und aufgrund des begrenzten Schauplatzes, fühlt man sich zwangsläufig an ein Kammerspiel erinnert. Und tatsächlich funktioniert das auch ganz gut, wenn manchmal einfach nur Dialoge zu hören sind. Die drastischeren, teilweise übertriebenen Momente hätte es da gar nicht mal unbedingt gebraucht. Zubillaga holt aus der engen Kulissen auch so genügend heraus. Das gelingt ihm mit Hilfe von Farben und Lichtern. Ein beliebtes, recht simples Stilmittel, welches hier jedoch sinnvoll und stimmig eingesetzt wurde. Dass das Budget eher gering gewesen sein wird, kann man der handwerklichen Arbeit zwar ansehen; gut gemacht wurde „The Glass Coffin“ dennoch. Nur das Finale ist wirklich etwas zu dunkel gehalten. Das mag zwar ebenfalls stimmungsvoll sein, wird dann aber doch etwas anstrengend für die Augen, wenn man etwas erkennen möchte.
 
 
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Ansonsten geht die Rechnung bei der Atmosphäre ganz ordentlich auf. Man hat es nicht nur mit einem Horrorfilm zu tun, sondern es gibt auch nicht gerade geringe Elemente eines Thrillers. Dabei steht von Anfang an die Frage nach einer gewissen Schuld im Raum und der Zuschauer wird sich früh denken können, dass Amanda vielleicht nicht ganz so unschuldig ist. Ihre Figur besitzt Ecken und Kanten und ist überhaupt nicht das typische Unschuldslamm von Opfer. Zwar bleibt ein größeres Profil aufgrund der Machart aus und mit den größten Sympathien sollte man nicht rechnen, aber der Charakter ist nicht uninteressant. „The Glass Coffin“ kann dann natürlich auch davon profitieren, dass die einzige Hauptrolle Paola Bontempi das Gewicht stemmen kann, hier auch wirklich das einzige Gesicht zu sein, welches man zu sehen bekommt. Das hätte schnell eintönig werden können, aber da Bontempi ihre Sache facettenreich und glaubwürdig genug meistert, schaut man ihr doch ganz gerne zu und vermisst keine weiteren Darsteller. Ein Dialog herrscht nämlich trotzdem fast durchgehend und hier kann man auch die gelungene, deutsche Synchronisation loben.
 
 
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Der Unterhaltungswert ist insgesamt gut, besitzt aber dennoch seine Schwächen. Bei einer Laufzeit von gerade mal 77 Minuten (mit Abspann) ist das schade, aber es gibt trotzdem ein paar Längen. Nicht jede Sequenz hätte man so in die Länge ziehen müssen, nur wäre dann am Ende eben noch weniger Laufzeit vorhanden gewesen und dann wäre es wohl wieder in Richtung Kurzfilm gegangen. Es ist zwar ganz reizvoll, dass das Geschehen sofort in der Limousine startet und dort auch sein Ende findet, aber es wäre sicher auch nicht verkehrt gewesen, wenn die Einleitung Amanda in ihrem normalen Umfeld gezeigt hätte. Insgesamt ist das allerdings Meckern auf gehobenem Niveau, denn „The Glass Coffin“ macht seine Sache dennoch ordentlich, lässt zeitweise sogar immer mal wieder etwas Spannung aufkommen und vergeht im Endeffekt kurzweilig genug.
Besonders brutal wird es dabei nicht. Grafisch ist eigentlich nur eine Szene, aber der herrschende Sadismus und die Demütigungen zusammen mit der Vergewaltigungs-Thematik und der derben Sprache sind dennoch nicht ohne.

 
 


 
 
 

THE GLASS COFFIN – Fazit

 
 
 
6 Punkte Final
 
 
 
„The Glass Coffin“ ist ein kleiner, fieser, reichlich minimalistischer Horrorthriller, dem es deutlich an Feinschliff mangelt, der mit seiner düsteren Atmosphäre aber dennoch ganz ordentlich zu packen vermag. Die Geschichte hätte ausgefeilter sein dürfen, besitzt aber genügend Substanz und wird solide vorgetragen. Gerade wenn man bedenkt, dass der gesamte Film eigentlich nur in einer Limousine mit nur einer Schauspielerin spielt, ist das Ergebnis doch erstaunlich unterhaltsam ausgefallen. Kleinere Längen bleiben zwar nicht aus, manche Szenen sind etwas zu übertrieben und die handwerkliche Arbeit ist an manchen Stellen nicht ganz so sauber, aber hier wurde aus der schlichten Prämisse schon einiges herausgeholt und wer einfach mal wieder einen kleinen, gemeinen Thriller sehen will, kann sich dieses spanische Exemplar ruhig gönnen!
 
 
 


 
 
 

THE GLASS COFFIN – Zensur

 
 
 
Der klaustrophobische „The Glass Coffin – Du gehörst mir!“ ist ungeschnitten zu haben. Auf dem Cover prankt ein roter FSK-Flatschen. Kurioserweise befindet sich aber bisher kein Prüfungseintrag zum Film in der umfangreichen FSK-Datenbank.
 
 
 


 
 
 

THE GLASS COFFIN – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) Cargo Records (Blu-ray im KeepCase)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: El ataúd de cristal; Spanien 2016

Genre: Thriller, Horror

Ton: Deutsch DD 5.1, Spanisch DD 5.1

Untertitel: keine

Bild: 2.35:1 (1080p) | @23,976 Hz

Laufzeit: ca. 75 Min.

FSK: Keine Jugendfreigabe (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: KeepCase

Extras: Trailer

Release-Termin: KeepCase: 17.05.2019

 

The Glass Coffin – Du gehörst mir! [Blu-ray im KeepCase] ungeschnitten auf AMAZON bestellen

 
 


 
 
 

THE GLASS COFFIN – Trailer

 
 


 
 
 

Benjamin Falk

(Rechte für Grafiken liegen bei Cargo Records)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Panic Button (2011)
 

Filmkritik: „The Bad Guys: Reign of Chaos“ (2019)

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THE BAD GUYS: REIGN OF CHAOS

(NAPPEUN NYEOSEOGDEUL: DEO MUBI)

Story

 
 
 
Eine Spezial-Einheit bestehend aus Verbrechern wird gegründet, um andere Verbrecher wieder einzufangen.
 
 
 


 
 
 

THE BAD GUYS – Kritik

 
 
2014 gab es die südkoreanische Mini-Serie „Bad Guys“, die in ihrem Heimatland ein ziemlich großer Hit war. 2017 folgte mit „Bad Guys: Vile City“ ein Spin-off und 2019 sollte es dann einen eigenen Film namens „The Bad Guys: Reign of Chaos“ geben. Nun muss man die Serien sicher nicht gesehen haben, um an dem Film Gefallen zu finden, aber den Fan-Service kann man dann natürlich nicht so richtig wahrnehmen und allgemein ist die erste Hälfte unnötig wirr. Hat man diese jedoch erst mal überstanden, bekommt man einen spaßigen Actionthriller serviert.
 
 
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Als bei einem Überfall auf einen Gefangenentransport ein paar der gefährlichsten Verbrecher Südkoreas entkommen können, wird von der Polizei eine riskante Gegenmaßnahme veranlasst. Ein paar andere Verbrecher, die im Herzen aber doch irgendwo gute Menschen sind, bekommen die Chance ihre Haftstrafe zu verringern, müssen dafür aber Teil einer Spezial-Einheit werden. Die Regeln sind klar: Die entflohenen Häftlinge müssen zurückgebracht werden, dürfen aber nicht getötet werden. Dass sich unter den Geflohenen jedoch auch ein mächtiger Gangsterboss befindet, macht sie Sache nicht gerade einfacher. Die eigentliche Handlung ist ziemlich simpel, wird aber ganz schön kompliziert vorgetragen. Da gibt es zunächst Rückblicke und viele verschiedene Handlungsstränge, die vielleicht Kenner der Serie nachvollziehen können, aber wenn man nur den Film schaut, ist man eher verwirrt. Als Fan-Service mag das ja funktionieren, doch wirklich etwas zur Handlung wird hier kaum beigetragen und so ist der konfuse Start, der sich etwas zu sehr in die Länge zieht, etwas misslungen. Erst hinterher, wenn die Fronten definitiv geklärt sind, kann sich „The Bad Guys: Reign of Chaos“ endlich auf das Wesentliche fokussieren. Dann kann man mit dem Drehbuch auch mehr anfangen, selbst wenn einem hier nichts Neues geboten wird.
 
 
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Dafür ist die Machart dann relativ verspielt. Regisseur Yong-ho Son hat zwar bisher kaum etwas gedreht, versteht sein Handwerk aber ordentlich und setzt verschiedene Stilmittel ein. So kommt die Zeitlupe gerne mal zum Einsatz, um etwas cooler wirken zu lassen und eine Rückblick-Szene erinnert mit ihrer Schwarzweiss-Optik und vereinzelt grellen Farben gar sehr an „Sin City“. Das Schöne ist, dass man es mit keinem dieser Stilmittel übertreibt und „The Bad Guys: Reign of Chaos“ niemals zu überladen wirkt, weshalb die handwerkliche Arbeit durchaus als solide zu bezeichnen ist. Gerade die Kampfszenen wurden sehr schön eingefangen. Atmosphärisch geht es dabei relativ vielfältig zur Sache. In erster Linie hat man es mit einem Actionthriller zu tun, der sich selbst aber nie zu ernst nimmt und immer für einen lockeren Spruch zu haben ist. Obwohl es durchaus düstere Momente gibt, schwebt doch immer ein gewisser Spaß mit in der Sache. Außerdem gesellen sich kleinere Motive des Serienkiller-Thrillers mit hinzu und ernste Themen wie Korruption bei der Polizei finden ebenfalls ihren kleinen Platz. So ist die Mischung auf jeden Fall ziemlich vielseitig.
 
 
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Von den Darstellern ist besonders Ma Dong-seok alias Don Lee bekannt, der mittlerweile sogar in Hollywood-Produktionen mitspielt und mit seinem Charme durchaus punkten kann. Aber auch Sang-Jung Kim und Jang Ki-Yong transportieren das gewisse Etwas. Eine ziemlich coole Rolle spielt zudem Kim Ah-jung, wobei alle ihre Sache ordentlich machen. Nur die Figurenzeichnung ist etwas mau geraten, weil es doch etwas zu viele Charaktere gibt und man sich erst zu spät auf die Hauptfiguren konzentriert. Außerdem sind die Bösewichte doch etwas belanglos. Dafür ist die Truppe der Spezial-Einheit markant genug und es kommen schon genügend Sympathien auf.
 
 
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Der Unterhaltungswert macht es einem anfangs nicht so leicht, weil man hier erst mal durch die konfuse, erste Hälfte durch muss, bei der man nicht alle Zusammenhänge so schnell kapiert. Action kommt zwar auch hier schon vor, aber mit etlichen Rückblicken bremst sich „The Bad Guys: Reign of Chaos“ leider immer mal wieder etwas unnötig aus. Mit fortschreitender Laufzeit wird das jedoch immer besser und die zweite Hälfte geht als Actionthriller wirklich sehr solide durch. Da ist genügend Tempo vorhanden, die Sprüche sind teilweise ganz amüsant und selbst wenn größere Spannung ausbleibt, langweilt das Treiben nicht. Dafür sorgen auch die immer wieder guten Actionszenen. Zum Glück wird hier überwiegend gekämpft, denn das lässt sich sehr schön anschauen. Wenn hingegen Dinge auf den Straßen explodieren, dann ist das nicht sehr nett zu verfolgen, weil das CGI hier wirklich minderwertig geraten ist. Ansonsten gibt es gar nicht mal so viele Effekte zu betrachten und auch die Gewalt wird niemals besonders derb transportiert, wobei sich der Film seine Freigabe ab 16 Jahren dennoch verdient hat.
 
 


 
 
 

THE BAD GUYS – Fazit

 
 
 
6 Punkte Final
 
 
 
Hat man die erste, unnötig wirre Hälfte erst mal hinter sich, bekommt man mit „The Bad Guys: Reign of Chaos“ einen spaßigen Actionthriller, der zwar im Endeffekt auch nur Konventionen bedient, dies aber solide macht. Die Inszenierung weiß jedenfalls zu gefallen und die Darsteller machen ihre Sache sympathisch. Das besitzt innerhalb der knapp zwei Stunden Laufzeit ein paar Längen, ist insgesamt aber kurzweilig genug, um als unterhaltsam durchzugehen, was vor allen Dingen an der gut umgesetzten Action und der niemals peinlichen Komik liegt. Dass der Film dennoch seine Härten besitzt und auch mal ernster bleibt, macht die Sache abwechslungsreich. Somit hat man es vielleicht nicht mit dem großen Wurf zu tun, aber wer gerne Actionkost aus Südkorea schaut oder vielleicht auch die Serie kennt, der kann ruhig einen Blick wagen!
 
 
 


 
 
 

THE BAD GUYS – Zensur

 
 
 
Nach mehreren ungeprüften Mediabook-Veröffentlichungen bringt Anbieter Nameless Media „The Bad Guys: Reign of Chaos“ jetzt auch im KeepCase für den Handel in den Markt. Dafür musste das Label den Actioner von der FSK prüfen lassen und erhielt von der FSK eine Freigabe ab 16 Jahren. Die Kaufhausfassung ist ungeschnitten.
 
 
 


 
 
 

THE BAD GUYS – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) Eurovideo Medien | Nameless Media (Blu-ray im KeepCase)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Nappeun nyeoseogdeul: Deo mubi; Südkorea 2019

Genre: Thriller, Action, Krimis

Ton: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Koreanisch DTS-HD MA 5.1

Untertitel: Deutsch

Bild: 2.35:1 (1080p) | @23,976 Hz

Laufzeit: ca. 115 Min.

FSK: FSK16 (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: KeepCase

Extras: Teaser, Trailer, TV-Spots, Making of 1, Making of 2, Cast-Greetings, Character-Trailer

Release-Termin: KeepCase: 09.06.2022

 

The Bad Guys: Reign of Chaos [Blu-ray im KeepCase] ungeschnitten auf AMAZON bestellen

 
 


 
 
 

THE BAD GUYS – Trailer

 
 


 
 
 

Benjamin Falk

(Rechte für Grafiken liegen bei Eurovideo Medien | Nameless Media)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Bad Guys (Serie 2014)
 
Bad Guys: Vile City (Serie 2017)
 

Filmkritik: „The Painted Bird“ (2019)

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THE PAINTED BIRD

Story

 
 
 
Ein zu Beginn des zweiten Weltkriegs von seinen Eltern weggeschickter, kleiner Junge rennt nach dem Tod seiner Tante obdachlos durch eine zerrüttete und grausame Welt.

 
 
 


 
 
 

THE PAINTED BIRD – Kritik

 
 
Schwer atmend, mit Todesangst in den Augen. läuft ein kleiner Junge in bildhübschen, schwarz-weißen Einstellungen eine Landstraße hinunter, wird von mehreren älteren Jungs gejagt. Sein Frettchen trägt er in den Armen, ängstlich schaut er sich um bevor er zu Fall gebracht wird. Mehrfach wird ihm brutal ins Gesicht geschlagen, dann muss er zusehen wie sein armes Tier kreischend verbrannt wird, im Kreis rennt, sich am Boden windend, bis es irgendwann nur noch zuckt. Herzlich willkommen bei „The Painted Bird“.
 
 

„Das ist deine Schuld. Du darfst nicht alleine rausgehen.“

 
 
Abseits des Skandals um die vorgetäuschte Echtheit der Geschichte war „The Painted Bird“ des polnisch-amerikanischen Autoren Jerzy Kosiński 1965 in erster Linie für seine Sprachgewalt und ungeschönte Ehrlichkeit in aller Munde. Als einer der bedeutendsten Romane über den zweiten Weltkrieg ließ eine Verfilmung allerdings dekadenlang auf sich warten, zu abschreckend muss der Originaltext auf interessierte Regisseure gewirkt haben. Der tschechische Regisseur Václav Marhoul ist nun die erste Person geworden, die sich in ihrem vierten Spielfilm an dem auswegslosen Leiden der Vorlage versucht hat.
 
 
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In zehn Kapitel – stets nach den Charakteren, denen unser namenloser (oder…?) Protagonist auf seiner Reise durch das zerrüttete Osteuropa begegnet, benannt – und abzüglich des Abspanns 155 Minuten lang sollte ich nun also dem gebeutelten Schicksal eines unschuldigen Jungens folgen, angeblich in unerbittlichen und gnadenlosen Bildern festgehalten. Ich gebe ganz ehrlich zu – ich hatte einen gehörigen Respekt vor dem Film. Und gerade nach der sadistischen Anfangsszene habe ich schon gut schlucken müssen – doch was folgen sollte war weder so genial, noch so verstörend, wie erwartet.
 
 
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Hätte Marhoul, der den Roman für den Film selbst in ein Filmscript adaptiert hat, sich hier nämlich 1:1 an eine Umsetzung des Originaltextes gewagt, vermutlich hätte ich wirklich gewimmert oder geweint, die ausführliche Inhaltszusammenfassung auf der englischsprachigen Wikipediaseite gewährt da einige Einblicke. Doch nach der Filmsichtung wirkt es tatsächlich so, als hätte Marhoul hier zu Gunst der Vermarktbarkeit einige Zensuren vorgenommen, die die Drastik, Konsequenz und das Grauen der Vorlage in einigen Segmenten entscheidend umdeuten oder abschwächen. Zusammen mit der makellosen, schwarz-weißen Cinematographie, den weitläufigen Sets und authentisch wirkenden Kostümen also ein absoluter Sehgenuss für Bildästheten, ohne dass die optische Gewalt des Films keine Story oder Nähe mehr zulassen würde – doch hier ist die Krux des Ganzen.
 
 
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In der Originalversion der Geschichte, so wirkt es auf mich zumindest, ist unser junger Protagonist in einer derartig höllischen Situation voll düsterster Abgründe gefangen, dass jede noch so kleine Geste an Barmherzigkeit, Mitleid oder Empathie direkt einen enormen emotionalen Effekt haben muss, wie eine kleine Insel der wahrhaftigen Liebe und Güte wirkt. Dieser Effekt verpufft in dem Film, da die Situation natürlich unerträglich und grauenhaft ist, hier aber direkt mehrere Charaktere nicht daran interessiert scheinen, dem Kind „einfach nur“ zu schaden – wer einen Misery Porn befürchtet, indem szenenlang gefoltert, vergewaltigt oder gedemütigt wird, der kann beruhigt aufatmen. Und auch die Kamera ist eher an hübschen Kompositionen und weiten Einstellungen interessiert, als je explizit bei den Gewalttaten dabei.
 
 
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Ohne einzig aufgrund einer maximal hoffnungslosen, durchgängig nach unten schlagenden Situation mit unserem exzellent spielenden Protagonisten mitfiebern zu können bzw. müssen, habe ich demnach auf einen stimmungsvollen, wenngleich auch ggf. emotional manipulierenden, Soundtrack gehofft, oder aber auf Monologe. Doch falls „The Painted Bird“ einen Soundtrack hat, so ist dieser derart spärlich oder zurückhaltend eingesetzt worden, dass ich ihn nicht mehr erinnere – und Monologe, innere Reflektionen über seine Umstände und Motivation, oder auch nur längere Dialoge mit dem Jungen gibt es nicht, wodurch wir also weder über seine Vorgeschichte, noch seine Mentalität mehr erfahren können, als sein Mimenspiel ausdrückt.
 
 
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All dieser Punkte zum Trotz könnten allein die Inszenierung und der Mut das Projekt überhaupt anzugehen, zusammen mit der Starpower und den exzellenten Performances völlig ausreichen, um ein echtes Meisterwerk zu schaffen – doch so grandios gerade Udo Kier mit seinen manischen Augen auch in diese Welt passt, als eifersüchtiger Müller laut brüllend seine Frau peitschend, so redundant und irgendwie belanglos formt sich doch nach einiger Zeit die eigentliche Seherfahrung.
 
 
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Im ersten Kapitel wächst der Junge ärmlich in der Obhut seiner gefühlskalten Tante auf und schreibt verzweifelt Botschaften wie „Holt mich hier raus“,bis diese eines Tages stirbt, er aus Versehen das Haus in Feuer setzt, auf seiner Flucht von einem wütenden Mob ausgepeitscht und von einer Wanderheilerin/Schamanin gekauft wird. Diese rasiert und vergräbt ihn, dann folgt blutige Obhut bei Udo Kier, bis er auf einen alten Mann stößt, der mit Singvögeln handelt und diese sammelt. Eine nach einer Vergewaltigung traumatisierte Frau lebt vom Dorf verstoßen im Wald und verführt Ehemänner, ein Pulk wütender Frauen verstümmelt sie, woraufhin der alte Mann sich erhängt und eine neue Unterkunft gefunden werden muss.
 
 
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Dies war ein kurzer Einblick in die ersten vier der neun Kapitel des Films und genau in dieser von Gewalt, Armut, Rache, Verzweiflung, Traumata, Depressionen, Missgunst, und Neid regierten Welt muss ein verstörtes Kind sich nun alleine navigieren, stets auf der Flucht vor allen die ihm Böses wollen, stets auf der Suche nach etwas Wärme, die nicht von einer brennenden, von Kosacken geplünderten Stadt her rührt. Doch Station für Station endet mit Enttäuschung oder entsetzter Flucht, wodurch der episodenhafte, überraschend kurzweilige Fluß der Geschichte aufrecht erhalten wird.
 
 

„Wir haben für sie einen Juden gefangen im Wald.“

 
 
Lese ich im Nachhinein noch einmal durch meine x Seiten Notizen zu dem Film, so kommen doch einige wunderbar subtil bedrohliche, nonverbal erzählte Szenenkonstrukte in den Sinn, Stellen an denen Harvey Keitel, Stellan Skarsgård oder Julian Sands richtig brillieren können, in denen ich mitgehofft habe, dem Jungen alles Gute der Welt gewünscht habe. Auch gibt es im späteren Verlauf noch eine aufwendig und schonungslos inszenierte Angriffsszene, für die sich der Film fast schon alleine lohnt – doch dann ertönt inmitten dieses todernsten Massakers, in dem schreiende, weinende Mütter mit ihren Kindern blutigst erschossen oder verbrannt oder vergewaltigt werden, auf einmal der legendäre „Wilhelm Scream“ und ich habe die Welt überhaupt nicht mehr verstanden.
 
 
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Trotz des interessanten Interviews mit dem Regisseur im Booklet der – wie immer – höchst empfehlenswerten Bildstörung-VÖ bin ich mir schlußendlich nicht sicher, wieso der Roman jetzt abgeändert, so ein völlig unpassender Sound benutzt, dieser teure Starcast nötig gewesen war. Mit mehr Originaltreue wäre hier vielleicht ein potentieller neuer Favorit für mich dringewesen, in der aktuellen Fassung allerdings war ich zu distanziert, zu kalt gelassen von dem Geschehen, um mich abseits von den Bildern und Performances wirklich für die Geschichte zu begeistern oder länger investiert zu sein.
 
 


 
 
 

THE PAINTED BIRD – Fazit

 
 
 
6 Punkte Final
 
 
 
Großartig gedrehtes, aufwendig inszeniertes, immer wieder wunderbar zurückhaltend gespieltes, karges Kriegsdrama mit einem beeindruckenden Hauptdarsteller, aber auch sehr eintöniger und unnützerweise goutierbar zensierter Story.
 
 
 


 
 
 

THE PAINTED BIRD – Zensur

 
 
 
„The Painted Bird“ hat von der FSK in der ungeschnittenen Fassung eine Freigabe ab 18 Jahren erthalten. Diese Freigabe ist gerechtfertigt.
 
 
 


 
 
 

THE PAINTED BIRD – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) Bildstörung (KeepCase im Schuber)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: The Painted Bird; Slowakei | Tschechien | Ukraine 2019

Genre: Drama, Krieg

Ton: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Interslawisch DTS-HD MA 5.1

Untertitel: Deutsch

Bild: 2.35:1 (1080p) | @24 Hz

Laufzeit: ca. 169 Min.

FSK: Keine Jugendfreigabe (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: KeepCase mit Wendecover im Schuber

Extras: Booklet, Trailer, Making-of-Doku, Tschechien (120 Min.), goEast Masterclass, Deutschland 2020 (90 Min.)

Release-Termin: 06.05.2022

 

The Painted Bird [Blu-ray] ungeschnitten auf AMAZON bestellen

 
 


 
 
 

THE PAINTED BIRD – Trailer

 
 


 
 
 

Alexander Brunkhorst

(Rechte für Grafiken liegen bei Bildstörung)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Habermann (2009)
 
Der Hauptmann (2017)
 
Die Grauzone (2001)
 

Filmkritik: „The Retaliators“ (2021)

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THE RETALIATORS

Story

 
 
 
Als die Tochter eines Pastors brutal ermordet wird, dürstet es dem Mann Gottes nach Rache und diese führt noch in viel finstere Gefilde, als er sich vorstellen kann.
 
 
 


 
 
 

THE RETALIATORS – Kritik

 
 
 
Metal bzw. Hard Rock und Horrorfilme gehen schon gerne mal Hand in Hand, haben aber vor allen Dingen in jüngster Vergangenheit immer mal wieder eine schöne Symbiose erfahren dürfen. Bei „The Retaliators“ geht es zwar thematisch überhaupt nicht um Musik, doch da der Film von Better Noise Films produziert wurde, die auch das Label Better Noise Music führen, bekommt man hier einen umfangreichen Soundtrack zu hören und zudem treten einige Herrschaften des Alternative Metals oder auch des Hard Rocks auf. Ob das alleine jedoch für einen guten Film ausreicht?
 
 
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Mitnichten! Schon beim Drehbuch fangen die Probleme an, denn „The Retaliators“ wurde ganz schön durchwachsen geschrieben. So ist bereits der Einstieg holprig geraten. Nachdem einem kurz klar gemacht wurde, dass da eine große Gefahr lauert, beginnt die Einleitung mit Vater und Töchtern. Hier verschwendet man allerdings seine Zeit, denn eine echte Beziehung ist für den Zuschauer niemals greifbar und die Szenen besitzen keine Wirkung. Auch der lange Dialog bei einem Drogendealer wirkt gänzlich austauschbar. In der ersten Hälfte häuft sich die Frage, was das Ganze denn eigentlich soll und es dauert wirklich zu lange, bis die ziemlich simple Story mal auf den Punkt kommt. Sobald sich das Geheimnis jedoch lüftet und man das erzählerische Experimentieren hinter sich lässt, kann „The Retaliators“ deutlich mehr punkten. In der zweiten Hälfte wirkt das wie eine Mischung aus „7 Days“ und „Haus der Vergessenen“. Glaubwürdig ist das alles nicht, reichlich übertrieben dafür allemal und so richtig originell will der Mix leider nicht wirken. Dafür muss man der Geschichte jedoch lassen, dass sie anfangs nicht zu vorhersehbar ist.
 
 
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Darstellerische Höchstleistungen sollte nun ebenfalls niemand erwarten, wobei der Film trotzdem ganz solide gespielt wird und mit einigen bekannten Namen aufwartet. Bekannt natürlich nur dann, wenn man gerne moderne Metal-Acts wie „Five Finger Death Punch“ oder „Papa Roach“ hört. So sind z.B. Ivan Moody, Zoltan Bathory und Jacoby Shaddix zu sehen. Aber auch Tommy Lee (Mötley Crüe) schaut mal vorbei. Das sind alles eher kleinere Rollen in denen nicht viel geschauspielert werden muss, die aber auch keineswegs fehlplatziert wirken. Die Arbeit der „echten“ Darsteller übernehmen dann Michael Lombardi (etwas fehlbesetzt), Marc Menchaca (reichlich düster) und Joseph Gatt (was für ein Tier!). Dies machen sie insgesamt brauchbar und dass die ganzen Typen nicht markant wären, kann man nun wirklich nicht behaupten. In einer winzig kleinen Rolle ist sogar Robert Knepper zu sehen. Die Figurenzeichnung bleibt allerdings höchst platt und legt es nicht gerade darauf an glaubwürdig zu wirken. Hier ist alles konstruiert und künstlich.
 
 
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Diese Tatsache stellt der Machart ab und zu ein Bein, denn lange Zeit kann sich „The Retaliators“ nicht so richtig entscheiden, was er eigentlich darstellen möchte. So wirkt er anfangs wie ein langweiliges Drama und mutiert dann zu einer Art düsterem Thriller. Gerade in diesem mittleren Teil wäre es wichtig gewesen, dass die Charaktere organisch wirken, was eben leider nicht der Fall ist. So verpufft hier auch die wohl gewünschte Wirkung. Sobald sich der Film dann aber auf das besinnt, was er im Endeffekt wohl am ehesten sein möchte, nämlich knallharter Horror, wird es schlagartig besser. Die letzte halbe Stunde ist schon ein Highlight. Hier gibt es viel Action und brachialen Splatter zu betrachten. Harmlos ist das nun echt nicht und die Effekte stammen überwiegend von Hand, was schön anzusehen ist. Dass der Soundtrack aus viel härterem Rock besteht, passt bei der Besetzung und dem Label natürlich und war zu erwarten.
 
 
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Hier besitzt „The Retaliators“ auch immer ein wenig Videoclip-Ästhetik, was nicht verwunderlich ist, denn das Regie-Duo Samuel Gonzalez Jr. und Bridget Smith haben auch beide schon Musikvideos gedreht. Aber neben einigen Kurzfilmen auch bereits ein paar Filme. Eine gewisse Erfahrung sieht man dem Resultat durchaus an. Optisch ist das alles schon ansprechend gestaltet. Wenn die harten Rocker sich in Nacht-Clubs aufhalten, die Musik dazu laut dröhnt, ist das zwar nichts, was man optisch nicht bereits kennt, seine Wirkung erzielt das aber dennoch. Sowieso kann man der Inszenierung kaum Vorwürfe machen. Am ehesten den, dass man hier etwas unentschlossen war, ob man es nun ruhig und nachdenklich oder doch möglichst laut und hektisch gestalten will. So ist jedoch immerhin für Abwechslung gesorgt, die sich auch durch die gesamte Atmosphäre zieht. Was in einem Moment nämlich noch düster und leise erscheint, ist im nächsten schon total chaotisch und schrill.

 
 


 
 
 

THE RETALIATORS – Fazit

 
 
6 Punkte Final
 
 
„The Retaliators“ besitzt genauso viel Licht, wie auch Schatten. Zu den Schattenseiten gehört auf jeden Fall das durchwachsene Drehbuch, welches gerade die Einleitung ganz schön versemmelt und viel zu lange nicht richtig auf den Punkt kommen will. Dafür kann sich die handwerkliche Arbeit sehen lassen und die Inszenierung bereitet einige hübsche Szenen auf. Die Darsteller werden nicht unbedingt gefordert, machen ihre Sache jedoch brauchbar und es macht schon Spaß, dass der Film stark in der Metal/Hard-Rock-Welt verankert ist. Leider ist die Figurenzeichnung ziemlich schwach geraten und man kauft hier niemanden seine Rolle so richtig ab. Entschädigung gibt es dafür vor allen Dingen im starken Finale, in dem es richtig krachen darf. Hier löst sich „The Retaliators“ von seiner Unentschlossenheit und bietet ein schönes Splatter-Fest. Ist die etwas wirre und unnötige erste Hälfte also erst mal überstanden, macht der Film letztendlich doch noch Spaß
 
 
 


 
 
 

THE RETALIATORS – Zensur

 
 
 
„The Retaliators“ ist alles andere als harmlos. Zwar wird nicht jede Gewalt-Szene explizit gezeigt, doch gerade im Finale splattert es gewaltig. Außerdem bekommen Filme mit Selbstjustiz-Thematik in Deutschland sowieso gerne höhere Freigaben. WSollte es „The Retaliators“ ungekürzt nach Deutschland schaffen, wird der Streifen einen roten Sticker erhalten.
 
 
 


 
 
 

THE RETALIATORS – Trailer

 
 


 
 
 

Benjamin Falk

(Rechte für Grafiken liegen bei Better Noise Films)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Haus der Vergessenen (1991)
 
7 Days (2010)
 

Filmkritik: „Offseason“ (2022)

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OFFSEASON

Story

 
 
 
Eine junge Frau fährt mit ihrem Mann auf eine abgelegene Insel um den Vandalismus am Grab ihrer Mutter zu untersuchen …
 
 
 


 
 
 

OFFSEASON – Kritik

 
 
 
Nachdem mein Auftakt des HARD:LINE-Festivals mit „Night Caller“ ganz bewusst nicht gerade ein Highlight war, ging ich doch äußerst guter Dinge in die nächste Sichtung, da US-Regisseur Mickey Keating in der Vergangenheit schon mit „Carnage Park“, „POD“ und „Darling“ auf sich aufmerksam machen konnte – alles Filme die ich zwar selber noch gucken muss, deren Reviews sich größtenteils aber sehr wohlwollend und kurzweilig lesen.
 
 
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Die weltbekannte Melodie eines alten, lizenzfreien Pianostücks läuft, dazu sehen wir grobkörnige, nostalgische Super8-Aufnahmen. Eine Frau schaut in die Kamera und richtet sich direkt an die Zuschauer, äußerst nervös wird ein mehrminütiger, gut gespielter Monolog performt, dann folgen ein abrupter Schrei und die Titlecard. Der mystische Soundtrack bereitet bestens auf das kommende Unheil vor, zu pittoresken Landschaftsaufnahmen werden wir informiert dass unsere Protagonistin Marie Eldritch, äh, Aldrich heißt und schnellstmöglichst nach Lone Palm aufbrechen soll, da dort das Grab ihrer Mutter beschädigt wurde.
 
 

Chapter 1: Lone Palms

 
 
Demnach fährt sie also mit ihrem Mann über die stürmischen Straßen der verschrobenen Insel, nur um in Rekordzeit mit Charakterdarsteller Richard Blake, seufzenden Chören, vernebelten Sackgassen und weißäugigen Einwohnern konfrontiert zu werden, was dann auch ziemlich gut den gesamten Film zusammenfasst. Ob das nun als Kritik oder Lob zu verstehen ist? Nun, das kommt ganz darauf an, was man sich von einer solchen Prämisse erhofft. Die lovecraftigen Innsmouth-Vibes sind überdeutlich, auch wird hier nach ganz klassischen, altbekannten und bewährten Mustern noch mit Nebel, langsamen Kamerafahrten, dunklen Häusern und undurchschaubaren Nebencharakteren Grusel verbreitet, statt etwa auf Gewalt zu setzen oder das Genre subversiv zu unterwandern. Als „Set-Porno“ zum atmosphärischen Einsaugen der fabelhaft inszenierten sowie eingefangenen Umgebung, als hochwertigerer Spukhaus-Trip zum Angucken, Nackenhaare aufstellen und nach Traumlogik suggestiv leiten lassen, klappt „Offseason“ also immer wieder ganz hervorragend.
 
 
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Wer hingegen an Originaltreue im Sinne von „echter Lovecraft-Huldigung“ interessiert ist, einen kohärenten, kurzweiligen Horrorfilm sucht oder auch nur eine spannende sowie logische Geschichte, der ist hier grundlegend falsch – „Offseason“ wandert zusammen mit seiner Protagonistin gerne assoziativ von Setting zu Setting, lässt seine Charaktere verschwinden, diffus reden und nie wieder auftauchen, lebt mehr von Schärfeverlagerungen und unheilvollen Klängen, als wirklich von einer greifbaren, oder logischen Bedrohung. Hier sowie in Donnie Darko wird von einer älteren Frau ein Sturm prophezeit und damit eigentlich etwas viel Größeres impliziert, selbst der selbe Soundtrack und das Geräusch der „Portale“ aus dem 2000er-Klassiker wird übernommen. Doch trotz dieser überdeutlichen Einflüsse würde ich mehr von einer kunstvollen Verwebung und Huldigung sprechen, als von einem billigen Plagiat – weder droht unsere Protagonistin aufgrund unaussprechlichen Schreckens ihren Verstand zu verlieren, noch handelt es sich um ein Coming-of-Age-Charakterstück. „Offseason“ ist viel interessierter an der Ästhetik und Wirkung leise geflüsterter Aussagen und alptraumhaft entrückter Bilder, als an deren Inhalten.
 
 

Chapter 2: Sandtrap

 
 
Im lokalen Pub werden Marie und George von einer wie in der Zeit eingefroreren Gruppe alter Männer ausgelacht und kein Stück ernst genommen, inmitten dieser lässt George seine Frau in der Hoffnung auf ein Telefon dann auch tatsächlich alleine, nur damit ein junger Fischer, gespielt von Indie-Horror-Genredarsteller und „After Midnight“ sowie „The Battery“-Regisseur Jeremy Gardner, sich prompt an sie ranzuschmeißen scheint. Nach zwei Tagen Hinfahrt, der problematischen Ankunft und der schnellen Flucht aus dem Pub erzählt Marie ihrem reichlich verwirrten Mann dann auch endlich mal, was es mit der Reise auf sich hat: Ihre Mutter habe sie aus Angst vor dieser „verfluchten“ Insel darum gebeten, auf keinen Fall hier begraben zu werden, komme was wolle. Und mehr noch, der Brief und die sich aufgrund des Sturms schließende Brücke, das beides wirkt inzwischen doch wie eine Falle auf sie.
 
 
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Beim Performen seiner Reaktion auf diese absolut wilde, verständlicherweise angezweifelte Geschichte kann Joe Swanberg, seinerseits spätestens aus „You’re Next“ bekannt, wirklich glänzen und einen Eindruck hinterlassen, während Hauptdarstellerin Jocelin Donahue (The Burrowers, The House of the Devil, Knight of Cups, Insidious 2) mit ihrer einvernehmlich verunsicherten und ängstlichen Performance größtenteils die Bildfläche dominiert. Strukturell sehr interessant ist hierbei, wie früh im Film Marie ihre Theorie bereits ausspricht und, sollte sie wahr sein, somit dem Dorf auf die Schliche käme. Doch hat sie Recht? Die dunkle Vermutung und die Unsinnigkeit des Unterfangens reichen dem Paar aus, um getrübt den Rückweg anzutreten – aber natürlich finden sie sich schnell in einem Labyrinth aus Sackgassen wieder, um dann zu einem wunderschönen 50s-Song einen Unfall zu bauen.
 
 

Chapter 3: Life’s A Dream

 
 
Zu erneut lizenzfreier, aber stimmiger klassischer Musik sehen wir in einem hochpoliert fotografierten Flashback, dass Marie bereits erfolglos versucht hat das offensichtlich manipulierte Testament ihrer Mutter zu ändern, zurück im hier und jetz lullt die bekannte Mischung aus Donnie Darko-Gedächtnissoundtrack und nebligen, verlassenen Straßen direkt wieder in den wohligen Genre-Alptraumhalbschlaf. Herausreißend wirken allenfalls die Sirenen und Trommeln einer bemüht spannenden, im Endeffekt aber hoffnungslosen, merkwürdig künstlich aussehenden und vorhersehbaren Hatz zur sich hochfahrenden Brücke, danach klingelt ein einsames Telefon in einem dunklen Raum voller Puppenköpfe und es wird ein leeres Museum mit Taschenlampe und undeutlich im Hintergrund vor sich hinredenden Lautsprecherdurchsagen erkundet. Unterkühltes Colourgrading, interessante Sets und eine investierte Hauptdarstellerin – genau so kann simples, aber höchst effektives Filmemachen aussehen.
 
 

Chapter 4: The Damned

 
 
Ganz im Kontrast dazu steht leider Keatings Entscheidung, im folgenden Abschnitt mit einem überbordend lauten Soundtrack zu arbeiten, der auf den Schockfaktor der Szene zu pochen und bestehen scheint, während visuell oder inhaltlich aber wirklich nichts Gruseliges passiert. Weitere graue Augen starren und durch einen miesen Jumpscare stehen auf einmal alle um Marie rum, ja, hui, aber da war die subtile und desorientierende Einlage zu Beginn des Films, in der eben jene weißen Augen in einem vernebelten Dschungel-Setting inszeniert wurden, doch deutlich effektiver. Was in den folgenden 2-3 Kapiteln und letzten ~35 Minuten noch alles passiert, das sollte man als interessierter Zuschauer natürlich am besten selbst erfahren – doch was ich hier noch lobend hervorheben muss ist, dass „Offseason“ ziemlich genau einen einzigen Horrormoment hat, genau eine Stelle in der es wirklich furchterregend sein soll, und dass diese trotz sehr simpler Effektarbeit und ohne jeden Splatter auch exakt so funktioniert hat, wie erhofft. Ganze zweimal kam ein wohliges Gänsehaut-Gefühl auf und dass einmal davon kurz vor den Credits war, ist diesem Herzblutprojekt natürlich auch hoch anzurechnen.
 
 
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Doch leider, leider gestaltet sich der Weg dahin durch eine Szene mit konstantem Overacting eines sonst eigentlich bewährten Darstellers recht nervig und zäh, auch wird durch mehrfach teils wortwörtlich wiederholte Dialoge und Themen die Intelligenz des Zuschauers massiv in Frage gestellt, wenn nicht sogar beleidigt. Und dann, nach dem unvermeidbaren letzten „Kniff“ dieses sehr simplen Scripts, endet „Offseason“ nach kurzen 79 Minuten auch einfach wieder und entlässt den Zuschauer in die sonnige, unvernebelte, wenig mysteriöse Realität. Denn genau das ist der Effekt, den Keatings Werk erfolgreich beim Zuschauer verursacht: Durch diesen stringent verdichteten, filmischen Alptraumtrip im ewigen Nebel verlässt man kurz die irdischen Sphären und lebt von dunklen Andeutungen und leerer Dunkelheit, geflüsterten Ängsten und bösen Vorahnungen. Vielleicht ist das Ganze etwas hohl und zäh und zu oft gesehen, aber dermaßen aufs Nötigste reduziert und ohne störende Klötze am Bein kann ich eine solche Geisterstadt-Tour doch größtenteils genießen.

 
 


 
 
 

OFFSEASON – Fazit

 
 
6 Punkte Final
 
 
Höchst stimmungsvoller, atmosphärisch gedrehter Set-Grusel mit pointierten Gänsehaut-Momenten, mitreißender Performance, mysteriösem Sounddesign und einem bewussten Minimum an Story.
 
 
 


 
 
 

OFFSEASON – Zensur

 
 
 
Bei aller alptraumhaften Atmosphäre beruft sich sich „Offseason“ keinesfalls auf brutale Effekte oder Splatter-Momente, weswegen einer knapp mit einer Szene verdienten FSK 16 hier nichts im Weg stehen dürfte.
 
 
 


 
 
 

OFFSEASON – Trailer

 
 


 
 
 

Alexander Brunkhorst

(Rechte für Grafiken liegen bei WTFilms)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Tot & begraben (1981)
 
Messiah of Evil (1973)
 
Der Leuchtturm (2019)
 

Filmkritik: „Frank & Zed“ (2020)

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FRANK & ZED

Story

 
 
 

Zwei eigentlich friedliche Monster geraten in einen Krieg mit Dorfbewohnern, die sich noch immer vor der Vergangenheit fürchten.

 
 
 


 
 
 

FRANK & ZED – Kritik

 
 
 
Wenn man an einen Puppenfilm für Erwachsene denkt, fällt einem sicherlich sofort „Meet the Feebles“ ein, der bisher ziemlich einzigartig war. Selbst wenn Werke wie „Der dunkle Kristall“ oder „The Happytime Murders“ ebenfalls Puppen benutzten, waren dort auch menschliche Darsteller zu sehen und es ging durchaus weniger verrückt zur Sache. Doch jetzt kommt „Frank & Zed“ daher und er macht „Meet the Feebles“ zumindest optisch Konkurrenz, leidet nebenbei jedoch an einigen erzählerischen Schwächen.
 
 
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Es ist schon einige Jahrhunderte her, als ein Dorf in eine magische Schlacht geriet. Die Titelfiguren Frank und Zed waren daran beteiligt und leben seitdem in den Ruinen von damals ein doch recht friedliches Leben, in dem sich jeder um die Ernährung des anderen kümmert. Doch als eines Tages ein Dorbewohner das Jagdgebiet der Monster betritt, kommt es zum Mord und die Dorfbewohner wollen dafür unbedingt Rache. Die Story gibt nicht viel her, versucht aber dennoch episch zu wirken. So richtig will dies leider nicht gelingen, da vieles angedeutet wird, aber im Endeffekt doch nur bekannte Motive von Fantasy-Werken zusammengebastelt wurden. Wäre da nicht dieser weiterhin ziemlich einzigartige Stil, würde sich für die Handlung wohl kaum jemand interessieren. Außerdem wird das Ganze unnötig langsam erzählt und weiterhin gibt es im Ton doch zahlreiche Ungereimtheiten.
 
 
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So richtig entscheiden mag sich „Frank & Zed“ nämlich nicht. Will er jetzt eher eine tragische Geschichte von zwei ehemaligen Feinden erzählen oder doch ein fantasievolles Epos voll mit dunkler Magie? Möchte er ernst wirken, dramatisch oder lieber albern sein? Oder will er im Endeffekt doch nur einen Funsplatter darstellen? Von nahezu allem finden sich ein paar Elemente, doch keines davon dominiert und deshalb kommt einem das Resultat doch relativ unentschlossen vor. Manchmal wirkt „Frank & Zed“ nämlich durchaus ernst, nahezu düster und unheilvoll. Dann wiederum wird plötzlich der Humor bedient, aber auf eine ziemlich plumpe Art und Weise. Und dann wäre da immer wieder eine Portion Drama, welche jedoch an Tiefe vermissen lässt. Die verschiedenen Zutaten ergeben hier kein rundes Gesamtbild und das stört zuweilen doch ein bisschen.
 
 
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Das ist gerade deshalb schade, weil „Frank & Zed“ optisch eine Wucht darstellt. Laut Regisseur Jesse Blanchard haben die Arbeiten an dem Werk ca. sechs Jahre gedauert; eine unheimlich lange Zeit. Dafür, dass es sich bei diesem Film aber eben um keine Big-Budget-Produktion handelt, glaubt man gerne, dass sehr viel Zeit investiert werden musste, denn hier stammt wirklich so gut wie alles von Hand. Das ist noch altmodischer Puppentrick, wie es die Muppets zelebriert haben und selbst wenn man „Meet the Feebles“ schon auswendig kennt, ist es immer noch befremdlich solche Puppen in einem Film für Erwachsene zu sehen. Gerade wenn sich dann auch noch Splatter mit zum Geschehen gesellt, wird es zwangsläufig abgefahren. Die Effekte sind wirklich toll geworden und mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Doch auch die ganzen Kulissen sehen wunderbar aus. Auch wenn der Computer dann mal helfen durfte, wenn es z.B. an die Magie geht, sieht das astrein aus. Alleine diese Optik strahlt genügend Faszination aus, dass man dem Film für seine Schwächen nicht so böse sein möchte.
 
 
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Die Figuren hat man insgesamt ganz ordentlich dargestellt und optisch sind sie markant geraten, was natürlich vor allen Dingen an den titelgebenden Frank und Zed liegt. Deren Hintergrundgeschichte besitzt sogar etwas Tiefe, was man von den anderen Figuren weniger behaupten kann. Leider geraten die beiden Monster besonders im mittleren Teil etwas zu sehr in den Hintergrund und auf die größten Dialoge sollte man sich nun nicht einstellen. Schade ist zudem auch, dass man niemals einen echten Draht zu den Charakteren erhält. Die Monster sind auf ihre eigene Art und Weise irgendwie drollig, doch wirklich mitfiebern kann man mit ihnen nicht und die ganzen Dorfbewohner erscheinen schon einigermaßen belanglos. Ein weiterer, nicht unerheblicher Schwachpunkt ist der Score. Eigentlich wurde musikalisch alles richtig gemacht, nur sind die vorhandenen Melodien dermaßen wenig eingängig und austauschbar, dass dabei keine echte Freude aufkommen will.
 
 
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Außerdem muss man sich fragen, weshalb Blanchard dieses Werk auf rund 90 Minuten langziehen wollte. Dafür gibt die Handlung nicht genug her und so entstehen zwangsläufig Längen. Hat man sich erst mal an die abgefahrene Optik gewöhnt, unterhält diese alleine nämlich eben auch nicht mehr. So schade es ist, aber „Frank & Zed“ ist in einigen Momenten schon etwas langweilig, weil einfach nicht viel geschieht und das Treiben nicht in die Gänge kommen möchte. Auch mit dem größten Splatterfest sollte man jetzt nicht rechnen. Da muss man schon auf das Finale warten, welches dann zum Glück einiges retten kann. Hier geht es mächtig zur Sache und wenn sich die Puppen da gegenseitig zerfetzen, ist das definitiv etwas, das man nicht alle Tage zu sehen bekommt. Das entschädigt schon für die ein oder andere Länge.
 
 


 
 
 

FRANK & ZED – Fazit

 
 
6 Punkte Final
 
 
„Frank & Zed“ ist ein eigentümlicher Film, bei dem man sehr das Herzblut spürt, welches in das Werk geflossen ist. Er ist ein kurioser Film mit einer gewitzten, abgefahrenen Optik, mit zwei kreativen Monstern und tollen Kulissen. Aber leider ist er nebenbei kein besonders guter Film, was an mehreren Gründen liegt. Die Handlung ist dünn und was „Frank & Zed“ optisch an Fantasie zu bieten hat, geht ihm erzählerisch leider abhanden. Außerdem ist er zu lang und bietet nicht so viel Splatter, wie er verspricht. Der Score klingt völlig austauschbar und es gibt doch schon einige Längen. Selbst wenn sich diese Kritik im Endeffekt nicht nach sechs Punkten liest, gewinnt am Ende doch das Herzblut. Außerdem macht das blutige Finale echt noch etwas her. Ob „Frank & Zed“ es zum gleichen Kult bringen wird, wie es „Meet the Feebles“ geschafft hat, ist fraglich, aber wer diesen als gut empfand, kommt um dieses Werk wohl kaum herum und eine gewisse Faszination kann man dem Ganzen nun wirklich nicht absprechen!
 
 
 


 
 
 

FRANK & ZED – Zensur

 
 
 
In „Frank & Zed“ kracht es eigentlich erst am Ende in Sachen Gewalt. Da splatterts schon ganz gut. Da es sich jedoch bei den Todesopfern um Puppen handelt, ist eine Freigabe ab 16 Jahren vorstellbar.
 
 
 


 
 
 

FRANK & ZED – Trailer

 
 


 
 
 

Benjamin Falk

(Rechte für Grafiken liegen bei Puppetcore)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Meet the Feebles (1989)
 
Team America (2004)
 
The Happytime Murders (2018)