Filmkritik: „Christmas Bloody Christmas“ (2022)

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CHRISTMAS BLOODY CHRISTMAS

Story

 
 
 
An Heiligabend wollen Tori und Robbie sich eigentlich nur betrinken und feiern, aber als ein Roboter-Weihnachtsmann in einem nahe gelegenen Spielzeugladen durchdreht und einen wilden Amoklauf durch die Kleinstadt beginnt, wird sie in einen Kampf ums Überleben gezwungen.
 
 
 


 
 
 

CHRISTMAS BLOODY CHRISTMAS – Kritik

 
 
 
Als Joe Begos vor mittlerweile elf Jahren mit dem Werwolf-Horror-Kurzfilm „Bad Moon Rising“ sein Debüt gab, war die Resonanz noch recht überschaubar; auch sein zwei Jahre später inszenierter Langfilm „Almost Human“ hat zwar für internationale Veröffentlichungen und einige wohlwollende Kritiken auf Festivals und innerhalb der Indie-Horror-Nische gesorgt, dürfte den „mainstreamigeren“ Horrorfan allerdings kaum erreicht haben. Auf dem Weg zur Professionalität und größeren Bekanntheit folgte 2015 noch der allem Anschein nach actionhaltige Sci-Fi-Horrorfilm „The Mind’s Eye“, 2019 gelang dann der internationale Durchbruch mit „Bliss“, einer rotzig-punkigen L.A.-Horrormär über harte Drogen und den grausamen Preis für künstlerische Inspiration; sowie das blutige Genreveteranentreffen „VFW“, die beide größtenteils begeistert von der Genrecommunity aufgenommen wurden und viele Fans, so auch mich, vorfreudig auf sein nächstes Werk haben warten lassen. Dass es sich tatsächlich um einen Weihnachtshorrorfilm – einen Vertreter meines Lieblingssubgenres also – handelt, ließ mich natürlich umso vorfreudiger lechzend den Release herbei ersehnen; ein O-Ton Online-Screener vor offiziellem VÖ-Termin war dann noch der leuchtende Weihnachtsstern obendrauf. Mit durchaus überdurchschnittlicher Erwartungshaltung, ordentlich Bock auf Weihnachtsstimmung, eine nicht enden wollende Verkettung verschiedener Variationen des Wortes „fuck“ und blutige Kills, sowie einem Glas Glühwein also hingesetzt und in den folgenden 84 Minuten ganze sieben Seiten Notizen verfasst, die es nun zu verschriftlichen und kontextualisieren gilt: Fröhlichen Adventswünsche gehen raus, legen wir los.
 
 
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Wie selbstbewusst, ironisch, humorvoll zu verstehen und verspielt dieser, von jetzt an als „CBC“ abgekürzte, Spielfilm zu verstehen ist, zeigt er dem Zuschauer direkt zu Beginn auf: Im veralteten Bildformat werden nach dem mittlerweile kultigen „Channel 83“-Logo mehrere, leicht trashige Achtziger Jahre-Werbespots gezeigt, u.a. für Whiskey, der auch an Kinder ausgeschenkt wird, einen käsigen Slasher, ein Rockkonzerts von Santa Claus himself, Kekse für Stoner uuuunndd natürlich dem eigentlichen Highlight: Dem Robosanta+, ehemalige Militärtechnik die nun, in abgerüsteter und umprogrammierter Version, als Mall-Santa verkauft werden soll. Ho ho ho, was könnte da schon schiefgehen? Noch bevor launige Post-Wave läuft und wir im Vollbildformat die Opening Credits zu einer dick verschneiten Straße als Establishing-Shot serviert bekommen, hat „CBC“ also in Rekordzeit die gesamte Story bzw. Bedrohung etabliert: Ein Militärroboter in Santakleidung wird vermutlich durchdrehen. Das erinnert spontan an „Chopping Mall“, macht Lust auf mehr und könnte mit einer originellen Inszenierung und ordentlich Weihnachtsfaktor doch glatt eine Punktlandung werden…
 
 

„I’m the fucking gal with fucking strong opinions!“

 
 
Die Story ist dabei sehr straight-forward, simpel und schnell erzählt: Die weihnachtshassende, immer wieder empathielose Plattenladenbesitzerin Tori redet nach Feierabend an Christmas Eve noch etwas mit ihrem Mitarbeiter Robbie über den Weihnachtsbonus und die Pläne für die Nacht. Tori hat eigentlich schon ein Tinder-Date ausstehend und will einfach nur Sex und ihre Ruhe, doch im stylischen Schwarzlicht des Vinylshops holt Robbie dann eine Whiskeyflasche raus und die beiden nehmen einen Shot. Schnell fragt Robbie sie über ihr Date aus und macht sich über den anderen Typen lustig, redet ihn schlecht, grabt ein peinlich bemühtes Gitarrenvideo des Familienvaters heraus und macht sich stattdessen selbst als Option für die Nacht interessant. Innerhalb von Minuten entwickelt sich somit ein realistisches, lässig geschriebenes und amüsant gespieltes Portrait von unseren Protagonisten: Der langsam genervten, aber nicht uninteressierten Tori und dem teils aufdringlichen, dann aber wieder sehr charmanten und witzigen Robbie. Beide Metal- und Horrorfilmnerds durch und durch, trotzdem anfänglich noch unsympathisch oder zu einseitig präsentiert.
 
 

„I’m weirdly turned on by this, but I need you to stop.“

 
 
Von den hervorragenden Performances und authentischen Darbietungen von Riley Dandy und Sam Delich lebt der Mumblecore-Approach der ersten Hälfte des Scripts dann auch, denn vom versprochenden Santa gibt es relativ wenig zu sehen und stattdessen wird sich viel Zeit für die Charaktere und ihre Dynamik, die großartige Chemie, den Aufbau einer versierten Weihnachtscinematographie genommen. Das erste ausführliche Nerdgespräch über Musik & Film startet noch in Toris eigenem Shop, nach bereits zwölf Minuten wird die Location dann für ein Spielzeugwarengeschäft gewechselt, in dem neben einer Schneemaschine noch ein weihnachtssprücheklopfender „Robosanta+“ stationiert ist. Toris angedachtes Tinder-Date wird schnell zum Gespött der Gruppe, im Gelächter, Umtrunk und auch härteren Drogenkonsum ebenjener geht der Nachrichtenbericht über einen internationalen Rückruf der juvenilen Ex-Militärtechnik natürlich unter…
 
 

„I didn’t know you two were a thing.“ – „We’re not.“ – „Yet.“ – „Get fucked!“

 
 
Spätestens wenn unsere inzwischen gut angetrunkenen, lautstark diskutierenden und losprustenden Protagonisten von hier aus weiterziehen, die verschneite nächtliche Straße passieren, um in einer Bar anzukommen, ihre liebsten Weihnachtslieder gegenseitig verarschen, habe ich aktiv gemerkt, dass ich mit den anfangs noch teils so respektlosen Charakteren warm werde, der Film seinen Job bereits bestens macht. Derweil stapft der mechanische Santa schweren Schrittes in einer POV-Einstellung durch den Spielzeugladen und zweiteilt mit einem Axthieb einfach den verkoksten Boyfriend, – den wir durch eine erste Eingangssequenz im Record Shop auch schon kennengelernt haben – während er gerade seine Freundin verwöhnen wollte. Die Mischung aus Nebel im Raum und den neonfarbenden Lichterketten sorgt für eine prächtige Atmosphäre und Optik, dann kriegt die flüchtende Freundin noch mehrfach brutalst ihren Kopf in eine Vitrine geschmettert.
 
 
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Wo Santa wütet, da wächst also kein Gras mehr und es bedarf sicherlich einiges an Taktik, Kraft und geistiger Klarheit, diese Tötungsmaschine aufzuhalten. Schnitt zu Robin und Tori, die inzwischen völlig besoffen in einer Bar herumalbern und flirten, während Jeff Daniel Phillips sich in einer großartigen Rolle als Sheriff über seine Frau und seinen Hund aufregt. Nachdem auch diese kleine Station verlassen wurde, bermerke ich zu herrlich verträumt hallenden E-Gitarren, dass ich das quasi-Paar Tori & Robbie endgültig schätzen und lieben gelernt habe, als Tori den originalen Black Christmas als Beispiel für einen guten Weihnachtsfilm anführt, das Blumhouse-Remake aber hasst. Weitere Filmtitel und -entscheidungen für Lieblingsfilme innerhalb von Franchises haben bei mir für ein anerkennendes Fan-Nicken oder höchst amüsiertes Gelächter gesorgt, so findet Tori z.B. alles an „Pet Sematary 2“ besser als den Vorgänger und auch wenn ich nicht zustimme, so weiß ich schon was sie meint. Auf der sturzbesoffenen Autofahrt von der Bar zu ihrem Haus folgt Santa durch das Schneegestöber und wird vor Ort nur Gott sei Dank von dem irrsinnig überdekorierten Nachbarhaus abgelenkt; Zeit für hemmungslosen, betrunkenen und absolut verdienten Sex, der sich nicht nur kathartisch anfühlt und glaubhaft inszeniert wurde, sondern durch ein großartig schredderndes 80s-Metal-E-Gitarrensolo, Neonbeleuchtung und einen Deckenspiegel gar zur religiösen Erfahrung mutiert.
 
 

„He wiped everybody out, he’s gonna wipe you out!“

 
 
Dass der Antagonist ernst zu nehmen ist, das war zwar bereits klar, die einsetzende, traumhafte Montage von Sex, Gewalt und Weihnachten unterstreicht diesen Punkt allerdings noch einmal deutlich. Denn während Tori ausgezogen wird, kriegt der Sheriff eine Axt in den Rücken geworfen, während sie geleckt wird, würgt der Gesetzeshüter und die blutige Wunde wird gezeigt, beim Orgasmus dürfen wir einen erstklassig gorigen Effekt bewundern, in dem der Kopf blutigste zertritten wird. Beim Joint nach dem Koitus, glücklich und verschwitzt, beobachten Torie und Robbie daraufhin, wie ein blutig verschmierter, roter Santa inmitten der festlich grünen Beleuchtung gnadenlos das Nachbarskind tötet, und auf einmal spuckt der Soundtrack bedrohlich raue und trotzdem nicht nervige oder dröhnende Industrial-Töne und die Panik wird von jetzt auf gleich wieder auf 110 gedreht.
 
 
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Was für ein gelungener Aufbau doch! Natürlich dauert es in diesem „Killersanta-Film“ etwas, bis der Santa auch killt oder allgemein zum Fokus wird – doch wer den Regisseur kennt, der dürfte seinen Modus Operandi inzwischen kennen sowie hoffentlich schätzen gelernt haben. Und wenn ein Streifen so derart besessen von Weihnachtsbeleuchtung ist, so authentisch ausgebrannt grindhousey aussieht ohne zu nerven, und so versiert seine Charaktere glaubhaft und schmackhaft macht – dann muss sowas doch gar kein Kritikpunkt sein! Da es an rabiaten und schonungslosen Kills im weiteren Verlauf nicht mangelt, herrlich überzogene, machohaft überzeichnete, laute 80’s-Cops (von u.a. Jeremy Gardner verkörpert,) noch einen Auftritt bekommen und mit einer kleinen Ausnahme alle folgenden Effekt- & Actionsequenzen überzeugen können, dürften auch Gegner der ersten Hälfte folglich noch absolut auf ihre Kosten kommen.
 
 
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Voller Verbeugungen vor den Achtzigern, mit klaren „Terminator“ oder „Chopping Mall“ etc.-Anleihen, einem starken und nur später etwas zu häufig benutztem Soundtrack und einer farbenfrohen, übersättigten, aber doch irgendwie ausgebrannt wirkenden, prägnanten Cinematographie versehen, waren die ersten 50 Minuten bereits ein Genuss für mich. Doch was dann folgt, stellt in Sachen Aufwand, Liebe zum Detail und einem Ausnutzen des aufgebauten Stils imo alles in den Schatten, da wir zwischen Sirenen-Blitzgewittern, trippigen E-Gitarrensoli, einer John-Carpenter-mäßiger Synthiescore, einer sehr „Bliss“-artigen Einstellung im flackernden Licht vor einem blutigen Spiegel und weiteren Stil-Zitaten wie einem Vertigo-Zoom die volle Ladung überbordend verzweifelter Endschlacht kriegen, Mensch vs. Maschine, punkige „Fuck off“-Attitüde vs. Weihnachsmann, Explosionen, Taser, Schwerter und aufwendige Stunts vs. einen metallenen Körper, eine Axt und….Laser?! Rauch und Wasser, ein Slow-Motion Funkenfest, Blut und herausstehende Knochen, schwere Akkorde und ein gepeinigtes Kreischen – was für ein liebevolles, endloses, zermürbendes und mitreißendes Finale doch. Natürlich inhaltlich wenig neu; natürlich mit etwas Plot-Armor ausgestattet und einer wenigen spannenden Versteckszene; natürlich zu Beginn vielleicht etwas behäbig als „Horrorfilm“ – doch wen juckt das schon noch, fangen die Credits an?

 
 


 
 
 

CHRISTMAS BLOODY CHRISTMAS – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
 
Simpler und geradliniger Mumblecore-Slasher mit grandiosen Performances, authentischen und höchst spaßigen Dialogen, einem Bollwerk von Antagonisten und wunderschöner, einmaliger Cinematograhie, welche die durch und durch verschneit-weihnachtliche Stimmung versiert einzufangen weiß. Starke 7/10 & 3.5/5 Zuckerstangen*
 
*Die Zuckerstangenskala zeigt auch in diesem Jahr wieder auf, wie weihnachtlich das Gefühl ist, das eine jeweilige Produktion, mit dem Anspruch, durch die Musik, Story, Dekoration, und Atmosphäre im Raum verbreitet.

 
 
 


 
 
 

CHRISTMAS BLOODY CHRISTMAS – Zensur

 
 
 
Die deutsche Fassung von „Christmas Bloody Christmas“ ist ungeschnitten und frei ab 18 Jahren.
 
 
 


 
 
 

CHRISTMAS BLOODY CHRISTMAS – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) Capelight Pictures (Blu-ray im KeepCase)

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(c) Capelight Pictures (Blu-ray + 4k UHD im Mediabook)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Christmas Bloody Christmas; USA 2022

Genre: Horror, Mystery, Thriller

Ton: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Englisch DTS-HD MA 5.1

Untertitel: Deutsch

Bild: 2.39:1 | @23,976 Hz

Laufzeit: ca. 87 Min.

FSK: Keine Jugendfreigabe (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: KeepCase | Mediabook

Extras: Kinotrailer | zusätzlich im Mediabook: Film auf 4K-UHD, umfangreiches Booklet

Release-Termin: KeepCase + Mediabook: 16.12.2022

 

Christmas Bloody Christmas [Blu-ray im KeepCase] ungeschnitten auf AMAZON bestellen

Christmas Bloody Christmas [Blu-ray + 4K-UHD im Mediabook] ungeschnitten auf AMAZON bestellen

 
 


 
 
 

CHRISTMAS BLOODY CHRISTMAS – Trailer

 
 


 
 
 

Alexander Brunkhorst

(Rechte für Grafiken liegen bei Capelight Pictures)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Xmas Tale (2005)
 
Silent Night, Deadly Night (1984)
 
Bliss (2019)
 
VFW (2019)
 

Filmkritik: „Piercing“ (2018)

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PIERCING

Story

 
 
 
Ein junger Familienvater plant akribisch den perfekten Mord an einer Prostituierten, hat sich aber kein widerstandsloses Opfer ausgesucht.
 
 
 


 
 
 

PIERCING – Kritik

 
 
 
Egal in welcher Reihenfolge man sich den Filmen von Nicholas Pesce annimmt, man dürfte so oder so überrascht werden: Sein wohl bekanntestes Werk ist wohl das unnötige, mittlerweile dritte US-“Ju-On“-Remake von 2020, einem gnadenlos gebombten Projekt ohne jede Existenzberechtigung, das so gar keine Hoffnung auf frühere Perlen macht. Doch eine solche gibt es, denn 2016 gab Pesce mit dem betörend-verstörendem Arthouse-Horrordrama „The Eyes of My Mother“ sein Debüt, einem bemerkenswerten und formvollendeten Film, der allenfalls an seinem Ende schwächelt. Und genau zwischen diesen beiden Filmen, die inszenatorisch sowie qualitativ beeindruckend weit auseinander liegen, der vorliegende Titel: „Piercing“.
 
 

„You know what you have to do, right?“

 
 
Kurzkritiken des Films reden gerne von einem „Neo-Giallo“, dass der Regisseur hübsche Bilder komponieren kann, ist bekannt. Wenn dann noch im Menü der deutschen Blu-ray das Original-Theme von Argento’s Tenebrae läuft, Goblins Score zu Einstellungen roter Wände und langer Hotelflure durchs Wohnzimmer grooven darf, dürften die Opening Signals den Zuschauer noch vor Beginn des Films erreicht haben. Die eigentlichen 75 Minuten beginnen nun mit einem Baby, das in einem (selbstverständlich) rot-grün beleuchteten Raum vor Vater Reed liegt, welcher nur beunruhigender Weise ein Messer in seiner Hand hält. Eine Szene später wird es einmalig recht ungeahnt trashig-witzig, wenn besagter Nachwuchs für einen Moment lang dämonisch schwarze Augen bekommt und direkt zu Reed spricht – eine Stelle, die in der Romanvorlage von Ryu Murakami (u. a. Audition) vermutlich deutlich besser funktioniert, hier aber auch nicht weiter schlimm ist, zumal der Inhalt rüberkommt: Reed ist getrieben.
 
 
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Reed, unser Protagonist, wird dabei von Christopher Abbott gespielt, der in den letzten Jahren durch Highlights wie „First Man“, „A Most Violent Year“, „Black Bear“ oder „Possessor“ verdientermaßen endlich durchstartet. Und getrieben, so informiert uns der Film noch vor den Opening Credits samt stimmiger 70’s Lounge-Score, ist er von der Idee jemanden umzubringen. Eine Prostituierte, die niemand vermisst, ohne dass es auffliegt, ohne dass es sonderlich sadistisch oder brutal stattfinden muss, einfach um es getan zu haben. Mit Übersicht, mit geplanten Zeitabläufen, mit einer höchstmöglichen Professionalität. Und so checkt Reed also in das Hotel seines Vertrauens ein, geht pedantisch den ganzen Plan durch, inszeniert sorgfältig mehrere Durchläufe, erinnert den Zuschauer an einen etwas hübscheren „Scherzo Diabolico“.
 
 

„You could still kill her.“

 
 
Doch da wäre ja noch die zweite Komponente, das Opfer-to-be. Eine junge Frau, optisch ähnlich der Sängerin Alli Neumann, verkörpert von der mittlerweile durch zahlreiche publikumswirksame Hollywood-Produktionen („Crimson Peak“, „Alice in Wonderland“, „Stoker“, „The Devil All the Time“) international bekannten Mia Wasikowska, wacht übernächtigt und genervt auf, während ihr wütender Boss sie voll motzt. Das Profondo Rosso Theme läuft, im Splitscreen folgen wir unseren beiden Charakteren, bis sie überraschend früh bereits aufeinander treffen. Und jetzt? Ist sie furcht- und er sprachlos.
 
 
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Wer ein sonderlich raffiniertes, unvorhersehbares, einzigartiges oder durch seine Twists überzeugendes Katz-und-Maus-Spiel erhofft, der wird von nun an ebenso enttäuscht sein wie diejenigen, die wirklich auf einen Neo-Giallo hoffen. Trotz der nicht angelehnten, sondern schlichtweg übernommenen Argento-Scores und anderer Stilzitate wird es weder eine Mordreihe, noch absurde Nebencharaktere oder aufwendige Set-Pieces in diesem schwarzhumorigen Thriller geben, auch ist die Situation „tatsächlich“ so überschaubar, wie man zu Beginn meint. Die eigentliche Frage ist viel eher: Wer hat hier die Hosen an?
 
 

„I think she knows.“

 
 
Nicht unähnlich des Reb Braddock Films „Curdled“ (1996), nur meiner Meinung nach kurzweiliger, besser, spannender und überzeugender, ist die Frage nach der Dynamik zwischen unseren Protagonisten, das Umdrehen des Spießes und das Antizipieren der gegenseitigen Rollenerwartungen hier nämlich der eigentliche Fokus, während jegliche Giallo-Anleihen kaum mehr als oberflächliche Stilimitation bieten. Durch die Powerhouse-Performance von Wasikowska und den glaubhaft verlegenen Abbott trägt sich ein derart simples Konzept natürlich trotzdem noch, gerade im ersten Akt ist von Langeweile keine Spur zu finden und die Charaktere sowie das Konzept sind noch rätselhaft und unverbraucht genug, über die volle Lauflänge kann das nur leider nicht behauptet werden.
 
 
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In einem schwarzhumorigen Telefonat zwischen Reed und seinem eingeweihten Partner werden mögliche Theorien für den weiteren Verlauf der Nacht durchgegangen und hier kann das Writing wirklich glänzen, auch kann das spätere Setting, eine 70’s-Designerwohnung mit roten Wänden und Seidenlaken ebenso überzeugen wie die blauen Lichtreflexionen auf der Taxifahrt dorthin. Überraschend ruppig-explizite Visionen haben mich überrascht, einige Dialoge können in ihrer Gestörtheit zum Schmunzeln animieren und ein einzelnes Stück Story gibt es noch, dessen Inszenierung als unerwartet und absolut gelungen zu loben ist. Doch so positiv und sehenswert sich das alles liest, so wenig Spielzeit machen diese Sequenzen im Endeffekt aus, während ein Großteil des Films äußerst geerdet, simpel und vorhersehbar verläuft. Nun liegt die Ähnlichkeit zu „Audition“ natürlich auf der Hand, und genau diese wird dem Film auch noch zum Verhängnis: Hat man Miikes Murakami-Adaption nämlich noch nicht gesehen, so sollte man dies meiner Meinung nach unbedingt vor dem Genuss von „Piercing“ tun, da die entsprechenden Szenen deutlich unangenehmer und gekonnter sind. Und hat man Audition bereits gesehen, so wird man diesen Film zwangsläufig als kurzweiligere, kürzere und natürlich schnellere, aber eben auch weniger effektive Variation einer sehr ähnlichen Geschichte sehen. Dank der kurzen Laufzeit, gut aufgelegten Performances und rundum gelungenen Inszenierung kann man „Piercing“ als Fan schwarzhumoriger, leicht grotesker Thriller also sicherlich mal einlegen, er tut nicht weh – doch sobald nach dem ersten Akt das Tempo gedrosselt wurde, hat mein Interesse auf Dauer doch rapide abgenommen.
 
 
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PIERCING – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
 
Schicker, kleiner, manchmal recht fieser Thriller mit guten Performances und ein paar bösen Spitzen, der sich trotz seiner Kürze zunehmend zieht.
 
 
 


 
 
 

PIERCING – Zensur

 
 
 
Die deutsche Fassung von „Piercing“ ist ungeschnitten und frei ab 18 Jahren.
 
 
 


 
 
 

PIERCING – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) BUSCH MEDIA GROUP (Blu-ray im KeepCase)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Piercing; USA 2018

Genre: Horror, Thriller

Ton: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Englisch DTS-HD MA 5.1

Untertitel: Deutsch

Bild: 1.85:1 | @23,976 Hz

Laufzeit: ca. 81 Min.

FSK: Keine Jugendfreigabe (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: KeepCase

Extras: Trailershow

Release-Termin: KeepCase: 28.06.2019

 

Piercing [Blu-ray im KeepCase] ungeschnitten auf AMAZON bestellen

 
 


 
 
 

PIERCING – Trailer

 
 


 
 
 

Alexander Brunkhorst

(Rechte für Grafiken liegen bei BUSCH MEDIA GROUP)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Scherzo Diabolico (2015)
 
Cocktail für eine Leiche (1948)
 

Filmkritik: „Missing You – Mein ist die Rache“ (2016)

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MISSING YOU – MEIN IST DIE RACHE

(MISSING YOU | NEOL GI-DA-RI-MYEO)

Story

 
 
 
Ein Mädchen, das ihren Vater verloren hat und ein verbitterter Polizist werden durch die Freilassung eines psychopathischen Serienkillers in eine komplizierte und gefährliche Beziehung verstrickt.
 
 
 


 
 
 

MISSING YOU – Kritik

 
 
 
Die Flut an südkoreanischen, modernen Genretiteln aus der Serienkiller- und Thrillerecke reißt nicht ab und ausgerechnet ein Debütfilm ist es, der mich mit seiner cleveren Erzählung und seinen herausragenden Performances begeistern konnte. Vor mittlerweile sechs Jahren hat Mo Hong-jin sein eigenes Script verfilmt und wer auch immer diesen Film gecastet hat, hat ganze Arbeit geleistet: Shim Eun-kyung, inzwischen am ehesten bekannt durch ihre Rolle in „Train to Busan“ spielt mit, Kim Sung-oh aus dem Meisterwerk „A Bittersweet Life“ oder auch „The Man from Nowhere“ brilliert als berechnender Psychopath und eiskalter Serienkiller, nahezu an „Heat“ erinnernde, spannende Dialogduelle und Showdowns liefert dieser sich mit Dae-young, gespielt von Yoon Je-moon, den man durch mehrere Rollen aus Bong Joon-ho’s Filmografie auch kennen sollte. Von „The Villainess“ über „Oldboy“ bis hin zu Hong Sang-soo’s „On the Beach at Night Alone“ ziehen sich die Referenzen des restlichen Casts, jede Rolle sitzt.
 
 
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Das größte Herausstellungsmerkmal dieser Produktion ist meiner Meinung nach allerdings keine technische Eigenschaft, weder die hochwertig ausschauende Produktion noch das durch die Bank weg grundsolide bis hervorragende Schauspiel des Casts, sondern das Script – denn hinter dem unerklärlich hässlichen und nichtssagenden Cover der deutschen Veröffentlichung verbirgt sich tatsächlich alles andere, als der nächste 0815-Rachefilm.
 
 
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Dass wir in dem überdramatischen Intro des Films, noch vor der Titlecard, in acht Minuten ganze drei dramatische, tragische Schicksale unter Einsatz von Geigen und Klavier in Zeitlupe erzählt bekommen, ist dabei zugegebenermaßen allzu dick aufgetragen und ungeschickt gereiht. Und ja, auch die darauffolgenden, anfänglichen Minuten wirken wie die eines allzu sentimalen, allzu harmlosen, ggf. allzu animehaften Werks. Doch sobald unsere auf sich gestellte, junge Protagonistin (Shim Eun-kyung) etabliert ist, startet „Missing You“ auch ohne weitere Verzögerungen mit der Freilassung unseres Antagonisten, der zugleich von Detective Dae-young drangsaliert und provoziert wird. Dies soll nicht die letzte Konfrontation zwischen dem schüchternen und schwächlich wirkendem, aber absolut gerissen-soziopathischem Killer und unserem kantigen Polizisten werden und jede dieser Szenen erinnert entfernt an „Heat“, schafft es innerhalb weniger Minuten eine stimmige Chemie und Anspannung zu erzeugen.
 
 
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Zu einem Soundtrack, den mal wohl treffend als „Anime-Wohlfühlmusik“ bezeichnen könnte, sitzt unsere junge Protagonistin verträumt auf Häuserdächern, schaut sich ein Geigenkonzert an oder schenkt einem Polizisten zum Weltkrebstag eine rote Schleife; ihre ganze Wohnung ist voller Post-It-Notes und meine Angst vor zu sentimentaler, harmloser Unterhaltung wurde kurz wach – doch wenige Sekunden später trifft Hee-ju auf einen älteren Mann und warnt ihn unvermittelt, dass er bald sterben würde. Als sei das noch nicht fragezeichenverursachend genug, wird nun noch ein neuer Cop im Präsidium instruiert, was für griffige sowie glaubhafte Exposition genutzt wird: Und hier macht „Missing You“ dann auch unmissverständlich klar, dass Leichtherzigkeit oder Humor hier grundlegend falsch am Platz wären: Der gesuchte Killer vergewaltigt Frauen, bricht ihnen dabei beide Arme und erstickt sie dann, hat damals bereits seine Freundin umgebracht, direkt nach dieser Information wird in einer stilsicher eingefangenen Szene auf einem verregneten Parkplatz ein Zuhälter umgebracht; anderswo eine mit einem Stift (!) erstochene Prostituierte gefunden. Alles das Werk von Ki-Bum?
 
 
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Von einer Rachegeschichte mit einem unzuverlässigen Erzähler über eine „Junge Frau bringt Killer zur Strecke“-Storyline ohne doppelten Boden bis hin zu einem übernatürlichen Thriller mit völlig anderem Ausgang ist nach den ersten 25 Minuten noch so ziemlich alles möglich; und da „Missing You“ auch noch stolze 104 Minuten lang ist, bleiben zu diesem Zeitpunkt sogar noch ganze 83 davon, um die Geschichte weiter zu formen und aus zu erzählen. Genau dadurch macht es nun auch wirklich Spaß, mit anzuschauen, wie sich aus den teils nebulösen oder unzusammenhängend wirkenden Handlungen ein sinnvolles, kohärentes Netz aus Charaktermotivationen, schonungslosen Morden, schicksalhaften Begegnungen und wirklich spannenden Ego-Spielereien spinnt. Hauptantagonist Ki-Bum erzählt in fast jeder Szene von seiner Überlegenheit, wird in Sachen „Coolness“ aber von einem anderen Gegenspieler überschattet, der eigentlich weder korrupte noch sonst wie unsympathische Cop hingegen hat größte Probleme damit, seine Aggressionen im Griff zu halten und rastet regelmäßig aus. Spätestens nach 40 Minuten fallen viele Puzzlestücke in ihren Platz und aus dem unklaren, qualitativ sowie tonal schwankendem Beginn entsteht ein packender, spannender und mitreißender Serienkiller-Thriller.
 
 
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Wer für rabiate, blutige, südkoreanische Killer-Hetzjagden á la „The Chaser“ also was übrig, an Rachegeschichten und Polizeithrillern mit spannenden Katz-und-Maus-Spiel-Szenen des „sich fast Entdeckens“ seinen Spaß hat und seine Kämpfe lieber intensiv, kurz und realistisch statt möglichst saftig und ausartend inszeniert sieht, der dürfte an dieser deutlich überdurchschnittlichen Genrekost mit ihrer elektrisierenden Trommelscore definitiv etwas abgewinnen können – und das unerwartet dramatische, konsequente sowie mehr als solide inszenierte Ende ist hier nur noch die Kirsche obendrauf.
 
 


 
 
 

MISSING YOU – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
 
Als Gesamtwerk wenig origineller, dafür aber fast durchgängig durch Spannung, Neugierde oder Dramatik unterhaltender Serienkiller-Thriller mit einigen gut geschriebenen Wendungen, packenden Begegnungen und einem überzeugenden Cast. Verläuft nicht wie man vielleicht meinen sollte und schrammt ganz knapp an der 8 vorbei.
 
 
 


 
 
 

MISSING YOU – Zensur

 
 
 
Die deutsche Fassung von „Missing You – Mein ist die Rache“ ist ungeschnitten und frei ab 18 Jahren.
 
 
 


 
 
 

MISSING YOU – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) Busch Media Group (Blu-ray im KeepCase)

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(c) Busch Media Group (Blu-ray + DVD im Mediabook)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Neol gi-da-ri-myeo; Südkorea 2016 / 2021

Genre: Thriller, Drama

Ton: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Koreanisch DTS-HD MA 5.1

Untertitel: Deutsch

Bild: 2.35:1 | @23,976 Hz

Laufzeit: ca. 108 Min.

FSK: Keine Jugendfreigabe (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: KeepCase | Mediabook

Extras: Trailer, Trailershow | zusätzlich im Mediabook: Booklet, DVD-Fassung des Films

Release-Termin: Mediabook + KeepCase: 26.08.2022

 

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Missing You – Mein ist die Rache [Blu-ray + DVD im Mediabook] ungeschnitten auf AMAZON bestellen

 
 


 
 
 

MISSING YOU – Trailer

 
 


 
 
 

Alexander Brunkhorst

(Rechte für Grafiken liegen bei Busch Media Group)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Memoir of a Murderer (2017)
 
The Negotiation (2018)
 

Filmkritik: „The Cellar – Verlorene Seelen“ (2022)

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THE CELLAR – VERLORENE SEELEN

(THE CELLAR)

Story

 
 
 
Für eine Familie wird der günstige Kauf eines alten Herrenhauses auf dem Land schon bald zum wahren Horrortrip, denn im Keller lauert das Böse.
 
 
 


 
 
 

THE CELLAR – Kritik

 
 
 
Von „The Cellar – Verlorene Seelen“ war ehrlich gesagt nicht besonders viel zu erwarten. Ein deutscher Zusatztitel, der nicht beliebiger wirken könnte, eine Story, die es in den letzten Jahrzehnten immer wieder gab und eine Aufmachung, die nahezu danach schreit in der Belanglosigkeit unterzugehen. Doch siehe da: Der Film kommt nicht nur überraschend hochwertig daher, sondern er schafft es gleichzeitig auch noch relativ eigenständig zu wirken. Wer dem B-Movie-Grusel nicht abgeneigt ist und generell ein Faible für solche Streifen mit sich bringt, bekommt hier schon fast ein Highlight geboten.
 
 
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Keira und ihr Mann ziehen mit ihren beiden Kindern in ein altes Herrenhaus, welches sich abgelegen auf dem Land befindet. Besonders die Tochter Ellie findet dies überhaupt nicht gut und gruselt sich im neuen Anwesen. Als sie eines abends seltsame Ereignisse im Haus spürt und sich in den Keller wagt, verschwindet sie plötzlich. Mutter Keira fühlt sich dafür verantwortlich und glaubt nicht daran, dass Ellie einfach abgehauen ist. Irgendetwas scheint mit dem Haus, besonders mit dem Keller, nicht zu stimmen und nachdem ein paar Recherchen getätigt wurden, ist ganz klar, dass man es hier mit dämonischen Mächten zu tun hat. Die Zutaten sind nun wirklich so alt, dass sie eigentlich kaum noch von alleine gehen können. Da hätten wir das einsame, alte Haus, Türen, die sich von alleine schließen, Lichter, die wild umher flackern und Flüster-Geräusche, die von überall zu vernehmen sind. „The Cellar – Verlorene Seelen“ erfindet das Rad ganz gewiss nicht neu, macht aus der vorhandenen, alt bekannten Prämisse jedoch erstaunlich viel. Das Erfolgsrezept ist hier ganz simpel: Man verrät nicht zu viel, lüftet das Geheimnis kaum und ergänzt die vorhersehbaren Zutaten ein wenig mit mathematischen Formeln. Das ist interessanter ausgefallen, als man hätte vermuten dürfen, wird stimmig und rund erzählt und ergibt im eigenen Filmuniversum erfreulich viel Sinn.
 
 
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Von solchen Direct-to-Video B-Movies ist selten viel zu erwarten, gerade auch, was die handwerkliche Arbeit betrifft. „The Cellar – Verlorene Seelen“ ist zwar nicht besonders aufwendig gestaltet, wirkt allerdings erfrischend bodenständig. Regisseur Brendan Muldowney, der sich auch für das gelungene Drehbuch verantwortlich zeigte, hat seine Hausaufgaben im Gruselbereich definitiv gemacht. So bedient er die gängigen Klischees, macht dies jedoch auf eine angenehme Art und Weise. Man fühlt sich manchmal etwas an die Gruselwerke eines James Wan oder sogar mal kurz an „Shining“ erinnert. Natürlich wird eine solche Qualität niemals erreicht, doch Muldowney macht genau eines komplett richtig: Er lässt die Bedrohung lange Zeit nur erahnen. Während vieler solcher Filme besonders zum Ende hin oftmals die Luft ausgeht, wird „The Cellar – Verlorene Seelen“ eigentlich immer packender. Selbst das Finale kann sich da noch sehen lassen. Hier wurde noch etwas mehr Aufwand betrieben, doch es bleibt im erfreulich kleinen Rahmen und kann gerade deshalb so gut punkten. Ansonsten wirken die Kamerafahrten gekonnt, die Schauplätze sehen gut aus und so lässt sich rein optisch überhaupt nichts am Resultat aussetzen.
 
 
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Außerdem wird hier einfach die passende Atmosphäre geboten. Allgemein geht es schnell zur Sache. Eine Einleitung gibt es kaum und schon geht es los. Das reißt nicht sofort komplett mit und ist in der ersten Hälfte manchmal noch ein wenig zäh, bietet trotzdem früh genug ein paar interessante Ansätze und wird dann tatsächlich immer packender. Schockeffekte gibt es nur wenige und mit dem größten Grusel wird es hier nichts, aber das ändert nichts daran, dass das gesamte Szenario seine Bedrohlichkeit besitzt und einfach unterhaltsam ist. Besonders die zweite Hälfte bietet ein paar angenehm spannende Momente. Die Laufzeit von 94 Minuten wirkt da insgesamt schon fast zu kurz, denn es wäre gar nicht so verkehrt gewesen, dem Ganzen noch etwas mehr Tiefe zu verleihen. So kann man sich aber wenigstens über keine Längen beklagen. Außerdem ist es erfrischend, dass „The Cellar – Verlorene Seelen“ nahezu ohne Effekte auskommt und überhaupt keine Gewalt zu bieten hat. Im Finale wird es da zwar noch etwas fantastischer, doch das hat man so schön bodenständig bebildert, dass man sich echt nicht über Künstlichkeit beklagen kann.
 
 
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Wenn man überhaupt Gründe zum Meckern finden will, dann wird man in der Figurenzeichnung fündig. Diese ist nämlich wirklich sehr dürftig. Hintergründe erfährt man nahezu keine und die Familie wird dem Zuschauer überhaupt nicht näher gebracht. Deshalb entstehen auch nicht gerade die größten Sympathien. Es reicht zum Glück aus, doch hier hätte man sich gerne noch etwas mehr Mühe geben dürfen. Die Darsteller haben es da also von vornherein nicht so leicht. Die einzig echte Hauptrolle bekleidet dabei Elisha Cuthbert, die den meisten wohl als Kim Bauer aus der Serie „24“ bekannt sein dürfte. Cuthbert hat danach keine sonderlich große Karriere verfolgen dürfen und ist in Filmen nur sporadisch mal zu sehen. Man kann auch nicht behaupten, dass sie in „The Cellar – Verlorene Seelen“ besonders gefordert wird, aber sie spielt die kämpferische Mutter doch durchaus souverän und relativ glaubwürdig. Alle anderen bekleiden nur kleinere Rollen und fallen dabei weder besonders positiv, noch negativ auf. Mit den tollsten Dialogen braucht man sicherlich ebenfalls nicht zu rechnen, aber dem Ton lauscht man dennoch ganz gerne, weil Score und Soundkulisse sich durchaus hören lassen können.

 
 


 
 
 

THE CELLAR – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
 
„The Cellar – Verlorene Seelen“ schlägt sich viel besser, als zu erwarten war. Der Film macht aus seiner simplen, absolut bekannten Geschichte echt nicht wenig und dient mit ein paar interessanten Ansätzen. Das wirkt alles rund, stimmig und wird gut erzählt. Die Darsteller haben nicht so viel zu tun und die Figurenzeichnung ist schon sehr mager, aber die Leistungen sind trotzdem zu gebrauchen und die Charaktere immerhin noch sympathisch genug. Besonders die Inszenierung wird allen zusagen, die es gerne schlichter mögen und selbst wenn der große Grusel ausbleibt, so ist der Film handwerklich einfach sehr gekonnt gestaltet. Außerdem besitzt die Atmosphäre das gewisse Etwas, was auch das Ende eindrucksvoll unterstreicht. Der Unterhaltungswert ist erfreulich hoch, weil das Tempo stimmt und „The Cellar – Verlorene Seelen“ mit fortschreitender Laufzeit immer spannender wird. Ein wirklich angenehmer B-Horrorfilm, der einfach gekonnt in Szene gesetzt wurde und kurzweilig zu unterhalten vermag. Mehr kann und sollte man von solchen Werken gar nicht erwarten!
 
 
 


 
 
 

THE CELLAR – Zensur

 
 
 
Die deutsche Fassung von „The Cellar – Verlorene Seelen“ ist ungeschnitten und frei ab 16 Jahren.
 
 
 


 
 
 

THE CELLAR – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) Plaion Pictures (Blu-ray im KeepCase)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: The Cellar; Irland 2022

Genre: Horror, Thriller

Ton: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Englisch DTS-HD MA 5.1

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bild: 2.40:1 | @23,976 Hz

Laufzeit: ca. 94 Min.

FSK: FSK16 (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: KeepCase

Extras: Interviews, Trailer

Release-Termin: KeepCase: 29.09.2022

 

The Cellar – Verlorene Seelen [Blu-ray im KeepCase] ungeschnitten auf AMAZON bestellen

 
 


 
 
 

THE CELLAR – Trailer

 
 


 
 
 

Benjamin Falk

(Rechte für Grafiken liegen bei Plaion Pictures)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Amityville Horror – Eine wahre Geschichte (2005)
 
Insidious (2010)
 
Conjuring – Die Heimsuchung (2013)
 

Filmkritik: „Jackass Forever“ (2022)

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JACKASS FOREVER

Story

 
 
 
Hochgesprengte Dixieklos, gebrochene Knochen, würgende Kameramänner – Jackass ist zurück!
 
 
 


 
 
 

JACKASS FOREVER – Kritik

 
 
 

„Hello, I’m Johnny Knoxville. Welcome to Jackass!“

 
 
Als Anfang der 2000er die erste Folge Jackass erschien, hätte man sich nicht erträumen können, was für ein riesiges Franchise, was für einen Hype, was für eine generationenprägende Erfahrung die wilden Stunts, Comedyskits und Ekelaktionen rund um die nun legendäre Jackass-Crew in den folgenden zwei Dekaden erblühen würde. In drei Staffeln und ebenso vielen Kinofilmen, in diversen Nebenprojekten, Shows und Deleted Scenes-Extrafilmen, zwischen MTV-Takeover, Rehabs, Live-Touren und Biografien sind Persönlichkeiten wie Johnny Knoxville, Danger Ehren, Bam Margera, Preston Lacey, Wee-Man, Steve-O usw. zu lebenden Legenden geworden, zu Social-Media-aktiven Weltstars, deren Höhen und Tiefen öffentlich dokumentiert wurden – und was für Höhen und Tiefen es doch gab.
 
 
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Inzwischen, anno 2022, man ahnt es kaum, trifft sich die rüstige Gruppe 50-jähriger Männer für ein vermutlich letztes Mal auf der großen Leinwand wieder und von Anfang an war klar: Wenn hier kein Castmitglied während der Dreharbeiten versterben soll, muss sich zumindest ein bisschen mehr zurückgehalten werden. Neue, junge Crew-Mitglieder sind zwar schön und gut, aber in erster Linie habe ich, als auch mit der Bande groß gewordener, damaliger „Viva la Bam“-Fan, mich auf eine witzige Re-Union alter Freunde gefreut, die Einblicke in ihr Leben geben und denselben pubertären Scheiß machen, wie damals.
 
 

„Almost twenty years ago today, we filmed the original cup test… and now twenty years later we’re still doing the same stupid shit.“

 
 
Und zumindest „pubertär“ beschreibt viele der Stunts, „Witze“ oder Ideen nach wie vor ganz gut, lange – seit des letzten Jackass-Films nämlich – gab es nicht mehr so viele Penisse in Nahaufnahme auf der Kinoleinwand zu sehen, lange nicht mehr so viel nackte, krampfende, lachende, weinende Männer. Von unnötigem Scham oder Zurückhaltung in dem Department kann also keine Rede sein, es wird eklig und stumpf, schmerzhaft und explizit, schlägt einmal allzu sadistisch über die Stränge, wie es eigentlich jeder Film getan hat.
 
 
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Steve-O bricht sich gefühlt fast das Genick, Knoxville kann es auch im höheren Alter einfach nicht lassen, die Bullen zu ärgern, alles beim Alten – und gerade der nostalgische Abspann war eine perfekte Abrundung, da hier nochmal gezeigt wird, wie fast jeder Stunts das Remake einer früheren Idee war. Doch worüber das leider nicht hinwegtäuschen kann, das ist das fehlende, halsbrecherische Gruppenspektakel, für das die älteren Filme auch legendär waren.
 
 

„Concussions aren’t great, but as long as you have them before you’re 50, it’s cool, and Knoxville is 49, so we’re good.“

 
 
Die Skala vieler Aktionen wirkt ein wenig kleiner als zuvor, – vom epochalen Intro abgesehen – was absolut verschmerzbar wäre mit mehr Anekdoten, mehr Interviews, emotionalem Wert, Nostalgie, einem gemeinsamen Zurückgucken oder Besuchen alter Freunde. Doch so spontan sympathisch die neuen Cast-Mitglieder sind, so wenig erfahren wir über sie – und auch die Stammbesetzung hatte in den früheren Teilen zwar kaum Zeit für irgendwelche Interviews bis auf Reaktionen, war damals aber auch nicht 50 Jahre alt, reflektierter denn je, umso spannender als Charakter.
 
 

„He’s about to have 5 gallons of pig cum dumped on him.“

 
 
Ein Blick auf Netflix nimmt einiges dieser Kritik dann allerdings sofort wieder, da dort „Jackass 4.5“ erschienen ist, der nächste Film mit Extraszenen, gelöschten Einspielern, gestrichenen Stunts, usw. – und genau hier gibt es dann auch, im etwas ruhigeren Pace, einige schöne Charaktermomente oder Aussagen, Einblicke in die Behind-the-Scenes und den Prozess von „Jackass Forever“; all das, das ich vermisst habe – und dazu noch einige meiner Lieblingsstunts!
 
 
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Als zusammen genommenes Projekt sind „Jackass Forever“ und „Jackass 4.5“ also ein voller Erfolg, eine kurzweilige Stuntorgie mit verschiedensten Konzepten und Tieren, Star-Cameos und Wettkämpfen, Ekelmomenten und irrsinnig witzigen Reaktionen – als Einzelfilm allerdings, nach all den Jahren, bevorzuge ich zum ersten Mal in meiner Geschichte mit diesem Franchise den „Nachwurf“, einfach da „4.5“ mehr Herz hat, einen mehr auf die gemeinsame Reise dieses Projekts mitnimmt, mehr Kontext liefert statt „nur“ die Stunts. Doch versteht mich nicht falsch – auch wenn ich als jahrelanger Fan keine Tränen in den Augen hatte und darum ein wenig enttäuscht war vom Haupttitel, so ist dieser Film, in der richtigen Runde und Stimmung spätestens, ein spektakulärer Hochgenuss voll gefährlicher Tiere, dummer Entscheidungen, schmerzhafter Momente und schallendem Gelächters vor sowie hinter der Kamera.
 
 


 
 
 

JACKASS FOREVER – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
 
Jackass Forever indeed! Liebevolle, witzige, eklige, kurzweilige, grundsympathische Verquickung leicht nostalgisch anmutender Stunts, Skits und Cameos. Ein großer Spaß für Fans, für den vollen Kontext und Genuss unbedingt zusammen mit „Jackass 4.5“ zu gucken!
 
 
 


 
 
 

JACKASS FOREVER – Zensur

 
 
 
Die deutsche Fassung von „Jackass Forever“ ist ungeschnitten und frei ab 16 Jahren.
 
 
 


 
 
 

JACKASS FOREVER – Deutsche Blu-ray

 
 
 
jackass-forever-2021-bluray

(c) Paramount Home Entertainment (Blu-ray im KeepCase)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Jackass Forever; USA 2022

Genre: Unterhaltung, Action, Dokumentation, Komödien

Ton: Deutsch DD 5.1, Englisch DTS-HD MA 5.1, Französisch DD 5.1, Spanisch DD 5.1

Untertitel: Deutsch, Dänisch, Englisch für Hörgeschädigte, Englisch, Finnisch, Französisch, Niederländisch, Norwegisch, Polnisch, Schwedisch, Spanisch

Bild: 1.78:1 | @23,976 Hz

Laufzeit: ca. 96 Min.

FSK: FSK16 (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: KeepCase

Extras: Trailer, Trailershow

Release-Termin: KeepCase: 09.06.2022

 

Jackass Forever [Blu-ray im KeepCase] ungeschnitten auf AMAZON bestellen

 
 


 
 
 

JACKASS FOREVER – Trailer

 
 


 
 
 

Alexander Brunkhorst

(Rechte für Grafiken liegen bei Paramount Home Entertainment)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Jackass: The Movie (2002)
 
Jackass: Nummer Zwei (2006)
 
Jackass 2.5 (2007)
 
Jackass 3D (2010)
 
Jackass 3.5 (2011)
 

Filmkritik: „Was geschah mit Bus 670?“ (2020)

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WAS GESCHAH IM BUS 670?

(IDENTIFYING FEATURES | SIN SEÑAS PARTICULARES)

Story

 
 
 
Nachdem ihr Sohn vor Jahren auf seinem Weg nach Amerika verschwunden ist, beschließt eine trauernde Mutter sich selbst auf die Suche zu machen.
 
 
 


 
 
 

WAS GESCHAH IM BUS 670 – Kritik

 
 
Das Langfilmdebüt der mexikanischen Regisseurin Fernanda Valadez nutzt einen Begriff aus der Forensik als Originaltitel, um den ansonsten ggf. nichtsahnenden Zuschauer bereits zu warnen. Dieser Film ist nicht an Action, Rache oder kurzweiliger Befriedigung des Zuschauers interessiert, weniger noch als „Catch the Fair One“ – Fuß- und Fingerabdrücke oder Zähne zur Identifikation einer Leiche, dann noch im Kontext mit einer Busreise und Mexiko als Handlungsort – die grausame Realität unfassbar brutaler Gangkriminalität, die auch schon publikumswirksam in z.B. „Sicario“ inszeniert wurde, wird hier wohl im Fokus stehen. Doch ähnlich wie das exzellente chilenische Rachedrama „To Kill a Man“ ist auch der vorliegende Film von leiser und zurückhaltender Natur, deutlich interessierter an den Menschen und Stimmungen, Lichtern und Bildern und realistisch auswegslosen Situationen, an der Sozialdynamik des Landes und den Konsequenzen der Umstände, denn an der Struktur der Gangs oder einer Stilisierung der eigentlichen Gewalt.
 
 
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Es beginnt mit langen Einstellungen nebliger Felder mit fahlem Lichteinfall, mit atmosphärischen und zurückhaltenden Opening Signals. Magdalena wird von ihrem Sohn informiert, dass dieser sich mit seinem Freund Rigo in einem Bus über die Grenze bewegen will, Rigos Onkel hätte in Arizona wohl Jobs für die beiden. Zu diesem Zeitpunkt präsentiert sich der Film noch besonders still, komplett ohne Soundtrack und mit spärlichem Sounddesign ausgestattet, wirken einige Szenen, mit einem Voiceover der trauernden Magdalena untermalt, nahezu dokumentarisch. Die Polizei kann nichts unternehmen, nach der nüchternen und soundtracklosen Titlecard geht es mit ungeschönten Nahaufnahmen einer Augen-OP weiter. Jahre nach dem Vorfall wird die Mutter von Diego, eines anderen Jungen aus dem Bus, kontaktiert, sie solle doch bitte eine gefundene Leiche identifizieren – und auch Magdalena lässt sich zum gefährlichen, von Bandenkriminalität dominierten Grenzbereich fahren, um dort nach ihrem Sohn zu suchen. Eine Blutprobe wird abgegeben, Kleidungsreste müssen durchgeguckt werden, in der steten Angst die selbst gepackte Tasche entdecken zu müssen, da die Leichenreste bis zur Unkenntlichkeit verbrannt wurden.
 
 

„Ich werde nicht zurückkommen, bis ich ihn gefunden habe.“

 
 
Sobald die beiden trauernden Mütter des Films aufeinandergestoßen sind und sich nach einem recht langen, nüchternen und sich auf realistische Weise Zeit nehmendem ersten Akt also die bisherigen Protagonistinnen verbündet haben, geht es zu einem anschwellenden, dröhnendem Soundtrack zur Grenze, wo ein junger Mann namens Miguel soeben zurück nach Mexiko abgeschoben wurde. Die eindringliche Orchesterkomposition untermalt die langen Tracking Shots des verlorenen Mannes, wie malerische, unscharfe Einstellungen nächtlicher Lichtquellen im Hintergrund zu erzählen wissen. Nach rund einer halben Stunde präsentiert „Identifying Features“ dann erstmalig Genreelemente eines düsteren Thrillers, da Magdalena bei ihren Versuchen, mit einem Busfahrer zu sprechen, nicht nur zurückgewiesen wird und auf taube Ohren stößt, sondern sogar eine eindringliche Warnung erhält, bloß zurück zu fahren und nicht weiter in dieser menschenfeindlichen, von Gangs kontrollierten Umgebung herumzustochern oder nach unbequemen Wahrheiten zu suchen. Von Gang-Mitgliedern, Bandenkriminalität oder Details des üblichen Tathergangs wird übrigens nie weiter gesprochen, denn auch ohne eine Thematisierung im Dialog ist das Machtverhältnis zu jedem Zeitpunkt eindeutig, die Angst vor Gewalt omnipräsent und die Mimik und Gestik der Überlebenden angespannt, ängstlich und kleinlaut.
 
 
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Ein wiederholtes Stilmittel in den Dialogszenen ist es dabei, dass die Kamera einzig Magdalenas Reaktionen und Mimik zeigt, nicht aber ihr Gegenüber – dies ist eine persönliche Geschichte über Schmerz, Trauer und Verlust und keine, die an kernigen Nebencharakteren oder klassischen Shot/Gegenshot-Inszenierungen interessiert ist. Die nächsten Stationen der mutigen Mutter sind ein Migrantenheim zum Unterkommen und ein weiteres Treffen mit Jemandem, der wohl Informationen über die vermissten Busse und Passagiere hat. Doch nicht, bevor wir zurück in Miguels Perspektive schneiden – dieser reist per Anhalter mit anderen deportierten Mexikanern auf der Ladefläche eines Pick-Up-Trucks, wird statt von der Polizei allerdings von einer bewaffneten Straßengang-Patrouille angehalten und in einer höchst anspannenden Szene missgünstig beäugt. Nahezu nebensächlich erzählte Details, wie dass die Gang die letzten x Bürgermeister der lokalen Großstadt umgebracht haben, intensivieren solche Einstellungen ganz ohne einen manipulativen Soundtrack oder effekthascherisches Editing noch auf sinnvolle Weise.
 
 
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Nach etwa der Hälfte des Films ist es dann eine alte Kirche, in der unsere beiden hoffnungslosen Protagonisten/innen stranden und sich gegenseitig finden. Miguel war fünf Jahre in Amerika, hatte keine Möglichkeit sich zu melden und sucht nun das Haus seiner Mutter – Magdalena hingegen vermisst seit Jahren ihren Sohn. Gemeinsam streifen die beiden trauernden Opfer ihrer gewalttätigen Umstände durch die Wüste, auf der Suche nach Wahrheit, Empathie, Puzzlestücken – doch wer jetzt den Wandel zum herzerwärmenden „Feel-Good-Film“ nach Hollywood-Formular erwartet, der hat wohl kurz den Realitätsanspruch dieser Geschichte vergessen. Auf ihrem Weg ins Herz der Dunkelheit scheint „La Fragua“ die letzte Station zu sein – Magdalena müsste um einen ganzen Damm herum laufen um dorthin zu gelangen, doch ein Fischer nimmt sie in seinem Boot mit. Die Schlüsselszene des Films, die das (in Deutschland) titelgebende „Mysterium“ aufklärt, ist dann besonders filmisch stilisiert und ununtertitelt, gleichzeitig aber auch absolut alptraumhaft, rau und intensiv. Einen wirklichen Angriff auf die Sinne oder auch Angst vor explizit gezeigten Gewalttaten muss man hier nicht haben, von einer filmischen Wucht und mitreißend schonungslosen Inszenierung kann jedoch trotzdem die Rede sein.
 
 
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Gerade im Zusammenspiel mit und Kontrast zu den hübschen Aufnahmen von Wasserspiegelungen im fahlen Sonnenlicht und zurückhaltend benutzten Songs eine Szene, die sich absetzt und einbrennt – doch das ist noch nichts im Vergleich zum direkt hiernach einsetztendem Finale, aufgrund dessen Schonungslosigkeit und Emotionalität einem in mehrerlei Hinsicht defintiv die Spucke wegbleiben kann. Am Ende des Tages ist „Sin Señas Particulares“ ein wichtiger und effektiver Film, der mit seinem langsamen Tempo und seiner ruhigen Grundstimmung zwar in erster Linie an Realismus interessiert scheint, nichtsdestotrotz durch den Cast, die exzellente Kameraarbeit und Lichtstimmung sowie durch den Soundtrack zu betören und eindrucken weiß, bevor einem der Boden gekonnt unter den Füßen weggezogen wird.
 
 


 
 
 

WAS GESCHAH IM BUS 670 – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
 
Stilles, subtiles, technisch hochwertiges Drama über Verlust und das Finden eines Abschlusses im Angesicht unmenschlicher Brutalität.
 
 
 


 
 
 

WAS GESCHAH IM BUS 670 – Zensur

 
 
 
Die deutsche Fassung von „Was geschah mit Bus 670?“ ist ungeschnitten und frei ab 16 Jahren.
 
 
 


 
 
 

WAS GESCHAH IM BUS 670 – Deutsche DVD

 
 
 
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(c) MFA+ Cinema (DVD im KeepCase)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Sin Señas Particulares; Mexiko | Spanien 2020

Genre: Drama

Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Spanisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bild: 2,39:1 (anamorph / 16:9)

Laufzeit: ca. 95 Min.

FSK: FSK16 (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: KeepCase

Extras: Trailer, Trailershow

Release-Termin: KeepCase: 10.06.2022

 

Was geschah mit Bus 670? [DVD im KeepCase] ungeschnitten auf AMAZON bestellen

 
 


 
 
 

WAS GESCHAH IM BUS 670 – Trailer

 
 


 
 
 

Alexander Brunkhorst

(Rechte für Grafiken liegen bei MFA+ Cinema)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
To Kill a Man – Kein Weg zurück (2016)
 

Filmkritik: „Und wieder ist Freitag der 13.“ (1982)

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UND WIEDER IST FREITAG DER 13.

(FREITAG DER 13. – TEIL 3 | FRIDAY THE 13TH PART 3: 3D)

Story

 
 
 
Im dritten Teil der Kultreihe erhält Jason endlich sein Markenzeichen, die Eishockey-Maske, denn mit der mordet es sich einfach besser, als mit einem Kartoffelsack auf dem Kopf.
 
 
 


 
 
 

UND WIEDER IST FREITAG DER 13. – Kritik

 
 
Während Jason im ersten Teil einer der kultigsten Slasher-Reihen überhaupt ja quasi noch gar nicht auftauchte, durfte er in „Jason kehrt zurück“ ein Jahr später bereits das Morden üben. Und da der Film in Amerika durchaus erfolgreich war, folgte nur ein weiteres Jahr später, nämlich 1982, die nächste Fortsetzung. Im Deutschen fast schon humorvoll-stagnierend mit „Und wieder ist Freitag der 13.“ betitelt, wiederholt man das stumpfe Szenario zwar eigentlich nur, aber in diesem Teil bekommt Jason endlich seine Eishockey-Maske. Dies ist jedoch nicht der einzige Grund, weshalb man es mit einem der besten Teile der Reihe zu tun bekommt, selbst wenn das längst nicht jeder Fan so sieht.
 
 
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Wenn man hier etwas kritisieren möchte, dann sollte es am ehesten die Handlung treffen, denn diese könnte einfallsloser kaum sein. Ein paar Freunde, Crystal Lake, Jason – Mehr Worte braucht man nicht, um die Geschichte zu erläutern und jeder weiß, wie das alles ablaufen wird. Auf Logik hat man nebenbei ebenfalls verzichtet. So soll sich das Treiben zwei Tage nach dem letzten Teil abspielen, was dann streng genommen gar nicht mehr Freitag der 13. sein könnte. Das ist jedoch alles egal, denn ein altmodischer Slasher-Fan wird keine echte Story brauchen. Immerhin hatte man hier zahlreiche blöde Ideen, die man eingebaut hat und die den Zuschauer erheitern können.
 
 
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„Und wieder ist Freitag der 13.“ hat hier tatsächlich zwei Faktoren zu bieten, die man selten beide von einem Film der Reihe geboten bekam. Auf der einen Seite ist der Film nämlich ganz schön bescheuert, ja teilweise arg trashig, besitzt Fehler und ein paar Charaktere, die man nun absolut nicht ernst nehmen kann. Das sorgt für Belustigung und macht den dritten Teil schon mal unterhaltsam. Auf der anderen Seite will Steve Miner, der wie schon beim Vorgänger Regie führte, aber auch gerne Atmosphäre aufbauen. Das sieht man am oftmals sehr langsamen Aufbau, den manche für langweilig halten mögen, der aber tatsächlich eine bedrohliche Stimmung entstehen lässt. Außerdem ist Jason hier noch kein Übermensch, durchaus verletzbar und das besitzt seine ganz eigene Note. Somit gelingt „Und wieder ist Freitag der 13.“ die Symbiose aus Trash und spannendem Slasher, was man in diesem Subgenre nun durchaus nicht oft finden kann.
 
 
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Gerade deshalb fällt es auch gar nicht so negativ auf, dass man eigentlich nur schon wieder die bekannten Zutaten vorgesetzt bekommt. Von Vorteil ist ebenfalls, dass Crystal Lake nun anders aussieht, als zuvor und eher an eine Farm erinnert. Hier spielt sich ein Großteil des Filmes ab und die Optik weiß durchaus zu gefallen. Ein weiterer, belustigender Aspekt ist, dass „Und wieder ist Freitag der 13.“ damals in 3D-Version in die Kinos kam, was in den 80er Jahren gerade in Amerika ja unheimlich beliebt war. Ständig werden Gegenstände in die Kamera gehalten und was damals im Kino vielleicht als Attraktion galt, verführt heute eher zu einem nostalgischen Grinsen. Das alles sorgt aber für eine unschlagbare Atmosphäre, die eben nahezu alle Facetten bedient. Der dritte Teil von „Freitag der 13.“ ist doof, unfreiwillig komisch, amüsant, aber auch spannend, bedrohlich und vor allen Dingen ganz schön blutig.
 
 
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Über Gewalt muss man bei dieser Reihe ganz ausführlich sprechen, denn kaum eine Reihe hatte so viele Probleme mit der Zensur. Schon bevor die Filme ins Kino kamen, wurden sie leider entschärft, um ein X-Rating zu vermeiden. In Deutschland landeten sie dann aber obligatorisch trotzdem schnell auf den Index und wurden zusätzlich gekürzt. Wenn man sich „Und wieder ist Freitag der 13.“ heutzutage anschaut und überlegt, dass er mittlerweile ungeschnitten ab 16 Jahren freigegeben wurde, kann man die ganzen Beschlagnahmungen von früher natürlich nur belächeln. Aber trotzdem ist der Gewaltgrad höher, als in den beiden Vorgängern und für einen Slasher aus damaliger Zeit, lässt man es hier ganz schön krachen. Die Effekte sind nicht perfekt, aber eben von Hand gemacht. Manche sehen sehr derb aus, andere animieren eher zum Schmunzeln.
 
 
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Wobei man schon etwas warten muss, bis es hier mal zur Sache geht. In der ersten Hälfte ist mit Jason wirklich noch nicht so viel los und es dreht sich eher um die bekloppten Teenies, um ihre Streiche, ums Kiffen, natürlich um den Beischlaf (wobei der Film leider zu wenig nackte Haut für einen Slasher bietet) und dann kommen auch noch bedrohliche Biker mit hinzu. Obwohl hier slasher-technisch nicht so viel geschieht, ist das alles überhaupt nicht langweilig und höchst amüsant ausgefallen. Außerdem lässt man es dann im langen Finale ordentlich krachen. Da steigt der Bodycount dann doch schnell an und der finale Überlebenskampf ist sogar ziemlich spannend geraten. Vorher ist das alles eher entspannende Unterhaltung, die aber eben dennoch die notwendige Portion Atmosphäre besitzt. Nur auf die Wiederholung des Finales aus dem zweiten Teil hätte man gerne verzichten können, aber da bereits der zweite Teil dieses Element nutzte, sei dem Werk dies verziehen.
 
 
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Was gehört sonst noch so zu einem Slasher? Natürlich dumme Charaktere, die nur als Kanonenfutter dienen. Davon gibt es hier genügend, aber erstaunlicherweise wirken diese gar nicht mal so unsympathisch. Zumindest größtenteils nicht. Und ganz ansprechend gespielt, werden die Figuren ebenfalls. Mit Dana Kimmell ist ein brauchbares Final-Girl anwesend und auch sonst versprühen die vielen, belanglosen Charaktere so ihren Charme. Jason wurde übrigens zum ersten und letzten Mal von Richard Brooker gespielt, was dieser ordentlich gemacht hat. Er gibt dem Killer mit seinen Körperbewegungen eine psychopathische Note, welche weit entfernt ist vom späteren Übermenschdasein. Und den typischen Jason-Sound gibt es natürlich auch genügend zu hören. Ein solch simpler Sound, an dem man sich kaum satthören kann. Insgesamt ist der Score brauchbar und begleitet das Treiben atmosphärisch.
 
 


 
 
 

UND WIEDER IST FREITAG DER 13. – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
 
Ein Hauch von Handlung, hinzu eine ziemliche Kopie des zweiten Teils und dennoch ist „Und wieder ist Freitag der 13.“ ein toller Slasher geworden. Die Mischung aus Trash (der hinzu nicht selten auch noch unfreiwillig entsteht) und spannendem Slasher ist eine Seltenheit. Hier kann man sich entspannt zurücklehnen, sich amüsieren und bekommt dennoch eine gelegentlich ansprechende Atmosphäre mit gelungenem Spannungsaufbau geboten. Die Figuren sind überwiegend doof, aber markant und gar nicht so unsympathisch, die Darsteller spielen völlig passabel, die Kulissen sehen gut aus und die Inszenierung funktioniert. Hat man die ganzen amüsanten Momente hinter sich, bekommt man zudem eine gute Portion harten Splatter geboten. Nein, perfekt ist das nun wirklich nicht, aber so verdammt charmant und nur für den Fall, dass es jemand noch nicht mitbekommen hat: Jason bekommt hier halt seine ikonische Eishockey-Maske! Noch Fragen?
 
 
 


 
 
 

UND WIEDER IST FREITAG DER 13. – Zensur

 
 
 
„Und wieder ist Freitag der 13.“ erschien in Deutschland ungekürzt auf VHS. Im Jahr 1985 wurde Teil 3 indiziert und 1988 wurder der Slasher vom Amtsgericht Frankfurt beschlagnahmt. Ein Jahr später erfolgte die Einziehung und der 3. Teil der Freitag-Reihe landete für viele Jahre im Giftschrank. Erst im Juni 2016 gelang es dem Anbieter 84 Entertainment die Indizierung aufheben zu lassen. Man ließ „Und wieder ist Freitag der 13.“ von der FSK neu prüfen und erhielt für den Streifen in der ungeschnittenen Fassung eine Freigabe ab 16 Jahren. Seither kann er ungeschnitten und legal im stationären Handel gekauft werden.
 
 


 
 
 

UND WIEDER IST FREITAG DER 13. – Deutsche Blu-ray

 
 
 
freitag-der-13-teil-3-bluray-special-edition

(c) Paramount Pictures (Blu-ray im KeepCase – Erstauflage)

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(c) 84 Entertainment (Blu-ray im KeepCase – Zweitauflage)

(c) Paramount Pictures (Freitag der 13. Blu-ray-Collection mit den Teilemn 1-8)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Friday the 13th Part 3: 3D; USA 1982

Genre: Thriller, Horror, Splatter

Ton: Deutsch DD 2.0 (Mono), Englisch Dolby TrueHD 5.1, Französisch DD 2.0 (Mono), Italienisch DD 2.0 (Mono), Spanisch DD 2.0 (Mono)

Untertitel: Deutsch, Englisch, Englisch für Hörgeschädigte, Dänisch, Finnisch, Französisch, Italienisch, Niederländisch, Norwegisch, Spanisch, Portugiesisch, Schwedisch

Bild: 2.35:1 (1080p) | @23,976 Hz

Laufzeit: ca. 95 Min.

FSK: FSK16 (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: KeepCase

Extras: Frische Schnitte: 3D Terror, Slasher Filme: Immer die Halsschlagader, Die Geschichte der Maske, Vergessene Geschichten aus dem Camp Blood – Teil 2, Vergessene Geschichten aus dem Camp Blood – Teil 3, Original Kinotrailer

Release-Termin: KeepCase Erstauflage: 12.02.2011 | KeepCase Zweitauflage: 10.02.2021 | 8-Movie-Collection: 13.05.2022

 

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UND WIEDER IST FREITAG DER 13. – Trailer

 
 


 
 
 

Benjamin Falk

(Rechte für Grafiken liegen bei Paramount Pictures)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Freitag der 13. (1980)
 
Freitag der 13. – Jason kehrt zurück (1981)
 
Das Camp des Grauens 2 (1988)
 
Das Camp des Grauens 3 (1989)
 

Filmkritik: „Jason X“ (2001)

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JASON X

(FREITAG DER 13. – TEIL 10 | FRIDAY THE 13TH – PART 10)

Story

 
 
 
Im zehnten Teil der legendären „Freitag der 13.“ Reihe führt es Jason ins Weltall. Und was macht er da? Natürlich wieder metzeln bis zum geht nicht mehr.
 
 
 


 
 
 

JASON X – Kritik

 
 
Schon der fünfte Teil der „Freitag der 13.“ Reihe bemühte sich um Veränderungen. Hier war es gar nicht Jason selbst, der sich durch die Gegend mordete. Das kam selbstverständlich schlecht an. Danach bekam er es noch mit telekinetischen Fähigkeiten zu tun, durfte auf einem Schiff morden, kam in die Großstadt und wurde letztendlich sogar von seltsamen Würmern befallen. „Jason Goes to Hell“ wirkte schon eher wie ein Fantasy-Film und die Einnahmen wurden immer geringer. Deshalb wurde es auch acht lange Jahre still um den Killer mit der Eishockey-Maske. Und was macht man, wenn einem nichts mehr einfällt? Genau, man schickt Jason einfach ins Weltall. Hat man bei „Critters 4“ (wobei es da wenigstens noch etwas Sinn ergab) und „Leprechaun 4“ ja immerhin auch schon gemacht. Damit ist Jason allerdings der einzige der ikonischen Slasher-Figuren der bisher das Weltall besuchen durfte und so doof die Idee auf dem Papier auch klingt; die Umsetzung ist überraschend gut gelungen.
 
 
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Dabei hatte der letzte Teil Jason ja eigentlich in die Hölle geschickt und ein Crossover mit Freddy Krueger wurde angedeutet. Dieses kam jedoch erst zwei Jahre später zustande und um vorherige Geschehnisse kümmert sich „Jason X“ nicht. Da unser Jason einfach nicht totzukriegen ist, wird er nun als biologische Waffe angesehen. Doch alles geht mal wieder schief, Jason gerät in eine Kryo-Kammer und erwacht erst 455 Jahre später. Die Erde ist mittlerweile unbewohnbar, also muss sich der gute, alte Killer eben im Weltall durch die Gegend meucheln. Die Umgewöhnung fällt ihm jedoch nicht besonders schwer und schon ist wieder alles beim Alten.
Es mag wirklich affig und Banane klingen, diese Reihe jetzt mit Science-Fiction zu kombinieren, aber die Story schlägt sich erstaunlich solide. Zumindest wurde es einigermaßen gut konstruiert, weshalb Jason sich jetzt im Weltall befindet und der Rest besteht dann sowieso aus den altbekannten Zutaten. Dadurch, dass sich das Treiben allerdings weit in der Zukunft abspielt, konnte man noch ein paar kreative Ideen mit einbauen und das hat man schon genutzt. Obwohl sich an der Prämisse „Jason metzelt alles nieder“ überhaupt nichts geändert hat, wirkt „Jason X“ frisch.
 
 
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Dabei ist es nun wirklich keine Selbstverständlichkeit, dass eine Reihe, die ihre Ursprünge in den 80er Jahren hat, den Sprung ins neue Jahrtausend so solide bewältigt. Aber Regisseur Jim Isaac hat seine Hausaufgaben gemacht, bedient beliebte Markenzeichen, kann durch das etwas andere Szenario aber auch genügend eigenständige Dinge unterbringen. Was da im weiteren Verlauf so geschieht, hätte man damals von einem „Freitag der 13.“ Film sicherlich kaum erwartet. Das gibt sogar Raum für ein paar witzige Szenen und der Endkampf ist einfach mal obercool. Außerdem gibt es noch eine schöne Hommage an das Original. Man muss sich selbstverständlich auf diesen Quatsch einlassen können, doch wenn dem so ist, bietet „Jason X“ amüsante, völlig übertriebene Unterhaltung, die nicht mehr so viel mit einem üblichen Slasher zu tun hat, von der Atmosphäre aber genau die Zutaten bietet, die man erwartet.
 
 
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Die Einleitung ist innerhalb von wenigen Minuten abgehakt und bis Jason wieder zur Bedrohung wird, vergeht gar nicht mal so viel Zeit. „Jason X“ lebt von einem hohen Tempo und besitzt überraschend viel Action. Spannend ist das Ganze zwar eigentlich nie, doch dafür ist die Stimmung auch viel zu locker. Interessant war damals sicherlich auch, wie sich der Sprung ins neue Jahrtausend denn auf den Gewaltgrad auswirken würde. Und auch hier macht der zehnte Teil der Reihe alle Ehre. Zwar wird nicht alles explizit gezeigt, doch es splattert schon ordentlich. Die Effekte stammen mittlerweile oftmals aus dem Computer, was bei dem Thema Zukunft jedoch irgendwo als logisch erscheint. Für einen Film mit doch eher geringen Budget können sich aber sogar die Außenaufnahmen des Weltalls einigermaßen sehen lassen. Und wenn es blutig wird, stammt zum Glück noch viel von Hand, so dass jeder Gorehound auf seine Kosten kommen dürfte.
 
 
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Am wichtigsten ist jedoch die Frage, wie sich Jason im Weltall so schlägt und da macht er eine gewohnt gute Figur. Seine Optik ist mal wieder gelungen und der Über-Jason sieht auch ganz schön cool aus. Kane Hodder übernahm hier leider zum letzten Mal die Rolle von Jason, was bedauerlich ist, da er ihn doch am besten darstellte. Von den restlichen Darstellern sollte man genretypisch nicht zu viel erwarten, aber schlecht agiert hier fast niemand. So ist Lexa Doig als neues Final Girl ziemlich sympathisch und Lisa Ryder weiß ebenfalls zu gefallen. Dazwischen befinden sich viele Schauspieler, die Nebenrollen bekleiden und am ehesten als Kanonenfutter dienen, so wie sich das gehört. Man bekommt hier keine besonderen Leistungen geboten, aber brauchbare und die Charaktere sind auf jeden Fall markant genug. Dass manche recht unsympathisch erscheinen, ist volle Absicht und auch dies erfüllt seinen Zweck. Außerdem schaut David Cronenberg kurz vorbei, was ganz witzig ist. Der Score ist leider weniger der Rede wert und vom typischen Jason-Sound hat man etwas zu selten Gebrauch gemacht.
 
 


 
 
 

JASON X – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
 
„Jason X“ ist unrealistisch, unlogisch, völlig übertrieben und die Idee mit dem Weltall mag manchen zu doof sein, aber für einen zehnten Teil schlägt er sich überraschend gut und bietet genügend Abwechslung innerhalb der Reihe. Lässt man sich auf das Szenario ein, bekommt man kreative und auch witzige Ideen serviert, die erstaunlich gut funktionieren. Außerdem gibt es reichlich Action und es ist immer etwas los. Jason darf auch im All blutig genug und sogar noch abwechslungsreicher morden. Das ist brauchbar inszeniert, besitzt eine spaßige Atmosphäre, die Darsteller spielen solide und die Figurenzeichnung ist niemals zu nervig. Von daher hat man eigentlich alles richtig gemacht und es ist schon ein bisschen schade, dass dies mit sehr niedrigen Einspielergebnissen bestraft wurde. Denn auch wenn Jason zwei Jahre später noch mal auf Freddy Krueger traf und „Freitag der 13.“ 2009 ein schlechtes Remake erhielt, blieb „Jason X“ doch der letzte echte Solo-Film. Dafür wurde die Reihe hier aber würdevoll beendet und das Ergebnis ist auch heute noch wunderbar spaßig!
 
 
 


 
 
 

JASON X – Zensur

 
 
 
„Jason X“ kam mit „SPIO/JK: strafrechtlich unbedenklich“-Siegel nach Deutschland, wurde im Jahr 2004 indiziert und lief entsprechend gekürzt im Pay-TV. Nachdem im Laufe der letzten Jahre alle vorherigen Teile vom Index gestrichen wurden und ungeschnitten mit FSK-Freigabe in den Handel kamen, wurde auch „Jason X“ nach 16 Jahren vom Index genommen. Mittlerweile wurde der Slasher ebenso von der FSK geprüft und ist ungeschnitten frei ab 18 Jahren im regulären Handel erhältlich.
 
 
 


 
 
 

JASON X – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) Warner Home Video (Blu-ray im KeepCase)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Jason X; USA 2001

Genre: Thriller, Horror, Komödie, Splatter, Science Fiction

Ton: Deutsch DD 5.1, Englisch DTS-HD MA 5.1, Spanisch DD 2.0

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch für Hörgeschädigte; Spanisch

Bild: 1.78:1 (1080p) | @23,976 Hz

Laufzeit: ca. 92 Min.

FSK: Keine Jugendfreigabe (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: KeepCase

Extras: Audiokommentar mit Jim Isaac, Todd Farmer und Noel Cunningham, Die vielen Leben des Jason Voorhees (29:56 Min.)
By Any Means Necessary: The Making of Jason X (17:33 Min.), USA-Kinotrailer (2:01 Min.), Bonusfilm „Jason goes to Hell (Ratedfassung)“

Release-Termin: KeepCase: 10.06.2021

 

Jason X [Blu-ray im KeepCase] ungeschnitten auf AMAZON bestellen

 
 


 
 
 

JASON X – Trailer

 
 


 
 
 

Benjamin Falk

(Rechte für Grafiken liegen bei Warner Home Video)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Jason Goes to Hell – Die Endabrechnung (1993)
 
Space Platoon (1996)
 
Critters 4 – Das große Fressen geht weiter (1992)
 

Filmkritik: „Hard Ticket To Hawaii“ (1987)

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HARD TICKET TO HAWAII

Story

 
 
 
Auf der polynesischen Privatinsel des Rauschgift-Kingpins Romero beißen zwei Drogenfahnder ins Gras und zwei Agentinnen werden einer Diamantenlieferung an den Gangster habhaft. Holterdipolter überschlagen sich die Ereignisse, Nebensächlichkeiten wie innere Drehbuchlogik werden ignoriert und mehrere Geheimdienste ringen mit Romeros Killern. Um dem Ganzen völlig den Ritterschlag des Psychiatriefilms zu verpassen, befindet sich auf dem Eiland auch noch eine Mörderschlange, die man mit der DNS krebskranker Ratten ausgestattet hat. Nein, das haben wir nicht dazuerfunden.

 
 
 


 
 
 

HARD TICKET TO HAWAII – Kritik

 
 
Den Namen Andy Sidaris kennen aufmerksame Leser unseres Blogs aus der Kritik seines 1979er Harte-Männer-Bolzens SEVEN – DIE SUPER-PROFIS, in dem sich der unsterbliche William Smith mal so richtig austoben darf. Die Nase immer im kassenträchtigen Wind, bedient sich der greco-amerikanische Regisseur von Mitte der Achtziger bis Ende der Neunziger Jahre unzählige Male am Regelwerk des „Schlagkräftige-Truppe-gegen-Gesocks“-Subgenres. Jene so kommode Spielart des Action-Kinos, die bis heute wohl zehntausend Mal in die Kameras einfallsloser Produzenten all over the globe gesogen worden ist. Bloß wendet Meister Sidaris einen Kniff an, der zu seinem Markenzeichen wird: Seine Sondereinsatz-Superagenten (diverse Geheimdienste, wenig Zusammenhang) sind weiblich und nicht nur das, sondern gleich noch ehemalige Nackedei-Modelle aus Playboy und Penthouse. Wenig überraschend beschränkt sich der schauspielerische Horizont der knusperbraunen Damen in etwa auf die Fähigkeiten eines Schmalzbrots, das sich für eine Perlenkette hält. Das ist aber erstens völlig wurscht und zweitens kommt die Exploitation-Kinowelt so auch in den privilegierten Bekanntenkreis der leider vor Kurzem elend verstorbenen Z-Film-Ikone Julie Strain.
 
 
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Nachdem Sidaris anno 1973 mit STACEY – BLOND, SCHNELL UND TÖDLICH! schon mal probt, was er nach seiner Millionenkarriere als revolutionärer Gestalter des amerikanischen Sportfernsehens so machen könnte, was Spaß und Geld in die Urlaubskasse bringt, liefert er mit HARD TICKET TO HAWAII im Jahre 1987 vielleicht das Konzentrat, die endgültige Blaupause für den „Andy-Sidaris-Film“. Hübsche Frauen, exotische Locations, vergnügte Zerstörung von Dingen und Knochen. Die diesmal angeheuerten hochhaarigen Eighties-Playmates Dona Speir, Hope Marie Carlton, Patty Duffek und Cynthia Brimhall sorgen gemeinsam mit dem auch fest in diese Zeit gehörenden Schönling Ronn Moss für Tabula Rasa unter den Schergen des Drogenkönigs Romero. Hierbei wird nicht gezimpert – die Fetzen fliegen, großer Wert wird auf das möglichst groteske Darstellen roher Gewalt im Auftrag der Freien Welt gelegt, der Zuschauer rülpst zufrieden und selbstvergessen. Erwartungsgemäß mittel-nackte Tatsachen und unglaubliche Arschlochsprüche komplettieren dann das geschmeidige Filmerlebnis HARD TICKET TO HAWAII ganz vortrefflich.
 
 
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HARD TICKET TO HAWAII – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
„Triple B – Bullets, Bombs & Babes“ nennt der Fachmann die derben und trashigen Action-Krimis aus der blinkenden Film-Hauswerkstatt des ehemaligen Erfolgs-Fernsehmachers Andy Sidaris (1931 – 2007). Ob wir, hierzulande oder via sorgfältig kuratierter Master-Veröffentlichungen aus den USA, eine Aufwertung des Rufs von Sidaris oder sogar die direkte Beförderung des umtriebigen Filmemachers in den inoffiziellen Exploitation-Olymp erleben werden, ist wohl zu bezweifeln. Noch zu nah am Jetzt sind die glitternden, koksigen Abenteuer seiner volumenmöpsigen Action-Playmates angelegt. Es fehlt die Fremdartigkeit des Grindhouse-Films vorangegangener Dekaden. Andererseits: Wer hätte gedacht, dass die wuchtigen, von SEVERIN FILMS präsentierten Karriere-Boxsets der Regie-Verbrecher Al Adamson (!), Andy Milligan (!!) und demnächst Ray Dennis Steckler (!!!) dermaßen einschlagen würden? Das aufwendige und mit über 50 Seiten Booklet-Text (doppelt so viel wie das Drehbuch) versehene Mediabook von HARD TICKET TO HAWAII ist ein toller Einstieg in die Mondo Sidaris und was für Freunde kerniger Achtziger-Fresse-Voll-Action aus seligen Videotheken-Zeiten. All Hail King Sidaris!
 
 


 
 
 

HARD TICKET TO HAWAII – Zensur

 
 
 
HARD TICKET TO HAWAII ist ein R-Rated-Trash-Actioner, der von 1988 bis 2013 in Deutschland auf dem Index stand. 2006 erschien der Streifen hierzulande ungeschnitten auf DVD. Mittlerweile ist der Streifen nicht mehr indiziert und erscheint nun erstmalig auf Blu-ray im Mediabook. Letzteres ist ungeprüft. Die darin enthaltene Fassung ist ebenso ungekürzt.
 
 
 


 
 
 

HARD TICKET TO HAWAII – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) Cinestrange Extreme (Blu-ray + DVD im Mediabook – Cover A auf 333 Stück limitiert)

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(c) Cinestrange Extreme (Blu-ray + DVD im Mediabook – Cover B auf 222 Stück limitiert)

hard-ticket-to-hawaii-mediabook-cover-c

(c) Cinestrange Extreme (Blu-ray + DVD im Mediabook – Cover C auf 111 Stück limitiert)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Hard Ticket to Hawaii ; USA 1987

Genre: Action, Thriller, Trash, Komödie

Ton: Deutsch DD 2.0, Englisch DD 2.0 (Mono)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bild: 1.78:1 (1080p) | @23,976 Hz Hz

Laufzeit: 96 Minuten (ungeschnittene Fassung)

FSK: ungeprüft (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: Blu-ray + DVD im Mediabook

Extras: 52-seitiges Booklet von Ash, Interview mit Arlene Sidaris (58 Min), Audiokommentar (engl.), Featurette (38 Min.) engl. m. dt UT, Bildergalerie, Trailer, Soundtrack-CD, Film auf DVD

Release-Termin: Mediabooks: 30.05.2022

 

Hard Ticket To Hawaii [diverse Veröffentlichungen] ungeschnitten im CINESTRANGE EXTREME ONLINE SHOP kaufen

 
 


 
 
 

HARD TICKET TO HAWAII – Trailer

 
 


 
 
 

Christian Ladewig

(Rechte für Grafiken liegen bei Cinestrange Extreme)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Kannibalinnen im Avocado-Dschungel des Todes (1989)
 
Seven – Die Superprofis (1979)
 

Filmkritik: „Hellbender – Growing Up Is Hell“ (2021)

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HELLBENDER – GROWING UP IS HELL

(HELLBENDER)

Story

 
 
 
Teenagerin Izzy lebt mit ihrer Mutter zurückgezogen in den Wäldern, da sie angeblich todkrank und ansteckend ist. Als sie eines Tages das erste Mal auf eine andere junge Frau trifft, häufen sich die merkwürdigen Vorfälle und dunklen Vorahnungen…
 
 
 


 
 
 

HELLBENDER – Kritik

 
 
„Wonder Wheel Productions“ ist der Name der US-amerikanischen Produktionsfirma der Familie Adams, bestehend aus Toby Poser, Ehemann John Adams und ihren Töchtern Zelda und Lulu. Zusammen drehen die vier seit mittlerweile einer Dekade unabhängige Spielfilme, die von Titel zu Titel wohl größer und bekannter geworden sind und stets auch im Script Themen wie Familiendrama oder -zusammenhalt behandeln. Nach „Rumblestrips“, „Halfway to Zen“, „The Shoot“, „Knuckle Jack“ und dem sogar von Arrow Video releasten „The Deeper You Dig“ wurde mit „Hellbender“ nun auch endlich ein Titel der von Indiefans hoch gelobten Familienschmiede in Deutschland veröffentlicht.
 
 
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Stöhnende, rasselnde Geräusche zu rot schimmernden Leichenresten auf einem Waldboden, danach sehen wir eine ältere Dame mit blutverschmiertem Mund. Eine Gruppe verkutteter Frauen inszeniert die rituelle Hängung einer vermummten Person, diese fliegt nach ihrem Ableben mittels mediokrer CGI-Effekten brennend in die Luft – unerwartet, aber auch leicht trashig. „HELLBENDER“ prankt es auf der Titlecard und „Women!“ ist jetzt erst einmal der einzige Songext, den das Mutter-und-Tochter-Gespann zu krachenden E-Gitarren als Band performen. Im eigenen Wohnzimmer spielend, auf Deutsch die Takte anzählend und mit an Metalbands erinnernder Gesichtsbemalung kostümiert, schafft der Film es in seinem fast schon hyperrealistisch hochaufgelöstem Look innerhalb weniger Minuten einiges an Charakter und Flair zu verbreiten, wodurch man die liebende, aber isolierte Existenz von Izzy (Zelda Adams) und ihrer Mutter (Toby Poser) schnell abkauft.
 
 

„I’m on my way to hunt you down.“

 
 
Ein mystischer, langsamer, atmosphärischer Folk-Song läuft während Izzy erfährt, dass sie nicht mit in die weit entfernte Stadt fahren darf, aus Sicherheitsgründen natürlich; vom Einkauf mitgebracht wird eine mysteriöse schwarze Krone, mit der auch gleich lachend posiert wird. Doch dass wir es hier nicht mit einer „Verfluchtes Objekt zerstört Familienidyll“-Geschichte zu tun haben, stellt diese kurzweilige Genreproduktion alsbald in einer verheißungsvollen Szene klar, in der Izzys Mutter zu kreischenden Sirenen aus Stöcken, Spucke und zerkauten Beeren ein okkultes Symbol bastelt, welches daraufhin zu schweren Seufzern in den Himmel zu steigen scheint. Durch exzellentes Framing, unter die Haut gehendes Sounddesign und eine posterreife Cinematographie werden solche, inhaltlich aber auch nie zu ausgelutschten Szenen, massiv aufgewertet.
 
 
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Die nächsten Bröckchen Information über unsere Protagonistinnen sind die, dass Izzy natürlich ausschließlich daheim Unterricht von ihrer Mutter erhält und somit keine Schule besucht oder je soziale Kontakte knüpfen durfte, sowie die, dass zu Hause wohl nur Beeren, Tannenzapfen, Wurzeln und dergleichen auf dem Speiseplan stehen. Und wenn Izzys Mutter nicht gerade flüsternd ominöse, geisterhafte Rituale auf der Treppe vollführt, achtet sie mit wachem Auge darauf, dass auch kein im Wald verlorener Wanderer zufällig auf ihre Tochter trifft. Den entscheidenden Schritt raus aus der Überwachung und Isolation, hinein in die Unabhängigkeit und das soziale Leben ist es nun, den Izzy, mit einem Fernglas bewaffnet und heimlich im Wald unterwegs, wagen will – und ich bin nach knapp 20 Minuten schon absolut hooked.
 
 

„You wanna beer, neighbor?“

 
 
Nach kurzer Zeit ist ihr Unterfangen von Erfolg gekrönt und sie trifft auf die ähnlich junge Amber, mit der das Eis trotz aller Ungewohntheit der Situation recht schnell gebrochen wird – doch der augenscheinlichen Normalität werden sogleich Einstellungen der Mutter entgegengesetzt, die einen Schlüssel aus ihrer rechten Hand zieht und dann ein schwarzes Buch berührt. Und somit werden das harmlose Planschen und Kichern des Nachwuchs also mit psychdelisch bunten Horrortripvisionen konterkariert, das unschuldige Trinken des ersten Biers mit sich alptraumhaft verformenden Gesichtern, das kathartische Kennenlernen einer anderen Person mit gruselig-dämonischen Lachern – und ich fühle mich verstanden, an dekadealten Horror erinnert, grinse breit.
 
 
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Ein herrlich drückender Track mit räudiger Bassgitarre läuft, nach dem gelungenen Nachmittag wird Izzy auch zugleich eingeladen, am nächsten Tag zu einer kleinen Party wieder zu kommen. Und da die „tödliche, ansteckende Krankheit“, die Izzy laut ihrer Mutter angeblich hat, beim letzten Treffen ja auch nichts gemacht hat, wieso nicht die Chance zur Sozialisierung nutzen? Eine knappe halbe Stunde dieses knackigen 80-Minüters ist schon vergangen, ein Großteil der Exposition durch und zack kommt auch schon das auslösende Moment, der storytriggernde Vorfall, der kleine Haken an der Geschichte. Denn gerade als unsere Protagonistin mit ihren Schlagzeugskills die Gruppe begeistern und Anschluß finden konnte, fällt auf dass das edle Anwesen keinesfalls Amber oder ihrer Familie gehört – und, mehr noch, dass sie den letzten Kurzen vielleicht doch nicht hätte trinken sollen. Bald schon sehen sich Izzy sowie der Zuschauer mit einem omnipräsenten Flüstern in fremden Sprachen konfrontiert, während der Genrefan sich auf weitere unheilvolle Visionen freuen darf.
 
 

„Magic comes from the fear, the fear of death…“

 
 
War man in den letzten Jahren im Horrorgenre unterwegs, könnte man schon fast sagen dass selbst so eine spezifisch klingende Unterkategorie wie „Feministisch angehauchter Coming-of-Age-Horror“ sein eigenes Genre geworden ist, haben sich doch etliche Regisseure/innen mit diesem, oder einem sehr ähnlichen Thema beschäftigt, spezifisch mit der Verquickung von Body Horror, Unsicherheitsängsten des Erwachsenwerdens und anti-patriarchischer Weltsicht. Mit einem überschaubaren Budget ausgestattet, dem Titel nach recht generisch und durch sein wäldliches Setting jetzt auch nicht sonderlich hervorstechend, sollte „Hellbender“ demnach also auch wirklich nicht der Rede wert sein, eine achselzuckende, vielleicht einmalig sehenswerte, durchschnittliche Genreerfahrung darstellen. Doch über jegliches rein technisches Lob hinaus wurde hier mit viel Herzblut, Charme, Mut und Kreativität ein ziemlich ambitioniertes, teils bemerkenswert aussehendes, authentisch gespieltes, kurzweiliges Stück Horrorkino geschaffen, das man als Fan definitiv mal auschecken sollte.
 
 
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Steht das semioriginelle, dafür aber wunderbar griffig inszenierte Hauptkonzept nach etwa der Hälfte des Films nämlich, zieht es sich um die 50-Minuten-Marke herum zwar erstmalig ganz leicht, dafür hat man hier aber auch seinen Tritt gefunden: Fortan wird nämlich ganz bewusst die Balance gehalten zwischen leicht trashigen, merkwürdigen Ideen der Marke „Hasenmasketragender Mönch vor CGI-Feuer“ und bemerkenswert ästhetisch eingefangenen, leicht schwarzhumorigen und absolut ernst zu nehmenden Mutter-Tochter-Szenen. Und als sei das auch noch nicht genug, gibt es eine logisch erscheinende, überzeugend inszenierte und befriedigende Idee zum Okkultismus noch dazu, inklusive verdammt cooler Hintergrundgeschichte und sympathischer Drogentripszene. Dass selbst das ruppige, erstmalig richtig drastisch-brutale Finale mit seinen flirrenden Störfrequenzen, bunt flickernden Visionen, fleischigen Gedärmgängen und immer wieder verdammt überzeugenden Jungdarstellerinnenperformances nicht enttäuscht, ist da wirklich nur die Kirsche obendrauf.
 
 


 
 
 

HELLBENDER – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
 
Überraschend professionell inszenierter, betörend gedrehter, trotzdem punkrockigen Indie-Flair verbreitender Coming-of-Age-Horrorfilm mit einer großartigen Hauptdarstellerin und atmosphärischen Klängen, dessen teils sehr durchwachsenes CGI sich nur leider selbst im Weg steht. Sympathisch, kurzweilig, teils gar originell und sehenswert, trotz kleiner Schwächen.
 
 
 


 
 
 

HELLBENDER – Zensur

 
 
 
„Hellbender – Growing Up Is Hell“ hat von der FSK in der ungeschnittenen Fassung eine Freigabe ab 16 Jahren erhalten. Wegen einiger von der FSK höher eingestufter Trailer auf der Heimkinoscheibe ist selbige aber erst für Erwachsene geeignet.
 
 
 


 
 
 

HELLBENDER – Deutsche Blu-ray

 
 
 
hellbender-2021-bluray

(c) I-On New Media (Blu-ray im KeepCase)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Hellbender; USA 2021

Genre: Drama, Mystery, Horror

Ton: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Englisch DTS-HD MA 5.1

Untertitel: keine

Bild: 2.35:1 (1080p) | @23,976 Hz

Laufzeit: ca. 86 Min.

FSK: Film: FSK16 | Blu-ray wegen höher eingestuftem Bonusmaterial: Keine Jugendfreigabe (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: KeepCase mit Wendecover

Extras: Trailer

Release-Termin: 29.04.2022

 

Hellbender [Blu-ray] ungeschnitten auf AMAZON bestellen

 
 


 
 
 

HELLBENDER – Trailer

 
 


 
 
 

Alexander Brunkhorst

(Rechte für Grafiken liegen bei I-On New Media)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Raw (2016)
 
The Devil’s Candy (2015)
 
Deathgasm (2015)