Filmkritik: „When I Consume You“ (2021)

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WHEN I CONSUME YOU

Story

 
 
 
Ein unter steter Gewalt und Verwahrlosung aufgewachsenes Geschwisterpaar hat es gerade geschafft sich eine halbwegs stabile Perspektive aufzubauen, als die Wunden der Vergangenheit unvermittelt wieder aufgerissen werden.
 
 
 


 
 
 

WHEN I CONSUME YOU – Kritik

 
 
 
Der letzte Film meiner Festivalauswahl stammt aus der Feder und Regie des amerikanischen Regisseurs Perry Blackshear, dessen eindringlichen, psychologischen Charakter-Dramathriller „They Look Like People“ ich indieaffinen Genrefans nur ans Herz legen kann. Sowohl die grobe Genrebezeichnung, als auch die bewusst kleine Skalierung hat sein neuestes Werk mit dem Film aus 2015 gemein, doch während „They Look Like People“ noch vom Kontrast der Charakter seiner Hauptprotagonisten lebte und zudem einige perfekt durchkomponierte, distanzierte Einstellungen präsentierte, geht es bei „When I consume you“ noch eine gute Spur düsterer, persönlicher, eindringlicher und nahgegehender zu.
 
 

„Are you okay?“

 
 
Zu einem lauten Knall springt eine Tür auf und Daphne spuckt Blut sowie einen Zahn ins Waschbecken. Die junge Frau hat ein mysteriöses Symbol auf ihr Handgelenk tättowiert und hört einen Piepton, dann sitzt eine nackte Person mit leuchtenden Augen unvermittelt direkt vor dem Zuschauer und meine Nackenhaare haben sich innerhalb weniger Minuten aufgestellt. Willkommen bei 90 Minuten Angstzuständen.
 
 

„Evil is still out there and I will find it.“

 
 
Daphne und Wilson sind Geschwister, die nur durch gegenseitige Unterstützung eine traumatisierende und gewalttätige Kindheit, danach ihre unausgeglichenen und überstürzten Zwanziger überlebt haben. Nach Jahren der Therapie und Vergangenheitsbewältigung scheinen beide noch täglich an ihren Wunden zu knabbern zu haben, doch da Daphne erfolgreich als Project Manager einer großen Firma arbeitet und Wilson einer geregelten Existenz als Hausmeister nachkommt, neben der er auch noch eine Abendschule besucht um irgendwann Lehrer zu werden und anderen Leuten zu helfen, wagen sie es nun erstmals über eine Adoption nachzudenken. „With your history, what would you do if you were me?“ lautet die niederschmetternde Antwort auf die Nachfrage, die handgefilmten Einstellungen der überzeugend gespielten Verzweiflung auf Seiten unserer Protagonisten sind stets nah dran und unmittelbar, wirken authentisch.
 
 

„I have plans for you.“

 
 
Ebenfalls realistisch wirkt die beklemmende Panikattacke die Wilson unerwartet plagt, als er in bester Stimmung mit seinen Freunden Karten spielt – erst als er mit Daphne zusammen die Nacht auf dem Balkon verbringt und den Sonnenaufgang beobachtet, scheint er sich wieder etwas zu sammeln. Doch selbst diese kleine Hoffnung auf Besserung oder eine geregelte Zukunft wird am schicksalhaften Tag seines Job-Interviews dann auch noch genommen, und von hier an startet, unterstützt von clever genutzten POV-Aufnahmen, der eigentliche Ritt in den Abgrund.
 
 

„All this pain is just part of a process!“

 
 
Während ich die Wiedergabe des „Was“ aus Spoiler- und Effektivitätsgründen bereits an dieser Stelle beenden möchte, so ist das „Wie“ doch noch einige Zeilen wert: Denn „When I Consume You“ lebt viel mehr von seiner Atmosphäre, Trostlosigkeit, Inszenierung und durch die Charaktere statt Drastik nahegehender Brutalität, denn von einer allzu originellen oder neuen Story. Die dreckige Großstadtkulisse ist auf dunkle Wohngebiete, unterbeleuchtete Parkplätze und versiffte Seitengassen beschränkt, im Hintergrund stets die Mischung aus dröhnenden Autobahnen, Schüssen, kläffenden Hunden und Polizeisirenen. Inmitten dieses Molochs finden sich zwei verzweifelte und vernarbte Seelen, die nur ihr gegenüber haben um mit sich, ihrer Situation und Vergangenheit klar zu kommen.
„Everything is the ocean and we’re just waves.“
 
 
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Dass die ab Zeitpunk x angedeutete Route bzw. Auflösung bis zum Ende durchgehalten wird ist im späteren Verlauf genau so konsequent wie vorhersehbar und dadurch weniger effektiv, auch stört das teils laienhafte Schauspiel eines einzelnen, overactenden Charakters den Fluss des Films und die Grundprämisse und Spannung von Blackshears vorherigen Slowburn fand ich deutlich spannender. Dennoch, von zwei eher unnötigen Jumpscares und einer nervigen Übererklärung am Ende abgesehen klappt der leichte Horror-Faktor im Hintergrund des Films dadurch so gut, dass die Ausgangssituation glaubhaft und beklemmend ins Wohnzimmer transportiert wird, was neben dem eindringlichen Sounddesign und der ernsten Thematik an sich in erster Linie an den Performances von Evan Dumouchel und Lilly Ewing liegt, denen man ihre gepeinigte Existenz, nur abgeschwächt durch wenige harmonische, menschliche und friedliche Momente, zu jedem Moment abkauft.
 
 
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Es ist nämlich ein äußerst realistischer, wahrhaftiger und darum auch so perfider, geradezu nihilistischer Horror, den Blackshear dem Zuschauer zumutet und je nach der eigenen Persönlichkeit oder Hemmschwelle des Zuschauers für eine solche Narrative, kann der Effekt so mancher prinzipiell gar nicht so bemerkenswerter Szene schnell verdoppelt werden, ohne dass es je in exploitative „misery porn“-Gefilde abdriften würde.

 
 


 
 
 

WHEN I CONSUME YOU – Fazit

 
 
7 Punkte Final
 
 
Düsterer, nihilistischer, dramatischer, realistischer psychologischer Horror über die angestauten Dämonen der Vergangenheit und ihre drastischen Konsequenzen.
 
 
 


 
 
 

WHEN I CONSUME YOU – Zensur

 
 
 
„When I Consume You“ ist keine Schlachtplatte. Der Film schlägt eher leise Töne an und ist mehr Drama als Horror. Der Film zehrt von einer hoffnungslosen Atmosphäre und belastenden Themen. Saftig-blutige Momente sind kaum vorhanden. Demnach kann man hier mit einer FSK 16 rechnen.
 
 
 


 
 
 

WHEN I CONSUME YOU – Trailer

 
 


 
 
 

Alexander Brunkhorst

(Rechte für Grafiken liegen bei Yellow Veil Pictures)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Hemorrhage (2012)
 
Where the Devil Dwells (2014)
 

Filmkritik: „Catch the Fair One“ (2021)

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CATCH THE FAIR ONE

Story

 
 
 
Kaylee hat sich geschworen, ihre Schwester wieder zu finden, koste es was wolle.
 
 
 


 
 
 

CATCH THE FAIR ONE – Kritik

 
 
 
Es scheint mir wirklich, je ausgegorener und entschlackter, tonal überzeugender und kurzweiliger, spannender und alles in Allem gelungener die Filme, desto kürzer und simpler können auch meine Reviews gehalten werden – „Catch the Fair“ One ist ein spannender, geradliniger und rauher Thriller, der Realismus höher priorisiert als Stilisierung oder Action und wenn man jetzt noch einen Einblick in die Story kriegt, ist auch fast schon alles gesagt.
 
 
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Die Boxerin Kaylee trainiert vor ihrem nächsten Kampf auf einem roten Teppich, über Wasser halten tut sie sich und ihre Tochter mit einem Job als Kellnerin. Da ihre Schwester Weeta vor einiger Zeit verschwunden ist, kanalisiert sie die Frustration und den Schmerz dieser Erfahrung sichtlich in den Kampfsport, was Kali Reis‘ äußerst physische Performance vom ersten Moment an deutlich werden lässt. Seit nunmehr zwei Jahren fehlt Weeta in ihrem Leben und jede Spur fehlt, seit nunmehr zwei Jahren gibt sich Kaylee dafür die Schuld und verletzt sich selber. Ein einzelner, wuchtig inszenierter Kampf gegen einen echten Berg von Mann, ein unterkühltes bis feindseliges Gespräch mit ihrer entfremdeten Mutter – dann startet auch schon die Anspannung.
 
 
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Denn die eine Fährte, die nach zwei Jahren dann eben doch an die Oberfläche gelangt, ist die einer Menschenhändlerorganisation, die junge Frauen zwangsprostituiert – und die Kaylee nun, ganz im Foxy Brown-Style unter dem Deckmantel einer weiteren Prostituierten, unterwandern will. Doch da hören die Parallelen auch schon wieder auf, denn während Foxy Brown bei aller sozialpolitischen Relevanz so leichtfüßig wie exploitativ daherkommt, ist „Catch the Fair One“ hingegen an bitteren, unverblümt realistischen Szenen interessiert, die ohne unnötige Drastik einfach konzeptionell so unangenehm sind, dass sie sich beim Zuschauer einbrennen. Szenen ohne Kleidung sind hier nicht sexy und dienen nicht der voyeuristischen Befriedigung des male gazes, sondern sind beklemmend, Menschen abwertend und objektifizierend, nie erstrebenswert. Das Verabreichen von Heroin ist keine trippige, psychdelische oder halbnackte Szene sondern tut beim Zusehen weh, auch weil der Kontext hier besonders perfide ist. Vom selbstzweckhaften „misery porn“ oder einer insgesamt unangenehmen Filmerfahrung distanziert sich Josef Wladykas Debütwerk trotzdem mit Leichtigkeit, denn dafür ist man als Zuschauer zu investiert in den Charakter und die Story, dafür ist die Inszenierung zu wertig, dafür ist der Soundtrack zu imposant, nervös und bedrohlich, Spannung verursachend. Wer aufgrund solcher Beschreibungen und einer Boxerin als Protagonistin jetzt viel Action erwartet oder ausgefeilte Straßenkampf-Konfrontationen, der liegt allerdings falsch.
 
 
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Konfrontationen gibt es wenige, aber die die es gibt sind kurz und schmerzhaft, nüchtern und realistisch. Das Editing ist unauffällig und routiniert, die Bildsprache ikonisiert teils die Protagonistin, wirkt aber nie zu künstlich. Und auch wenn der weitere Verlauf der Handlung dieses gerade einmal 78 Minuten kurzen Films recht schnörkellos verläuft und man keine großen Überraschungen erwarten darf – so reicht das bei einer derart humorlosen, gnadenlosen und geerdeten Inszenierung auch einfach aus, um mitzufühlen, mitzuleiden und sich auf die spannende Gradwanderung der Identifikation zu begeben. Denn auf wessen Seite man in welcher Szene ist, wen man noch nachvollziehen kann und wen nicht, das ist sicherlich eine kleine Diskussion wert. Das Finale zeigt dann noch einmal, fast schon frech grinsend, wo eben der Unterschied zwischen einem „Taken“, einem Hollywood-Actionfilm mit Klischeeeinlagen und dem typischen Ende, und einer so viel mehr Einschlagswucht und Unterschied machenden Produktion wie „Catch the Fair One“ liegt – Chapeau!
 
 


 
 
 

CATCH THE FAIR ONE – Fazit

 
 
7 Punkte Final
 
 
Rauer, realistischer, nüchterner und trotzdem äußerst spannender, effektiver Thriller mit starker Hauptdarstellerin.
 
 
 


 
 
 

CATCH THE FAIR ONE – Zensur

 
 
 
Da die FSK in der letzten Dekade auch bei der vorher oftmals so problematischen Selbstjustiz-Thematik etwas liberaler zu agieren scheint, wirkt eine FSK 16 für diesen Film wahrscheinlich.
 
 
 


 
 
 

CATCH THE FAIR ONE – Trailer

 
 


 
 
 

Alexander Brunkhorst

(Rechte für Grafiken liegen bei Memento Films International)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Peppermint: Angel of Vengeance (2018)
 
Colombiana (2011)
 
Hard Candy (2005)
 

Filmkritik: „Arboretum“ (2020)

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ARBORETUM

Story

 
 
 
Erik und Sebastian leben auf dem Dorf, sind gelangweilt und werden gemobbt. Ohne Hilfe zu erhalten oder wirkliche Alternativen zu sehen liebäugeln sie mit Rachegedanken, bevor die Realität sie einholt.
 
 
 


 
 
 

ARBORETUM – Kritik

 
 
 
So richtig kann eine grobe Ersteinschätzung ungesehener Filme doch sein: „Night Caller“ war wie zu erwarten als Genre-Allesgucker oder reiner Bildästhet vielleicht sehenswert, sonst aber eher zu vernachlässigen, „Offseason“ hingegen definitiv eine kleine Indieperle für Freunde genau solcher Atmosphären, aber auch kein wirklich gut geschriebener Film. Eine weitere Qualitätsstufe nach oben geht es dann mit dem deutschen Indie-Genrefilm „Arboretum“, der 2018 mit einem überschaubaren Team in Hessen abgedreht wurde und auf mutig eigensinnige Weise Genrestile mischt, die man so nicht häufig zusammen in einem Film sieht.
 
 
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Es beginnt mit lautem Rechtsrock der im Auto die Nachrichten übertönt während durch die ländliche Umgebung Deutschlands gefahren wird, danach stochert unser Protagonist in einem toten Vogel rum, den er auf der Straße findet und zu gedämpften Bässen fährt die Kamera verdächtig lange auf den Wald zu.
 
 

Kapitel I: Es war einmal in Thüringen

 
 
Erik und Sebastian, so die Namen unserer gepeinigten Protagonisten, zocken in Eriks Zimmer ein Prügelspiel und unterhalten sich über ihre gelangweilte Dorfexistenz, „Ich will dass irgendwas passiert, irgendwas Wichtiges, irgendwas Großes!“ heißt es dort, nur um danach auf dem lokalen Scheunenfest von unangenehm realistischen Mobbern schikaniert und wortwörtlich angepisst zu werden. Während der Szenen der Feier selber verwundert es massiv, dass scheinbar schales Bier ohne Schaum getrunken wird, auch überzeugt Niklas Doddo in der Rolle des jüngere, ungeduldigen, zweiten Protagonisten nicht immer, doch insgesamt kommt trotzdem eher der Eindruck eines hübschen und originellen Indiefilms auf, nicht der einer peinlichen deutschen Studentenproduktion.
 
 

„Ich bin nicht politisch, ich bin gelangweilt.“

 
 
Als Erik Nachts nach Hause kommt, steht sein Vater still in seiner alten NVA-Grenzkompanieuniform vorm Spiegel und begutachtet sich mit getrübten Blicken. Auch in der Schule geht das Mobbing durch Patrick und seinen Kollegen weiter, Erik verteidigt Sebastian indem er mit expliziten Gewaltfantasien abschrickt, melancholische E-Gitarren klingen an. In einer Kneipe unterhalten sich die beiden über mögliche Racheideen, danach verlässt „Arboretum“ das erste Mal die bodenständige und realistische Inszenierungsweise, da Erik im Spiegel des Baderaums eine Vision hat, dreckiges Wasser aus dem Hahn läuft, ihn weiße Augen aus der Dunkelheit eines Waldes anstarren.
 
 

„Schau sie dir an.“

 
 
Als Erik zurück kommt hat Elke, eine alte Bekannte von Sebastian, sich dazu gesellt und zu Sebastians Enttäuschung verstehen die beiden sich direkt äußerst gut. Elke ist Punkerin und lädt zu einer Feier in einem besetzten Haus ein, Erik ist natürlich direkt Feuer und Flamme, Sebastian sagt widerwillig zu. Während das Schauspiel dieser möglichst authentisch wirken müssenden, längeren Dialogszenen teils etwas ungleichmäßig ist, wissen Framing und Perspektive stets zu gefallen. Und während Sebastian allgemein kein Verständnis dafür zu haben scheint, dass Erik nun mit dieser Punkerin anbändeln will, sich als unpolitisch bezeichnet und beide Extreme verachtet, eifersüchtig ist – wenn auch nicht eindeutig ist, auf wen genau… – und frustriert in seinem Zimmer masturbiert, fängt Erik an flüsternde Stimmen zu hören und sieht einen Frosch in der Umkleidekabine, der ihn zu der Silhouette einer wartenden Baumgestalt führt.
 
 

„Folge mir.“

 
 
Einige Streitereien später überzeugt Erik seinen Freund dann doch noch ganz knapp, mit auf die Party zu kommen; auf der Party selber dann stürmt aber eine aggressive Gruppe Neo-Nazis samt Kampfhund den Raum und während gerade Erik und Elke, genannt Elli, sich retten können, wird ausgerechnet der unpolitische und unfreiwillig überhaupt Besucher seiende Sebastian aufs Übelste verprügelt, zumal Mobber Patrick und sein Bruder scheinbar Teil der Nazigruppe sind. Elli und Erik verhalten sich merkwürdig gelassen und albern herum, trotz des tragischen Vorfalls.
 
 

Kapitel II: Das Moor

 
 
Ohne auch nur eine Sekunde zu verschwenden startet Julian Richbergs Genrebiest nach einer griffigen Exposition also sowohl mit den Themen deutscher Vergangenheit, ihrer Bewältigung und Spuren, als auch dem Andeuten überatürlicher, symbolhaft zu verstehender Genreszenen und einer Gewaltspirale, deren Eskalation sowohl im Freundeskreis, als auch in der Schule, auf dem Dorffest oder in den eigenen vier Wänden zu spüren ist. Sebastian fragt seinen Großvater explizit wie es sich denn anfühlt Juden zu vergasen, nachdem ihn seine nahezu geschichtsrevisionistische, Fakten unter den Teppich kehrende, aber auch Mitleid mit ihrem kranken, alten Vater habende Mutter ihn derart gereizt hat mit ihrer Art, Erik macht derweil einen grausigen Fund und wacht blutverschmiert im Wald auf.
 
 

„Entweder du bist Nazi oder Punk oder Teil der willenlosen Schafe.“

 
 
Dass jeder dieser Stränge sich irgendwann zum Nachteil aller Beteiligten entladen wird ist dabei genau so klar, wie dass hier zugleich Gesellschaftsstudie, Kommentar zum politischen Klima Deutschlands, Coming-of-Age-und-Sozialdrama, Horrorfilm und arthousig metaphorisch erzählte Waldwesen-Szenen zu einem gerade einmal 76-minütigen Langfilmdebüt vermengt wurden, wie es eigentlich nur überambitioniert zu Boden fallen und fehlschlagen kann. Doch, siehe da: Es funktioniert. Denn auch wenn es ungewohnt und ggf. gar etwas trashig wirkt, wenn die unheilvollen Flüsterstimmen auf Deutsch statt Englisch ertönen, auch wenn das Kunstblut leider viel zu hell ist und einige Reaktionen oder Handlungen unserer Charaktere imo absolut unnachvollziehbar sind – allein der Mut, eine prinzipiell gerne auch mal mit erhobenem Zeigefinger handzahm und langweilig, öffentlich-rechtlich inszenierte Geschichte wie diese so frech, eigenartig und originell abzudrehen, verdient dickes Lob und vollsten Zuspruch.
 
 

Kapitel III: Die Schatten zwischen den Bäumen

 
 
Zugegeben, die Rolle der jungen Punkerin Elli, die natürlich eine anrüchige Vergangenheit hat in der Dinge „halt passiert“ sind und die sich natürlich geritzt hat, wirkt etwas zu klischeehaft und ohne weiteren Belang aus dem Leben gegriffen, Sebastians mehrfache Aussagen bezüglich der Radikalisierung auf dem Dorf sind auch etwas zu holzhammerhaft und offensichtlich geschrieben. Doch dass die beste der Genreszenen mir wirklich eine Gänsehaut zaubern konnte, die Gewalt hier stets schmerzhaft und realistisch rüberkommt und mir teils naheging, der Handlungsort authentisch und überzeugend ist und ich mich an diverse Meisterwerke ihres Genres erinnert gefühlt habe in den jeweiligen Szenen, inklusive idyllischer, natürlicher Flirtereien im Grünen, scheint ein Großteil von „Arboretum“ schon wirklich zu funktionieren.
 
 

Kapitel IV: Teenage Werwolf

 
 
Zu großen Teilen liegt das an Hauptdarsteller Oskar Bökelmann, den Kinofans vielleicht schon im Kriegsdrama „Land of Mine“ gesehen haben, aber auch viele der realistischen, trotzdem hübsch komponierten Bilder von Elias C.J. Köhler leisten ihren Beitrag dazu bei. Und sollte ein Zuschauer eine halbe Stunde vorm Abspann immer noch etwas im Dunkeln tappen was Leitthemen oder Hauptmotive des Films angeht, oder diese zumindest als zu kurz gedacht und trivial abstempeln, so zaubert Richbergs Script noch einen fast schon Haneke-esk inszenierten, durchaus cleveren kleinen subtextuellen Twist hin, bevor ein verdammt emotionaler, verbitterter, mitreißender Monolog folgt, der einen bis dato sehr zurückhaltend agierenden Schauspieler nochmal besonders auszeichnet.
 
 

„Du bist ein guter Kerl. Bleib ein guter Kerl.“

 
 

Letztes Kapitel

 
 

„Es ist soweit.“

 
 
Aus Spoilergründen bin ich schon lange nicht mehr auf die genauen Details der Handlung eingegangen, aber allein schon der Titel des letzten Kapitels könnte hier etwas vorwegnehmen. Die Ereignisse spitzen sich auf weder allzu originelle, noch vorhersehbare oder enttäuschende Weise zu, mit bitterer Konsequenz und mutigen letzten Sekunden. Dass sich die eine Metapher des Films wirklich noch ausbuchstabieren und übererklären muss zeigt zwar, wie wenig man dem deutschen Genrepublikum inzwischen noch zutraut, aber Lichtjahre entfernt vom nächsten „Heilstätten“ ist ein solcher Beitrag hier trotzdem und ich hoffe sehr, dass „Arboretum“ veröffentlichungstechnisch in Deutschland auch mindestens so wertig repräsentiert wird, wie seinerzeit „Der Nachtmahr“ – denn eine Entdeckung wert ist diese kleine Indie-Perle auf jeden Fall und ich hoffe schwer, dass sich zwischen Filmen wie diesem hier, Werken wie „Der Samurai“ und zum Beispiel „Luz“ ein neues, metaphorisch aufgeladenes, genretreues und doch originelles, sozial relevantes Genrekino für die nächste Generation finden lässt.
 
 
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ARBORETUM – Fazit

 
 
7 Punkte Final
 
 
Mutiges, kurzweiliges, spannendes deutsches Genrekino zwischen Donnie Darko und Elephant, Sozialdrama und Genrefilm, Gesellschaftsanalyse und Indie-Fingerübung, die jede Entdeckung und Sichtung wert ist.
 
 
 


 
 
 

ARBORETUM – Zensur

 
 
 
Auch wenn „Arboretum“ seine Brutalität größtenteils nicht zeigt oder überhaupt physisch gestaltet, dürften die ernsten Grundthemen und der Realismus hier für eine FSK 16 sorgen.
 
 
 


 
 
 

ARBORETUM – Trailer

 
 


 
 
 

Alexander Brunkhorst

(Rechte für Grafiken liegen bei Stadtfuchs Media)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Donnie Darko (2001)
 
Elephant (2003)
 
Der Samurai (2014)
 

Filmkritik: „Holy Shit! – Ach du Scheisse“ (2021)

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HOLY SHIT! – ACH DU SCHEISSE

Story

 
 
 
„Ach du Scheisse“ macht seinem Namen alle Ehren, denn für einen Architekten sieht die Lage wirklich scheiße aus, als er in einem Dixi-Klo eingesperrt ist und eine Sprengung kurz bevorsteht.
 
 
 


 
 
 

HOLY SHIT! – Kritik

 
 
 
Wenn man von einer Variante von „127 Hours“ in einem Dixi-Klo hört und der Titel des Filmes auch noch auf den Namen „Ach du Scheisse“ hört, dann rechnet man eigentlich felsenfest mit dem schlimmsten Trash überhaupt. Doch weit gefehlt! Im Langfilmdebüt von Lukas Rinker geht es zuweilen ganz schön ernst und spannend zur Sache. Damit geht „Ach du Scheisse“ völlig entgegen der Erwartungen. Das Ergebnis ist nicht frei von Fehlern, lässt sich aber wunderbar genießen und zeigt schon wieder: Der deutsche Genrefilm ist so langsam echt wieder brauchbar!
 
 
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Der Architekt Frank erwacht aus einem schönen Traum und wird sofort in die harte Realität geschmissen. Er steckt in einem abgeschlossenen, umgekippten Dixi-Klo fest und sein Arm wurde von einer langen Metallstange durchbohrt. So gibt es für den armen Frank kein Entkommen aus der ekeligen Situation. Von draußen hört er den Bürgermeister, der bei einer Versammlung stolz die heutige Sprengung eines Gebäudes ankündigt. Frank bleiben ungefähr 30 Minuten, um sich aus seiner tödlichen Situation zu befreien. Was auf dem Papier völlig aberwitzig klingt, wird einem im Film erstaunlich glaubwürdig herüber gebracht. Die Situation wirkt wirklich bedrohlich und gefährlich, nebenbei auch immer ein wenig abstoßend. Dass die Prämisse eigentlich reichlich absurd ist, bemerkt man so als Zuschauer gar nicht mal so sehr, wie man das hätte erwarten dürfen. Dieser Punkt geht schon mal an das Drehbuch, welches gut geschrieben wurde. Rinker war für dieses selbst zuständig und er baut immer wieder genügend Ideen ein, damit das Szenario aufregend bleibt, selbst wenn die Auflösung, wie es zu der Situation gekommen ist, nicht gerade unvorhersehbar gestaltet wurde.
 
 
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Filme wie „127 Hours“ oder „Buried“ haben bewiesen, dass ein begrenzter Schauplatz funktionieren kann, wenn die Inszenierung kreativ genug ist. Und so holt auch Rinker aus diesem minimalen Spielraum das Maximum heraus. Die Inszenierung ist verspielt, erlaubt sich immer wieder kleine Freiheiten, bleibt dabei aber stets konsequent. Obwohl man im späteren Verlauf doch noch etwas von der Außenwelt zu sehen bekommt, spielt sich der gesamte Film nämlich wirklich nur im Dixi-Klo ab. Handwerklich ist das schon ordentlich gestaltet und Rinker versteht es gut die Spannungsschraube anzuziehen. Die Situation wird immer auswegloser und wenn man bereits denkt, dass es das nun aber gewesen sein muss, kommt die nächste kleine Wendung daher.
 
 
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Wer Trash erwartet, bekommt diesen nur bedingt, denn überwiegend gibt sich „Ach du Scheisse“ überraschend ernst. Der Zuschauer kann schon mit Frank mitleiden, denn seine Schmerzen wirken real und wenn seine verzweifelten Versuche, sich aus der Lage zu befreien, immer wieder schiefgehen, dann ist das schon deprimierend. Allerdings wechselt der Ton im Finale dann ziemlich abrupt und plötzlich wird es völlig abgefahren. Da fühlt man sich schon etwas an einen Fun-Splatter erinnert. Die Mischung wirkt nicht wirklich rund, aber sie macht den Film auf jeden Fall noch abwechslungsreicher. Sowieso wird immer mal eine kleine Portion Humor mit ins Geschehen eingebaut, was allerdings nicht sonderlich gut gelungen ist. So wirkt der sprechende Klodeckel doch eher peinlich, aber über Humor lässt sich eben nicht streiten. Es wird bestimmt auch ein Publikum geben, welches diese Szenen gut findet. Genauso wie vielleicht manch einer den kleinen Auftritt von Micaela Schäfer abfeiern wird. Darüber lässt sich dann vielleicht aber doch schon wieder eher streiten.
 
 
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Am besten ist „Ach du Scheisse“ trotzdem immer dann, wenn er sich im ernsten Modus befindet und spannende Unterhaltung serviert. Und das ist zum Glück größtenteils der Fall. Da vergehen die 90 Minuten Laufzeit schon ziemlich flott und den begrenzten Schauplatz bekommt man niemals negativ mit. Nur zum Ende will Rinker nicht so richtig auf den Punkt kommen und zieht das Szenario unnötig in die Länge. Da hätten es ein paar Minuten weniger auch gebracht. Es ist allerdings nicht schwer zu erkennen, warum Rinker das so geschrieben hat, eben weil er hier noch eine ordentliche Portion Splatter unterbringen wollte. Dieser kann sich sehen lassen und ist ganz schön blutig ausgefallen. Während die meisten Szenen sehr übertrieben wirken, ist der Moment mit Frank und der Metallstange jedoch reichlich schmerzhaft zu beobachten. Schön ist zudem, dass die Effekte von Hand stammen und bestens aussehen.
 
 
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Bleiben zum Schluss noch ein paar Worte zu den Darstellern zu sagen, von denen es hier, logischerweise, nicht besonders viele zu sehen gibt. Die einzige Hauptrolle übernimmt Thomas Niehaus als der Architekt Frank. Er hat hier mit Abstand am meisten zu tun und spielt seine Rolle gänzlich glaubwürdig und sympathisch. Allerdings wird ihm schon ein paar Male die Schau gestohlen, nämlich immer dann, wenn der Bürgermeister Horst vorbeischaut. Gedeon Burkhard spielt diesen maßlos übertriebenen Bösewicht einfach genial und seinem Dialekt zu lauschen, macht alleine schon viel Spaß. Das grenzt an Overacting, doch das passt perfekt zur Rolle. Die weiteren, wenigen Darsteller übernehmen nur kleine Nebenrollen, wirken jedoch passabel. Und die Figurenzeichnung ist zwar reichlich flach, dafür aber markant genug, um nicht gleich wieder vergessen zu werden.
 
 


 
 
 

HOLY SHIT! – Fazit

 
 
7 Punkte Final
 
 
„Holy Shit! – Ach du Scheisse“ ist schon ein kurioses Werk, welches viel ernster und spannender ausgefallen ist, als man bei der Inhaltsangabe hätte vermuten dürfen. Der Trash-Fan guckt dennoch nicht gänzlich in die Röhre, denn im letzten Drittel wird es doch noch sehr übertrieben, splatterig und abgefahren. Auch wenn beide Tonarten nicht wirklich zueinander passen wollen, wird somit für Abwechslung gesorgt. Zwar ist der Humor überwiegend ziemlich doof ausgefallen und das Finale wirkt zu lang gezogen, aber das ändert nichts daran, dass man hier gute Unterhaltung serviert bekommt. Zwei tolle Darsteller, ein herrlich fieser Bösewicht, ein paar sehr blutige Splatter-Momente und ein solider Score runden das Ergebnis gelungen ab. Also bloß nicht vom bescheuerten Titel und der absurd klingenden Handlung abschrecken lassen, denn ansonsten verpasst man einen herrlich unperfekten und echt gut gemachten Film aus Deutschland!
 
 
 


 
 
 

HOLY SHIT! – Zensur

 
 
 
„Holy Shit! – Ach du Scheisse“ hat ein paar deftige Momente zu bieten, in denen reichlich Blut spritzt. Diese wirken aber sehr übertrieben. Wenn die FSK das alles nicht so ernst und mit Humor nimmt, könnte eine Freigabe ab 16 Jahren herauskommen. Die ist auch berechtigt. Dennoch könnte es aber auch eine Freigabe ab 18 Jahren werden. Wir sind gespannt, ob die FSK einen guten Prüftag haben wird.
 
 
 


 
 
 

HOLY SHIT! – Trailer (Ein offizieller Filmtrailer existiert noch nicht!)

 
 


 
 
 

Benjamin Falk

(Rechte für Grafiken liegen bei Neopol-Film | The Playmaker)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
127 Hours (2010)
 
Buried – Lebend begraben (2010)
 

Filmkritik: „Hall“ (2020)

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HALL

Story

 
 
 
Als in einem Hotel eine scheinbar tödliche Seuche ausbricht, muss eine Mutter mit ihrer Tochter ums Überleben kämpfen.
 
 
 


 
 
 

HALL – Kritik

 
 
 
Wahrscheinlich kann niemand mehr Worte wie Kontaktbeschränkung, Pandemie oder gar Corona hören, aber bei einem Film wie „Hall“ macht es schon Sinn, diese mal kurz in den Raum zu werfen. Immerhin handelt es sich hierbei um einen Seuchenhorrorfilm, der allerdings laut Regisseur noch vor der Corona-Pandemie gefilmt wurde. Ob man so etwas momentan braucht, muss jeder für sich selbst entscheiden; eine Daseinsberechtigung besitzt „Hall“ aber auf jeden Fall, da er ziemlich gut gemacht wurde.
 
 
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Val kommt mit ihrem Mann Branden und ihrer kleinen Tochter Kelly in einem Hotel unter. Kelly ist auch der einzige Grund, weshalb Val noch mit ihrem gewalttätigen Mann zusammen ist, doch der Entschluss rückt immer näher, dass sie Branden verlassen wird. Die Entscheidung wird Val nicht schwer gemacht, denn plötzlich bricht eine unbekannte Seuche im Hotel aus, welche die Menschen schlagartig außer Gefecht setzt. Nur Val und Kelly scheinen nicht davon betroffen zu sein, stecken aber dennoch in großer Gefahr. Die Geschichte ist sehr simpel und bedarf nicht vieler Erklärungen. Am Ende kann man zwar fast kurz der Auffassung sein, dass die Seuche nur als Metapher für eine vergiftete Ehe stand, aber darum geht es dann wohl eher doch nicht. Dafür tendieren die Anzeichen einfach zu sehr in die andere Richtung. Trotzdem bleibt das Ende relativ offen und deutet etwas an, was der Zuschauer dann nicht mehr erfahren wird. Und das ist eigentlich auch ein bisschen schade, denn die einfache Handlung reizt ihr Potenzial selten so richtig aus.
 
 
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Regisseur Francesco Giannini, der zuvor nur Kurzfilme drehte, manchmal aber auch als Darsteller in Filmen auftaucht, geht es aber scheinbar sowieso eher um den Minimalismus. „Hall“ zelebriert diesen ziemlich konsequent und deshalb sollte man sich schon mal auf keine spektakuläre Unterhaltung gefasst machen. Da darf man auch mal minutenlang beobachten, wie eine kranke Person über den Boden kriecht. Manchmal übertreibt es Giannini damit etwas, doch insgesamt hat er seine Sache sehr stilsicher gemacht. Das Hotel funktioniert als einziger Schauplatz ganz ordentlich, selbst wenn die größten Schauwerte ausbleiben und die langsamen Kamerafahrten machen etwas her. Die eigene Handschrift muss Giannini sicherlich noch etwas ausarbeiten, denn zu viele Stil-Elemente kommen einem bereits bekannt vor, aber Potenzial ist durchaus vorhanden. Das lässt sich auch von der Atmosphäre behaupten. Es ist schon erstaunlich mit welch simplen Mitteln in „Hall“ eine nahezu apokalyptische Stimmung entsteht. Und obwohl hier überhaupt nichts Übernatürliches mit im Spiel ist, geht es manchmal sogar etwas gruselig zur Sache. Auf jeden Fall ist die Atmosphäre komplett düster und ernst. Feel-Good-Unterhaltung sieht absolut anders aus!
 
 
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Die Darsteller erledigen ihre Sache insgesamt völlig brauchbar, wobei es nicht gerade viele von ihnen zu sehen gibt. Carolina Bartczak spielt die einzige Hauptrolle und wirkt authentisch, Yumiko Shaku bringt ihre körperlichen Leiden reichlich glaubwürdig herüber und Mark Gibson besitzt ebenfalls ein paar ordentliche Momente. Von Julian Richings ist leider so gut wie nichts zu sehen. In nur einer Szenen taucht er mal kurz auf. Die kleine Bailey Thain spielt für ihr Alter auch ganz ansprechend. Besonders anfangs lebt „Hall“ noch von Dialogen und hier atmet der Film noch ein wenig die Luft eines Beziehungsdramas. Die Figurenzeichnung besitzt zwar nichts Besonders, funktioniert aber ausreichend. Nur mit der Glaubwürdigkeit hapert es dann schon manchmal. Jedenfalls ist es wenig nachvollziehbar, dass eine Mutter ihre Tochter, die sie selbst weg geschickt hat, in einer solchen Situation nicht sofort energischer sucht. Solche „Fehler“ tragen jedoch nicht zu viel Gewicht und stören den Filmgenuss kaum.
 
 
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In den Genuss kommt man allerdings nur, wenn man weiß, worauf man sich hier einlässt. Man muss die Langsamkeit schon mögen und sollte nicht viel Action erwarten, in der Seuchen-Zombies Jagd auf Menschen machen. Von den Infizierten geht nämlich rein körperlich kaum eine Gefahr aus und trotzdem schafft es „Hall“ immer wieder für Bedrohung zu sorgen. Dies geschieht auch mit Hilfe von ein paar Halluzinationen und einem wirklich fiesen Schockeffekt. Obwohl das Ganze nur 80 Minuten Laufzeit besitzt, hat der Film schon seine kleinen Längen, besonders in der ersten Hälfte. Dafür gibt es hingegen auch eine gute Portion Spannung und der eindringliche Score verstärkt die Atmosphäre gekonnt. Viele Effekte sollte man übrigens nicht erwarten und die vorhandenen sind auch eher simpler Natur. Brutal geht es dabei überhaupt nicht zur Sache. Es gibt nur eine blutige Szene und diese ist sogar reichlich unnötig.

 
 


 
 
 

HALL – Fazit

 
 
6 Punkte Final
 
 
„Hall“ ist ein interessantes Werk, welches eigentlich überhaupt keine besonderen Zutaten besitzt, kurioserweise aber genau damit besticht. Die Handlung hätte ab und an etwas konkreter sein dürfen, nicht jede langsame Szene hätte man so sehr zelebrieren müssen und nicht jede Handlung der Figuren wirkt völlig nachvollziehbar und trotzdem ist es vor allen Dingen die Atmosphäre, die zu fesseln vermag. „Hall“ ist düster, grimmig und auf minimalistische Art apokalyptisch. Die Darsteller spielen gut und die handwerkliche Arbeit weiß zu überzeugen. Nun ist das nicht gänzlich kurzweilig und spektakuläre Unterhaltung sollte man sich hiervon nicht versprechen, aber es kommt im Endeffekt doch eine gute Portion Spannung auf und das Ergebnis ist auf jeden Fall sehenswert!
 
 
 


 
 
 

HALL – Zensur

 
 
 
Abgesehen von einigen Make-up-Effekten hat es nur eine blutige Szene in den Film geschafft. Diese ist zweifelslos nicht harmlos. Dennoch dürfte selbst die nichts daran ändern, dass „Hall“ eine Freigabe ab 16 Jahren von der FSK erhalten wird.
 
 
 


 
 
 

HALL – Trailer

 
 


 
 
 

Benjamin Falk

(Rechte für Grafiken liegen bei Franky Films)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Perfect Sense (2011)
 
Carriers (2009)
 
The Crazies – Fürchte deinen Nächsten (2010)

Filmkritik: „Slapface“ (2022)

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SLAPFACE

Story

 
 
 
Als wäre das Leben von zwei Brüdern nach dem Tod der Eltern nicht schon schwer genug, kommt auch noch ein dunkles Wesen aus dem Wald mit dazu.
 
 
 


 
 
 

SLAPFACE – Kritik

 
 
 
Indie-Filme sind wohl so ziemlich in allen Bereichen immer sehr gefragt, denn wenn Filmemacher ihr eigenes Ding durchziehen können, das nicht darauf aus ist möglichst viele Einnahmen zu machen, ist das Ganze einfach deutlich interessanter. Besonders interessant wird es, wenn es bei Indie-Produktionen in den Horrorbereich geht, weil Horrorfilme in der Regel doch ganz gerne konventionell erscheinen. „Slapface“ ist ein solcher Indie-Horrorfilme, der eigentlich mehr Drama darstellt, aber die übernatürliche Komponente nutzt, um dieses intensiver zu gestalten.
 
 
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Lucas und Tom haben ihre Eltern bei einem Autounfall verloren. Seitdem ist das Leben nicht mehr das, was es einst war. Besonders Lucas kommt kaum noch klar und wird zusätzlich regelmäßig Opfer von Mobbing. Sein älterer Bruder Tom ist dem Alkohol verfallen und wenn es mal wieder etwas zu regeln gibt unter den Brüdern, wird das Spiel Slapface gespielt. Eines Tages macht Lucas in einer Ruine im Wald jedoch eine anfangs erschreckende Entdeckung. Hier haust ein dunkles Wesen, welches jedoch scheinbar gerne mit dem Jungen befreundet wäre. Dies soll fatale Konsequenzen mit sich tragen. Wenn Kinder auf übernatürliche Wesen treffen, ist das sicher nichts, was man nicht schon etliche Male gesehen hat. Auch eine dramatische Coming-of-Age-Geschichte mit einzubauen, klingt jetzt erst mal wenig originell. „Slapface“ besteht eigentlich lediglich aus Zutaten, die man bereits gut kennt, verbindet diese jedoch auf seine eigene Art und Weise. Obwohl das Ergebnis trotzdem nicht gerade originell ist, besitzt das Drehbuch eine gewisse Eigenständigkeit. Dabei ist es vor allen Dingen das Ende, welches das Publikum spalten dürfte. Hier wird einem nämlich keine klare Antwort präsentiert und ein Interpretationsfreiraum bleibt vorhanden. Das Problem: So richtig stimmig wirkt keine Erklärung, die man sich zusammenreimen kann und das sorgt dann schon für kleine Abzüge.
 
 
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Regisseur und Drehbuchautor Jeremiah Kipp hat diesen Stoff bereits vor ein paar Jahren schon mal als Kurzfilm umgesetzt und ist sowieso am ehesten mit Kurzfilmen unterwegs, von denen er schon etliche gedreht hat. Erfahrung hat der Mann hinter der Kamera also und das merkt man „Slapface“ durchaus an. Dabei ist es vor allen Dingen der Minimalismus, der das Geschehen so effektiv macht. Hier gibt es kaum Effekte zu betrachten und die Kulissen sind schlicht. Trotzdem hat man ein paar eindrucksvolle Bilder hervor gezaubert und allgemein ist das handwerklich sehr stilsicher gemacht. Das bemerkt man auch an der Atmosphäre, die hier entsteht. Es braucht eine Weile, bis sich diese entfalten kann, doch wenn man sich auf das Szenario einlässt, wird man irgendwann von ihr gefesselt. Es ist vor allen Dingen das Drama, welches gut funktioniert, welches eine gewisse Trostlosigkeit versprüht und betroffen machen kann. Die Horror-Elemente sind da nur ein netter Zusatz. Hier braucht man keine billigen Jumpscares zu befürchten. Auch der Horror entfaltet sich nur langsam.
 
 
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Genau diese Langsamkeit macht „Slapface“ allerdings auch ein bisschen anstrengend. Man braucht schon Geduld für den Film, der sich trotz seiner relativ kurzen Laufzeit von nur 85 Minuten niemals so richtig kurzweilig anfühlt. Besonders die erste Hälfte wirkt nahezu schleppend, lässt keine Spannung aufkommen und ist fast etwas zu ereignislos. Trotzdem sind schon hier Szenen vorhanden, die Neugierde aufkommen lassen und wenn man am Ball bleibt, wird man belohnt. Nicht, weil es hinterher viel actionreicher zur Sache gehen würde, sondern weil sich das Geschehen gekonnt aufbaut und somit im Endeffekt auch stets unterhaltsamer wird. Das kleine Finale bietet dann doch noch ein paar Effekte mehr und nach dem sehr offenen Ende denkt man noch etwas über das Gesehene nach. Ein Zeichen dafür, dass „Slapface“ irgendetwas richtig gemacht haben muss. Richtig gut ist übrigens auch der Score, der effektiv eingesetzt wird.
 
 
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Ansonsten lebt der Film unbedingt noch von seinen beiden Hauptdarstellern. Die Leistung von Mike Manning ist ja schon echt ordentlich, wird aber definitiv noch von der von August Maturo getoppt. Das Spiel des damals 14-jährigen ist eindringlich und echt intensiv. In den recht überschaubaren Nebenrollen wissen ansonsten noch Mirabelle Lee und Libe Barer zu überzeugen, doch der Fokus liegt hier schon deutlich auf den beiden Hauptdarstellern. Da diese so ordentlich abliefern, ist es auch schön, dass man sich bei der Figurenzeichnung Gedanken gemacht hat, denn die Charaktere wirken niemals zu künstlich und besitzen ihre Tiefe. So funktioniert das Drama natürlich auch gleich noch mal deutlich besser.

 
 


 
 
 

SLAPFACE – Fazit

 
 
7 Punkte Final
 
 
„Slapface“ erfindet das Rad nicht neu, besteht aus bekannten Zutaten und braut sich daraus seinen eigenen Mix aus Coming-of-Drama und Horrorfilm zusammen. Das Ergebnis lebt von einer trostlosen, packenden Atmosphäre und wird von zwei hervorragenden Hauptdarstellern getragen. Leider wirkt das offene Ende nicht komplett durchdacht, da die verschiedenen Lösungsansätze es sich entweder zu einfach machen würden oder aber keinen echten Sinn ergeben. Somit bleibt trotzdem ein Werk, über welches man sich Gedanken machen kann. Dass es dabei sehr langsam und minimalistisch zur Sache geht, macht den Unterhaltungswert alles andere als optimal, aber wenn man sich auf den ruhigen Ton einstellt, wird man am Ende doch mit einer fesselnden Stimmung belohnt, die einen mehr und mehr in ihren Bann zieht. Handwerklich ist das geschickt gemacht, der Score klingt bestens und somit kann man eine Empfehlung an alle aussprechen, die es gerne etwas unspektakulärer haben!
 
 
 


 
 
 

SLAPFACE – Zensur

 
 
 
„Slapface“ bietet nur wenig grafische Gewalt. Daher dürfte der Streifen von der FSK eine Freigabe ab 16 erhalten.
 
 
 


 
 
 

SLAPFACE – Trailer

 
 


 
 
 

Benjamin Falk

(Rechte für Grafiken liegen bei Tiberius Film)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
The Devil’s Backbone (2001)
 
I Am Not a Serial Killer (2016)
 
Our House (2018)
 

Filmkritik: „Aporia“ (2019)

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APORIA

Story

 
 
 

„Aporia“ zeigt den Überlebenskampf von zwei Menschen, die sich erst gegen ihre Entführer behaupten und danach aus einer Grube entkommen müssen.

 
 
 


 
 
 

APORIA – Kritik

 
 
 
Horror aus Aserbaidschan steht nun ganz sicher nicht auf dem Tagesprogramm von Genre-Liebhabern. Man durfte also durchaus auf „Aporia“ gespannt sein. Dabei liefert Regisseur Rec Revan einen Genre-Mix ab, der von seinen einzelnen Zutaten her sicher kaum originell erscheint, in seiner Mixtur aber eigenständig genug wirkt, um dem Zuschauer ansprechende Kost servieren zu können.
 
 
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Arvin und Ejla befinden sich mit anderen Menschen auf der Ladefläche eines Trucks. Allesamt wurden entführt und geheimnisvollen Tests unterzogen. Keiner weiß, wie es nun weitergehen wird. Für Arvin ist klar, dass nur eine Flucht Überleben bedeuten kann. Und so gelingt es ihm zusammen mit Ejla auch den sadistischen Entführern zu entkommen. Doch auf der Flucht stürzen beide in eine tiefe Grube, aus der es kein Entkommen mehr zu geben scheint. Und nicht nur die Natur wird nun zum Feind. Auch die geheimnisvollen Tests sollen zur Gefahr werden. Das Drehbuch, welches Revan selbst schrieb, lebt vor allen Dingen von seinen verschiedenen Zutaten, die einzeln allesamt schon etliche Male da waren, in dieser Kombination jedoch frisch erscheinen. Unschuldige Opfer, die wegen irgendwelchen Tests der Regierung nach dem Tod nicht richtig tot bleiben wollen, erinnern sofort an Zombies und wenn zwei Menschen sich aus einer Falle befreien müssen, fühlt man sich an „127 Hours“ oder „Buried“ erinnert. Um das Warum geht es „Aporia“ dabei eher weniger. Man ist anfangs so schlau, wie alle Opfer und wird einfach in dieses Szenario hineingeschmissen und daran ändert sich im weiteren Verlauf auch nichts. Erklärungen sind bei der relativ simplen Grundprämisse jedoch gar nicht zwangsläufig nötig.
 
 
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Über die Darsteller kann man sich nicht beklagen. Sind es anfangs noch einige, inklusive eines richtig schön fiesen Bosses, schrumpft die Anzahl schon bald auf zwei. Dann sind fast nur noch Perviz Ismayilov und Aysel Yusubova als Arvin und Ejla zu sehen. Beide machen ihre Sache solide und können den Film schon ganz gut tragen. Die Figurenzeichnung gibt sich mit Erklärungen so bedeckt, wie auch die Handlung. Dass man anfangs nichts über die beiden Hauptcharaktere erfährt, macht schon Sinn, doch im weiteren Verlauf wäre es nicht verkehrt gewesen, wenn man geklärt hätte, in welchem Verhältnis die Beiden denn nun wirklich zueinander stehen. Da werden nämlich stets nur Andeutungen gemacht. Trotzdem wirken diese beiden Figuren sympathisch genug, um mit ihnen Mitfiebern zu können. Schön ist auch, dass sie sich niemals zu dämlich verhalten.
 
 
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Dass Regisseur Rec Revan sein Handwerk versteht, bemerkt man ziemlich schnell, selbst wenn der Mann zuvor nur zwei Kurzfilme realisierte. Bereits die ersten Bilder werden eindrucksvoll eingefangen und die Inszenierung wirkt überwiegend überraschend hochwertig. Selbst wenn der Spielraum hinterher sehr begrenzt ist, gelingt es dem Regisseur für genügend Dynamik in diesem Szenario zu sorgen, auch wenn „Aporia“ zwischenzeitlich die Luft auszugehen droht. Dass es sich hier um einen günstigeren Film handelt, sieht man ihm negativ eigentlich nur dann an, wenn es CGI-Blut zu betrachten gibt. Und dies ist gerade am Anfang leider oftmals der Fall. Damit kann man jedoch leben, was auch an der dichten Atmosphäre liegt. Diese ist von Anfang bis Ende düster, hoffnungslos und absolut ernst. Humor sucht man vergebens und an ein Happy End wagt man kaum zu glauben. Über weite Strecken ist das ein schonungsloser Survival-Thriller, der aber eben immer mal wieder mit einer kleinen Portion Horror dient und schon alleine deshalb abwechslungsreich erscheint.
 
 
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Dabei überrascht gerade am Anfang das hohe Tempo. Ohne Einleitung geht es direkt los und nach spätestens zehn Minuten ist auch die Gangart geklärt, denn zimperlich geht „Aporia“ mit seinen Figuren definitiv nicht um. Das enorm hohe Tempo wird erst nach einer knappen halbe Stunde so langsam gedrosselt und dann hat der Film leider auch mit ein paar Längen zu kämpfen, was im Endeffekt jedoch nicht so schlimm ist. Während der mittlere Teil ein wenig vor sich hin plätschert, wird es im letzten Drittel noch mal reichlich effektiv. Das besitzt doch einige Spannungs-Elemente, die gekonnt arrangiert wurden. Auch an Action-Momenten mangelt es nicht, obwohl es überwiegend schlicht und simpel zur Sache geht. Bei einer Laufzeit von sowieso nur 86 Minuten (mit Abspann) ist für Langeweile also kaum Platz. Und ein paar deftige Gewaltausbrüche gibt es nebenbei ebenfalls noch zu bewundern. Wurden die Effekte von Hand gemacht, können sich diese echt sehen lassen. Der Score erfüllt seinen Zweck sehr solide und begleitet das Geschehen passend, hätte jedoch nicht nahezu auf Dauerschleife laufen müssen.
 
 


 
 
 

APORIA – Fazit

 
 
7 Punkte Final
 
 
„Aporia“ stellt einen gelungenen Mix aus knallhartem Survival-Thriller und Horrorfilm dar. Die Handlung ist simpel, lebt jedoch von dieser Mischung und hält sich erst gar nicht mit Erklärungen auf. Das sorgt für ein anfangs rasend hohes Tempo, welches so vielversprechend ist, dass der Rest dieses hohe Niveau nicht ganz halten kann. Trotzdem gibt es genügend spannende Szenen, die allesamt ordentlich inszeniert wurden. Die Regie hat also ganze Arbeit geleistet, die Darstellerleistungen sind ebenfalls solide und den Ballast einer Figurenzeichnung braucht hier wohl sowieso niemand. Das CGI-Blut sieht mies aus, doch der Rest macht optisch etwas her und die Atmosphäre könnte böser wohl kaum sein. Selbst wenn sich im mittleren Teil ein paar Längen eingeschlichen haben, überrascht dieses Werk aus Aserbaidschan mit wirklich ordentlicher Qualität und ein paar echt brutalen Momenten!
 
 
 


 
 
 

APORIA – Zensur

 
 
 
Gewalt steht nicht im Vordergrund. Aber gerade das erste Drittel ist thematisch äußerst derb und ein paar Gore-Einlagen fehlen nicht. Wenn die FSK keinen großzügigen Tag hat, könnte „Aporia“ ein 18er-Kandidat werden.
 
 
 


 
 
 

APORIA – Trailer

 
 


 
 
 

Benjamin Falk

(Rechte für Grafiken liegen bei Media Move)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Buried – Lebend begraben (2010)
 
Dawn of the Dead (1978)
 
Crazies (2010)
 

Filmkritik: „Slumber Party Massacre“ (2021)

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SLUMBER PARTY MASSACRE

Story

 
 
 

Der Driller Killer ist zurück und darf auch im Jahre 2021 eine Pyjama-Party von jungen Mädels stören.

 
 
 


 
 
 

SLUMBER PARTY MASSACRE – Kritik

 
 
 
Im nicht enden wollenden Remake-Reboot-Fortsetzungs-Wahn trifft es irgendwann wohl jeden Streifen mal. „Slumber Party Massacre“ entstand 1982 zur Blütezeit des amerikanischen Slashers, besitzt heutzutage einen gewissen Kultstatus, gilt aber sicherlich nicht als großer Klassiker des Subgenres. Dabei war er ursprünglich mal als feministische Parodie auf den Slasher geplant, hatte eine Regisseurin und eine Drehbuchautorin und alleine dies war zumindest damals echt unüblich. Doch das Projekt lag zwischenzeitlich auf Eis und von der ursprünglichen Idee war am Ende wohl nicht mehr so viel übrig, weshalb ein ziemlich normaler Slasher entstand, der sich wohl am ehesten damit auszeichnen kann, dass er die Grenzen von freiwilliger und unfreiwilliger Komik verschwimmen ließ. In den Jahren danach kam es noch zu zwei Fortsetzungen, von denen nur die erste noch einigermaßen sehenswert war. Und jetzt, da ja sowieso alles, was mal nur ein wenig bekannt war, neu aufgesetzt wird, trifft es auch „Slumber Party Massacre“ mit einem Remake.
 
 
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Interessant ist dabei die Tatsache, dass erneut eine Regisseurin und eine Drehbuchautorin das Werk realisierten und was ihr Plan war, ist nicht schwer zu erkennen. Scheinbar wollte man nun die Version drehen, die damals mit hoher Wahrscheinlichkeit in ähnlicher Art und Weise bereits geplant war. Das heißt, man bekommt es mit einer feministischen Version eines Slashers zu tun und dieses Mal wurde das auch konsequent umgesetzt. Da schwenkt die Kamera auf nackte Männerhaut, wie sie es sonst im Slasher wohl eher bei weiblichen Protagonisten machen würde. Plötzlich dürfen die Männer eine Kissenschlacht veranstalten und die Frauen bekleiden durchweg starke, kämpferische Figuren. Dieses Spiel mit Geschlechter-Klischees und allgemein mit Klischees des Horrorfilms, speziell vom Slasher, bringt schon ein paar amüsante Ansätze mit sich, doch das alleine reicht natürlich noch nicht für einen guten Film aus. Also was taugt der Rest?
 
 
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Zu der Handlung an sich braucht man wohl nicht viele Worte zu verlieren. Jeder, der nur einen Slasher in seinem Leben gesehen hat, kann sich bei den Worten „Hütte“, „Pyjama-Party“ und „Killer“ wohl genau denken, wie das Ganze aussehen wird. Und so macht es auch erst mal den Anschein, nachdem man einen kleinen Rückblick in die Vergangenheit hatte. Hier überlebt Trish als einzige die Attacken des Driller Killers Russ Thorn. 30 Jahre Später hat sie selbst eine Tochter, die sich auf einem Mädelstrip befindet. Doch das Auto hat eine Panne und so kommt man in einer Hütte im Wald unter. Und natürlich ist Russ nicht, wie von allen vermutet, tot, sondern er will auch weiterhin fleißig junge Frauen mit seiner überdimensionalen Bohrmaschine killen.
 
 
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Selbst wenn man es zu schätzen weiß, dass 80er-Jahre-Slasher fast immer nach dem fast selben Schema verlaufen, geht „Slumber Party Massacre“ von 2021 völlig eigene Wege. Mit dem Original hat der Film kaum noch etwas zu tun, höchstens anfangs. Es dauert nur eine halbe Stunde, bis der erste Twist herausgehauen wird, der das Geschehen in ein völlig neues Licht wirft. Doch damit hat das Drehbuch sein Pulver noch nicht verschossen, denn hinterher folgt eine weitere, große Wendung. Das ist alles kaum vorhersehbar und spielt mit den Regeln des Genres. So ein bisschen Meta-Ebene wird dadurch ebenfalls erreicht. Diese ganzen verspielten Ideen machen die Story auf jeden Fall sehenswert und hochwertiger, als man sie von einem Slasher erwarten dürfte.
 
 
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Die Darsteller agieren allesamt solide, können das hohe Niveau des Drehbuchs jedoch nicht halten. Am Anfang nerven ein paar der Frauenfiguren, doch im weiteren Verlauf stellt sich dies zum Glück ein. Mit den Leistungen kann man in diesem Bereich durchaus leben, wobei das Original hier mehr Charme zu bieten hatte. Auch der Killer kam dort besser herüber. Sowieso ist die Figurenzeichnung kein Highlight von „Slumber Party Massacre“. Dies bei einem Slasher zu schreiben ist zwar eigentlich überflüssig, doch gerade weil man es doch anders machen wollte, wäre es schön gewesen, wenn hier ein paar mehr Sympathieträger vorhanden gewesen wären. Die meisten Frauenfiguren wirken dann aber doch belanglos und so richtig markant will hier keiner herüberkommen, weshalb hier, wie üblich für das Genre, die größte Schwäche liegt.
 
 
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Diese kann Regisseurin Danishka Esterhazy jedoch mit ihrer gelungenen Inszenierung wieder gut machen. Esterhazy hat schon so einige Dinge gedreht und hat selbst im Horrorbereich schon Erfahrungen gesammelt. Beim Slasher hat sie ihre Hausaufgaben scheinbar ebenfalls gemacht. Obwohl sich das Geschehen ganz anders entwickelt, als man anfangs vermuten darf, gibt es nämlich trotzdem noch genügend konventionelle Momente, die man genau so auch haben möchte. Außerdem gibt es ein paar hübsch versteckte Anspielungen auf die Original-Reihe, die man natürlich nur entdecken kann, wenn man diese bereits gesehen hat. In Deutschland werden das wahrscheinlich nicht so viele sein, weil diese Reihe noch immer nicht in deutschem Ton veröffentlicht wurde. Für die Sichtung von der 2021er Version ist das aber auch absolut nicht notwendig. Auch so kann man seinen Spaß mit der gänzlich anderen Herangehensweise haben.
 
 
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Bei den ganzen Wendungen kann innerhalb der 87 Minuten Laufzeit gar keine Langeweile aufkommen. Immer wenn man sich fragt, was denn jetzt noch kommen soll, geht es überraschend weiter und am Ende wird das alles sogar relativ schlüssig aufgeklärt. Von Spannung kann hier zwar keine Rede sein, aber das ist ja sowieso eher selten der Fall beim Slasher. Dafür lebt das Treiben von Tempo und einer guten Portion Action. Und selbstverständlich darf der Splatter nicht fehlen. „Slumber Party Massacre“ hat schon einige deftige Momente zu bieten und ist natürlich deutlich derber, als das Original. Die Effekte sind nicht immer alle großartig, stammen aber meistens von Hand und sehen solide aus. Außerdem machen sie Spaß. Dieser steht sowieso an erster Stelle. Zu ernst nimmt sich das Ganze nicht, weshalb auch der feministische Ton niemals zu aufdringlich erscheint. Da kann man schon fast von einem Fun-Splatter sprechen. Der Score erfüllt seinen Zweck, hätte aber ruhig noch mehr mit Retro-Sounds aufwarten dürfen.
 
 


 
 
 

SLUMBER PARTY MASSACRE – Fazit

 
 
7 Punkte Final
 
 
Ob der „Slumber Party Massacre“ von 1982 ursprünglich mal so ähnlich gedacht war, wie diese Version von 2021 wird man wohl nicht mehr erfahren, aber qualitativ ist die neue Variante auf jeden Fall weit vorne. Das liegt vor allen Dingen an einer gut durchdachten Story, die mit Wendungen und Twists nahezu nur so um sich wirft und dabei trotzdem stets nachvollziehbar bleibt. Außerdem ist die Parodie hier doch deutlich besser zu erkennen, als im alten Film und der feministische Ansatz ergibt durchaus Sinn. Die Darsteller sind zwar gut, werden mit ihren Leistungen jedoch nicht in Erinnerung bleiben und die Figurenzeichnung wirkt auch etwas zu wenig markant. Dafür bekommt man eine ordentliche Inszenierung zu betrachten. Handwerklich ist das ordentlich gemacht und die Atmosphäre verbreitet in erster Linie Spaß. Es splattert reichlich, die Effekte sind überwiegend gut gelungen und der Unterhaltungswert ist bei dem hohen Tempo nahezu immer ordentlich. Von daher lässt sich an alle Slasherfans eine uneingeschränkte Empfehlung aussprechen!
 
 
 


 
 
 

SLUMBER PARTY MASSACRE – Zensur

 
 
 
Es gibt viel Splatter und Gore zu sehen. Ein hoher Bodycount und zerfetzte Gesichter sind inklusive. So etwas muss ab 18 Jahren freigegeben werden!
 
 
 


 
 
 

SLUMBER PARTY MASSACRE – Trailer

 
 


 
 
 

Benjamin Falk

(Rechte für Grafiken liegen bei Raven Banner Entertainment)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Slumber Party Massacre (1982)
 
Slumber Party Massacre 2 (1987)
 
Slumber Party Massacre 3 (1990)
 
The Last Slumber Party (1987)
 

Filmkritik: „Hunter Hunter“ (2020)

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HUNTER HUNTER

Story

 
 
 
Nach einigen beunruhigenden Funden muss eine abgeschieden im Wald lebende Familie drastische Entscheidungen treffen.
 
 
 


 
 
 

HUNTER HUNTER – Kritik

 
 
Auf Deutsch übersetzt hört die dritte Regiearbeit des kanadischen Regisseurs Shawn Linden auf den Namen „Jäger Jäger“, also der Jäger des Jagenden, und damit werden die später folgenden, sich wechselnden Machtverhältnisse dieses herrlich abgefuckten Streifens auch schon effektiv angedeutet – doch alles der Reihe nach.
 
 
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In der Abgeschiedenheit der bergigen, dicht bewaldeten, idyllischen kanadischen Landschaft leben Anne, Joseph und Renee ein ruhiges und toughes Leben zwischen Bärenfallen und Fellhandel, doch da die Geschäfte nicht laufen und ein Wolf vor der Tür zu wildern scheint, möchte Anne dass ihre mittlerweile 13-jährige Tochter doch in der Stadt aufwächst und zur Schule geht. Familienoberhaupt Joseph hingegen scheint gelinde gesagt von der alten Schule und vom „harten Schlag“ zu sein, was sich in wortkarger, implizit definitiv sturrsinniger, wenn nicht toxischer Maskulinität ausdrückt.
 
 

„Nothing pushes us out of our home.“

 
 
Hauptdarsteller Devon Sawa kann man dabei z.B. aus der Final Destination-Reihe oder auch dem Halloween-Kulthit „Idle Hands“ kennen, seine Frau wird von Camille Sullivan (Butterfly Effect, Sea Beast, The Traveler) gespielt, die Tochter des Paares von Summe H. Howell, die Genrefans noch aus den jüngsten beiden Filmen der Chucky-Reihe im Kopf haben dürften. Alle drei spielen sie angespannt, menschlich und realistisch genug um das Szenario zum Leben zu erwecken, was dank weniger Locations außerhalb des Walds und der Hütte sowie eines sehr überschaubaren Casts auch bitter nötig ist. Doch nicht nur aufgrund des Schauspiels, sondern auch aufgrund des schnell etablierten und nachvollziehbaren Konflikts kommt hier keine Langweile auf – natürlich will Anne ihr Zuhause auch nicht aufgeben und hat sich auch bewusst für eine isolierte Existenz entschlossen, doch sind ihre Existenzängste, nicht zuletzt aufgrund des Wolfs vor der Tür, nicht berechtigt?
 
 

„Tell momma I’m home after dark.“

 
 
Statt sich lange mit der Alltagsroutine oder den Beweggründen der Familie aufzuhalten, bricht Joseph stattdessen nach kurzer Zeit auf, den Wolf zu finden – und findet ihn tatsächlich in Rekordzeit. Doch weitere Spuren führen zu einem Fund, der höchst unerwartet ist und auf etwas deutlich Sadistischeres hindeutet, als auf einen Wolf. Und so ist also keine halbe Stunde vergangen und das Interesse des Zuschauers dürfte geweckt sein, doch als wäre das nicht genug folgt unmittelbar danach auch noch eine höchst mitreißende und unerwartet emotionale kleine Szene, in der die Beschützerinstinkte einer Mutter höchst glaubhaft und fesselnd verkörpert werden,was Sullivan mit aller Intensität zu spielen weiß.
 
 
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Abseits davon stellt sich nun langsam aber sicher der Eindruck eines zwar unterhaltsamen und teils sogar witzigen, aber eben auch recht gemütlichen Films ein, der nicht gerade vor Spannung oder Action explodiert – was kein wirklicher Kritikpunkt ist, aber einige sicher anders erwarten könnten. Nachdem Joe nämlich eine weitere Nacht alleine im Wald verbringt um weiter zu jagen, macht auch Anne unweit vom Haus eine beunruhigende Entdeckung und kontaktiert die lokalen Behörden, die sich allerdings wenig beeindruckt zeigen. Was mir an diesen Szenen besonders gefallen hat ist, dass sie nicht nur der Haupthandlung dienen und demnach schnell abgehandelt werden, sondern dass diese eigentlich unwichtigen Nebencharakter auch ihre eigenen kleinen Bögen und Motivationen haben, was für einen charakterstarken Unterhaltungsfaktor sorgt.
 
 
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Nachdem die Fallen alle ausgelegt, die Fährten angedeutet, die Stärken gezeigt und die Leitthemen grob etabliert wurden, ist es kurz nach der Hälfte des Films dann ein letzter Fund, der die Handlung relativ zügig zur Eskalation und zum Höhepunkt treibt – und meine Güte, ich kann nicht genug betonen wie wunderbar gnadenlos, bösartig, abgefuckt und charmant dieses Finale doch ist. Es kommt nicht aus dem Nichts, es ergibt Sinn, wenn man drauf achtet kann man es auch durchaus weiter deuten, problematisch oder clever finden – aber ein wenig wirkt es trotzdem so, als hätte man den Film um diese herrliche Szene drumrum geschrieben. Ohne noch irgend ein weiteres Wort über diesen solide inszenierten, gut aussehenden aber nicht sonderlich hübschen, kurzweiligen aber nicht besonders schnellen, interessanten aber nicht immer spannenden, sowie mit Genre-Elementen versehenden, aber nicht eindeutig der Horror, Thriller oder Mystery-Schiene folgenden Film zu verlieren, hier eine kleine Empfehlung für schnörkellose, wenngleich auch etwas gemächliche 90 Minuten. Wer hier bei den Credits nicht breit grinst, der hat wohl schon vorher abgeschaltet – aber es lohnt sich, wirklich.
 
 


 
 
 

HUNTER HUNTER – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
Sympathischer, charmanter, technisch stimmiger Thriller/Horror/Mystery-Hybrid mit guten Performances, interessanter Thematik und ikonischem Ende.
 
 


 
 
 

HUNTER HUNTER – Zensur

 
 
 
„Hunter Hunter“ ist in Deutschland ungeschnitten und frei ab 18 Jahren zu haben.
 
 
 


 
 
 

HUNTER HUNTER – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) Koch Films (Blu-ray im KeepCase)

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(c) Koch Films (4K-UHD + Blu-ray im Mediabook)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Hunter Hunter; Kanada | USA 2020

Genre: Thriller, Drama, Mystery

Ton: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Englisch DTS-HD MA 5.1

Untertitel: Deutsch

Bild: 2.39:1 (1080p) | @23,976 Hz

Laufzeit: ca. 93 Minuten

FSK: FSK18 (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: Blu-ray im Keepcase | Mediabook

Extras: Interviews, Trailer | zusätzlich im Mediabook: Film auf UHD-Disc, Booklet

Release-Termin: KeepCase + Mediabook: 28.04.2022

 
 

Hunter Hunter [Blu-ray im KeepCase] ungeschnitten auf AMAZON kaufen

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HUNTER HUNTER – Trailer

 
 


 
 
 

Alexander Brunkhorst

(Rechte für Grafiken liegen bei Koch Films)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Prey (2019)
 
Demigod – Der Herr des Waldes (2021)
 

Filmkritik: „Hidden Agenda“ (2001)

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HIDDEN AGENDA

(CONCEPT OF FEAR | AGENT ERASER)

Story

 
 
 
Jason Price (Dolph Lundgren) war beim FBI einer der Fachmänner für das sichere Untertauchenlassen von Zeugen und kriminellen Aussteigern in Lebensgefahr. Eigentlich offiziell in Rente, muss er seine Fähigkeiten noch einmal zum Einsatz bringen, als jemand aus seinem direkten Bekanntenkreis eine neue Identität benötigt. Nach und nach stellt Price fest, dass die Geschichte viel mehr Dimensionen hat als er anfangs abschätzen kann. Der Fall und die Aussage seines Jugendfreunds Sonny (Ted Whitall) haben Auswirkungen bis in die höheren Ebenen von Geheimdienst und Regierung.
 
 
 


 
 
 

HIDDEN AGENDA – Kritik

 
 
Die Jahrtausendwende ist eine interessante Zeit für die Riege der Action-Hirsche von einst. Das Phänomen der Retro-Begeisterung lässt noch auf sich warten. Übrigens in der Musik nicht anders. Muss die heutige Fangemeinde für ein Konzert von sagen wir IRON MAIDEN heute Geld hinlegen, das früher für einen Wochenendausflug in eine europäische Großstadt genügt hätte, klappern derartige Bands zwischen 1995 und 2009 mittelgroße Hallen in nicht viel größeren Städten ab.
 
 
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Im Bereich des Herrenfilms geht diese Besessenheit mit den Vertretern des Unterhaltungsgeschäfts aus einer einfacheren Wirklichkeit erst ein paar Jahre später mit den All-Star-Macho-Abenteuern der Söldnergang THE EXPENDABLES los. Bis zu diesen Tagen des Zweiten Frühlings im Kino der harten Fäuste und dauerfeuernden Schusswaffen müssen sich unsere Helden der Videotheken-Groß-Zeiten umorientieren oder die Karrieren schlummern lassen. Schwedens Bester, der sympathische und unverschämt intelligente Dolph Lundgren, ist hin- und hergerissen, überlegt ernsthaft, in den Ruhestand zu gehen, nimmt aber dann doch noch das eine oder andere Drehbuch an, das ihm die Möglichkeit bietet, sich auch mal auf andere Faktoren als Muckis und hohe Kicks zu verlassen. Der 1998 mit bemerkbar viel zu wenig Budget veröffentlichte KNIGHT OF THE APOCALYPSE fällt einem da direkt ein. Auch unser heutiger Film, HIDDEN AGENDA, hierzulande auch mal knackig als AGENT ERASER vermarktet, gehört nicht nur zu den besseren Filmen dieser Phase, sondern insgesamt zu den bemerkenswerteren Arbeiten aus dem umfangreichen Werkverzeichnis des blonden Riesen.
 
 
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Zwar nicht mit pausenlos in den Vordergrund gedrängtem, sauteurem CGI-Krachbumm und einer Besetzungsliste voll Prominenz gesegnet, besitzt HIDDEN AGENDA etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte: Ein wasserdichtes und professionell verfasstes Drehbuch. Man wundert sich zeitweise sogar ein bisschen, wie ein Skript dieser Güteklasse nicht bei finanzstärkeren Produzenten mit Zugriff auf die A-Liste der anno 2001 angesagten Hollywood-Gesichter gelandet ist. Das soll uns, als professionellen Filmfans aber nicht zum Problem gereichen. Im Gegenteil: Guter Plot, elendig cooler Star und ein gekonntes Einflechten von Action-Elementen, die aufregend und professionell in Szene gesetzt werden. Was möchte man noch mehr verlangen?
 
 
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Lundgren darf als Schauspieler zeigen, was er drauf hat und dass er auch als Hauptdarsteller eines actiongefüllten Politthrillers im Geheimdienstmilieu überzeugen kann. Er spielt den Price mit dem abgekochten Selbstbewusstsein eines seit den Achtziger Jahren im amerikanischen Mainstream-Filmgeschäft beheimateten Europäers, glaubwürdigem Grips und sogar einer gewissen Feinfühligkeit und einem ironischem Verständnis vom Aufbau von Filmcharakteren. Da darf er auch mal eine Zigarre des voluminösen Formats Churchill in Händen halten, wie man sie eher einem ganz bestimmten österreichischen Cinema-Superhelden mit politischer Vergangenheit zuordnen würde. Price verdient sein Geld nach dem Staatsdienst weiter mit dem Erschaffen neuer Identitäten für seine Klienten, hat sogar eine eigene Organisation auf die Beine gestellt, die Hilfe bietet, ohne hinter der lebensrettenden Wohltätigkeit die ewige Verfügbarkeit der Betroffenen zu erwarten. Er ist also ein Guter – und das kauft man Schwedens Bestem auch zu jedem Zeitpunkt ab. Dazu sieht er in manchen Einstellungen ein wenig aus wie ein anderer Liebling aus Skandinavien, Mads Mikkelsen nämlich. Auch das ist cool.
 
 
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HIDDEN AGENDA – Fazit

 
 
 
7 Punkte Final
 
 
Überraschend intelligenter und doppelbödiger Geheimdienst-Thriller aus einer Phase des Actionfilms, die eine Wiederentdeckung lohnt. Ein souverän agierender Dolph Lundgren führt eine Besetzung von nicht wirklich bekannten Schauspielern durch ein reizvolles Drehbuch, Regisseur Marc S. Grenier bannt das Ganze deutlich routinierter und professioneller auf Video, als man von dem eigentlich – bis heute – im franko-kanadischen Fernsehen als Produzent tätigen Mann erwarten darf.
 
 


 
 
 

HIDDEN AGENDA – Zensur

 
 
 
„Hidden Agenda“ kam in Deutschland auf DVD und VHS ungeschnitten heraus und war bei Erscheinen schon frei ab 16 Jahren. Gleiches trifft nun auch auf die erhältliche Blu-ray zu.

 
 
 


 
 
 

HIDDEN AGENDA – Deutsche Blu-ray

 
 
 
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(c) NSM RECORDS (Blu-ray im KeepCase)

 
 
 

TECHNISCHE DATEN


Originaltitel: Hidden Agenda; Kanada 2001

Genre: Mystery, Thriller, Action, Krimis

Ton: Deutsch DTS-HD MA 5.1, Englisch DTS-HD MA 2.0

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bild: 1.78:1 (1080p) | @23,976 Hz

Laufzeit: ca. 95 Minuten

FSK: FSK16 (ungeschnittene Fassung)

Verpackung: Blu-ray im Keepcase

Extras: 2K Remastered, Original Trailer, Deutscher Trailer, Hinter den Kulissen (Lange Fassung), Hinter den Kulissen (Kurze Fassung)

Release-Termin: KeepCase: 28.01.2022

 

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HIDDEN AGENDA – Trailer

 
 


 
 
 

Christian Ladewig

(Rechte für Grafiken liegen bei NSM RECORDS)

 
 
 
Ähnche Filme:
 
Snake Eater (1989)
 
Snake Eater III (1992)
 
Female Justice (1996)